Kommissionierung 4.0

Mit einem Pick alles im Griff?

Eine Vielzahl komplexer logistischer Prozesse läuft im modernen Lager zeitgleich ab. Immer größere Aufträge müssen in immer kürzerer Zeit abgewickelt werden, während gleichzeitig die Lagerhaltung optimiert werden soll. Einzelstückbestellungen und zunehmende Variantenvielfalt machen es erforderlich, dass Unternehmen schon bei der Kommissionierung auf die richtige Methode setzen.

  • Mit einem Pick alles im Griff?

    "Pick by Paper" gehört in den meisten Betrieben längst der Vergangenheit an. Digitale Kommissioniermethoden erfreuen sich daher immer größerer Beliebtheit.

  • Mit einem Pick alles im Griff?

    „Als intuitiv zu bedienende Technologie wird Voice seine Stellung als Mensch-Computer-Interface in der Logistik noch lange behaupten", glaubt Tim Just von Topsystem.

  • Mit einem Pick alles im Griff?

    „77 Prozent der Befragten in Deutschland erwarten, dass smarte Datenbrillen innerhalb der nächsten drei Jahre in ihrem Betrieb zum Einsatz kommen", sagt Jörg Schmidt von Toshiba.

  • Mit einem Pick alles im Griff?

    Assisted-Reality-Lösungen wie etwa eine smarte Datenbrille, finden in der Intralogistik immer weitere Verbreitung. ((Bildquelle: Toshiba))

Schon seit langem wird in modernen Lägern nicht mehr mit Stift und Zettel gearbeitet, denn es existiert eine Vielzahl an beleglosen Kommissioniermethoden, die allesamt die Pick-Rate erhöhen, die Fehlerrate verringern und gleichzeitig die Arbeiter entlasten sollen. Egal ob Datenbrille, „Voice-Picking“ oder smarter Transportroboter – es werden verstärkt Technologien eingesetzt, die die Prozesseffizienz erhöhen sollen. Da diese Methoden ohne den Einsatz von Papier funktionieren, sind sie nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern sparen auch Materialkosten und können eine zuverlässige Dokumentation des gesamten Waren- und Materialflusses bieten. Doch welche Methode eignet sich für welches Lager? Und halten die Technologien tatsächlich, was sie versprechen?

Picken nach Gehör

Hinter Pick-by-Voice verbirgt sich die Idee eines digitalen, sprachgeführten Assistenzsystems, das Logistikmitarbeiter durch ihre Arbeitsprozesse führen soll. Die Arbeiter kommunizieren über ein Headset und ein mobiles Datenerfassungsgerät mit dem Lagerverwaltungssystem. Alternativ kann an dieser Stelle auch eine Kommissionierweste zum Einsatz kommen: In diesem Fall sind die entsprechenden Headset-Funktionalitäten (Mikrofon, Lautsprecher) in die Jacke eingebettet und der Kommissionierer kann seinen Kopf uneingeschränkt bewegen. Die Pick-Aufträge erfolgen über die Sprachausgabe; hat der Lagerist den entsprechenden Auftrag abgeschlossen, bestätigt er dies über das Mikrofon und durch Spracherkennung wird der Vorgang automatisch in das System eingebucht.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 1-2/2019. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.


„Pick-by-Voice-Systeme haben drei wesentliche Vorteile: Sie steigern die Effizienz, optimieren die Qualität und maximieren die Ergonomie für die Benutzer“, konstatiert Tim Just, der als Geschäftsführer von Topsystem an eben solchen Lösungen arbeitet. Auch funktioniere das System komplett ohne Medienbrüche, wie er betont. Den traditionellen Anwendungsfall sieht Just in der Kommissionierung mit Multi-Order- oder Single-Order-Picking, aber auch für weitere Arbeitsgänge wie Inventur, Qualitätssicherung, Versand oder Umlagerung komme Pick-by-Voice durchaus als Alternative zum klassischen Kommisionieren mittels Liste oder Scanner in Betracht.

Eingesetzt werden, so Just, die Pick-by-Voice-Lösungen seines Unternehmens in unterschiedlichen Bereichen: Dazu zählen etwa Betriebe aus dem Lebensmitteleinzelhandel, Logistikdienstleister oder die Automobilindustrie. Aber nicht nur innerhalb des Lagers kommt die Technologie zum Einsatz, wie Just feststellt: „Allgemein kann Voice überall dort eingesetzt werden, wo eine Kommunikation oder Interaktion zwischen Mensch und Computer stattfindet.“

Obwohl dies zunächst positiv erscheint, weil dadurch effizienter gepickt werden kann, gilt zu bedenken, dass dadurch auch das Unfallrisiko (z.B. Kollisionen durch Unachtsamkeit gegenüber externen akustischen Signalen) erhöht werden kann. Zudem können Umgebungsgeräusche dazu beitragen, dass  die Sprachübermittlung und -eingabe gestört werden. Nicht zu vernachlässigen ist ebenfalls die Tatsache, dass das System unter Umständen mehrsprachig ausgelegt sein muss, um problemlos zu funktionieren. Und auch etwaige Akzente ausländischer Mitarbeiter können das Pick-Ergebnis beinträchtigen. An diesem Punkt hält jedoch Just entgegen: „Mithilfe von neuronalen Netzwerken und Deep-Learning-Verfahren verbessern wir noch einmal deutlich die Erkennung von Nichtmuttersprachlern und Akzenten.“

Mit Pick-by-Vision alles im Blick?

Eine weitere Variante des beleglosen Kommissionierens, das sogenannte „Vision Picking“,  nutzt Augmented-Reality-Technologie (AR). „Unter Pick-by-Vision versteht man ein Kommissionierverfahren, bei dem mithilfe einer smarten Datenbrille kommissioniert wird, um einen effizienten Arbeitsablauf zu gewährleisten“, fasst Jörg Schmidt, Head of B2B PC DACH bei Toshiba, die Technologie zusammen. Dank Augmented Reality und eines Tracking-Systems können die Position des Lageristen und die Objekte in seiner Umgebung miteinbezogen werden. Die entsprechenden Anweisungen und Informationen lassen sich dadurch direkt in das Sichtfeld des Pickers projizieren. Bei einer monokularen Lösung werden die virtuellen Informationen dabei nur vor ein Auge projiziert. Über ein Tablet oder einen Barcode-Scanner können Eingaben, wie z.B. die Quittierung des Auftrags, vorgenommen werden.

Für Jörg Schmidt liegen die Vorteile auf der Hand, denn auch diese Lösung ermöglicht freihändiges Arbeiten und profitiere von der schnelleren Datenübermittlung. Da auch die Pick-Liste bei Änderungen automatisch angepasst werden könne und der Mitarbeiter diese Informationen direkt übermittelt bekomme, entfielen auch mögliche Latenz-
zeiten.

Gefragt nach dem zukünftigen Einsatz von Wearables in der Intralogistik ist Schmidt optimistisch: „Waren Wearables lange Zeit fast ausschließlich im Consumer-Bereich vertreten, zeigt eine von Toshiba in Auftrag gegebene Studie zur Zukunft der IT, dass nun auch immer mehr Firmen das Thema auf ihre Agenda setzen.“ Als Treiber für diesen Trend benennt er die Produktivitätssteigerung der Mitarbeiter sowie die ansteigende Datenmenge, die das Internet der Dinge (IoT) mit sich bringt. „Man muss demnach nicht allzu tief in die Glaskugel blicken, um zu prognostizieren, dass uns das Thema „Assisted Reality“ in den nächsten Jahren begleiten und die Arbeitswelt prägen wird“, resümiert er. Allerdings, so gibt Tim Just zu bedenken, hat gerade das Trendthema „Pick-by-Vision“ aktuell noch Nachbesserungsbedarf, was Arbeitssicherheit, Ergonomie, Tragekomfort und Akkulaufzeit anbelangt.

Pick-by-Robot

Während „Voice“ und „Vision“ dem Ansatz folgen, den menschlichen Arbeiter mit smarten Wearables zu unterstützen, verfolgt Pick-by-Robot ein ganz anderes Konzept, da hier langfristig der Kommissionierer nicht nur unterstützt, sondern ersetzt werden könnte. Der Roboter soll dahingehend weiterentwickelt werden, dass er sämtliche Lagergänge autonom und dabei selbstlernend ausführen kann.

Bei dieser Methode übernehmen wahrnehmungsgesteuerte mobile Roboter die Aufgaben des Lageristen, indem ihnen zunächst die 
aktuelle Pick-Liste über das Warehouse-Management-
System (WMS) des Lagers übermittelt wird. Im Anschluss daran bewegen sie sich autonom zu den verschiedenen Gütern, wobei sie gleichzeitig die beste Route berechnen und aus ihren Erfahrungen nicht nur lernen, sondern diese auch mit dem Rest der Flotte teilen. Nach der Entnahme der entsprechenden Waren aus dem Lager werden die jeweiligen Auftragsdaten selbsttätig an das WMS gesandt und dort verbucht.

Nachteilig könnte zum jetzigen Zeitpunkt noch sein, dass besonders im Falle einer heterogenen Palette an Lagerartikeln die Pick-Vorgänge so speziell sind, dass ein menschlicher Arbeiter sie schneller erledigen kann. In gemischten Lägern ist daher die menschliche Hand-Augen-Koordination derzeit besser dazu geeignet, auf komplexe Sachverhalte zu reagieren. Dennoch schreitet die Entwicklung der Kommissionierroboter stetig voran und erzielt auch in diesem Bereich, etwa durch die Verbesserung der Sensorik, bereits Erfolge. Allerdings schrecken Unternehmer noch vor der Einführung von Pick-Robotern zurück, da sie mit erheblichen Kosten verbunden sind und es oftmals nicht klar ist, ob sich die Investition amortisieren lässt.

Es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis die Pick-by-Robot-Methode tatsächlich so weit fortgeschritten ist, dass sie den menschlichen Arbeiter komplett aus dem Lager „verdrängen“ kann, weshalb Industrie und Hersteller weiterhin am Ausbau digitaler Hilfsmittel interessiert sind, die alle darauf abzielen, die Effizienz der Lageristen zu steigern.

Blick in die Zukunft

Obwohl es zig verschiedene Lagerszenarien, -typen  und -tätigkeiten gibt, steht fest, dass die digitale Technik in der Intralogistik Fuß gefasst hat. Davon sind längst nicht nur administrative Tätigkeiten betroffen, sondern auch das tatsächliche Lager selbst, denn auch der englische Begriff kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass „Pick-by-Paper“ (also das Kommissionieren mittels einer Papierliste) in der langen Frist wohl nur noch für sehr wenige, sehr spezielle Anwendungsfälle eine echte Option darstellt.

Dynamische Prozesse, große Produktvielfalt, immer engere Liefertermine und die schiere Größe vieler Läger machen es erforderlich, dass das jeweilige Unternehmen die für sich optimale Strategie mithilfe digitaler Helfer findet. Ob dabei nun mittels Scanner, Headset oder virtueller Datenbrille gepickt wird, ist stark von den Anforderungen des jeweiligen Lagers abhängig. In Zukunft werden aber auch Modelle, bei denen verschiedene Methoden zum Einsatz kommen, verstärkt eine Rolle spielen. Die Kombination etwa aus „Voice“ und „Vision“ sieht Tim Just als einen Schritt zur Intralogistik der Zukunft. 

 

 

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