Drin das Ding?

Neue Torlinientechnologien

Welcher Sportfan erinnert sich nicht an das legendäre Wembley-Tor von 1966? Der umstrittene Treffer während des damaligen WM-Endspiels England gegen Deutschland ist bis heute eines „der“ Gesprächsthemen in Sachen Fußball. Drin oder nicht? Aktuelle Torlinientechnologien hätten diese Frage beantworten können – allerdings hätte so manch abendfüllende Diskussion am Stammtisch nie stattgefunden. Schade eigentlich.

Mit dem Einsatz einer Torlinientechnologie wird so manche Diskussion am Stammtisch aussterben.

Lange Jahre stritten sich die Fußballexperten, ob der Ball des englischen National-spielers Geoff Hurst nun hinter der Linie war – also ein reguläres Tor – oder nicht. Bei so manchem Stammtischabend wird das Thema sicherlich heute noch einmal aufgewärmt. Wobei es genau genommen in den 1990er Jahren bereits Aufschluss gab, als eine Studie der Universität Oxford zu dem Ergebnis kam, dass der Ball zum damaligen Zeitpunkt tatsächlich nicht im Tor gewesen ist. Auch weitere Studien, in denen altes Fotomaterial genauestens ausgewertet wurde, bestätigten das Ergebnis: Das 3:2 für England war nicht regulär und wird somit als Fehlentscheidung in der Fußballhistorie für immer stehen bleiben


Bei der WM 2010 in Südafrika wiederholte sich ein ähnliches Szenario – und ausgerechnet trafen wiederum jene beiden Mannschaften aufeinander. Hauptprotagonist war diesmal der Engländer Frank Lampard, der beim Spielstand von 1:2 den Ball unter die Querlatte schoss, von wo aus dieser hinter der Linie aufprallte, nochmals an die Latte titschte und schließlich von Torhüter Manuel Neuer festgehalten wurde. Selbst an den TV-Bildschirmen war bereits beim Live-Bild zu erkennen, dass dies ein klares Tor war – die anschließende Wiederholung bestätigte diese These. Weder der Schieds- noch seine Linienrichter registrierten die Szene und ließen weiterspielen.

So war es nicht verwunderlich, dass immer mehr (vermeintliche) Experten nach neuen technischen Möglichkeiten riefen, damit derartige Szenen in Zukunft direkt geklärt respektive bewiesen werden könnten. Von Videobeweisen war ebenso die Rede wie von Bällen mit integrierten Chips. Die Fußballverbände wie etwa die Fédération Internationale de Football Association (FIFA) reagierten vorsichtig, schließlich sei jede technische Lösung auch ein Eingriff in den Sport, weshalb sie vorerst die Einführung eines fünften und sechsten Schiedsrichters beschloss. Diese Torrichter sind hinter jedem der beiden Tore postiert und sollen bei einer entsprechend strittigen (Tor-)situation aktiv eingreifen. Eine merkliche Verbesserung in Hinsicht auf „Tor oder kein Tor“ ist durch diese Maßnahme eher nicht eingetreten – Kritiker bemängeln die Passivität jener neuen Schiedsleute massiv.
   
Trotz des Zögerns der Fußballverbände, neue technische Möglichkeiten zur Lösung der Torlinienproblematik einzuführen, arbeiteten Anbieter im Hintergrund bereits an neuen Verfahren. Und dann das Wunder: FIFA-Präsident Sepp Blatter meldete sich zu Wort und gab sich wie gewohnt unmissverständlich: „Torlinientechnik ist eine Notwendigkeit.“

So fiel am 5. Juli 2012 der Entscheid des International Football Association Board (IFAB), ein Lizenzierungsverfahren für Unternehmen zu starten und nach ausführlichen Tests Systeme für die Torlinientechnik einzuführen. Als erste Testurniere wurden die FIFA-Klub-Weltmeisterschaft 2012 und der FIFA-Konföderationen-Pokal 2013 benannt, bei denen ausgewählte Systeme zur Erprobung eingesetzt wurden. Ihre Namen sind etwa GoalControl, GoalRef, HawkEye oder Cairos GLT System – doch wie unterscheiden sie sich im praktischen Einsatz? Wir haben die beiden erstgenannten genauer unter die Lupe genommen:


GoalControl – Kameras sehen alles

Das System GoalControl-4D, entwickelt von der GoalControl GmbH aus Würselen, wurde im Februar 2013 in der Düsseldorfer Esprit-Arena sowie in der Veltins-Arena in Gelsenkirchen im Zuge offizieller Testreihen geprüft und erhielt daraufhin die FIFA-Lizenz.

Funktionsweise

„Das System basiert auf 14 Hochgeschwindigkeitskameras, die um das Spielfeld herum angeordnet und auf beide Tore ausgerichtet sind. Die Position des Balles wird kontinuierlich und automatisch in drei Dimensionen (X-, Y- und Z-Koordinaten) erfasst, sobald der Ball in die Nähe der Torlinie kommt“, erklärt Dirk Broichhausen, Geschäftsführer der GoalControl GmbH, die Funktionsweise der Torlinientechnik. Wenn der Ball die Torlinie komplett überquert hat, sendet die zentrale Auswertungseinheit „in weniger als einer Sekunde“ ein verschlüsseltes Signal an die Empfängeruhr des Schiedsrichters. Dieser kann danach entscheiden, ob ein reguläres Tor gefallen ist – oder eben nicht.

Vorteile der Lösung sieht Dirk Broichhausen vor allem in der Genauigkeit, denn das System unterschreite die von der FIFA vorgeschriebene Toleranzanforderung von +/- 3cm deutlich. Darüber hinaus könne mit jedem Standardball gespielt werden. Zudem besteht durch das kamerabasierte System die Möglichkeit, alle Bilder aufzuzeichnen, um Spielszenen im Nachgang analysieren zu können. TV-Partner, aber auch Vereine und deren Scouts könnten davon profitieren.

Einsatz und Kosten

Im April dieses Jahres erhielt GoalControl den Zuschlag, den kürzlich ausgetragenen FIFA Confederations Cup 2013 in Brasilien mit jener Torlinientechnik auszurüsten. Laut Dirk Broichhausen hat sich das System während der 16 Spiele bewährt. Alle Treffer des Turniers sowie die Tore während der beiden Elfmeterschießen im Halbfinale Spanien - Italien sowie im Spiel um Platz 3 wurden korrekt angezeigt. „Hilfreich war der Einsatz zudem bei der Ermittlung des Torschützen zum 1:0 für Italien im Spiel um Platz drei gegen Uruguay. Erst nach Auswertung der Computerergebnisse stand fest, dass Davide Astori den Ball endgültig ins Netz befördert hatte“, beschreibt der Geschäftsführer ein konkretes Szenario.

Vereine oder Verbände, die das System einsetzen möchten, sollten eine Einmalinvestition ab ca. 200.000 Euro einplanen. „Wir bieten alternativ auch ein Mietmodell an, bei dem man von eher geringen vierstelligen Summen pro Spieltag ausgehen kann. Wenn ein Kunde eine regelmäßige Wartung oder sonstigen Betriebsservice wünscht, so können wir auch dies anbieten“, so Dirk Broichhausen. Zudem seien auch Refinanzierungen durch Verkauf von Werbespots bei „TV-Replays“ vorstellbar.

GoalRef – Magnetfeld trifft Chip im Ball

Bei GoalRef vom Fraunhofer-Institut für Intergrierte Schaltung IIS handelt es sich um ein funkbasiertes Sensorsystem, das mithilfe eines Magnetfeldes Tore erkennen kann. Es besteht aus den Komponenten Ball, „intelligentes Tor“ und einer drahtlosen Schiedsrichteruhr. „Das System arbeitet mittels niederfrequenter Magnetfelder.

Funktionsweise

„Das eine Magnetfeld befindet sich im Torraum – das andere entsteht im und um den Fußball, sobald er in die Nähe des Tores gelangt. Das geschieht auf Grund einer Induktion, hervorgerufen durch die passiven Elemente im Ball. Die Wechselwirkung zwischen dem Erregerfeld im Tor und dem induzierten Feld beim Ball kann mit Hilfe von Detektionsspulen am Tor erfasst werden. Durch Messung und Interpretation der Änderungen des Magnetfeldes im Tor kann exakt bestimmt werden, ob sich der Ball hinter der Linie befindet oder nicht. Den Schritt der Verarbeitung übernimmt ein Computer mittels einer Software des Fraunhofer IIS. Damit wird ein zuverlässiges und eindeutiges Ergebnis ermittelt. Nun steht fest, ob der Spieler gerade ein Tor erzielt hat oder nicht“, veranschaulicht René Dünkler von der Abteilung Funkortung und –kommunikation am Fraunhofer IIS.

Die Entscheidung wird anschließend drahtlos an die Uhr des Schiedsrichters übermittelt. Die Meldung erscheint in Echtzeit auf dem Display der Uhr, das visuelle Signal wird durch Vibration am Handgelenk ergänzt. Die Information wird verschlüsselt übertragen, so dass sie nicht von Dritten mitgehört oder verfälscht werden könne. Laut René Dünkler sei GoalRef zuverlässiger und sicherer als andere Systeme, da es sich um ein drahtloses System handelt und dort gemessen wird, wo das Torereignis stattfindet. „Selbst wenn der Ball durch Spieler oder Torhüter auch für eine längere Zeit verdeckt wird – es erkennt ob ein Tor gefallen ist.“

Einsatz und Kosten

GoalRef wurde bis 2012 in einer fast zweijährigen Testphase im Rahmen des FIFA-Quality Program erprobt. Nachdem diese bestanden wurde und das System die Lizenz von der FIFA erhalten hatte, konnte es zweimal eingesetzt werden. „Unser System gehört seit der FIFA Klub-Weltmeisterschaft Ende vergangenen Jahres in Japan zu den bevorzugten Torlinientechnologien der FIFA. Im Finale zwischen dem FC Chelsea und Corinthians Sao Paulo konnte GoalRef u.a. eine unübersichtliche Situation vor dem Tor der Brasilianer klären: Dem Schiedsrichter war zwar der direkte Blick auf den Ball verwehrt, doch seine Funkuhr zeigte ‚kein Tor‘ an. So konnte die Partie ohne Unterbrechung weiterlaufen.“ Vor einigen Wochen wurde die Torlinientechnologie zudem bei einem Turnier auf europäischen Boden bei der Copa Amsterdam eingesetzt. In allen 18 Spielen des Turniers bedienten sich die Schiedsrichter der neuen Technologie. „Dabei musste GoalRef alle denkbaren Witterungseinflüsse überstehen und hat diese gemeistert. Keine Simulation hätte die Realität übertreffen können“, ist René Dünkler überzeugt.

Zum Preis des Systems hüllt sich Dünkler noch in Schweigen: „Dies variiert natürlich zwischen den Ligen und Turnieren je nach Einsatzdauer, Anzahl der Stadien und dem Geschäftsmodell der Ligen.“ Deswegen könne man keinen Pauschalpreis nennen.


Ein Stück Gerechtigkeit?

Jede neue Technik bringt Veränderungen mit sich – auch wenn es noch so kleine sind. Im Eishockey beispielsweise ist der Videobeweis mittlerweile fester Bestandteil des Spiels und allen Unkenrufen zum Trotz scheint diese neue Technologie den Spielfluss nicht zu stören. Vielmehr fungiert sie als fairer Beweis, denn ein Tor ist nun mal ein Tor. Im Fußball halten entsprechende Technologien nun auch Einzug. René Dünkler vom Fraunhofer IIS meint, dass durch Torlinientechnologie ein Stück Gerechtigkeit und Objektivität eingeführt werde. „Man muss bedenken, wenn ein Tor falsch gegeben wird, kann es für einen Verein einen immensen sportlichen und finanziellen Schaden bedeuten.“ Dem gelte es im Rahmen der Gerechtigkeit mithilfe der Torlinientechnologie entgegenzuwirken.

Wie dem auch sei – die Meinungen dürften dennoch auseinandergehen. Trotz aller Gerechtigkeit, die neue Torlinientechnologien scheinbar mit sich bringen, wäre es doch schade, wenn die Diskussion in der Stammkneipe über das (nicht-)gegebene Tor wegfiele – denn gerade die kontroverse Diskussion etwa mit dem Thekennachbarn oder dem Fan des geliebten Revier- oder Rheinrivalen macht den Sport doch ein Stückweit aus.

Bildquelle: Thinkstock/ iStockphoto

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