„2012 geht es nicht mehr darum, mobil dabei zu sein, sondern den Nutzern wie im Desktop-Web die höchste Qualität und Erfahrung zu bieten“, meint Jan Webering, der neben seiner Tätigkeit als Chief Operating Officer im Vorstand der Yoc AG auch Geschäftsführer der Sevenval GmbH ist.
Herr Webering, Sie haben vor Kurzem Sevenval und Yoc Media voneinander getrennt. Welche Motive steckten aus Yoc Sicht dahinter?
Jan Webering: Wir werden derzeit mit einem starken Marktwachstum und einer zunehmenden Spezialisierung auf Anbieter- und Kundenseite in beiden Bereichen – Mobile Technology und Media – konfrontiert. Diese Entwicklung wird in den kommenden Jahren anhalten. Dabei funktioniert das Technologiegeschäft grundlegend anders als das Media- und Advertising-Geschäft. Um dem Kunden den bestmöglichen Service zu liefern, hat die YOC-Gruppe die beiden Units Technology und Media voneinander getrennt.
Wie wird diese Trennung sichtbar?
Webering: Für den Technology-Bereich haben wir uns dazu entschlossen, die Produkte und Technologien aus dem YOC-Technology-Segment in der seit über zwölf Jahren im Markt aktiven und bekannten Marke „Sevenval“ zu bündeln. Sevenval konzentriert sich als Technologie- und Lösungsanbieter auf die Mobilisierung der Geschäftsmodelle seiner Kunden, indem mobile Infrastruktur auf Basis der Sevenval-eigenen FIT Technology bereitgestellt wird.
Viele Unternehmen beschäftigen sich derzeit mit Mobility-Themen. Wo sehen Sie den größten Nutzen für die Anwender?
Webering: Der größte Nutzen besteht darin, den Kontext, in dem sich Nutzer und Gerät befinden, zu verstehen und über das mobile Angebot zu transportieren. Drei Faktoren werden dabei zukünftig den Erfolg bestimmen: Die Usability sowie die Sichtbarkeit und Verfügbarkeit der Inhalte auf allen Screens, die von den Kunden genutzt werden.
In welchen Bereichen lässt sich dieser Nutzen am besten generieren? Bei der gezielten Neukundenansprache, der Kundenbindung oder der Steigerung der Markenbekanntheit?
Webering: In allen angesprochenen Bereichen. Mobility und mobiles Internet sind im Mainstream angekommen und keine Zukunftsmusik mehr. Der Nutzen von Mobility ergibt sich aus dem Geschäftsmodell des Kunden. Versicherungen können das mobile Internet und Mobile Marketing heute hervorragend zur Lead-Generierung nutzen. Energieversorger oder die Travel- und Transportbranche können über mobile Services mit ihren Bestandskunden im Austausch bleiben.
Wo sehen Sie den größten Beratungsbedarf bei der Erstellung entsprechender Konzepte?
Webering: Die Konzepte dürfen sich nicht primär an dem technisch Möglichen orientieren, sondern am Geschäftsmodell und an den individuellen Zielen des jeweiligen Kunden. Erst wenn zusammen mit dem Kunden die Zielrichtung der Aktivität entwickelt ist, sollte geprüft werden, wie man das technisch umsetzt und welche neuen Features und Funktionalitäten man nutzt. Leider werden heute noch zu viele Konzepte offensichtlich andersherum geplant bzw. umgesetzt und Kunden in technische Lösungen gezwängt, die nicht zielführend sind. Es gilt der altbekannte Satz: „Technology has to follow Strategy.“
Sie setzen klar auf serverseitig gesteuerte Anpassungen. Ist das die Zukunft?
Webering: Die FIT Technology ist ein Softwareprodukt und das Ergebnis von über zehn Jahren Erfahrung im Softwarebetrieb in eigenen und Kundenrechenzentren. Sie ist speziell für die Verwendung von existierenden Webinhalten und -prozessen ausgelegt und kann über die HTTP-Schnittstelle beliebige Inhalte extrahieren und in Echtzeit mischen. Gleichzeitig kann über die Markup FITML die Steuerung der FIT Technology auch direkt aus dem Backend geschehen.
Dies ermöglicht die einfache Aggregation aller notwendigen Inhalte ohne doppelte Datenpflege. Durch Trennung der Datenhoheit und Darstellungslogik kann die Datenpflege durch die etablierten Werkzeuge übernommen werden. Im Gegensatz zu anderen serverseitigen Technologien, die immer nur von Gerätedatenbanken sprechen, beziehen wir das „Triple Play“ aus Browser im Mittelpunkt, Betriebssystem und Hardware ein.
Dabei kombiniert die Technologie das traditionelle Server Side mit Client Side Detection und Adaption, um einen Delivery Context zu erstellen und die Stärken des jeweiligen Ansatzes zu nutzen bzw. die Schwächen der Methoden zu überbrücken. Kernelement dieses „Hybrid“-Ansatzes liegt darin, verschiedene Technologien zu kombinieren.
Können Sie den Hybridansatz näher erläutern?
Webering: Wir mischen die Informationen aus unserem serverseitigen Client Description Repository (CDR) mit neuen Technologien wie Progressive Enhancement und Responsive Webdesign und ermitteln so die optimalen Client Properties, um die bestmögliche Darstellung zu erzielen. Auf diesem Weg können wir flexibel auf die dynamischen Entwicklungen reagieren und die Aufgabenstellungen effizient lösen sowie langfristige mobile Infrastrukturen bieten.
Inwieweit könnten HTML5 und andere Standards Systeme wie Ihre Technologie irgendwann obsolet machen?
Webering: Entwicklungen wie HTML5, die Möglichkeiten von Webtechnologien und die Zusammenarbeit der „Big Player“ an Standards zeigt, wie wichtig das Web und Innovationen sind. Doch HTML5 wird von vielen fälschlicherweise synonym verwendet für die Kombination der Markups mit einer Reihe weiterer Technologien.
Die Möglichkeiten sind heute ebenso breit wie komplex und die Innovationsgeschwindigkeit auf Client-, Hardware- und Softwareseite hoch. Was heute noch neu ist, ist morgen schon wieder überholt. Die Browser der beiden führenden Systeme iOS und Android nutzen zwar die gleiche Rendering Engine „Webkit“, unterscheiden sich aber durch Anpassungen der Hersteller. So nutzt der Apple Safari eine eigene Javascript Engine. Sprünge wie iOS5, das erst ab dem iPhone 3s läuft, oder die Fragmentierung aufseiten von Android sind Paradebeispiele für technische Innovationen, die erst nach und nach beim Nutzer ankommen. Eine effiziente Adaption und Optimierung von mobilen Angeboten wird zukünftig umso wichtiger, um mit der Dynamik des Marktes technologisch und wirtschaftlich mitzuhalten.
Wer sind Ihre Ansprechpartner in den Unternehmen? Geschäftsführungsebene und/oder Fachbereichsverantwortliche?
Webering: Ganz klar beide Gruppen, je nach Projektphase unterscheiden sich die Ansprechpartner. Noch vor drei Jahren war „Mobile“ ganz klar ein Thema, was primär im Marketing aufgehängt war. Zunehmend sprechen wir direkt mit den IT-Verantwortlichen. Diese Entwicklung belegt, dass sich Mobile mittlerweile zu einem Kernthema entwickelt, das in die zentrale Infrastruktur von Kunden integriert wird.
Mit welchen Software- und Hardwareherstellern kooperieren Sie?
Webering: Als Technologieanbieter arbeiten wir neben unseren Direktkunden stark mit OEM-Partnern und Lösungsanbietern zusammen, die unser Softwareprodukt einsetzen, um für ihre Kunden Mobile-Web-Projekte zu realisieren. Auf Basis unserer FIT Technology werden von Partnern wie GSI Commerce, Intershop, Wincor Nixdorf und anderen zahlreiche Mobile- und Multichannel-Web-Projekte umgesetzt und betrieben.
In letzter Zeit werden im mobilen Segment neue Allianzen geschmiedet, ehemalige Marktführer verlieren massiv Anteile. Welche Betriebssysteme und Plattformen sehen Sie in den kommenden Jahren im Businessbereich vorne?
Webering: Die Betriebssysteme iOS und Android machen derzeit klar das Rennen, wobei das mobile Betriebssystem von Google im Jahresvergleich beeindruckende 150 Prozent zulegen konnte. Windows Phone ist ebenfalls ein Kandidat mit Potential. Gartner prognostiziert sogar, dass bis zum Jahr 2015 Microsoft mit Windows Phone an Apples iOS vorbeiziehen könnte, vorausgesetzt die strategische Partnerschaft zwischen Microsoft und Nokia entwickelt sich positiv. Aber Android ist nicht gleich Android. Selbst bei Apples iPhone, von vielen als eine homogene Plattform wahrgenommen, variieren Fähigkeiten und Möglichkeiten. In der Praxis heißt das etwa, dass iOS4 von dem iPhone der ersten Generation nicht mehr unterstützt wird.
Was sind für Sie die kommenden Trends und Themen, auf die man achten sollte?
Webering: 2012 geht es nicht mehr darum, mobil dabei zu sein, sondern (wie im Desktopweb) den Nutzern die höchste Qualität und Erfahrung zu bieten. Multichannel wird mit dem Dreigespann Desktop, Tablet-PC und Mobile und zukünftig mit weiteren Screens wie In-Car-Browser und internetfähigen Fernsehgeräten zur Realität. Heute noch wird über den Mobile-Trend gesprochen. Es ist aber viel mehr als das.
Unternehmen stehen vor der Herausforderung, der stetig wachsenden Zahl neuer, internetfähiger Endgeräte Herr zu werden. Auch Gartner sieht in dieser Fragmentierung eine große Herausforderung: „Consumer devices bring new opportunities and challenges to customer-facing organizations. They aim to develop rich mobile applications for smartphones and tablets to beat competition and appeal end customers, but mobile platform fragmentation increase complexity and costs.” [Quelle: Gartner, April 2011]
Wie bekommt man das Problem der Fragmentierung denn in den Griff?
Webering: Je höher die Reichweite einer Website, desto stärker ist die Fragmentierung. Ständige Updates in den Betriebssystemen fordern regelmäßige Anpassungen. Der Zeitpunkt für die notwendigen Adaptionen bestimmt allerdings nicht das Unternehmen selbst. Die Handy-Hersteller und Mobilfunkunternehmen geben die Geschwindigkeit vor. Erschwerend kommt hinzu, dass die technische Infrastruktur in den meisten Unternehmen komplex ist, oft mehr gewuchert als gewachsen, geprägt durch die Verknüpfung unterschiedlichster Systeme und Webserver. Technologiesprüngen auf der Client-Seite stehen lange Lebenszyklen auf der Serverseite gegenüber.
Je größer das Unternehmen, desto stärker liegen die Kosten nicht bei der Erstellung, sondern dem Betrieb der mobilen Lösung, was viele der Unternehmen nach der „App Party“ 2011 merken, wenn der „Kostenkater“ zuschlägt.
Was können Sie den Anwendern als Rat mit auf den Weg geben?
Webering: Man muss wissen, dass die mobile Website, ob sie nun über Smartpones, Featurephones oder Tablet-PCs aufgerufen wird, keine „kleine“ Desktopwebsite ist. Bei der Entwicklung einer mobilen Lösung muss der Inhalt an unterschiedliche Nutzungsszenarien angepasst und je nach Situation unterschiedlich ausgeliefert werden sowie dem Verbraucher ein optimales Nutzerlebnis und Usability bieten. Neuartige Bedienkonzepte, verschiedene Nutzungssituationen sowie die technischen Rahmenbedingungen der Geräte, Betriebssysteme und Browser müssen berücksichtigt werden. Dies ist jedoch keine rein konzeptionelle, sondern auch eine technische Herausforderung und setzt voraus, dass bestehende Systeme mit dieser Dynamik mithalten können.
Fest steht: Neue Trends kommen, andere halten sich und wiederum andere laufen aus. Kosten und Infrastruktur müssen unter Kontrolle gehalten werden, auch wenn man innovativ sein möchte. Ein Fundament für die Flexibilität zu schaffen, ist die Herausforderung der Zukunft damit Unternehmen technisch wie wirtschaftlich Schritt halten können.