Kleine Pausen sinnvoll nutzen

Microcycles in die Mobilitätsstrategie einbinden

Leerlauf gibt es überall, in Wartezimmer, auf Bahnhöfen und in Schlangen vor einer Kasse. Doch solche "Microcycles" lassen sich durchaus sinnvoll nutzen, etwa um auf dem Smartphone oder Tablet nach einem günstigeren Tarif für die Autoversicherung zu recherchieren, die Börsenkurse zu checken oder den Essenstermin mit Freunden zu bestätigen.

Jeder kennt sie, die kleinen, lästigen Zeitfresser: das überfüllte Wartezimmer einer Arztpraxis oder einer Behörde,  die tägliche Fahrt mit Auto, Zug oder Bus zum Arbeitsplatz oder die Warterei in der Schlange vor der Supermarkt-Kasse. Doch solche kleinen Zeitfenster lassen sich durchaus sinnvoll nutzen. Der Schlüssel dazu sind sogenannte Microcycles. Dies sind kurze Phasen, in denen Nutzer über ein Mobilgerät wie ein Smartphone auf die Services eines Anbieters zugreifen oder mithilfe einer App Dinge erledigen.

Microcycles arbeiten auf zweierlei Weise

Damit sich solche Microcycles effizient nutzen lassen, müssen Mobilanwendungen (kurz: Apps) auf diese schmalen Zeitfenster und den Zugriff über Mobilgeräte abgestimmt sein. Die Entwickler von Apps sollten daher berücksichtigen, nach welchen Prinzipien Microcycles "funktionieren". Es gibt zwei Optionen:

  1. Umfangreiche Transaktionen oder Prozesse werden in kleine Segmente aufgeteilt oder
  2. es werden schrittweise kleinere Aufgaben abgearbeitet, die in Summe zentrale Ergebnisse liefern.

Microcycles umfassen nur wenige Sekunden oder Minuten. Aber das heißt nicht, dass es sich dabei um einfache Prozesse handeln muss. Auch die Arbeit an größeren Projekten oder komplexen Transaktionen lässt sich voranbringen, wenn sie in kleine Einzelschritte heruntergebrochen werden. Die gleichen Resultate sind möglich, wenn ein Nutzer eine inkrementelle Vorgehensweise wählt. Ein Beispiel für Microcycles ist eine Fitness-App: Jedes Mal, wenn der User die Treppen statt des Aufzugs benutzt oder eine Strecke zu Fuß geht, teilt er das der App mit. Das bedeutet, er kommt Schritt für Schritt dem Ziel näher, seinen Fitness-Zustand zu verbessern.

Einsatzfelder Produktivität und Unterhaltung

Viele Besitzer von Mobilsystemen nutzen Microcycles häufig, um ihre E-Mails zu checken oder nachzusehen, was sich bei Facebook oder Twitter getan hat. Laut der Mobile-Metrix-Rangliste der Web-Analysefirma ComScore zählen die Apps von Facebook, Google Mail und Yahoo Messenger zu den zehn beliebtesten Anwendungen. Daran wird deutlich, dass Microcycles auf unterschiedliche Weise genutzt werden: Um sich zu unterhalten (Facebook) oder für berufliche Zwecke (E-Mail).

Ein Faktor, der die berufliche Nutzung von Microcycles forciert, ist Bring Your Own Device (BYOD), also der Einsatz privater mobiler Endgeräte für geschäftliche Belange. Das heißt natürlich nicht, dass ein Mitarbeiter komplexe Excel-Tabellen erstellt oder Berichte schreibt, wenn er auf den Bus wartet oder im Stau steht. Für kurze Zeitintervalle bieten sich vielmehr einfache Aufgaben an, die sich schnell erledigen lassen.

Ein Beispiel ist das Sammeln von Ideen: Oft kommen einem die besten Einfälle an den ungewöhnlichsten Orten, etwa beim Schwatz mit Kollegen oder am Abend auf der Couch. Dank Enterprise-Social-Network-Plattformen wie Salesforce Chatter oder Microsoft Yammer haben Mitarbeiter die Möglichkeit, ihre Ideen umgehend Kollegen mitzuteilen.

Ein zweites Gebiet, auf dem sich Microcycles nutzbringend einsetzen lassen, ist die Weiterbildung. Statt ganze Arbeitstage in Kursen zuzubringen, können Mitarbeiter auf ihrem Smartphone oder Tablet kleine Übungs-Häppchen aufrufen. Auf diese Weise ist es beispielweise möglich, Übungsinhalte zu wiederholen – im Bus, im Wartzimmer oder beim Warten auf die Straßenbahn.

Unterschiedliche Systeme und Zugänge unterstützen

Eine Besonderheit ist bei der Nutzung von Microcycles zu beachten: ein komplexer Vorgang lässt sich nur selten in den wenigen Sekunden abschließen. Daher ist es notwendig, den gesamten Prozess in kleinere Vorgänge aufzuteilen, die ein Nutzer auch mittels unterschiedlicher Endgeräte aus bearbeiteten kann.

Ein Beispiel: Ein Interessent nutzt sein Smartphone, um Informationen über ein neues Produkt zu suchen, das er gerade in einem Ladengeschäft oder im Internet gesehen hat oder von dem ihm Freunde berichtet haben. Später nutzt der User ein Tablet, um zu Hause die Suche zu vertiefen und Preise zu vergleichen. Den Kauf tätigt er schließlich von seinem Notebook aus. Ein Microcycle dient hier gewissermaßen als erster Einstiegspunkt für den Interessenten, der es ihm ermöglicht, den Kaufvorgang später mithilfe anderer Endgeräte abzuschließen.

Microcycles optimal nutzen

Wenn Anwender nur wenig Zeit haben, um eine App zu bedienen, stellt das die Entwickler vor besondere Herausforderungen. Anwendungen, die optimal auf Microcycles zugeschnitten sind, sollten daher folgende Kriterien erfüllen:

  • Sie müssen schnell reagieren und eine intuitive Bedienung aufweisen: Als Maßstab können die Vorgaben für Web-Entwickler dienen. Demnach muss eine Web-Seite innerhalb von zwei Sekunden auf dem Bildschirm erscheinen. Dasselbe gilt für eine App: Sie muss in zwei Sekunden nach dem Start einsatzfähig sein.
  • Sie sollten spielerische Elemente enthalten: Um Nutzer zum Mitmachen zu bewegen, bietet es sich an, "Gamification"-Elemente zu integrieren. Das können Auszeichnungen oder ein Punktesystem sein, oder aber eine Rangliste. Derartiges ermöglicht beispielsweise der Dienst Foursquare. Nutzer können sich mit Freunden an einem bestimmten Ort verabreden, etwa in einem Lokal. Der Service zeigt zu diesem Zweck den Standort von Bekannten auf einem Mobilgerät wie einem Smartphone oder Tablet-Rechner an. Zudem ermöglicht es Foursquare, Bars oder Restaurants zu bewerten. Für "Check-ins" an einem bestimmten Standort vergibt der Service Punkte oder Abzeichen, sogenannte Badges.
  • Allerdings sollten Entwickler nicht nur einfach Badges oder ein Punkte-Ranking in ihre Apps zu integrieren. Dies führt nicht zwangsläufig zu einem höheren Engagement der Nutzer. Vielmehr ist es notwendig, einen ergebnisorientierten Ansatz zu wählen. Dieser muss sicherstellen, dass die spielerischen Elemente auf den Geschäftsnutzen abgestimmt sind, beispielsweise der Erhalt von Rabatten beim nächsten Restaurantbesuch.
  • Apps müssen aktuelle Inhalte bereitstellen: In diesem Punkt können sich Entwickler an Twitter, Facebook oder E-Mail-Diensten ein Beispiel nehmen. Diese Apps profitieren davon, dass der Nutzer jedes Mal nach ihrem Aufruf neuen Content zu Gesicht bekommt, und zwar Inhalte, die auf seine Bedürfnisse abgestimmt sind.
  • Die Geschäftsprozesse sollten auf die schmalen Zeitfenster abgestimmt sein: Oft ist das Gegenteil zu beobachten: Die Prozesse erwarten vom Nutzer, dass sich dieser an sie anpasst – nicht umgekehrt. Das ist falsch. Prozesse müssen zunächst daraufhin untersucht werden, wo passende Schnittstellen zu Kunden vorhanden sind und welchen Mehrwert Microcycles bieten können. Anschließend gilt es die Geschäftsprozesse entsprechend anzupassen.
  • Ein reibungsloser Übergang zwischen Microcycles muss möglich sein: Nur selten lässt sich ein Vorgang, etwa der Kauf eines Produktes in einem Online-Shops, innerhalb eines Microcycles abschließen. Entwickler müssen somit "Platzhalter" in einen Prozess einbauen, die es dem Nutzer erlauben, nach einer Pause nahtlos an eine Aktivität anzuknüpfen. Um eine Transaktion durchzuführen, sollten Nutzer die Option haben, zwischen einem Smartphone, Tablet oder Notebook hin und her zu wechseln sowie mobile Apps oder einen Browser einzusetzen, wenn sie von einem Microcycle zum nächsten wechseln.
  • Microcycles sollten auf den Standort und den Kontext abgestimmt sein: Die meisten Nutzer verwenden ein Mobilgerät, um Leerlaufzeiten zu überbrücken und fast alle Smartphones und Tablets verfügen heute über GPS-Chips, die eine Standortbestimmung ermöglichen. Anwendungen, die auf Microcycles abgestimmt sind, sollten daher Informationen bereitstellen, die den aktuellen Standort des Users und den Kontext mit einbeziehen.

 

Performance von Microcycle-Anwendungen messen

Microcycles dauern oft nur wenige Sekunden. Daher ist es schwer, solche Aktivitäten zu erfassen und zu ermitteln, ob sie zu Transkationen führen. Die Werte für die Nutzungsdauer von Apps, Bouncing-Raten und Page Views fallen meist niedrig aus. Und das ist keineswegs negativ. Im Gegenteil, es sollte das Ziel sein, diese Werte möglichst niedrig zu halten. Verlässlicher sind Daten wie etwa das Aktivitätsniveau des Nutzers und die Zahl der Vorgänge, die er erfolgreich abgeschlossen hat.

Wichtig ist, dass Performance-Daten auf den Geschäftsnutzen ausgerichtet sind, den das Unternehmen mithilfe von Microcycles erzielen will. Somit muss ein Unternehmen im Vorfeld die Ziele definieren, die es mithilfe von entsprechenden Anwendungen erreichen möchte.

Trends: "Wearable Devices" und Sprachsteuerung

Künftig werden Microcycles noch stärker an Bedeutung gewinnen. Ein Grund dafür sind "Wearable Devices" wie die Google-Brille (Google Glass) oder Smart Watches von Apple, Samsung und anderen Anbietern. Sie ermöglichen es dem Nutzer, Informationen abzurufen und zu verarbeiten, ohne dass er das Endgerät im Auge haben muss. Somit können User solcher Systeme produktiv sein, während sie Auto fahren oder Sport treiben. Dadurch steigt die Zahl der verfügbaren Microcycles erheblich an.

Vergleichbare Optionen bieten Spracherkennungsprogramme und digitale Assistenten wie Siri von Apple und Google Now. Auch sie ermöglichen es, mit anderen zu kommunizieren oder "zwischendurch" Aufgaben zu erledigen, ohne dazu eine Tastatur zu benutzen. Je präziser solche Programme arbeiten, desto stärker werden Nutzer darauf zugreifen, um Aufgaben während eines Microcycles zu erledigen.

*Dr. Kay Müller-Jones ist Head of Global Consulting Practices, TCS

Bildquelle: Lupo / pixelio

©2020Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok