Standortvorteil als Auswahlkriterium?

MDM aus Deutschland

„Alles aus einer Hand“ – mit diesem Slogan werben internationale IT-Häuser, wenn es um ihre Mobile-Device-Management-Lösungen geht. Hiesige Anbieter setzen hingegen auf den Standortvorteil und sehen sich mit ihren kleiner dimensionierten Softwarepaketen gut aufgestellt.

Hiesige MDM-Anbieter setzten auf den Standortvorteil Deutschland.

Es ist kein Geheimnis, dass sich viele Unternehmen immer noch mit ungelösten Fragen zur Einführung und Verwaltung von mobilen Endgeräten innerhalb der Unternehmenslandschaft beschäftigen. So stellen Marktforschungsunternehmen wie die Experton Group fest, dass viele deutsche Firmen die Entscheidung für Bring your own Device (BYOD) oder unternehmenseigene Geräte immer noch nicht getroffen haben.

Doch es scheint Besserung in Sicht – jedenfalls erwartet das Analystenhaus für dieses Jahr bei vielen Unternehmen einen erhöhten strategischen Ansatz zur Einführung von mobilen Diensten. In diesem Zusammenhang wird schnell auch das Thema Mobile Device Management (MDM), also die Verwaltung der mobilen Endgeräte innerhalb der Unternehmenslandschaft, eine zentrale Rolle spielen.

MDM wird zu EMM

Die Suche nach einer passenden MDM-Lösung fängt für viele Unternehmen mit dem Vergleich der gängigen, am Markt verfügbaren Lösungen bzw. Anbieter an. Da wären etwa die Platzhirsche Airwatch und Good sowie auch IBM mit der Tochter Fiberlink, die mittlerweile allesamt weit mehr als reine MDM-Services bieten. Vielmehr wird MDM als eine Funktion von vielen innerhalb einer vollumfänglichen Enterprise-Mobility-Management-Lösung angeboten. So gehören neben MDM, Mobile Security und Mobile Application Management (MAM) auch Secure Document Sharing, ein sicherer Dokumenten-Management-Service, oder auch ein separates E-Mail- und Laptopmanagement zum Funktionsumfang. Dieses Sammelsurium soll dann im Verbund dafür sorgen, dass ein Unternehmen mobility-technisch optimal aufgestellt ist – mit dem Vorteil, alles aus einer Hand zu erhalten.

Für viele Unternehmen, die gerade am Anfang mit der Umsetzung ihrer Mobility-Strategie stehen, scheint derartiger Funktionsumfang oft zu überdimensioniert. Das weiß auch Frank Graziani, Bereichsleiter beim MDM-Anbieter Thinking Objects: „Die Lösungen der großen Hersteller bieten selbstverständlich ein breites Feature-Set an, um alle erdenklichen Einsatzszenarien abzudecken. Diese werden jedoch meist nur von Konzernen voll ausgeschöpft.“ Der deutsche Mittelstand verfolge hierbei eher pragmatische Ansätze und habe für vieles gar keine Anwendungszwecke, geschweige denn das Personal, um eine solche Lösung vollumfänglich zu bedienen.

Klaus Düll, Geschäftsführer des deutschen MDM-Spezialisten Pretioso, stellt zudem fest, dass durch die Übernahmen im MDM-Umfeld in der Vergangenheit (z.B. Airwatch-Übernahme von VMware) die Qualität von IT-Lösungen gelitten habe. „Selten sind Dinge besser geworden, häufig aber schlechter. Dies ist im MDM-Markt nicht anders. Mobility und Mobile Device Management sind sehr komplexe Themen, die sich nicht mit einem ‚Alles aus einer Hand‘-Konzept leistungsfähig adressieren lassen.“

Deutschen MDM-Anbieter wählen?

Alternativ zu den genannten All-in-one-Lösungen können Unternehmen auf eine spezielle MDM-Lösung setzen, die dann parallel zur meist existierenden System-Management-Lösung für klassische Endgeräte betrieben wird. Gerade für hiesige Anwender kann es dabei von Bedeutung sein, wenn der MDM-Anbieter ebenfalls aus Deutschland stammt. „Als lokaler Anbieter kann man seine Lösungen und Angebote an der lokalen Nachfrage ausrichten“, weiß Robert Himmelsbach, Leiter Geschäftsentwicklung der MPC Service GmbH. Denn wenn eine Lösung komplett in Deutschland programmiert und gehostet wird bzw. die lokalen Kundeninstallationen von hier aus organisiert und durchgeführt werden, „ist das ein Wert für sich“.

Auch sicherheits- bzw. datentechnische Gesichtspunkte sollten laut Till Schadde, Geschäftsführer der Tower One GmbH, in die Anbieterwahl einfließen. So hätten Datenschutz und -sicherheit in Deutschland einen ganz anderen Stellenwert als etwa in den USA. „Deshalb legen deutsche Unternehmen großen Wert darauf, dass sensible Daten eben nicht erst über einen Cloud-Server irgendwo auf dem Globus wandern, um letztlich auf das iPhone eines Mitarbeiters zu fließen.“ Weiterhin nennen deutsche MDM-Anbieter auch rechtliche Aspekte wie Exportkontrollen, die die Zusammenarbeit z.B. mit einem US-amerikanischen Unternehmen erschweren können.

Heutige Anforderungen der Anwender

Nicht zuletzt kann der Serviceaspekt eine entscheidende Rolle bei der Wahl eines deutschen Anbieters spielen. Denn „oft fehlt den großen Playern ein Verständnis für die Besonderheiten der lokalen Märkte – sie kennen die Zusammenhänge und die Gesetzeslage nicht“, merkt Robert Himmelsbach an. Er berichtet zudem, dass viele Unternehmen bereits eines der großen Systeme einsetzen und generell mit den Funktionen auch zufrieden sind. „Weniger jedoch mit dem laufenden Support, dem Incident-Management und vor allem den Update-Prozessen.“ Hier fehle häufig das Verständnis für die individuellen Anforderungen von bestimmten Branchen oder Funktionsbereichen. Denn gerade die deutsche Indus-trie und Dienstleistungslandschaft unterscheide sich doch sehr stark von den weltweiten Standards. Das würden viele Systeme gar nicht oder nur durch Anpassungen abbilden. „Hier braucht es einen Partner, der das versteht und sich darauf einlässt, bis hin zu individuellen Programmierungen in Abstimmung mit dem Kunden“, so Himmelsbach.

Neben einem zufriedenstellenden Service haben deutsche Anwender darüber hinaus konkrete Anforderungen an die eingesetzte MDM-Lösung. Neben einer leicht bedienbaren Oberfläche gehört auch eine weitreichende Geräteunterstützung inklusive der Integration aller drei Plattformen (iOS, Android, Windows Phone) dazu. Außerdem werden laut Frank Graziani Sicherheitsfeatures wie „das Setzen einer Passwortrichtlinie, eine Remote-Zugriffsmöglichkeit und die Absicherung des Übertragungsweges per Client-Zertifikat“ immer wieder nachgefragt.

Aktuelle MDM-Projekte in der BRD

Wie sieht es mit konkreten MDM-Anwendungsbeispielen in Deutschland aus? Klaus Düll berichtet etwa, dass sein Unternehmen „über eine breite Anwenderbasis in Deutschland und Europa mit sehr vielen Installationen im Hochsicherheitsbereich“ verfügt. Dies seien Infrastrukturanbieter wie Energieunternehmen oder etwa Hafenbetreiber. Zudem weist er auf das Partnerunternehmen AirIT-Systems hin, das mit der MDM-Lösung von Pretioso viele Anbieter im Hochsicherheitsumfeld betreut, beispielsweise den Flughafen Hannover.

Ein mehr oder weniger aktuelles Anwendungsbeispiel  stellt das MDM-Projekt bei der Meurer-Gruppe, Hersteller von Systemen für die Endverpackung, dar. Das Unternehmen suchte nach einem Weg, die etwa 100 iOS-Endgeräte effizient und sicher in die bestehende IT-Infrastruktur zu integrieren – zumal das von Apple bereitgestellte Verwaltungs-Tool (iPhone Conguration Utility) wegen mangelnder Sicherheitsfunktionen nicht überzeugte. „Wir suchten daher nach einer MDM-Lösung, die mehr Sicherheit, Komfort und automatisierte Funktionen für die Verwaltung von Smartphones und Tablets bietet, insbesondere auch bei der Verteilung von Apps“, sagt Thomas Meurer, CIO der Meurer-Gruppe. Die Wahl fiel schließlich auf die MDM-Lösung Tarmac, mit der das Unternehmen nun beliebig viele iPhones und iPads auch aus der Ferne verwalten kann. Die Mitarbeiter der IT-Abteilung können zudem sämtliche Daten aus der Ferne löschen, wenn ein Gerät verloren geht.

Keine Alternative zu EMM?

Blickt man in die Zukunft im MDM-Umfeld, sagen Analysten wie IDC voraus, dass Unternehmen zunehmend keine Einzellösungen für MDM, MAM oder Mobile Content Management (MCM), sondern integrierte EMM-Suites nachragen werden. Darüber hinaus wird die Nutzung von cloud-basierten Suites bzw. Tools in den nächsten zwei Jahren deutlich – zu Lasten der On-Premise-Softwarelizenz – an Bedeutung gewinnen. Nach Einschätzung der Marktanalysten werden Anbieter, die diesen Anforderungen nicht genügen, keine langfristige Überlebenschance haben.

Die deutschen MDM-Anbieter sehen diesen Vorhersagen relativ gelassen entgegen. Im Gegensatz zu den großen internationalen Anbietern mit ihren ganzheitlichen EMM-Lösungen sind sie davon überzeugt, dass gerade deutsche Anwender auch einen deutschen MDM-Anbieter wählen. Denn die Nähe zum Kunden sei genauso entscheidend wie der lokale Service in deutscher Muttersprache sowie das deutsche Marktverständnis. Auch die Leistungsfähigkeit der hiesigen MDM-Lösungen dürfe sich nicht hinter Airwatch und Co. verstecken – Pretioso bietet z.B. für seine MDM-Lösung laut Klaus Düll über 25 Updates pro Jahr an, was gerade amerikanische Anbieter in dieser Form bei Weitem nicht leisten.


Bildquelle: Thinkstock/ iStock

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