Leben 4.0

Mein bestes Ich

Um 6.30 Uhr klingelt bei vielen Menschen der Smartphone-Wecker. Manch einer checkt noch vor dem Aufstehen via App das Wetter – andere fragen lieber gleich Alexa. Vielleicht hat das Smart Home sogar schon dafür gesorgt, dass die Rollläden hochgefahren sind? Im vernetzten Auto schnell das Navi starten, schließlich muss man zum Telko-Termin pünktlich im Büro sein. Trotzdem nimmt man doch lieber die Treppe, um den Fitnesstracker nicht zu ärgern. Ziemlich übertrieben? Vielleicht nicht!

  • Frau im Superheldenkostüm

    Die Digitalisierung des Alltags schreitet immer weiter voran: nahezu alle Lebensbereiche sind in der einen oder anderen Form davon betroffen. ((Bildquelle: Getty Images / iStock / Getty Images Plus))

  • Dr. Sabine Schonert-Hirz

    „Zu viel Erreichbarkeit, zu viele Informationskanäle, Unklarheiten im E-Mail-Verkehr und ständige Unterbrechungen machen unproduktiv, unzufrieden und krank“, warnt Dr. Sabine Schonert-Hirz. ((Bildquelle: Foto privat))

  • Sebastian Klein, Geschäftsführer iRobot Deutschland

    „Roboter werden in der Lage sein, miteinander zu kommunizieren und können in andere Technologien integriert werden", lautet die Prognose von Sebastian Klein, Geschäftsführer iRobot Deutschland. ((Bildquelle: iRobot))

  • Martin Resch von Garmin

    „NFC-Chips, die aktuell für das bargeldlose Bezahlen genutzt werden, bieten einiges an Potenzial, welches Stand jetzt noch nicht ausgeschöpft wurde“, glaubt Martin Resch von Garmin. ((Bildquelle: Garmin))

  • André Nösse von Nösse Datentechnik

    André Nösse von Nösse Datentechnik erklärt: „Der Begriff Modern Workspace umfasst drei Dimensionen: Mensch, Raum und Technik.“ ((Bildquelle: Nösse Datentechnik))

In diesen Tagen hat sich die Mondladung zum 50. Mal gejährt und obwohl die Filmaufnahmen für die meisten von uns noch immer überwältigend sind, ist es gleichzeitig unheimlich, mit wie „wenig“ Technik die Menschheit ihre ersten Schritte außerhalb der Erde umgesetzt hat: Die 30 Kilo schweren Apollo Guidance Computer hatten nur 32 Kilobyte Hauptspeicher – Smartphone-Besitzern entlockt das noch nicht einmal ein müdes Lächeln. Nach dem geglückten Mondlandungsprojekt und dem Auslaufen der Apollomission wandten sich aber viele der Nasa-Wissenschaftler und -Ingenieure der IT- und Software-Entwicklung zu und trugen so dazu bei, dass wir heute digitaler sind als je zuvor.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 7-8/2019. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte hat sich der Fokus verschoben: Der Hype um das Weltall hat abgenommen und es ist vielmehr die Vorstellung eines neuen iPhones, die den Blick der gespannten Weltöffentlichkeit regelmäßig nach Cupertino zieht. Bereits 2018 verfügten 77 Prozent der deutschen Haushalte über mindestens ein Smartphone und 92 Prozent über einen Internetzugang. Zum Vergleich: 1998 hatten erst acht Prozent Internet. Während also PC, Laptop oder Smartphone inzwischen selbstverständlich erscheinen, verwandeln zusätzlich neue digitale Helfer das eigene Zuhause zunehmend in ein Smart Home. Das Ziel ist vor allem, Nutzern lästige Arbeit abzunehmen. Hier setzen auch sogenannte Haushaltsroboter an. Wer dabei allerdings an Androide á la Star Wars denkt, liegt falsch: „Hollywood-Filme und Sci-Fi-TV-Shows sind zwar unterhaltsam, aber nicht realistisch. Humanoide Roboter sind cool, aber auch teuer und nicht rentabel“, sagt Sebastian Klein, Geschäftsführer von iRobot Deutschland. Daher konzentriere sich sein Unternehmen, das sich auf Saug- und Wischroboter spezialisiert hat, auf alltagstaugliche Modelle mit spezifischen Aufgaben. 25 Millionen dieser digitalen Putzhilfen habe man weltweit bisher bereits verkauft, schon heute machten Saugroboter satte 24 Prozent des globalen Marktvolumens für Roboter aus – dabei, so betont Klein, stehe man gerade erst am Anfang der Reise.

Die Rechnung ist eigentlich denkbar einfach: Wer würde sich nicht freuen, nach der Arbeit heim zukommen und den Boden frisch geputzt vorzufinden –
solange das Gerät erschwinglich, handhabbar und zuverlässig ist. Dementsprechend optimistisch blickt Klein denn auch in die Zukunft, in der ein Ökosystem vernetzter Roboter gemeinsam im Haushalt arbeitet, nachdem ihnen morgens entsprechende Aufgaben erteilt wurden – bis hin zum Auffüllen der Fressnäpfe des Haustiers. „Wenn man abends nach Hause kommt, sind alle Aufgaben erledigt, alle Roboter zurück in ihrer Station – und einer davon bringt vielleicht noch etwas zu trinken“, sagt er.

4.0 am Arbeitsplatz

Auch technologischer Fortschritt am Arbeitsplatz ist kein Novum – obgleich es noch gar nicht so lange her ist, dass die mechanische Schreibmaschine von modernen PCs abgelöst wurde. „Arbeiten 4.0“ heißt einer der Trends der letzten Jahre – und dieser fordert nahezu die gesamte Art, wie wir arbeiten, heraus. Dahinter verbirgt sich mehr als eine Ansammlung neuer Digitalgeräte, die uns noch effizienter und produktiver machen sollen. Vielmehr ist es ein neues Arbeitsmodell, das auch mehr Lebensqualität für die Belegschaft im Fokus hat. André Nösse, Geschäftsführer des Leverkusener IT-Systemhaus Nösse Datentechnik, beschreibt es so: „Der Begriff Modern Workspace umfasst drei Dimensionen: Mensch, Raum und Technik. Wir arbeiten mit mobilen Geräten und haben unseren Arbeitsplatz quasi überall mit dabei – im Meeting ebenso wie in der Bahn oder beim Kunden.“

Das Thema „Raum“ reiche dabei vom Homeoffice über den Shared Desk bis hin zu Kreativplätzen, die durch lebhafte Gestaltung das „Out of the Box“-Denken fördern. „Der Mensch kann sein individuelles Jobprofil nach seinen persönlichen Vorlieben an Arbeitsort, Kreativität und Erreichbarkeit gestalten“, fügt Nösse hinzu. Gerade der jüngeren Generation seien zeitliche und räumliche Flexibilität sehr wichtig. Dass sich auch das Arbeiten im Team verändert hat, stellt er ebenso im eigenen Haus fest: „Für unsere jungen Mitarbeiter gehören digitale Collaboration-Tools zum Büroalltag; sie organisieren sich damit anders, als es früher in Teams üblich war.“ Dies reiche von kurzen Absprachen in Chats über digitale Meetings bis hin zum parallelen Arbeiten an einem Dokument.

Doch bleibt dabei nicht oftmals das Zwischenmenschliche auf der Strecke, wie Kritiker fürchten? Nicht zwangsläufig, befindet Nösse. „Kommunikation und Zusammenarbeit in Unternehmen mit modernen Technologien sind nicht nur eine technische, sondern auch eine kulturelle Herausforderung“, erklärt er und weist darauf hin, dass UCC-Lösungen dabei lediglich technische Unterstützungen sind, die die Kommunikation einfacher und transparenter machen. Auch betont er, dass schon die Einführung von E-Mail und Smartphones die irreversible Veränderung in der Arbeitswelt angestoßen habe, was dazu geführt hat, dass sich über alle Generationen hinweg inzwischen eine Kompetenz für das digitale Zusammenarbeiten entwickelt hat. Klare Regeln und Standards spielen natürlich dennoch eine wichtige Rolle: „Wenn ich als Chef auch im Urlaub immer direkt in die Kommunikation eingreife, strahle ich eine Erwartungshaltung aus, die sich früher oder später im gesamten System widerspiegelt“, mahnt der IT-Experte.

Gesund, munter und digital

Neben den Bereichen Wohnen und Arbeiten wird auch die Freizeit immer digitaler. Streaming, Gaming, Social Media – längst sind das nicht nur für Jugendliche Alltagsbegriffe. Daneben gibt es aber auch eine Fülle an kleinen, smarten Geräten, die helfen sollen, den Alltag zu verbessern. Fitnesstracker und Smartwatches mit GPS und Sensoren zählen dazu. Technologie, die ursprünglich für Raumfahrt oder Militär entwickelt wurde, findet immer weiter Eingang in den Consumer-Bereich – nicht verwunderlich, so Martin Resch, Senior Product Manager Outdoor EMEA bei Garmin. Die rasante Entwicklung der Technologie habe die Grenzen nach außen verschoben und die Menschen fragen sich, wie sie in ihrem Alltag weiter davon profitieren können. Zudem sei auch die „Quantifizierung“ in immer neuen Dimensionen ein Thema des Freizeitsports geworden.

Allerdings, so betont Resch, gehe es nicht nur um die reine Messbarkeit von Ergebnissen: „In der letzten Zeit sind verstärkt die Themen ‚Well-being‘ und ‚Gesundheit‘ hinzugekommen – eine weitere Dimension der ‚Selbstoptimierung‘, die gerade erst am Anfang steht und noch sehr viel Potential hat, ein fundamentaler Bestandteil der modernen Gesellschaft zu werden.“  

Dass Fitnesstracker die Gesundheit auch ganz unmittelbar schützen können, erklärt der Garmin-Mann wie folgt: „Manche Wearables haben mittlerweile einen Notfallknopf, über den bei einem Sturz ein hinterlegter Kontakt automatisch informiert und der aktuelle Standort weitergeleitet wird.“ Zudem könnten z.B. Multisport-Uhren die Sauerstoffsättigung im Blut messen – insbesondere für Bergwanderer ein großer Vorteil.

Digitale Entgiftung

Die Vorteile der mobilen Digitalisierung des Alltags liegen also klar auf der Hand. Doch was ist mit der Kehrseite der dauerhaften Erreichbarkeit? Stress, Reizüberflutung und Burnout sind heute weitverbreitete Phänomene. Aus medizinischer Sicht verwundert das nicht, wie die Ärztin Dr. Sabine Schonert-Hirz erklärt. Denn jedes Mal, wenn das digitale Gerät eine Nachricht anzeige, stoße unser Gehirn eine kleine Menge Dopamin aus. Dieser Zustand werde als angenehm empfunden und daher merke man sich alles, was damit zu tun habe, sehr genau. „Und hier ist der Haken“, klärt die Medizinerin, die auch als „Dr. Stress“ bekannt ist, auf. „Wir erleben immer eine kleine Stressaktivierung. Ab und zu kein Problem, wir sind munter und leistungsbereit. Doch auf Dauer kann hier zu viel Stress entstehen. Wir sind fahrig, unkonzentriert, reizbar und unzufrieden.“ Schonert-Hirz rät daher zu einer frühzeitigen Sensibilisierung.

Auch Unsicherheit in Bezug auf die Digitalisierung allgemein kann zu Stress führen: „Es können Ängste und Sorgen über vielfältige Veränderungen am Arbeitsplatz entstehen: vom Arbeitsplatzverlust über andere Arbeitsgebiete bis hin zu völlig neuen Arbeitsweisen. Hier ist eine klare Kommunikation zwischen Unternehmensleitung und Beschäftigten unerlässlich.“ Eindringlich warnt die Expertin auch davor, am Arbeitsplatz einen Wildwuchs an Kommunikationsmethoden entstehen zu lassen, da sich dies negativ auf Belegschaft und Produktivität auswirken könne. „Bei allen Freiheiten, die uns die digitale Welt gibt, brauchen wir einige unumstößliche Regeln, damit uns das Ganze nicht um die Ohren fliegt.“ Digitale Auszeiten seien hier unerlässlich.

Ob es allerdings einen „Königsweg“ für die Digitalisierung des Alltags gibt, wird erst die Zukunft zeigen. Jedoch vermutet André Nösse: „Unterm Strich wird es wohl so sein wie immer: Wenn wir 2030 zurückschauen, werden wir sehen, dass vieles einfacher geworden ist als heute und die Veränderung eigentlich gar nicht wehgetan hat.“

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