Keine Gefahr der „Entmenschlichung“

M2M: Wenn Maschinen miteinander kommunizieren...

Im Interview betont Jonas Leifhelm, Leiter Sales & Marketing bei der Zetes GmbH, dass er keine Gefahr der „Entmenschlichung“ erkennt – auch wenn in Zukunft die Waren, Transportbehälter und Beförderungsmittel im Lager nur noch selbst kommunizieren. Genau wie in anderen Industriebereichen werden sich die Aufgaben für die Mitarbeiter einfach wandeln.

Jonas Leifhelm, Zetes

„Sicherlich wird es noch eine geraume Zeit dauern, bis alle Einzelkomponenten in der Lagerlogistik autark und in Maschinensprache direkt kommunizieren“, meint Jonas Leifhelm, Leiter Sales & Marketing bei der Zetes GmbH.

Herr Leifhelm, welchen Einfluss übt die zunehmende Digitalisierung auf die Lagerlogistik aus?
Jonas Leifhelm:
Digitalisierung führt in erster Linie zu signifikanter Steigerung von Informationen. Die richtige Nutzung, Aufbereitung und Bereitstellung dieser Information sollte zu einem Zugewinn an Transparenz führen. Entscheidungen, die auf möglichst bestem und aktuellem Informationsniveau erfolgen, werden in der Zukunft über den Erfolg oder Misserfolg in lagerlogistischen Unternehmen entscheiden. Beispiele dafür gibt es in Massen aus anderen Branchen. Gleichzeitig führt Digitalisierung zu Änderungen in Arbeitsprozessen und daraus resultierenden Änderungen der Anforderungen an Mitarbeiter und Infrastruktur. Unter diesem Einfluss werden sich die Arbeitsplätze in der Lagerlogistik merklich ändern.

Welche Rolle spielen hierbei mobile Endgeräte wie Handhelds und Datenbrillen?
Leifhelm:
Diese Geräte sind noch am Beginn ihrer Anpassungen an den Arbeitsalltag. Handhelds sind hier nicht gleichzusetzen mit Datenbrillen, da diese eine Innovation darstellen. Handhelds mit der Eigenschaft der mobilen „Alleskönner“ unterliegen nur der „Umnutzung/Erweiterung“. Namhafte Hersteller aus dem Logistikumfeld beweisen jedoch durch innovative Geräteentwicklungen, dass der Zusatznutzen, den Handhelds bieten, mit der eigenen Produktpalette verschmolzen wird. Auch muss hier betrachtet werden, dass diese Geräte bereits über 15 Jahre verfügbar sind. Jetzt bekommen sie eine „harte Schale“, sind „rugged“… Viel interessanter ist, dass die Prozesse, die es heute gibt, den Einsatz von Handhelds nützlicher erscheinen lassen. Erst die Zunahme der Nutzung von Bildern, Tönen und Echtzeitkommunikation führt zum stärkeren Einsatz von Multifunktions-Microcomputern in anwendungsspezifischen Sicherheitsgehäusen. Datenbrillen und andere technische Innovationen, die tatsächliche Änderungen in die Prozessabläufe in der Lagerlogistik bringen können, müssen einen längeren Prozess durchlaufen. Alltagstauglichkeit, tatsächlicher Nutzen, Gesundheitsauswirkungen und Integrationsfähigkeit in vorhandene Subsysteme und Infrastrukturen zeigen sich erst in längeren Zeitachsen und daraus resultierenden Erfahrungen. Wie erfolgreich so etwas werden kann, sieht man im Bereich der sprachgesteuerten Kommissionierung, Pick-by-Voice oder RFID, die heute normaler Standard sind.

Welche Möglichkeiten bringen die „mobilen Helfer“ mit sich?
Leifhelm:
Die Möglichkeiten müssen für unterschiedliche Mobile Devices und Anwendungsbereiche differenziert betrachtet werden, und zwar in Bezug auf Arbeitserleichterungen, Steigerung der Arbeitsgeschwindigkeit, Verbesserung der Entscheidungsrelevanz und Geschwindigkeit, Hochverfügbarkeit von Informationen zu Aufenthaltsorten, Zuständen etc. Die Fülle an Möglichkeiten ist genau so groß wie die Menge an unterschiedlichen Aufgaben im Lagerlogistikbereich und nicht in einer einfachen Antwort zu fassen. Wer hätte die Möglichkeit, mit einer Drohne in Hochregallagern Inventurerhebungen durchzuführen, als nutzbar erachtet und was bringt das mit sich? Die Möglichkeiten sind umfassend, besonders die der Kleinstcomputer. Visualisierungskomponenten wie eine Datenbrille sind interessante Erweiterungen. Bis zur effizienzsteigernden Arbeitsverbesserung im Tagesalltag müssen jedoch noch unterschiedliche Reifegrade der Technologie erreicht werden.

Wie gestaltet sich die Akzeptanz der Lagermitarbeiter insbesondere bei Datenbrillen?
Leifhelm:
Aufgabenspezifisch stark unterschiedlich. Dieses Hilfsmittel ist grade in der Phase der Erfahrungssammlung. Was technisch möglich ist, muss nicht unbedingt auch gesundheitskompatibel sein. Es gibt Arbeitsbereiche, in denen einen mehrstündige Nutzung der Datenbrille zu Konzentrationsbeeinträchtigungen führen kann. Bei anderen, speziellen kurzzeitigen Anwendungen, könnten Nutzungsvorteile entstehen. Nutzungsstabilität sowie das Thema Investitionssicherheit sind ebenfalls Agendapunkte in der Akzeptanzdiskussion. Interessant ist auch das Thema Brillenträger und Mitarbeiter, die noch keine Brille im Tagesalltag getragen haben.

Welche Kriterien sollten Rugged Devices wie etwa Handhelds und auch Datenbrillen im Lager erfüllen?
Leifhelm:
Den Tagesalltag in der Lagerlogistik möglichst lange unbeschadet zu überstehen. Die Vorteile, die das Device bringt, dürfen durch Geräteschutz, Sicherungen und Stabilisierungen nicht beeinträchtigt werden. Die Nutzbarkeit muss immer im Vordergrund stehen.

Welche Nachteile und auch Risiken birgt der Einsatz der „mobilen Helfer“?
Leifhelm:
Jede Technologie hat ihre Besonderheiten. Mobile Helfer benötigen eine funktionierende Infrastruktur. Fällt diese aus, können Produktivitätsverluste entstehen. Bei der Datenbrille sprechen Probenutzer von „gewöhnungsbedürftig“ und Ablenkungen durch Zeichen und Bilder im Gesichtsfeld. Ablenkungen hat man aber auch durch mögliche Reizüberflutung bei den Möglichkeiten heutiger, andere mobilen Devices. Spezifische Besonderheiten oder Gefahren treten bis heute nicht auf. Berichtet wurde über die Einschränkung des Sichtfeldes durch den Tragebügel von Datenbrillen. Für einen geübten Brillenträger ist das jedoch kein auffälliges Risiko, sondern eine Nutzungsgewohnheit.

Stichwort Datensicherheit: Wie wird dieses Problem angegangen?
Leifhelm:
Genau wie bei allen anderen mobil übertragenen Devices. Sichere Netzwerke mit ausreichendem Zugangsschutz sorgen für den bereits heute bekannten hohen Sicherheitsstandard, wenn das Netzwerk, das Gerät und die Applikation professionell aufgesetzt wurden. Erfahrung aus über dreißig Jahren Tätigkeit in diesem Branchensegment ist durch nichts zu ersetzen. Das Thema ist hier die Absicherung mobiler Netzwerkteilnehmer.

Welche Rolle spielt „Industrie 4.0“ im Lager, sprich die  automatische Kommunikation von Waren, Transportbehältern und Beförderungsmitteln?
Leifhelm:
Für Zetes ist das Tagesgeschäft. M2M (Machine-to-Machine), also die direkte Maschinenkommunikation untereinander ist bereits seit mehreren Jahren die Grundlage effizienzsteigernder Maßnahmen. Gleichzeitig können auch reine Geschwindigkeits- und Sicherheitsgewinne direkt auf M2M zurückgeführt werden. In den vergangenen Jahren haben wir Konzepte entwickelt, die immer Informationserfassung, Transport dieser Information und Auslösung einer Folgereaktion beinhaltet. In unseren Beratungsgesprächen ist Industrie 4.0 ein fester Bestandteil. Geräte, Maschinen und weitere Hardware sind sehr oft Werkzeuge, die in Kombination mit unserer hauseigenen Software und den eigenen Dienstleistungen den Weg in eine täglich nutzbare Industrieumgebung 4.0 für unsere Kunden in der Lagerlogistik führen.

Inwieweit werden bereits Drohnen in der Lagerlogistik eingesetzt? Bisher nur eine Vision?
Leifhelm:
Wenn man bei „Drohnen“ an ein autonomes Flugrobotersystem denkt, ist die Praxistauglichkeit in der Erprobung. Lagerinventur ist ein Thema. Auch automatische Kommissionierung kann hier angedacht werden. Sicherlich wird mit jedem erfolgreichen Test, der die Sicherheit und die Wirtschaftlichkeit eines solchen Systems unterstreicht, eine baldige Nutzung im professionellen Einsatz wahrscheinlicher. Die einstige Vision hat Konturen angenommen.

Welche Rolle kommt dem Menschen zu, wenn die Waren, Transportbehälter und Beförderungsmittel im Lager zukünftig nur noch selbst kommunizieren?
Leifhelm:
Diese Gefahr der „Entmenschlichung“ sehen wir nicht. Sicherlich wird es noch eine geraume Zeit dauern, bis alle Einzelkomponenten in der Lagerlogistik autark und in Maschinensprache direkt kommunizieren. Genau wie in anderen Industriebereichen, z.B. in der Fertigungsindustrie, werden sich die Aufgaben wandeln. Dafür werden aber auch neue Aufgaben entstehen und neue Betätigungen sowie Qualifikationen gewünscht werden. Und wenn dann der Inventurdrohne im Flug der Strom ausgeht, muss auch dort unterstützt werden. Der Mensch, der mit dem Wandel geht, wird immer eine interessante, herausfordernde Tätigkeit in einem innovativen Geschäftsbereich haben.

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