Smartphones lassen Geld virtuell werden

Mobile Payment lässt auf sich warten

Der große Durchbruch des Mobile Payments ließ bislang auf sich warten, Bargeld ist im Alltag so präsent wie eh und je. Zahlreiche Anbieter von Bezahllösungen sind bereits auf den noch stehenden Zug aufgesprungen, doch fehlt es an einheitlichen Standards.

Ein Blick in öffentliche Verkehrsmittel reicht aus, um die These zu bestätigen, dass mobile Geräte, vorrangig Smartphones, zum beliebtesten Beschäftigungsmittel – nicht nur für unterwegs – zählen. Der unverzichtbare Nutzen? Praktisch, weil immer dabei. Da liegt es nahe, das Smartphone auch in den Bezahlprozess der täglichen Einkäufe einzubeziehen. So wird Mobile Payment in den letzten paar Jahren – wenn auch nur sprachlich – inflationär gebraucht. Eine praktikable Umsetzung lässt bisweilen noch auf sich warten. Dies ist nicht zuletzt der unklaren Definition des „mobilen Bezahlens“ geschuldet. So scheint es hauptsächlich darum zu gehen, dem Bargeld abzuschwören. Über die zahlreichen Möglichkeiten der alternativen Bezahlverfahren kann gestaunt werden, stiften sie doch zunehmend Verwirrung auf Nutzerseite.

Kartenzahlung per se, bislang an einer stationären Ladenkasse mit entsprechendem Kartenzahlterminal, hat nur wenig bis gar nichts mit Mobilität oder dem Smartphone zu tun. Doch hier hat sich etwas geändert: ob Taxifahrer, mobile Fußpflege oder Flohmarkt – mit Kreditkarten-Einsteckmodulen und einer entsprechenden App lässt sich jedes Smartphone oder Tablet zur mobilen Kasse aufrüsten. Vorreiter hier, wen wundert es, war bereits 2009 der US-amerikanische Bezahldienst Square. Seitdem folgten einige deutsche und europäische Anbieter. „Dadurch, dass traditionelle Kartenzahlungsanbieter meist hohe monatliche Fixkosten, lange Vertragslaufzeiten und Mindestumsätze verlangen, waren kleine und mittelständische Unternehmer von dieser Entwicklung bisher ausgeschlossen und konnten oft keine Kartenzahlung anbieten. Neue Anbieter stellen dem ein flexibles und dynamisches Modell gegenüber, das es kleinen und mittelständischen Unternehmen erstmals ermöglicht, Kartenzahlung anzubieten und neue Umsatzpotentiale zu erschließen – mobil, kostengünstig und sicher“, erklärt Konstantin Wolff, Gründer und Geschäftsführer von Payleven, seine Geschäftsidee. Anders als das amerikanische Vorbild setzt das deutsche Unternehmen auf ein externes Lesegerät, das sich via Blue­tooth mit dem Gerät verbindet.

Hohe Gebühren haben kleine Gewerbetreibende abgeschreckt, Kartenzahlungen anzubieten. Die Transaktionsgebühr für die Nutzung der mobilen Module hatte sich in der jüngsten Vergangenheit bei 2,75 Prozent eingependelt, doch überall, wo es mehr als einen Anbieter gibt, herrscht Preiskampf. So hat das schwedische Unternehmen iZettle kürzlich durch die Senkung auf 0,95 Prozent auf sich aufmerksam gemacht. Jetzt will es sogar noch einen Schritt weitergehen und Kunden mit hohen Kartenumsätzen Sonderkonditionen einräumen. Dies könnte dazu führen, das etablierte Zahlungsdienstleister mit höheren Gebühren aufgemischt werden, wenn größere Händler auf das neue Prinzip umschwenken.

Neben dem Kostenaspekt für den Händler spielt das Thema Sicherheit für viele Nutzer eine wesentlich größere Rolle und das nicht erst seit Bekanntwerden der NSA-Spionageaktivitäten. „Chip & PIN ist die sicherste Technologie für mobile Kartenzahlung und bietet neben den gleichen Sicherheitsstandards wie klassische Kartenzahlungsterminals auch die höchste Akzeptanz beim Konsumenten“, erklärt Wolff das Sicherheitskonzept, das den von der Kreditkartenindustrie festgelegten PCI-Standard (Payment Card Industry) erfüllt. Auch Christoph Jung vom Internetzahlungsdienstleister Ogone weiß: „Datenschutz ist für alle Beteiligten das A und O. Wenn es um Geld geht, steht Vertrauen und Sicherheit an oberster Stelle. Genießt der Anbieter kein Vertrauen bei den Endkunden, wird er keinen Erfolg im Markt haben“.

Bei all dem weiß niemand, ob kleine Dienstleister das Angebot der Kartenzahlung überhaupt zur Wahl stellen möchten. Mal ehrlich: Der Anblick von kartenzahlenden Flohmarkteinkäufern erscheint doch ein bisschen abwegig.

Provider Payment

Eine weniger bekannte, dafür aber unkomplizierte Bezahllösung ist das Provider Payment, bei dem die Zahlung über die Mobilfunkabrechnung erfolgt. Dabei fungiert die Rufnummer als Authentifizierung und eine zugesandte TAN als Legitimation der Transaktion. Ein beliebtes Zahlungsverfahren etwa für Online-Zeitungsartikel und App-Käufe. Aber auch Parkscheine und Tickets für den öffentlichen Nahverkehr lassen sich in einigen Regionen bereits auf diese Weise abrechnen. Aus technischer und datenschutzrechtlicher Sicht gibt es keine Einwände, auch wenn die Furcht vor nicht autorisierten Beträgen auf der Abrechnung nicht ganz unberechtigt ist.

Dies zeigt eine Änderung im deutschen Telekommunikationsgesetz, die den Verbraucher mit einer Drittanbietersperre vor unberechtigten Transaktionen – beispielsweise vor versteckten Abo-Fallen – schützen soll. Ist die kostenfreie Sperre aktiv, können keinerlei Zahlungen über die Mobilfunkabrechnung abgewickelt werden. Auch solche, die direkt vom Provider angeboten werden, sind dann nicht möglich. Lässt der Nutzer dies hingegen zu, ist die Kontrolle einzig über die monatliche Abrechnung möglich. Der Vorteil: Um diesen Dienst nutzen zu können, ist nicht das neueste Smartphone-Modell notwendig, auch ältere Geräte erfüllen hier ihren Zweck. Vorbehalte mag es gegen die Preisgabe der Handynummer geben, die in der Regel als etwas Privates betrachtet wird. Skeptisch macht auch, dass es keine Schnittstelle zwischen Provider und Nutzer gibt. Auch eine separate Auflistung aller getätigten Käufe sucht man vergebens. Hinzu kommt die Gefahr der Überschuldung, solange kein Limit eingerichtet werden kann oder eine tagesaktuelle Kostenkontrolle unmöglich ist.

Alles im digitalen Portemonnaie

Bislang wurde das Smartphone lediglich als indirektes Bezahlmittel genutzt, die virtuelle Brieftasche rückt das Handy nun in den Fokus. Zuletzt kündigte die E-Plus Gruppe ein „Mobile Wallet“ für das Frühjahr 2014 an. Der Grundgedanke ist nicht neu: Der Nutzer soll Bank- und Kundenkarten, Reisetickets und Rabattgutscheine an einem zentralen Ort ablegen und verwalten können. E-Plus ist allerdings nicht der erste Anbieter, die meisten Betriebssysteme haben Wallets bereits integriert: Apple nennt sein Konzept Passbook, beschränkt sich allerdings auf Kundenkarten und Tickets ebenso wie zahlreiche Apps, die Bonus- und Partnerprogramme integriert haben und Treuepunkte sammeln oder Gutscheine einlösen lassen. Bezahlvarianten basierend auf der kontaktlosen NFC-Technik (Near Field Communication) sind ebenfalls in Sicht. So hat Visa in diesem Jahr die Kooperation für eine Payment-Lösung mit NFC-fähigen Samsung-Geräten bekanntgegeben. Der koreanische Konzern selbst hat eine eigene Geldbörsen-App für Android entwickelt. Auch die Telekom bietet seit kurzem ihre Mastercard-Lösung in Deutschland an. Abgesichert werden diese Wallets über ein Secure Element, das beispielsweise bei Angeboten von Netzbetreibern auf der SIM-Karte integriert. Die zusätzlich hinterlegten Daten, etwa der Bankkarte, werden für den kontaktlosen Bezahlvorgang verwendet.
 
Geht das Telefon verloren oder wird es gestohlen, kann der Nutzer sich an seine Bank oder den Mobilfunkanbieter wenden, sodass die Bezahlanwendung per Fernkonfiguration (Over-the-Air-Technologie) gesperrt wird.

Aber warum ausgerechnet NFC? Der Technik wird ähnlich dem Mobil Payment schon länger der Durchbruch nachgesagt, weil sie unkomplizierter als beispielsweise das Abscannen von Bar- oder QR-Codes ist und auch bezüglich Sicherheit einen Schritt voraus ist. Erfolgreiche Pilotprojekte gibt es bereits: Die Deutsche Bahn testet das neue Verfahren mit dem Abrechnungssystem Touch & Travel und das Mineralölunternehmen Shell wird ab 2014 in 2200 Filialen das kontaktlose Bezahlen einführen. Auch einzelne Sparkassen-Verbünde haben im vergangenen Jahr mit der Einführung von NFC-Karten begonnen. „Die Infrastruktur für NFC-Payment ist bereits verfügbar – immer mehr Terminals können Transaktionen verarbeiten. Es wird davon ausgegangen, dass bis 2015 nahezu alle Kassenterminals in Deutschland NFC-fähig sind“, weiß Christoph Jung zu berichten. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich NFC als Technologiegrundlage durchsetzen wird ist groß. Waren die Smartphone-Hersteller zunächst zurückhaltend, ist nun etwa jedes vierte Gerät mit einem entsprechenden Chip ausgestattet. Samsung, Nokia, HTC, Sony und Blackberry haben Vorbereitungen getroffen, einzig Apple verweigert sich noch – ein Hinderungsgrund ist das allerdings nicht.

Einzelhändler gut vorbereitet

Was das generelle Angebot des mobilen Bezahlens angeht, nehmen Supermarktketten eine Vorreiterrolle ein. In rund 100 ausgewählten Edeka-Filialen in Berlin und Hamburg kann mit dem Smartphone bezahlt werden. Und das ist erst der Anfang der bundesweiten Einführung. Der Tochter-Markendiscounter Netto startete ebenfalls mit dem entsprechenden System in allen mehr als 4.000 Geschäften. In beiden Supermärkten kommt jeweils eine App des deutschen Software-Dienstleister Valuephone zum Einsatz. Mit der Bezahlfunktion können automatisch Rabatt-Coupons verrechnet werden, wobei zur Verifizierung an der Kasse ein Zahlen- oder Strichcode vom Handy abgescannt werden muss. Als Service werden in der App sämtliche Kassenbons gespeichert. Aus Sicherheitsgründen ist der Betrag derzeit auf 250 Euro pro Woche begrenzt.

Einen anderen Weg in Richtung Payment-Markt schlägt die Rewe Group mit einer Lösung von Yapital ein. Zwar gibt es auch hier eine App in der Kontakt- und Bankdaten hinterlegt werden müssen, doch muss der Kunde aktiv werden und mit der Anwendung einen auf dem Kassenterminal angezeigten QR-Code abscannen, bevor die Transaktion in Echtzeit geschieht.
Diese Praxisbeispiele zeigen, wie einfach das Bezahlen mit dem Smartphone sein kann. Ein Manko: Künftig wird vermutlich jeder Supermarkt und auch andere Einzelhändler hauseigene Systeme inklusive App anbieten, die – natürlich – untereinander nicht kompatibel sind. Der Wildwuchs an Payment-Anbietern und die Fragmentierung des Marktes führen zu Unsicherheit und Überforderung. Die Folge: Der Kunde ist abgeschreckt von der Vielzahl der benötigten Apps oder sonstiger Anwendungen, die man für mobile Bezahldienste benötigt und lässt es daher ganz bleiben.

In abwartender Haltung

Mobilfunkanbieter und Netzbetreiber sowie Hardwarehersteller liegen in Lauerstellung und warten darauf, dass sich der Einzelhandel mit den notwendigen Systemen rüstet. Doch wozu in kostspielige Terminals und Software investieren, wenn kundenseitig kaum Nachfrage besteht? Der Kreis schließt sich mit einem verwirrten Kunden, der sich fragt: „Wofür das alles?“ Das Smartphone-Display wird schon bald unübersichtlich gefüllt mit Supermarkt-Apps sein. „Standards sind sehr wichtig für den Erfolg bzw. die Akzeptanz von Mobile Payment im Markt. Die Nutzer, sowohl auf Seiten des Handels als auch auf Seiten der Kunden, müssen sich darauf verlassen können, dass ein Zahlverfahren der gleichen Gattung funktioniert. Auf unterschiedliche Standards kann keine Rücksicht genommen werden“, gibt Christoph Jung zu bedenken.

Wer hier den ersten Schritt wagt, bleibt – wie bisher auch – abzuwarten. In Zukunft wird sich noch einiges tun müssen, dabei wird eine einzige Technologie wie NFC das Mobile Payment am Markt nicht allein beherrschen können. Wie heißt es so schön: Ein ganzheitliches Konzept als Erfolgsfaktor muss her.

 

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www.izettle.com
www.ogone.de
www.edeka.de

Bildquelle: Thinkstock/ iStock

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