"Wir verstehen uns als Partner für die Digitale Transformation von Unternehmen und des öffentlichen Sektors."
"Die Euphorie für Sprachmodelle ist noch recht frisch und überdeckt im Moment alles."
"Der Verzicht auf KI, weil sie nicht im Inland entwickelt wird, ist keine gute Option."
"Es sind bereits viele Unternehmen in der Cloud, auch wenn es bei den mittelgroßen Firmen noch Potenzial gibt."
Matthias Moeller verantwortet seit 2016 das Gesamtgeschäft der Arvato Systems Group und ist seit 2019 gleichzeitig Chief Information Officer (CIO) des Bertelsmann-Konzerns. Im Gespräch mit IT-DIRECTOR erläutert er, in welchen Bereichen Künstliche Intelligenz schon heute erfolgreich eingesetzt wird und warum aus seiner Sicht Partnerschaften der richtige Weg sind, um die Digitalisierung in Deutschland weiter nach vorne zu bringen.
ITD: Herr Moeller, das meistdiskutierte Thema in den letzten zwölf Monaten ist sicherlich Künstliche Intelligenz, vor allem Sprachmodelle wie GPT, Gemini oder Claude. Viele Unternehmen und Privatleute haben damit schon herumexperimentiert. Wie verbreitet ist sie in den Unternehmen?
Matthias Moeller: Die Euphorie für Sprachmodelle ist noch recht frisch und überdeckt im Moment alles. Aber eine einfache Antwort auf die Frage gibt es nicht, denn bei KI hat sich eine Schattennutzung verbreitet. Es gibt mit Sicherheit sehr viele Mitarbeiter in Unternehmen, die private Erfahrungen mit ChatGPT nutzen, um sich die Arbeit zu erleichtern – zumindest versuchsweise. In vielen Unternehmen gibt es jedoch auch den bewussten Einsatz von KI. Wenn ich auf Arvato Systems schaue, haben wir hier schon vor langer Zeit einen geregelten Zugang zu KI-Technologien geschaffen, damit ein Wildwuchs möglichst gar nicht entsteht. So kann KI sicher und compliant eingesetzt werden. Wir ermöglichen und fördern also ausdrücklich die Nutzung von KI im Arbeitsalltag, sei es z.B. für das Schreiben von Angeboten, für Vertragsprüfungen oder zur Unterstützung der Ideenfindung in der Produktentwicklung.
ITD: Wo sehen Sie die Haupteinsatzgebiete von KI?
Moeller: Ich erkenne zwei Hauptfelder, in denen Künstliche Intelligenz produktiv eingesetzt wird: erstens zur Optimierung von Prozessen und zweitens zur Verbesserung oder Erweiterung von Produkten. Das sind zwei Bereiche, mit denen sich auch Arvato Systems bereits seit einigen Jahren beschäftigt. Wir betreiben einen eigenen KI-Kompetenz-Cluster, der verschiedene Fachrichtungen rund um KI zusammenführt.
ITD: Arbeiten Sie dabei mit Start-ups zusammen? Es gibt ja im Moment einige Neugründungen, die ebenfalls Sprachmodelle entwickeln.
Moeller: Wir beobachten natürlich genau, was sich in dieser Szene tut. Grundsätzlich verfolge ich den aktuellen Ansatz mit generativer KI sehr optimistisch und sehe da ein sehr großes Potenzial. Doch es geht ja nicht nur darum, Unternehmen zu gründen. Sie müssen auch langfristig wettbewerbsfähig gegenüber ihrer großen internationalen Konkurrenz sein. Hier sehe ich noch Nachholbedarf in Deutschland. Die Frühphase der Start-up-Entwicklung ist sehr gut abgedeckt, es wird viel gegründet und ebenso viel gefördert. Doch die Herausforderung liegt in der Skalierungsphase, wenn ein Start-up langsam zur echten Konkurrenz für die großen Plattformen werden will. Diese verfügen – wie jeder weiß – über enorme Ressourcen und können sehr schnell auf Veränderungen reagieren. Da gibt es in Deutschland kaum solche großen Player.
ITD: Bedeutet das, dass Deutschland bei KI abgehängt wird?
Moeller: Das glaube ich nicht. Spätestens, wenn es um konkrete Anwendungen geht, also die Überführung von KI-Technologie in ganz konkreten Nutzen, sind wir gut aufgestellt. Auch bei Arvato Systems haben wir viele Anwendungen im Portfolio – beispielsweise die Anomalieerkennung in der Industrie und in Infrastrukturen. Dabei geht es um die Erfassung und Interpretation von Datenpunkten durch Sensoren, um etwa Störungen zu erkennen und auf der Basis dieser Erkenntnisse automatisierte Entscheidungen zu treffen. Letztlich ist das Software, die Wartungszyklen für Maschinen, Energieanlagen oder Gebäudetechnik optimiert. Dabei erzeugt sie aufgrund einer Zustandserkennung Wartungsempfehlungen.
ITD: In welchen Bereichen wird KI noch angewendet?
Moeller: Wir haben z.B. Systeme zur Analyse von Kundendaten entwickelt. Solche Analysen werden häufig in den Bereichen „Marketing“ und „Support“ benötigt. Auch hier ist in erster Linie Mustererkennung der Arbeitsschwerpunkt von KI. Inzwischen können diese Lösungen sehr gut anhand der Daten die Wahrscheinlichkeit einer Abwanderung von Kunden erkennen, so dass hier Gegenmaßnahmen getroffen werden können. Doch das ist nicht alles. Im öffentlichen Personennahverkehr unterstützen wir beispielweise mit KI-Anwendungen die Prognose von Fahrgastzahlen und die Anpassung der Ressourcen, um den Bedürfnissen der Fahrgäste gerecht zu werden.
ITD: Wenn KI so viele Aufgaben erfüllt, werden nicht Ängste um Arbeitsplätze ausgelöst?
Moeller: Die aktuell verfügbaren Lösungen sind keine universalen Werkzeuge, die alles automatisieren. Das ist meiner Meinung nach unrealistisch – jedenfalls im Moment. Ich sehe aber bei generativer KI einen exponentiellen Fortschritt und erwarte massive Veränderungen der Arbeitswelt durch Automatisierung. Gleichzeitig wird es eine Produktivitätssteigerung geben, die viele Arbeitsfelder beeinflusst.
ITD: In der Vergangenheit hat der technologische Fortschritt eher mehr Arbeit als weniger gebracht. Wird sich das fortsetzen?
Moeller: Ein solcher Blick in die Glaskugel ist immer schwierig. Aber ich gehe davon aus, dass bestimmte manuelle Tätigkeiten gar nicht wegrationalisiert werden können und sollen. Das sind beispielsweise viele Berufe im sozialen Sektor. Hier wird der menschliche Kontakt auch weiterhin geschätzt werden und notwendig bleiben. Darüber hinaus werden hochqualifizierte Jobs noch weitaus produktiver und wertvoller. Hier werden wir den in der Vergangenheit feststellbaren Qualifizierungseffekt von Technologien bemerken. Allerdings gibt es viele Routineaufgaben, die durch KI bedroht sind oder entfallen.
ITD: Um die von Ihnen angesprochenen hochqualifizierten Jobs auch in Deutschland zu schaffen - müssten wir nicht Künstliche Intelligenz stärker fördern und vor allem eine souveräne KI entwickeln?
Moeller: Ja, eine stärkere Förderung von KI-Technologie wäre da sicher hilfreich. Was souveräne KI anbelangt, ist unabhängig davon aber bereits heute sehr viel möglich. Souveränität muss ja nicht bedeuten, dass gesamte Technologien vollständig unabhängig und eigenständig in Deutschland oder Europa entwickelt werden müssen. Wir ermöglichen unseren Kunden beispielsweise eine selbstbestimmte und sichere Implementierung von KI-Anwendungen, bei der wesentliche Merkmale von Souveränität abgebildet werden. Unser Betriebsmodell sorgt dafür, dass die Kunden wissen, wer an ihrem KI-System beteiligt ist, und dass sie die Kontrolle über Betrieb und Daten in einem rechtssicheren Raum haben. Unternehmen sollten darauf achten, dass ihre Dienstleister dem lokalen Rechtssystem unterliegen und weitreichende Transparenzpflichten haben.
ITD: Aber lässt sich das so leicht erreichen? Zumindest die großen Sprachmodelle mit ihren verblüffenden Leistungen gibt es in Deutschland nicht, auch nicht in Europa.
Moeller: Was die dahinterstehenden Unternehmen betrifft, ist das leider so – obwohl es natürlich auch in Deutschland vielversprechende Ansätze gibt. Aber um den großen Vorsprung der US-Plattformen aufzuholen, würde es wohl einer immensen europäischen Kraftanstrengung bedürfen. Allerdings ist es ebenso wichtig, dass Unternehmen ganz pragmatisch die besten verfügbaren Technologien nutzen. Das bedeutet, wir müssen auf starke Partnerschaften setzen. Darum arbeiten wir bei Arvato Systems beispielsweise seit vielen Jahren intensiv mit AWS, Google und Microsoft, aber auch mit SAP als deutschem Unternehmen strategisch zusammen. Kurz und gut: Der Verzicht auf KI, weil sie nicht im Inland entwickelt wird, ist keine gute Option.
ITD: Sie spielen auf die digitale Souveränität an. Davon wird viel geredet, auch hinsichtlich der Gaia-X-Initiative. Aber trotzdem scheinen die Hyperscaler nicht an Beliebtheit zu verlieren. Wie schätzen Sie die Lage ein?
Moeller: Es gibt in der globalen Wirtschaft seit langem eine große Abhängigkeit von internationalen Lieferketten. Besonders deutlich ist das in der Leitbranche „Automotive“. Der Grund ist, dass die Supply Chain bis zum letzten Cent durchoptimiert wird. Das führt automatisch zu einer Abhängigkeit von Rohstoffen und Bauteilen, die nur noch in Ländern wie Indien oder China produziert werden. Ähnlich ist es bei IT-Services. Auch dort wird solange optimiert, bis nichts mehr herauszuholen ist. Wenn die Unternehmen die Bereitschaft entwickeln, einen kleinen Souveränitätsaufschlag zu zahlen, könnten sie viele IT- und Infrastrukturleistungen auch aus Deutschland beziehen.
ITD: Damit sind wir bei der Cloud-Souveränität, aber auch beim Geschäftsmodell von Arvato Systems. Wie sieht es bei Ihnen aus?
Moeller: Wir verstehen uns als Partner für die Digitale Transformation von Unternehmen und des öffentlichen Sektors. Dafür kombinieren wir wirklich breite Technologiekompetenz mit Know-how rund um die Branchen unserer Zielkunden. Das führt dazu, dass wir sowohl die grundsätzlichen IT- und Digitalisierungsthemen, also den „Digital Backbone“, als auch branchenspezifische Lösungen anbieten können. Als Multi-Cloud-Service-Provider machen wir zudem sowohl die drei großen US-Plattformen Google Cloud, AWS und Microsoft Azure, aber auch unsere eigene Private Cloud bzw. entsprechende Kombinationen davon zugänglich und integrieren sie. Das ist die Grundlage für unser Angebot. Wir haben dabei den Anspruch, für jede Kundengruppe die richtige Lösung zu finden. So haben wir spezielle Angebote für öffentliche Einrichtungen oder kritische Infrastrukturen, bei denen die Anforderungen an digitale Souveränität oder eine bestimmte Resilienz der Lösung wichtig sind.
ITD: Wie groß ist denn die Marktbedeutung einer souveränen Cloud?
Moeller: Eine souveräne Cloud im engeren Sinne, die den äußerst umfassenden Anforderungen des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik entspricht, ist natürlich in erster Linie für den öffentlichen Sektor wesentlich, aber auch notwendig. Hier arbeiten wir eng mit SAP zusammen, um ein solches Angebot basierend auf Microsoft Azure im Laufe des nächsten Jahres zu ermöglichen. Dieses Angebot wird gemäß den Vorgaben deutscher Regulatorik technisch, operativ und rechtlich souverän sein. Das heißt, die Betreiber sind deutsche Unternehmen, alle Kundendaten bleiben in Deutschland und diese souveräne Cloud ist vollständig von den globalen Rechenzentren und der bestehenden Public-Cloud-Infrastruktur getrennt. Damit wird die Basis geschaffen, die Digitalisierung der deutschen Verwaltung nach vorne zu bringen. Behörden können dann schnell und einfach auf Cloud-Services setzen, die von Anfang an auch den notwendigen rechtlichen Rahmenbedingungen entsprechen.
ITD: Aber es gibt ja nicht nur die Behörden. Wie sieht es mit der deutschen Wirtschaft aus?
Moeller: Wenn man im weiteren Sinne von souveräner Cloud oder besser noch von souveräner IT spricht, ist das natürlich auch für die Wirtschaft, insbesondere für stark regulierte Branchen, wichtig. Hier gibt es an vielen Stellen besondere Anforderungen z.B. an Datenschutz, Datensicherheit und IT-Security, denen wir bedarfsgerecht begegnen. Ganz grundsätzlich würde ich zur Nutzung der Cloud sagen: Es sind bereits viele Unternehmen in der Cloud, auch wenn es bei den mittelgroßen Firmen noch Potenzial gibt. Aber auch die bisherigen Nutzer haben Optimierungsbedarf. Sie sollten ihre Strategie weiterentwickeln und festlegen, ob sie sich auf eine Plattform konzentrieren oder ein multimodales Modell wählen. Außerdem ist es in einigen Fällen nicht unbedingt sinnvoll, sämtliche Anwendungen in die Cloud zu überführen. Und selbst wenn ein Unternehmen auf die Cloud verzichten will, gibt es auch weiterhin andere Möglichkeiten, beispielsweise den IT-Betrieb an einen Dienstleister auszulagern.
ITD: Ist das denn noch wirtschaftlich? Und vor allem: Ist es noch nachhaltig?
Moeller: Eine generelle Antwort gibt es nicht, es kommt wie immer auf den Einzelfall an. Das betrifft nicht nur die Wirtschaftlichkeit. Vor allem bei der Nachhaltigkeit gibt es Unterschiede zwischen einzelnen Dienstleistern. Unserer Erfahrung nach werden Nachhaltigkeitsaspekte immer wichtiger bei der Auswahl von IT-Dienstleistern. Den meisten Unternehmen ist klar geworden, dass Nachhaltigkeit nicht ausschließlich durch interne Maßnahmen und Initiativen erreicht wird. Sie berücksichtigen die gesamte Wertschöpfungs- und Lieferkette und damit auch die IT-Dienstleister. Die Unternehmen beachten neben Verfügbarkeit oder Reaktionszeit nun auch Nachhaltigkeit als wesentliches Kriterium für die Auswahl von Providern.
ITD: Welche Rolle spielt die Digitalisierung für die Nachhaltigkeit?
Moeller: Digitalisierung benötigt natürlich Energie, ihr Nutzen für die Nachhaltigkeit überwiegt jedoch in der Regel. Insofern nehmen digitale Technologien in allen Dimensionen von Nachhaltigkeit eine wachsende Rolle ein. Bei vielen Unternehmen entsteht der Großteil der Treibhausgasemissionen in der Supply Chain. Genauer: im sogenannten Scope 3. Damit sind alle Emissionen aus vor- und nachgelagerten Aktivitäten gemeint. Die sind allerdings nur schwer zu ermitteln. Sensorik, das Industrial Internet of Things (IIoT) und Data Analytics können hier helfen, die Daten überhaupt zu ermitteln und anschließend aufzubereiten, um sie beispielsweise in der Berichterstattung einzusetzen. In erster Linie müssen Unternehmen natürlich Maßnahmen ergreifen, um die Emissionen zu senken. Und ein Aspekt der Digitalisierung ist, das messbar und steuerbar zu machen.
Matthias Moeller
Alter: 53 Jahre
Derzeitige Position:
CEO der Arvato Systems Group, CIO von Bertelsmann
Bildquelle: Jörg Sänger