Interview mit Rainer Beckers, ZTG

Medizinische Daten sind immer präsent

Interview mit Rainer Beckers, Geschäftsführer bei der Zentrum für Telematik im Gesundheitswesen GmbH, kurz ZTG

Rainer Beckers, ZTG

Rainer Beckers, Geschäftsführer bei der Zentrum für Telematik im Gesundheitswesen GmbH, kurz ZTG

Welche Rolle spielt die Telematikinfrastruktur für den Ausbau mobiler Lösungen?
Rainer Beckers: Die Telematikinfrastruktur wird allen Akteuren im Gesundheitswesen eine datenschutzkonforme, sichere Kommunikation erlauben. Auch mobile Anwendungen sind darauf angewiesen, da ihr Nutzen sich erst dann voll entfalten kann, wenn z.B. gesundheitsbezogene Daten aus dem privaten Umfeld der Anwender die vom Smartphone erfasst werden in elektronische Patientenakten eingebettet werden können.

Was versteht man genau unter mobiler Telemedizin bzw. neudeutsch M-Health?

R. Beckers: Unter E-Health versteht man im engeren Sinne die Nutzung der neuesten Informations- und Kommunikationstechnologien in der Medizin. Mobile Health konzentriert sich nun in erster Linie auf mobile Endgeräte, wie Smartphones oder Tablets, mit denen medizinische Daten nicht nur über beliebige Entfernung elektronisch ausgetauscht werden können, sondern eben als ständiger Begleiter präsent sind.

Welche Vorteile dürfen sich Ärzte, Kliniken und Patienten von mobiler Telemedizin versprechen?
R. Beckers: Telemedizin war schon immer „mobil“, man denke an das Telemonitoring. Durch die neuen mobilen Endgeräte können telemedizinische Anwendungen jedoch noch mehr auf die Bedürfnisse der Anwender ausgerichtet werden. Smartphones haben einen echten Mehrfachnutzen, ersparen also zum Teil eine separate Infrastruktur. Außerdem sind sie in ihrer Bedienung nahezu beliebig individualisierbar. Dadurch werden nicht unbedingt wirklich neue Anwendungen erschlossen, aber die absehbare Akzeptanz und die niedrigeren Kosten setzen eine enorme Kreativität in der Entwicklung frei, die wir heute noch gar nicht absehen können.

Inwiefern können herkömmliche, eher anwenderorientierte Smartphones und Tablets für Telemonitoring eingesetzt werden?

R. Beckers: Technisch betrachtet wird es dabei kaum Grenzen geben. Ich erwarte, dass entsprechende Schnittstellen zwischen Smartphones und Medizingeräten zukünftig zum Standard werden. Smartphones und Tablets werden aufgrund der hohen Akzeptanz in Zukunft eine immer größere Rolle bei der Begleitung von Patienten spielen. Spezielle mobile, medizinische Geräte erfassen relevante Gesundheitsdaten eines Patienten und leiten diese an ein mobiles Endgerät wie ein Smartphone oder Tablet weiter. Dieses wertet die Daten mit einer App aus und überträgt sie an die entsprechende medizinische Einrichtung. Wir brauchen aber auch ein sinnvolles medizinisches Datenmanagement und neue Betreuungskonzepte vor allem für chronisch Kranke, damit diese Chancen zur Entfaltung kommen können!

Welche Krankheiten werden heute bereits mittels M-Health behandelt?

R. Beckers: Vor allem chronisch Kranke die beispielsweise unter Bluthochdruck, Asthma oder Diabetes leiden und regelmäßig zu Untersuchungen müssen profitieren von mobiler Telemedizin, denn die wichtige Dokumentation gesundheitsrelevanten Verhaltens erfolgt regelmäßig per Handy und wird dadurch tendenziell unabhängig von Praxisbesuchen. Aktuell gibt es in NRW in Bezug auf Telemedizin vor allem Angebote aus dem Bereich Kardiologie. Aber auch in den Bereichen Neurologie, Geriatrie und Innere Medizin schreiten die Entwicklungen voran.

Wie verläuft der Datenaustausch zwischen Mobilgerät und Arzt- bzw. Krankenhausinformationssystem (AIS, KIS)?
R. Beckers: Der Zugriff auf die komplexen lokalen Informationssysteme kann prinzipiell auch über Mobilgeräte erfolgen. Allerdings muss dieser Zugriff denselben Sicherheitsmechanismen unterliegen wie der Zugriff über das lokale Netzwerk. Möglich ist beispielsweise, dass der Zugriff auf die elektronische Fallakte über die Webplattform erfolgt und dafür das Smartphone genutzt wird.

Wie wird dabei die Sicherheit der Patientendaten gewährleistet? Wo bestehen aktuell noch Sicherheitslücken?

R. Beckers: Die Entwicklung von mobil nutzbaren Technologien schreitet rasant voran. Leider ist zu beobachten, dass die eingesetzten Sicherheitsmechanismen nicht immer ausreichend transparent sind. Da Datenschutz insbesondere bei medizinisch-relevanten Daten eine große Rolle spielt, müssen einheitliche Regulierungen formuliert und die Anwender besser aufgeklärt werden. Die ZTG GmbH als zentrale Anlaufstelle für die Player im Gesundheitswesen entwickelt aus diesem Grund aktuell eine Bewertungsplattform für Gesundheits-Apps. Wir möchten Patienten dabei helfen, die Anwendungen zu finden, die für sie hilfreich und nützlich sind. Der Datenschutz steht dabei im Mittelpunkt.

Wie ist es hierzulande und sowie innerhalb Europas um die Verbreitung von M-Health bestellt?
R. Beckers: In Europa sind die Ausgangsbedingungen für eine „mobile“ Medizin sehr unterschiedlich. Nachhaltige M-Health setzt eben auch eine Weiterentwicklung der dahinterstehenden telemedizinischen Dienstleistungen voraus. Hier ist in der Vergangenheit zwar viel geschehen, aber der Prozess ist sicher noch nicht abgeschlossen. Wir brauchen deshalb in Europa eine gute Mischung aus Experimentierfreude und kalkulierbaren Rahmenbedingungen für die Einführung von mobilen medizinischen Anwendungen, die sich anerkanntermaßen als sinnvoll erwiesen haben. Allein die Tatsache, dass die Bevölkerung immer älter wird führt dazu, dass immer mehr mobile Lösungen entwickelt werden, um Menschen möglichst lange ein selbstständiges Leben zu ermöglichen.

Können Sie uns bitte einen konkreten Anwendungsfall beschreiben?
R. Beckers: Nehmen wir einen Patienten mit einer Herzinsuffizienz als Beispiel. Der Patient kann von zu Hause aus Werte wie EKG, Blutdruck, Gewicht oder Sauerstoffsättigung messen und diese mit dem Smartphone systematisch dokumentieren und per Knopfdruck an den behandelnden Arzt oder die behandelnde Ärztin übertragen. Dieser kann bei Bedarf die Medikation ändern und im Ernstfall auch einen Notarzt rufen oder selbst einen Hausbesuch vornehmen.

Ein Blick in die Zukunft: Wie gestaltet sich ein Arztbesuch in zehn Jahren? Wie ein Klinikaufenthalt?
R. Beckers: Hierzu lässt sich zunächst sagen, dass Mobile Health niemals einen Arztbesuch oder Klinikaufenthalt ersetzen wird. Die persönliche Dienstleistung bleibt die wertvollste Ressource, die wir im Gesundheitswesen haben. In zehn Jahren werden wir aber in der Lage sein mit Hilfe von M-Health mit dieser wertvollen Ressource noch sorgfältiger umzugehen. Arztbesuche könnten durch Daten besser vorbereitet sein und bedarfsgerechter stattfinden. Medizinisches Wissen wird leichter zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle verfügbar sein.

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