Interview mit Gerold Schwarz, Edicos

M-Health optimiert Diagnostik und Therapie

Interview mit Gerold Schwarz, Leiter des Geschäftsbereichs E-Health bei Edicos

Gerold Schwarz, Edicos

Gerold Schwarz, Leiter des Geschäftsbereichs E-Health bei Edicos

Welche Rolle spielen mobile Lösungen derzeit bei der Umsetzung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK)?
Gerold Schwarz: Viele Gründe sprechen dagegen, dass z.B. Smartphone-Apps in absehbarer Zeit Funktionalitäten der eGK übernehmen. Anders sieht dies bei zentral vorgehaltenen Patientendaten aus, auf die auch mobile Lösungen zugreifen können. Hier ist ein breites Spektrum von Anwendungen denkbar, die sich allerdings erst in den nächsten Jahren etablieren werden. Unmittelbar bei der Einführung der eGK spielen mobile Lösungen daher noch keine Rolle.

Was versteht man genau unter mobiler Telemedizin bzw. neudeutsch M-Health?

Schwarz: M-Health bezieht mobile Endgeräte in das gesamte Spektrum zwischen Diagnostik und Therapie der bereits vorhandenen Konzepte der Telemedizin ein. Dies erstreckt sich von der mobilen Anbindung diagnostischer Medizingeräte etwa über die ISO/EN 11073 oder der Verfügbarkeit von Aufnahmen aus bildgebenden Verfahren auf Tablets bis hin zu Therapieplänen, Arztkonsultierung über Videokonferenz („Videokonsultation“) oder Medikation.

Welche Vorteile dürfen sich Ärzte, Kliniken und Patienten von mobiler Telemedizin versprechen?
Schwarz: Der große Vorteil lautet “sofortige Erhebung, Verwendung und Verfügbarkeit sämtlicher denkbarer medizinischer Daten an jedem Ort und zu jedem Zeitpunkt“. Im Zusammenspiel mit den immer leistungsfähigeren medizinischen Informationssystemen sowie den daraus gewonnenen Erkenntnissen, Standardisierungen und Verfahren ergeben sich äußerst vielversprechende medizinische Perspektiven.

Inwiefern können herkömmliche, eher anwenderorientierte Smartphones und Tablets als Überwachungsgeräte eingesetzt werden?
Schwarz: Im ambulanten Umfeld ermöglicht die kostengünstige Anbindung von Medizingeräten beispielsweise über die ISO/EN 11073, die in der neusten Android-Version 4 bereits generisch implementiert ist, die Erhebung einer Vielzahl medizinischer Parameter, z.B. EKG, Blutdruck und Laborwerte. Indikationsabhängig können damit auch Gegenmaßnahmen eingeleitet werden, z.B. Medikationsempfehlung, Video- oder Telekonsultation oder Notruf. Im stationären Umfeld ist der Mehrwert aufgrund der sowieso bereitgestellten technischen Infrastruktur begrenzter, aber die Entwicklung von für die radiologische Befundung geeigneter Bildschirme für einige Tablets von Apple zeigt, dass auch hier noch Potentiale bestehen.

Welche Krankheiten werden heute bereits mittels mobiler Telemedizin/M-Health behandelt?

Schwarz: Schon seit geraumer Zeit werden Kardiologie- und Diabetespatienten telemedizinisch betreut. In jüngerer Zeit hat sich das Spektrum um die Therapie von Spracherkrankungen, orthopädische Anwendungen, Schlaganfallpatienten, weiteren Stoffwechselerkrankungen oder vielen anderen Indikationen erweitert.

Wie verläuft der Datenaustausch zwischen Mobilgerät und Arzt- bzw. Krankenhausinformationssystem (AIS, KIS)?

Schwarz: Vom Mobilgerät in Richtung Leistungserbringer kann der Datenaustausch beispielsweise mittels ISO/EN 11073 oder HL7 erfolgen, abhängig davon, welche Art von Daten übertragen werden. In umgekehrter Richtung erfolgt der Datenaustausch im stationären Bereich derzeit entweder ebenfalls über HL7, über proprietäre Protokolle der KIS- bzw. PACS-Anbieter oder, und das dürfte der zentrale Zukunftstrend sein, über gängige Webtechnologien, bei der das Endgerät lediglich einen Webbrowser bereitstellt. Letzteres stellt auch aus vielen Gründen die gängigste Lösung im ambulanten Bereich dar. In allen Anwendungsszenarien erfolgt der Datenaustausch grundsätzlich verschlüsselt, in der Regel getunnelt (VPN) oder in hermetisch abgetrennten Netzwerken.

Wie wird dabei die Sicherheit der Patientendaten gewährleistet? Wo bestehen aktuell noch Sicherheitslücken?
Schwarz: Netzwerke im stationären Krankenhausbereich sind aus Sicherheitsgründen grundsätzlich hermetisch von der Außenwelt getrennt, der Zugriff vom Mobilgerät auf das Krankenhausnetz erfolgt dann über örtlich beschränkte und besonders zugangsgeschützte Netzwerkzugänge. Im ambulanten Bereich erfolgt der Zugriff in der Regel getunnelt. Das größte Problem besteht daher auf dem Endgerät selbst, das einerseits nach kurzer Zeit seinen Besitzer wechselt und andererseits in zunehmendem Maß Angriffen (Viren, Trojanern, Hackerangriffen etc.) ausgesetzt wird. Diese Gründe stehen auch einer Nutzung des Mobiltelefons als eGK im Weg.

Wie ist es hierzulande und sowie innerhalb Europas um die Verbreitung von M-Health bestellt?
Schwarz: Mein Eindruck ist, dass viele Beteiligte auf die eine „Killer-Applikation“ warten und dabei übersehen, dass sich bereits an ganz vielen Stellen eine stille Revolution ereignet. Die Verwendung von mobilen Endgeräten im medizinischen Umfeld vollzieht sich nicht in einer Art von Urknall sondern schreitet in ganz vielen kleinen Schritten mit großer Geschwindigkeit unaufhaltsam voran.

Können Sie uns bitte kurz einen konkreten Anwendungsfall beschreiben?
Schwarz: Nach äußerst kurzem stationären Krankenhausaufenthalt aufgrund eines Herzinfarkts wird der Patient entlassen, unterliegt aber weiterhin intensiver ambulanter Überwachung durch „intelligente“ EKG-Elektroden, die kontinuierlich drahtlos EKG-Daten an das Smartphone senden. Dieses analysiert in Echtzeit die EKG-Daten und passt die Medikation sowie ein rehabilitations-begleitendes Bewegungsprogramm an und informiert z.B. den Physiotherapeuten, die Apotheke sowie den betreuenden niedergelassen Arzt. Im Notfall, etwa bei einem Herzstillstand, informiert das Smartphone automatisch einen Notarzt und übermittelt auch die hierzu gespeicherten Daten.

Ein Blick in die Zukunft: Wie gestaltet sich ein Arztbesuch in zehn Jahren? Wie ein Klinikaufenthalt?
Schwarz: Auch in Deutschland wird der „Arztbesuch“ zunehmend über Videokonsultation erfolgen, mitunter auch bei Ärzten im Ausland. Einige indikationsabhängige Diagnoseparameter wurden bereits ambulant beim Patienten vor Ort erfasst. Nach Genehmigung des Datenzugriffs durch den Patienten verschafft sich der Arzt einen umfassenden Überblick über Krankheitsverlauf, bisherige Diagnosen und Therapien und wird – intensiv computergestützt – trotz größerer Anonymität eine effektivere medizinische Betreuung bieten als dies heute der Fall ist. Seine standardisierten und qualitätsgesicherten Therapiepläne können sofort an medizinische Leistungserbringer (Apotheken, Physiotherapeuten etc.) weitergesendet werden. In deutschen Kliniken wird sich M-Health zwar ebenfalls weiter ausbreiten, aber zwangsläufig nicht so augenfällig werden wie im ambulanten Umfeld.

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