„Fokusthemen für mich sind das autonome Fahren sowie Lieferdrohnen und Mikrodepots“, so Matthias Friese.
MOB: Herr Friese, welchen Einfluss haben die weltweite Corona-Pandemie und der Krieg in der Ukraine in den letzten Wochen und Monaten auf die hiesigen Lieferketten von Unternehmen ausgeübt?
Matthias Friese: Probleme bereiten zum einen Rohstoffe und zum anderen die Energieversorgung. Durch den Krieg werden wichtige Rohstoffe knapper, wie etwa Stahl und Getreide. Wie global verzweigt und kompliziert Lieferketten wirklich geworden sind, wird vielen Verbrauchern, aber auch vielen Unternehmen erst jetzt richtig bewusst. Auf der anderen Seite explodieren die Energiepreise und setzen das produzierende Gewerbe, wie etwa die Stahl- oder Papierindustrie, unter Druck. Vollständige Öl- und Gasembargos können nicht ausgeschlossen werden. Auch die Pandemie ist entgegen jeden Wunschdenkens noch lange nicht vorüber. Ein langfristiges Umdenken ist gefragt, denn eine schnelle Rückkehr zum Status quo der letzten 20 Jahre wird immer unwahrscheinlicher.
MOB: Was sind die derzeit größten Probleme bzw. Stolpersteine im Supply Chain Management (SCM)?
Friese: Das größte Problem ist und war vermutlich schon immer Transparenz. Sie ist der Schlüssel für alle Probleme von der Planbarkeit bis hin zur Einhaltung von sozialen und ökologischen Standards. Eine Herausforderung, die erst durch die Pandemie wirklich deutlich geworden ist, ist die Überprüfung von Lieferanten zweiter, dritter oder vierter Ordnung. Auch wenn Unternehmen bei ihren Tier-1-Lieferanten genau hinschauen und diversifizieren, gibt es keine Garantie, dass diese nicht wiederum auf die gleichen Tier-2- und -3-Lieferanten setzen und dass diese auf Mensch und Umwelt achten.
MOB: Eine weitere Herausforderung stellt sicherlich das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) dar, das ab dem 1. Januar 2023 in Kraft treten soll (erst einmal nur für Unternehmen mit mehr als 3.000 Beschäftigen; ein Jahr später dann auch für Betriebe mit mehr als 1.000 Mitarbeitern). Welche Kritikpunkte gibt es seitens der Unternehmen?
Friese: Herausfordernd ist vor allem die Komplexität des Gesetzes, da nicht einfach nur Vorschriften übernommen werden können, sondern jedes Unternehmen eine individuelle Analyse durchführen muss. Wie erwähnt erschweren insbesondere die mittelbaren Zulieferer einen umfangreichen Überblick über die gesamte Lieferkette. Deutsche Unternehmen befürchten Wettbewerbsnachteile gegenüber internationalen Firmen, die nicht dieselben ethischen Ansprüche verfolgen.
MOB: Welche Chancen soll das Gesetz bieten?
Friese: Wenn die Umsetzung gelingt, kann uns das in Sachen „Menschenrechte“ und „Umweltschutz“ tatsächlich nach vorne bringen, wenn die notwendigen Kontrollinstrumente geschaffen werden. Nicht zuletzt birgt die erhöhte Transparenz etliche Synergien, um Lieferketten zugleich resilienter aufzustellen. Was jedoch auch gesagt werden muss: Fünf Jahre lang versuchte der „Nationale Aktionsplan – Umsetzung der UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte“ freiwillige Verpflichtungen in Bezug auf soziale und ökologische Standards einzuführen. Laut EY kamen 80 Prozent der Unternehmen diesen Sorgfaltspflichten nicht nach. Deutschland und die EU bilden nicht gerade die Vorreiter in der Umsetzung konkreter Gesetzesvorhaben auf diesem Gebiet.
MOB: Inwieweit eröffnet das Gesetz neue Spielfelder und Kooperationsmöglichkeiten, z.B. für Start-ups?
Friese: Start-ups sind in der idealen Position, die Lösungen zu entwickeln, die Unternehmen brauchen, um ihre Lieferketten digitaler zu gestalten und stärker zu kontrollieren. Hier befinden sich bereits viele in den Startlöchern, mit marktreifen Plattformen und ersten Kunden. Kooperationsmöglichkeiten ergeben sich jedoch auch mit NGOs, wie GermanWatch, Amnesty International oder Oxfam, die viel Expertise besitzen, um Unternehmen als Mediatoren oder Berater zur Seite zu stehen.
MOB: Wie machen Unternehmen schon heute ihre Beschaffungs- und Einkaufsorganisation fit für das Lieferkettengesetz 2023?
Friese: Die großen Player haben eigene Compliance- und Risikoabteilungen, welche sich dem Thema nun verstärkt annehmen. Daimler beispielsweise überwacht seine Lieferkette über eine eigene Lösung namens „Rights Respect System“. Auch VW tut dies, ergänzt durch KI-gestützte Screenings. Alle haben jedoch ebenfalls mit den erwähnten Schwachstellen in der Informationsbeschaffung zu kämpfen. Tchibo ist beispielsweise im Fashion-Bereich Vorreiter. Dort haben sie insbesondere die Komplexität ihrer Zulieferer reduziert und dadurch mehr Transparenz geschaffen. Zu guter Letzt gibt es auch Datenbanken und Plattformen wie Ecovadis oder Sedex, die auch kleineren Unternehmen individuelle Monitorings ermöglichen.
MOB: Welche mobilen Technologien und Lösungen können bei der Digitalisierung der Lieferketten helfen und damit für effizientere und transparentere Prozesse sorgen?
Friese: Viele Lösungen drehen sich um digitale Plattformen, die die verschiedenen, an der Lieferkette beteiligten Parteien zusammenbringen und ihnen z.B. Dokumentationspflichten auferlegen, wie Intelage. Dann wiederum gibt es Ansätze, die Digital Twins von Supply Chains erzeugen und die Szenarioplanung erleichtern, oder solche, die helfen, Risiken zu erkennen, indem sie Daten aus verschiedenen Quellen wie etwa Medienberichten und Social-Media-Aktivitäten aggregieren, so z.B. Prewave.
MOB: Welche Rolle spielen Künstliche Intelligenz (KI) und Robotik bei der Automatisierung von Lieferkettenprozessen?
Friese: Die Anwendungsfälle für KI im Hinblick auf die gesamte Lieferkette sind wesentlich fortgeschrittener als die für Robotik, wobei letztere natürlich beispielsweise in der Warehouse-Logistik eine immer größere Rolle spielt. KI hilft vor allem dabei, die großen Datenmengen globaler Lieferketten effizient zu erfassen und zu verarbeiten und auf Entscheidungshilfen herunterzubrechen oder sogar selbsttätig Aktionen auszulösen. Das macht z.B. das Start-up Osapiens. Ein konkretes Beispiel ist die Erkennung von Lieferantenrisiken auch auf unteren Stufen der Lieferkette, mithilfe eines KI-gestützten Info-Screenings und das in beliebig vielen Sprachen.
MOB: Welche Herausforderungen gilt es hierbei noch zu bewältigen?
Friese: Ich wiederhole mich, aber alle haben mit der Qualität der Daten zu kämpfen. Hier kann auch ein Software-as-a-Service-Tool (SaaS) allein keine Abhilfe schaffen. Es müssen Incentivierungen geschaffen werden, welche die Parteien animieren, sich aktiv an der Einhaltung der Vorgaben zu beteiligen und diese nicht zu umgehen. Mögliche Incentivierungen wären Sonderkonditionen für die teilnehmenden Partner oder auch ein Teilen gewisser Daten, mit denen alle Beteiligten ihre Prozesse auch unabhängig von der konkreten Partnerschaft optimieren können.
MOB: Welche Trends sehen Sie in der Logistikbranche 2022?
Friese: Fokusthemen für mich sind das autonome Fahren sowie Lieferdrohnen und Mikrodepots. Autonomes Fahren, genau wie Drohnen in der Logistik, scheinen seit Jahren Dauerbrenner zu sein, aber beide Technologien sind mittlerweile bereit für den kommerziellen Einsatz. Ersteres ist gesetzlich bereits geregelt, im Luftraum tut sich Deutschland jedoch noch schwer. Mikrodepots, wie sie einer breiteren Öffentlichkeit durch Quick-Commerce-Lieferdienste bekannt geworden sind, haben das Potenzial, das steigende Lieferaufkommen in urbanen Gebieten beherrschbarer zu machen. Übergreifend sind es natürlich die Daten über logistische Prozesse – sie bilden die Grundlage für Entscheidungen in Richtung einer nachhaltigen, widerstandsfähigen und dennoch effizienten Lieferkette.
Bildquelle: Xpress Ventures