Fünf Jahre nach dem Foxconn-Skandal

Missstände in der IT-Produktion

Insbesondere nach dem Selbstmordskandal bei Foxconn vor fünf Jahren wurde viel über die Produktionsbedingungen der IT-Industrie geschrieben. Doch was hat sich seitdem verändert? Andrea Ben Lassoued, Projektleiterin Clean-IT bei der Südwind Agentur in Wien, gibt auf Nachfrage von MOBILE BUSINESS einen Einblick in aktuelle Verhältnisse.

Andrea Ben Lassoued, Südwind Agentur

Andrea Ben Lassoued, Projektleiterin Clean-IT bei der Südwind Agentur in Wien

Frau Ben Lassoued, wie gestalten sich Ihrer Ansicht nach die Arbeitsbedingungen – beispielsweise hinsichtlich Arbeitszeit, Entlohnung sowie Arbeitsschutz – in den Produktionsstätten der PC-, Smartphone- und Tablet-Herstellern?
Andrea Ben Lassoued:
Arbeiter in der IT-Produktion schuften oft für einen Hungerlohn, mit dem sie ihre Grundbedürfnisse nicht decken können. Dazu kommen lange Arbeitszeiten von bis zu zwölf Stunden am Tag und das an sechs bis sieben Tagen die Woche. Die Verwendung von schädlichen Chemikalien im Produktionsprozess stellt eine Gefahr für die Gesundheit der Arbeiter dar. Oft wissen sie über mögliche Gesundheitsfolgen kaum Bescheid.

Wie ist es um die Arbeitsbedingungen bei deren Auftragsfertiger und Zulieferern bestellt?
Ben Lassoued:
Studien belegen: Je weiter unten in der Lieferkette, desto geringer sind die Löhne. Abgesehen davon ist aber über Arbeitsbedingungen bei Sublieferanten derzeit noch zu wenig bekannt, um allgemeine Aussagen treffen zu können. Es ist kaum anzunehmen, dass sie besser sind als bei den großen Herstellern, die mehr im Licht der Öffentlichkeit stehen und dadurch auch mehr Druck haben, Verbesserungen durchzuführen.

Inwiefern haben sich nach dem Selbstmordskandal bei Foxconn vor fünf Jahren die Produktionsbedingungen verbessert?
Ben Lassoued:
Es gibt keinen überzeugenden Beweis dafür, dass sich die Arbeitsbedingungen seit dem Selbstmord-Skandal bei Foxconn verbessert haben. Erst kürzlich wurden diese sogar offen vom chinesischen Gewerkschaftsverbund All China Federation of Trade Unions (ACFTU) kritisiert. Laut der iLabour Action Group, einem Forschungsteam aus sechs verschiedenen chinesischen Universitäten, stagniert der Grundlohn der Foxconn-Arbeiter seit 2010.

Welche krassen Missstände findet man immer noch vor?
Ben Lassoued:
Ein Grundlohn der nach wie vor kaum zum Leben reicht, führt noch immer dazu, dass Arbeiter eine exorbitante Anzahl an Überstunden leisten müssen. Zahnlose Gewerkschaften, die keine Macht haben Verhandlungen mit dem Arbeitgeber durchführen zu lassen, sind gang und gäbe. Probleme die weniger bekannt sind, doch in den meisten IT-Produktionsländern vorkommen, sind Zwangspraktika für Student sowie ein hoher Anteil an Leiharbeiter und Migranten, deren Position noch schlechter ist als jene der regulären Arbeiter.

Inwieweit fallen hier Unterschiede hinsichtlich der Produktionsstandorte ins Gewicht?
Ben Lassoued:
Unterschiede fallen kaum ins Gewicht: Exzessive Überstunden, Niedrigstlöhne und der fehlende Einfluss von Gewerkschaften sind in fast allen Produktionsländern, von China bis Indien, vorhanden. Besonders niedrig sind die Löhne derzeit in Vietnam, wo es noch dazu keine unabhängigen Gewerkschaften oder Arbeitsrechtsorganisationen gibt. In den meisten Ländern gibt es zwar Gewerkschaften, doch diese haben nicht die Macht, mit den Arbeitgebern zu verhandeln. Daher können die Arbeiter kaum bessere Arbeitsbedingungen durchsetzen. In China ist die Gewerkschaft zu abhängig von der Staatspartei. In Ländern wie Malaysia, den Philippinen, Thailand, Indonesien, Vietnam und Kambodscha haben die meisten Arbeiter zu viel Angst vor einer Entlassung, um sich einer Gewerkschaft anzuschließen. Singapur, Malaysia, Südkorea und Thailand sind bekannt für ihren hohen Anteil an Arbeitskräften mit Migrationshintergrund in der IT-Industrie. Meist verdienen sie noch weniger als reguläre Arbeiter, sind Diskriminierungen ausgesetzt und werden von Gewerkschaften nicht vertreten. Oft müssen sie auch hohe Vermittlungsgebühren bezahlen und ihren Pass in den Fabriken abgeben.

Inwiefern lassen sich auf dem chinesischen Markt überhaupt „soziale“ Arbeitsbedingungen in der IT-Hardware- bzw. Smartphone-Produktion finden?
Ben Lassoued:
In China, dem größten Produktionsstandort der IT-Industrie, gibt es keine fairen Arbeitsbedingungen im Sinne der ILO-Arbeitsstandards. Weder existieren unabhängige Gewerkschaften, noch gibt es kollektive Tarifverhandlungen an, beides sind Kernelemente der ILO-Standards. In den letzten Jahren gab es aber auch Positives zu verzeichnen: 2008 wurden zum Beispiel befristete Arbeitsverhältnisse stärker reguliert durch ein verbessertes Arbeitsvertragsgesetz. Anfang Januar 2015 trat in Guangdong/Kanton ein neues Tarifvertragsgesetz in Kraft. Welche Verbesserungen dies bringt, muss allerdings erst die Praxis zeigen.

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