Telekom killt Flatrates

Minister Rösler ist nicht amüsiert

Die Telekom macht, was ein Unternehmen besser vermeiden sollte: Zum Politikum werden.

Wirkt schon erschöpft: Internet in Deutschland

Chapeau, Telekom. Das gelingt nicht jedem und nicht in 48 Stunden: In den Fokus der Bundespolitik zu kommen. Grund ist die Entscheidung zur Abschaffung der echten Flatrates. Das begeistert nicht jeden, auch nicht Bundeswirtschaftsminister Phillip Rösler. Er sieht sich sogar gezwungen, einen Brief an Konzernchef René  Obermann zu schreiben und darin seine Besorgnis über das Vorgehen der Telekom zu äußern.

Rösler befürchtet “unfairen Wettbewerb” und ein “Zwei-Klassen-System” bei Internetzugängen. Im ARD-Morgenmagazin legte Rösler dann in einem Interview nach. Er sprach von “Wettbewerbs-Benachteiligung” und kündigt an, die neuen Tarife von der Bundesnetzagentur prüfen zu lassen.

So hatten sich die Telekom-Oberen das sicher nicht vorgestellt. Was als Änderung bei Neuverträgen von Privatkunden geplant war, erzeugte zuerst einen heftigen Shitstorm im Internet und endete schließlich als Politikum. Die Meldung “Telekom schafft Flatrates ab” machte ziemlich schnell die Runde und verließ innerhalb von Rekordzeit die Kanäle der Blogs und sozialen Netzwerke.

Üblicherweise gilt ein Thema dann als “groß”, wenn sich ein Medium wie Spiegel online oder Zeit online der Sache annimmt. Netzaktivist und Internetberater Sascha Lobo nutzte seine allwöchentliche Netzkolumne bei Spiegel online, um das Thema auf die Agenda zu bringen. Und auch die Zeit entdeckte die Drosselkom-Geschichte und veröffentlichte eine Analyse des Grünen-Netzpolitikers Malte Spitz.

Endgültig im Mainstream und damit in Sichtweite der Bundespolitik angelangt war das Thema, als die Tagesschau es mit einem Anderthalbminüter auf die Bildschirme brachte - mit einem ausführlichen Statement von Netzaktivist Markus Beckedahl, der in einem Artikel von Zwei-Klassen-Internet sprach. Auch andere Politiker haben die Drosselpläne entdeckt. Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner kristisiert sie als “nicht verbraucherfreundlich”.

Der netzpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion Lars Klingbeil sieht “gesetzgeberischen Handlungsbedarf” und kündigt eine entsprechende Inititative seiner Fraktion an. Der Berliner Piraten-Politiker Christopher Lauer wird konkreter: “Wir sollten in der Tat die Telekom enteignen und den Bürgerinnen und Bürgern ihr Netz zurückgeben.”

Netze in Bürgerhand, Trennung von Infrastruktur und Diensten? Die Drosselpläne der Telekom entpuppten sich als extremer Aufreger. Ein weiteres Zeichen dafür ist die Geschwindigkeit, mit der die Anti-Drossel-Petition Unterschriften sammeln kann. Innerhalb weniger Stunden waren 10.000 Unterstützer erreicht und seitdem steigt die Anzahl der Petenten kontinuierlich an.

Doch nicht nur die Kunden der Telekom sind erbost. Auch Mitbewerber wie zum Beispiel der Online-Videoanbieter Watchever kritisieren die Entscheidung, den Videodienst Entertain bevorrechtigt zu behandeln. Und der Router-Produzent Viprinet ruft Politik und Regulierungsbehörden dazu auf, gegen das wettbewerbs- und verbraucherfeindliche Vorgehen der Deutschen Telekom einzuschreiten.

“Die Begründung, dass die Drosselung eingeführt werde, damit die Backbones nicht überlastet werden, ist hanebüchen” meint Viprinet-Geschäftsführer Simon Kissel. In Wirklichkeit gebe es in Deutschland gigantische Backbone-Überkapazitäten und der Datenverkehr sei zu Spottpreisen zu realisieren. Von diesen Bandbreiten kommt allerdings beim Endanwender wenig an.

Der Akamai-Bericht "The State of the Internet" ergibt für Deutschland ein blamables Ergebnis: Es liegt im im Ranking der Länder mit dem schnellsten Internetzugang weit abgeschlagen auf Platz 19. Ein Skandal im Skandal, zu dessen Aufklärung die Investigativ-Aficionados vom Enthüllermagazin “Der Postillon” etwas beitragen können: Die  Internetvorräte des rohstoffarmen Deutschland sind bald erschöpft.

Bildquelle: Statista

 

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