Renaissance des Pen-Computing

Mobile Anwendungen mit digitalen Stiften

Samsung hat es vorgemacht Asus, LG, Lenovo, Microsoft, Toshiba und Sony folgen. Sie alle statten Smartphones, Phablets und Convertible-Notebooks mit digitalen Stiften aus. Ist das nur eine Masche, um in gesättigten Märkten Aufmerksamkeit zu erregen oder bringen die Stifte für Anwender und Unternehmen tatsächlich Nutzen?

  • Microsoft Surface Pro 2: Schweres Tablet mit separatem Stift und guter Handschrifterkennung. Die Stiftbedienung ist nicht durchgängig umgesetzt – so sind gelegentliche Wechsel auf die Touch-Funktion notwendig. Der Stift ist auch als Mausersatz nutzbar.

  • Samsung Galaxy Note 10: Pen-Phablet mit Handschrifterkennung und vielen Zusatzfunktionen für den aktiven Stift mit Knopf. Der Hersteller bietet die am weitesten entwickelte Pen-Umgebung.

  • Toshiba Excite-Write: Professionelles Gerät mit enger Integration der Stiftunterstützung ins Betriebssystem. Android-Buttons werden im Display angezeigt, d.h. die Position ist softwareseitig konfigurierbar. Das Gerät ist deutlich schwerer als Vergleichskandidaten.

  • Dell Venue Pro 8: Kleines und leichtes Windows-8-Tablet mit hoher Auflösung (HD). Die Stiftunterstützung befindet sich auf Windows-8.1-Standard. Zudem sind keine zusätzlichen Stiftanwendungen vorhanden. Ohne Zusatztastatur ist das Device kaum professionell nutzbar.

  • Asus Phonepad: Android-Smartphone mit guter Integration des Stiftes in das Betriebssystem. Leider ist wenig stiftspezifische Zusatzsoftware auf dem Gerät vorhanden.

  • Lenovo Helix 2: Professionelles Konvertibel mit ansteckbarer Tastatur und einsteckbarem Stift. Durch die solide Bauweise ist das Device auch ohne Tastatur ein eher schweres Tablet ohne Telefonfunktion und spezielle Stiftanwendungen.

Wer den Markt der mobilen Geräte beobachtet, kann zurzeit über dreißig Systeme entdecken, die mit digitalen Stiften ausgestattet sind. Vom einfachen Stylus, der bei klobigen Fingern helfen soll, bis hin zum aktiven Stift, der schon vor der Berührung des Bildschirms erkannt wird, reicht das Spektrum. Diese Stift-Renaissance ist umso erstaunlicher, als die Branche bisher bedingungslos dem Apple-Modell folgte. Kein anderer als Steve Jobs hatte einst verkündet, Stifte seien für mobile Geräte überflüssig, der Mensch habe schon zehn. So hat sich seit dem Erscheinen des iPhone eine ganze Generation von Nutzern in die Fingerbedienung verliebt. Warum also bieten so viele Hersteller nun Geräte zusätzlich mit Stift an?

Schlicht und ergreifend, weil sie Erfolg haben. Samsung hat von seiner Galaxy-Note-Serie mit aktiven Stiften bereits über 40 Millionen Stück verkauft. Angesicht von über einer Milliarde neuen Smartphones in 2013 eine geringe Zahl, aber wohl doch so viele, dass die übrigen Hersteller die Stifte nicht ignorieren konnten und mit eigenen Geräten nachziehen mussten. Einige Hersteller wie Asus, LG oder Sony haben auch schon die zweite Gerätegeneration am Markt.

Erfolg gibt Stiftkonzept recht

Die Beliebtheit der Stifte erklärt sich vor allem durch die Produktivitätsgewinne für die Benutzer, aber auch immer mehr Unternehmen entdecken die Vorteile der Stifteingabe. Für die schnelle Notiz zwischendurch gibt es diverse Hilfsprogramme, mit denen der übliche Zettelwust auch ohne Handschrifterkennung unter Kontrolle gebracht werden kann. Mit Texterkennung ist der Übergang zu Aufgabenlisten und Anwendungen zur Selbstorganisation fließend. Die digitalen Stifte bringen vor allem Geschwindigkeit in der Bedienung, sei es durch die Handschrifterkennung oder durch Gesten, die eine umständliche Menüauswahl überflüssig machen. Insbesondere bei der unmittelbaren Manipulation von graphischen Objekten am Bildschirm bietet die Verwendung von Stiften gegenüber der groben Fingerbedienung oder der indirekten Maussteuerung Vorteile.

Möglich wird der Erfolg der Stifte durch neue induktive Digitizer, die aktive Stifte genauer lokalisieren können, und vor allem unabhängig von der für die Fingererkennung genutzten kapazitiven Technologie sind. Fingergesten und Stifteingaben kommen sich so nicht ins Gehege. Zudem ermöglicht die kapazitive Stifttechnologie zusätzliche Funktionen, z.B. über Tasten am Stift. Auch das sogenannte „hovern“, also die frühzeitige Erkennung des Stiftes, bringt neue Optionen mit sich, wie etwa das berührungslose Scrollen oder Blättern, aber auch das Anzeigen von Hilfetexten zu graphischen Bedienungselementen, bevor diese ausgelöst werden. Die genauere Stiftortung ermöglicht auch eine präzisere Handschrifterkennung, die inzwischen so weit verbessert wurde, dass ein flüssiges Schreiben möglich ist. Als alternativer Modus der Bildschirmtastatur wird die Handschrifterkennung zudem bei den meisten Systemen ohne Änderungen für alle Feldeingaben in beliebigen Apps nutzbar.

Unternehmenseinsatz Schwerpunkt Vertrieb

Diese Vorteile machen sich auch Unternehmen zu Nutze. Stiftbasierte Anwendungen erobern Schritt für Schritt den Außendienst. Von Wartungs- und Service-Aufgaben, bei denen es Checklisten abzuhaken und Protokolle zu erstellen gilt, über Datenerfassungsanwendungen in der Lagerhaltung und Logistik bis zu komplexen vertikalen Anwendungen, zum Beispiel für die Schadenserfassung im Versicherungswesen, reicht das Spektrum. Ein klarer Einsatzschwerpunkt ist der Vertrieb, wobei die Geräte sowohl im Filialgeschäft wie auch bei Kundenbesuchen vor Ort eingesetzt werden. Es existiert eine Reihe von spezialisierten Anwendern aber auch branchenübergreifenden Lösungen.

Zu letzteren zählt das CRMmobile-System von Update. Die windows-basierte CRM-Software unterstützt den Zugang über Android-, iPhone, iPad und Windows-Geräte. Bei der Bedienung von der Software kann die Stifteingabe der jeweiligen Plattform einschließlich der Handschrifterkennung genutzt werden. Im Verkaufsgespräch können so die Sonderwünsche des Kunden zu einer Bestellung erfasst werden. Das System wird für Produktpräsentation eingesetzt und bietet im Verkaufsgespräch auch die Möglichkeit der direkten Rückmeldung über die Verfügbarkeit und Liefertermine.

Nicht immer steht im Außendienst eine funktionierende Onlineverbindung zur Verfügung. Für Anwendungsfelder, in denen die lokale Verfügbarkeit der Kundendaten zwingend notwendig ist, bietet Update mit der „CRMapp“ eine dedizierte Anwendung für das iPad. Einer der Einsatzschwerpunkte der App ist der Pharmabereich in dem Kundendaten und Bestellungen nicht nur mit dem Stift eingegeben werden, sondern durch die Erfassung der Kundenunterschrift mit dem Stift auch rechtsverbindlich vor Ort bestellt werden. Mit der nächsten Onlineverbindung werden die Bestelldaten dann an das zentrale CRM übertragen und können weiterbearbeitet und an ein ERP-System weitergeleitet werden.

Handschrifterkennung für die Dateneingabe

Ebenfalls mit einer stiftfähigen Benutzerschnittstelle hat Microsoft das Produkt Dynamics CRM ausgestattet, dass zum Beispiel auf Windows 8.1-Tablets wie dem Surface Pro 2 läuft. Die Benutzerschnittstelle folgte dem „Modern UI“ (vormals „Metro“) und bereitet die Verkaufszahlen graphisch auf. Neben der Bedienung der Anwendung mittels Stift kann auch die Handschrifterkennung für die Dateneingabe verwendet werden.

Verschiedene Dienstleister bieten alternative mobile Zugänge zu Dynamics CRM wie zum Beispiel Resco, die Apps für Android und Apples iOS zur Verfügung stellen. Der amerikanische CRM-Spezialist Capturx, der in Europa durch die englische Firma Phorium vertreten wird, hat Dynamics CRM mit der autark arbeitenden Stift-Technologie von Anoto verbunden. Über spezielle Formularvordrucke können Daten auch auf Papier erfasst werden und mit der rechtsverbindlichen Unterschrift via Bluetooth über eine Smartphone- oder Phablet-App an ein zentrales Dynamics CRM über-
mittelt werden. Mobiler kann Datenerfassung nicht werden und ist mithilfe der digitalen Stifte in jeder Umgebung möglich.

Speziell für den Stift entwickelt hat die oPen Software aus Elmshorn bei Hamburg ihre CRM Lösung, die im Vertrieb von Retail-Unternehmen wie Dannemann, Hipp, Melitta oder Revell im Einsatz ist. Welche Vorteile die Stiftorientierung für den Vertrieb mit sich bringt, zeigt der Einsatz der Lösung bei der Hipp GmbH & Co KG, die neben der bekannten Kindernahrung auch Spezialnahrung für Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen vertreibt. Hipp verwendet die CRM-Software im Bereich der Babynahrung für die Marktbeobachtung und erfasst mit Stifteingabe unter anderem die Regalpotentiale, d.h. die Aufteilung der hart umkämpften Regalfläche in den Einzelhandelsfilialen. Dabei wird durch Verschieben der Grenzen von graphischen Produktkästchen mit dem Stift die tatsächliche Produktpräsentation erfasst.

Konkurrenzsituation und Produktprsentation

Mithilfe der so gewonnen Daten wird bei Hipp die Konkurrenzsituation analysiert, die Einhaltung von Vereinbarungen mit den Vertriebspartnern kontrolliert und Vorschläge für die Verbesserung der Produktpräsentation erarbeitet. Auch bei der Pflege der Kundendaten kommt der Stift zum Einsatz. Mit der CRM-Lösung lässt sich das gesamte Beziehungsnetzwerk zwischen der Vertriebsorganisation, den Vertriebspartnern und den Einzelhändlern auf Basis einer Graphendatenbank abbilden. Die graphische Repräsentation des Beziehungsnetzwerkes wird dabei mit dem Stift gepflegt, d.h. Positionsveränderungen der beteiligten Mitarbeiter bzw. der Beziehungen untereinander können durch ziehen bzw. lösen von Verbindungslinien zwischen den dargestellten Personen bzw. Organisationseinheiten verändert werden.

Bei Hipp werden so auch die komplexen Beziehungsnetzwerke zwischen Hebammen, Geburtskliniken und Ärzten gepflegt, um unter anderem Babynahrung und Spezialnahrung früher und näher an die Endverbraucher positionieren zu können. Mit Hilfe der Stiftunterstützung der CRM-Lösung fällt die Aktualisierung dieser nicht hierarchischen Partnerinformationen, die sich häufig verändern, leichter und es bleibt mehr Zeit für die eigentliche Partnerbetreuung. Das Wünsche der Partner und Bestellungen mit dem Stift erfasst werden ist für die oPen Software selbstverständlich und wird durch spezielle Gesten zur Effizienzsteigerung unterstützt.

Der Einsatz von Stiften in Smartphones, Tablets und Convertibles ist kein Spielzeug sondern bringt Produktivität in der persönlichen Nutzung der Geräte und Effizienz in der Umsetzung von betrieblichen Prozessen mit sich. Die digitalen Stifte werden die Fingerbedienung nicht ersetzen, sich aber als zeitsparende Alternative fest etablieren. Für Unternehmen, die Medienbrüche überwinden und Prozesse im Außendienst und Vertrieb effizienter gestalten wollen, werden digitale Stifte unverzichtbar werden.

 

Bildquelle: Thinkstock/ iStock

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