Das Ende der Schönwetterphase

Lovoo, Number26 und Protonet in der Krise

Erfolg um jeden Preis, intransparente Kommunikation, wenig Rücksicht auf Kleinanleger - die Startups kommen in der wirklichen Welt an.

Die bessere Form der Wirtschaft, so sollen Startups sein, so sehen sich CEOs und Investoren selber, so wirkt es im Vergleich mit manch einem verstaubten Vertreter der alten, analogen Welt tatsächlich. Doch in den letzten Tagen hat drei Startups die Wirklichkeit eingeholt.

Mit Rammbock und Maschinenpistole

Dem Datingdienst Lovoo in Dresden wird gewerbsmäßiger Betrug mit sogenannten Fake-Profilen vorgeworfen. Über die gefälschten Profile von Frauen seien kontaktwillige Männer zum Geldausgeben verleitet worden. Der Vorwurf kam bereits im letzten Herbst auf, doch erst in dieser Woche hat die Staatsanwaltschaft reagiert - und zwar ziemlich heftig: Razzien inklusive Rammbock und Maschinenpistole in mehr als einem Dutzend Büros in Dresden, Berlin und Nürnberg. Es sollen ungefähr 200 Beamte im Einsatz gewesen sein. Beschlagnahmung von Unterlagen sowie Computern.

Harmlos dagegen der Skandal beim Fintech-Startup Number26: Der Anbieter eines mobilen Girokontos hat ohne Vorankündigung und auch ohne nähere Erklärung die Konten einer gewissen Zahl an Kunden aufgelöst. Erst nach Nutzerprotesten und Aufregung in sozialen Netzwerken sowie nachfolgender Medienaufmerksamkeit bequemte sich das Unternehmen zu einer Erklärung: Die Nutzer hätten zu häufig Bargeld abgehoben. Das sei wegen der mit verbundenen Gebühren unwirtschaftlich für das Startup gewesen.

Auch beim Vorzeige-Startup und Crowdinvesting-Vorreiter Protonet gibt es Ärger. Zahlreiche Crowdinvestoren werfen dem Startup laut einem Exklusivbericht des Magazins t3n vor, sie letztendlich ausbooten zu wollen. Viele der Crowdinvestoren interpretieren die Umstrukturierung von Protonet in eine amerikanische Rechtsform (Inc.) als Exit, der eine Auszahlung der Investments plus Zinsen an die mehr als 1800 Kleinanleger bedeutet - Geld, dass das Unternehmen wohl nicht hat.

Der Zwang zum (raschen) Erfolg

Diese drei Startup-Skandale lassen sich letztendlich auf ein gemeinsames Problem zurückführen: Erfolgszwang. Beim Datingdienst ist die Sache klar zu erkennen: Erfolgreich ist das Startup nur, wenn möglichst viele Leute möglichst viel Geld für Kontakte mit potentiellen Partnern ausgeben. Leider ist nach allen Erfahrungen die Anzahl von kontaktwilligen Frauen sehr begrenzt, besonders angesichts der Vielzahl der unterschiedlichen Datingdienste. Da ist der Versuch, die Spendierfreude ein wenig anzuregen, natürlich naheliegend. Das Ergebnis: Firma tot, Gründer verhaftet, Mitarbeiter als Mitwisser mitgefangen.

Bei Number26 hat die schnell wachsende Zahl der Kunden dafür gesorgt, dass bei einigen davon die Ausgaben in keinem guten Verhältnis zu den Einnahmen standen. Die Antwort des Unternehmens auf dieses Problem: Unwirtschaftliche Kunden müssen leider gehen. Das ist sogar verständlich, denn das Abheben von Bargeld ist lediglich ein Service-Schmankerl für Number26, das eigentliche Geschäftsmodell ist die Kontoführung.

Das Startup hat so reagiert, wie die meisten Unternehmen in einer ähnlichen Situation reagieren: Es beging den Standardfehler schlechter Kommunikation vor, während und nach der Krise. War es schon keine gute Idee, laufende Verträge ohne klare und einsichtige Begründung zu kündigen, so war die Krisen-PR (oder vielmehr deren anfängliches Fehlen) die eigentliche Katastrophe.

Der Image-Verlust ist gigantisch, denn bei einem Neuling in der Branche achten tatsächliche und potentielle Kunden besonders stark auf Vertrauenswürdigkeit. Die Lösung wäre einfach gewesen: Spätestens beim Aufkommen der ersten Beschwerden auf Facebook hätte das Unternehmen vollkommen transparent informieren müssen. Das Kommunikationsdesaster ist kein kleiner Lapsus, letztlich kann deswegen das ganze Unternehmen ins Wanken geraten.

Die Kleinanleger vergessen

Protonet war von Anfang an sehr erfolgreich. Das Angebot eines einfach zu bedienenden Miniservers als schnell konfigurierbare Private Cloud kam an und sorgte für etliche Millionen Euro von Kleinanlegern. Für das Thema Crowdinvesting war Protonet der allseits bewunderte Leuchtturm. Doch Hardware-Startups haben schnell ein Kostenproblem: Die Herstellung der Geräte ist teuer, während gleichzeitig die Umsätze niedrig sind. Außerdem stellte sich heraus, dass der deutsche Markt nicht ausreicht. Das Unternehmen strebte eine Expansion in den USA an, unter Beteiligung des Großinvestors Y-Combinator.

Zudem war von einer erweiterten Produktstrategie die Rede, die auf das Smart Home zielt. Im viel zitierten Silicon Valley ist so etwas als „Pivot“ üblich. Laut t3n stieß das aber bei den deutschen Crowdinvestoren auf Kritik, da die Investments natürlich dem Miniserver galten. Diese Entwicklung scheint darauf hinzudeuten, dass die Geschäftsführung des Unternehmens sich zwar intensiv um die langfristigen Perspektiven des Unternehmens kümmert (was positiv ist), aber dabei wohl nicht immer alle Konsequenzen überschaut oder schlecht beraten ist. Ein Blick in die Verträge bei Seedmatch hätte den Skandal vermutlich verhindern können.

Immerhin hat die Geschäftsführung den Crowdinvestoren ein Angebot gemacht, um die Fälligkeit der Anteile zu umgehen, da hier mangels Geld ein sofortiger Konkurs die Folge gewesen wäre. Das Unternehmen möchte eine Holding aus dem deutschen und dem US-Zweig gründen, die Anleger mit in die Holding nehmen, die dann ihre Rückzahlungsansprüche für drei Jahre stunden sollen. Protonet ist also darauf angewiesen, dass möglichst viele Anleger das Angebot annehmen. Die Anleger müssten allerdings ebenfalls daran interessiert sein, denn bei einem Konkurs wäre das investierte Kapital futsch.

Der Tunnelblick der Startup-Szene

Der Erfolgszwang führte bei den Startups zu einem Tunnelblick, der sich um die Konsequenzen nicht viel schert. Die Wünsche und Präferenzen der Kunden oder Kleinanleger (bei Crowdfunding zugleich Pilotkunden) scheinen eher eine lästige Begleiterscheinung zu sein, getreu dem guten alten Büroscherz „Bei uns steht der Kunde im Mittelpunkt und deshalb im Wege“.

Kriminelle Energie mal außen vorgelassen, fallen vor allem Intransparenz und wenig offene Kommunikation auf. Trotz der Startup-Ideologie vom geliebten Kunden, für den sich das Unternehmen notfalls auf den Kopf stellen würde, wird er wohl nur dann als Partner wahrgenommen, wenn er bei der Expansionsstrategie nicht weiter stört. Oder als kurze Nachricht an Kundschaft und Kleinanleger: Willkommen in der nackten Realität, der Startup-Himmel ist geschlossen.

Bildquelle: Thinkstock

  • Das Dating-Startup Lovoo (ist noch erreichbar)

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