Mobiles Marketing braucht Strategie

Neues Marketingkonzept für Mobile First

Mobiles Marketing ist keine Sonderform der Absatzwirtschaft, sondern laut Tobias Groten, Gründer und Vorstand von Tobit.Software, der Kern von allem. Doch viele Unternehmen hätten noch kein mobiles Marketingkonzept auf der Agenda, betont er im Interview. Wer jedoch begriffen habe, auf welche Weise Smartphones & Co. die Welt verändern, stelle mit einem Male alles auf den Kopf – ganz nach dem Prinzip „Mobile first!“.

  • „Für viele Steht das iPhone für den Beginn einer Revolution. Die neue Zeitrechnung aber begann erst ein jahr später: im März 2008 mit der Öffnung des App-Stores", so Tobias Groten.

  • Heute verfügt das Unternehmen in Arhaus über mehrere firmeneigene Gebäude, die neben Büroräumen auch den kompletten Messebau, erlebbare Technologieprojekte und Infotainment-Objekte beherbergen.

  • Das Unternehmen hat sich zum Ziel gesetzt, seine Apps in die Stores aller Hersteller zu bringen.

Herr Groten, welche Bedeutung schreiben Sie derzeit dem Thema „Mobile Marketing“ zu – insbesondere im Hinblick auf den stetig wachsenden Smartphone-Markt?
Tobias Groten:
Nichts hat jemals so eine Bedeutung für das Marketing eines Unternehmens gehabt wie das Smartphone. Und würde man es nicht so hartnäckig nur als „Smartphone“ bezeichnen, sondern ihm den passenden Namen geben, wäre das auch allen klar. Samsung verwendet den passenden Begriff dafür: Life Companion. Mehr geht nicht!

Welchen tatsächlichen Stellenwert genießt das mobile Marketing aktuell in den Unternehmen und was sind die Gründe dafür?
Groten:
Lange hat es gedauert, aber bei vielen scheint quasi gleichzeitig und schlagartig der Groschen gefallen zu sein: „Um meine eigenen Kunden immer und mit jeder Botschaft zu erreichen, brauche ich kein Geld für Werbung, sondern eine eigene App!“ Inzwischen sind es z.B. fast 2.000 neue Unternehmen und Organisationen pro Woche, die sich für eine eigene App auf Basis unserer Lösung Chayns entscheiden.

Was sind Ihrer Ansicht nach die größten Herausforderungen im Mobile Marketing? Mit welchen Problemen haben Unternehmen hier häufig zu kämpfen?
Groten:
Der größte Feind ist der eigene Kopf. Schließlich hat man Marketing studiert und weiß doch, wie der Hase läuft. Es dauert eine Zeit, bis man verstanden hat, dass die direkte Verbindung zu seinen Kunden mit einer App nicht einfach nur ein „weiterer Kommunikationskanal“ ist: Sie sorgt für die ultimative Beziehung ersten Grades! Man darf das seinem Professor von damals auch nicht übel nehmen. Er hatte nicht zu träumen gewagt, dass eines Tages jeder Mensch einen „Life Companion“ hat.

Wie sollten Unternehmen bei der Entwicklung ihrer Mobile-Marketing-Strategie vorgehen und welchen Aufwand müssen sie dafür einplanen?
Groten:
Für uns ist mobiles Marketing keine Sonderform der Absatzwirtschaft. Es ist der Kern von allem. Die Veröffentlichungen über Chayns sind die Quelle für alle bedeutenden anderen Publikationsformen. So können daraus Postings, Tweets oder RSS-Feeds entstehen, die auf die automatisch generierte Website zeigen. Digital Signage bringt sie auf alle Screens beim Point of Sale. Sogar klassische Direkt-Marketing-Tools wie Postkarten oder Briefe lassen sich daraus generieren – vollautomatisch. Dieses Single Source Publishing erfordert demnach keinen gesonderten Einsatz für mobiles Marketing. Im Gegenteil: Es spart Ressourcen!

Nach welchen Faktoren richtet sich das mobile Marketingkonzept eines Unternehmens?
Groten:
Aus unseren Erfahrungen in der Kommunikation mit den Kunden können wir es in einem Satz zusammenfassen: Die Unternehmen haben kein mobiles Marketingkonzept! Und wenn sie dann an einem Punkt ankommen, an dem sie begriffen haben, wie der „Life Companion“ die Welt verändert, stellen sie alles auf den Kopf: „Mobile first!“ Sie konzentrieren sich auf die Inhalte unserer Lösung und leiten daraus alles ab.

Welche Rolle spielt Facebook im Mobile Marketing? Und welchen Einfluss üben hier diverse „Negativschlagzeilen“ auf den Stellenwert des sozialen Netzwerks aus?
Groten:
Die Bedeutung von Facebook hat sich geändert in den letzten Monaten. Und sie ändert sich noch weiter. Das liegt weniger an den „Negativschlagzeilen“, sondern am schlichten Informations-Overkill. Facebook wird Opfer seiner eigenen Popularität. Die Menschen haben immer mehr Freunde, deren Aktivitäten sie verfolgen, und immer mehr Fanpages und Markenseiten abonniert. Fatalerweise werden die Bildschirme, die das alles zeigen sollen, auch noch immer kleiner. Dieser Effekt wird als „Reichweitenschwund“ bezeichnet und von vielen einfach nur als „Gier“ von Facebook verstanden, man wolle halt nur Geld machen. Sicher, Facebook ist nicht die Caritas, aber Kern des Problems ist der Informations-Overkill, der auch die Kosten für Facebook-Anzeigen explodieren lässt. Die Zuckerbergs haben tatsächlich gar nicht so viel Platz für Anzeigen und geboostete Postings, wie sie gern hätten. Bei unseren Kunden hat sich das also gedreht: Sie wissen, dass ihre Botschaft zu 100 Prozent bei den Empfängern ankommt. Die virale Wirkung von Facebook nehmen sie dabei gern mit, weshalb sie ihre Inhalte dort auch weiterhin verbreiten.

Mit dem bereits erwähnten Produkt Chayns bieten Sie eine kostenlose Lösung, mit der sich aus der eigenen Facebook-Seite eine native Smartphone-App gestalten lässt. Was erwarten Kunden von solch einer App?
Groten:
Für viele ist der Reichweitenschwund bei den sozialen Netzwerken ein massives Problem. Sie müssen sehr viel Geld in die Hand nehmen, um am Ende dann doch nur einen Bruchteil der Kunden erreichen zu können. Mit unserer Lösung ist das vom Tisch. Die einzige Herausforderung, die sich ihnen stellt, ist: „Wie bringe ich meine Kunden dazu, meine App zu installieren?“ Und da haben die Menschen wirklich sensationelle Ideen! Ein zweiter, sehr bedeutender Punkt ist, dass man mit einer eigenen App viel mehr Menschen erreicht als mit seiner Facebook-Seite. Wer aktiv bei Facebook ist, hat vermutlich auch ein Smartphone. Aber andersherum nutzt längst nicht jeder, der ein Smartphone hat, auch aktiv Facebook. Die meisten unserer Apps haben ein Vielfaches an App-Installationen gegenüber den Likes ihrer Seite.

Wie ist es bei Ihrem Facebook-App-Angebot um die Themen Sicherheit“ und „Datenschutz“ bestellt?
Groten:
Apps auf Basis unserer Lösung funktionieren zunächst einmal zu 100 Prozent anonym. Es gibt keine Ortsbestimmung, keine Anmeldung, kein IP-Logging und keine UDID. Es ist eine anonyme Möglichkeit, um über Neuigkeiten von einem Unternehmen auf dem Laufenden zu bleiben. Den Menschen fällt es leichter, die App vom Erotikversender Orion zu installieren. Der Klick auf „Gefällt mir“ bei Facebook ist dagegen schon eher etwas für Exhibitionisten. Wer seine App weiter ausbaut, der hat den entsprechenden Inhalt dann auf seinen eigenen Servern und nicht bei Tobit.Software.

Bisher bieten Sie Ihre Lösung komplett kostenlos an. Inwiefern rentiert sich das überhaupt für Ihr Unternehmen?
Groten:
Ja, die Lösung ist und bleibt kostenlos. Es ist weder eine Light-Version noch eine Freemium-Software. Es ist ein vollständiges Produkt, mit dem sich viele Dinge realisieren lassen. Die „Almeröder Tonstadt Knappen“ benutzen exakt die gleiche Software wie der FC Schalke 04. Sie unterscheidet sich durch den Inhalt und verschiedene Features, die man jeweils selbst oder über Dienstleister integriert hat. Es gibt auch ein kostenpflichtiges Produkt mit dem Namen „Chayns Pro“. Das richtet sich jedoch nicht primär an Unternehmen, die „mehr“ wollen, sondern die wiederum selbst Apps verschenken oder verkaufen wollen, die dann in ihrer eigenen Struktur integriert sind. Typische Kunden sind Banken, Marken oder Großhändler, die sich fest in die Beziehung zwischen ihren Kunden und deren Kunden einklinken möchten. Für uns ist Chayns bereits heute neben unserem Flaggschiff „David“, einem Informationsserver für Unternehmen, das wichtigste Produkt.

Vor welchem Hintergrund haben Sie kürzlich Ihre Plattformstrategie geändert und wie schaut die aktuelle Strategie aus?
Groten:
Was Apps betrifft, haben wir uns bislang entsprechend der Betriebssysteme aufgestellt: iOS, Android, Windows Phone und Blackberry 10 – so, wie sich die Smartphone-Welt eben aufgestellt hat und auch noch von den Menschen wahrgenommen wird. Tatsächlich aber stehen wir vor einer Diversifizierung. Wer ein Blackberry hat, muss nicht mehr in die Blackberry World. Oder wer ein Android-Smartphone hat, hat nicht auch gleich den Google Play Store, sondern wie bei Nokia den Windows Store oder wie beim Fire den Amazon App Store. Aber auch Samsung, Sony und andere Anbieter werden ihre Stores ausbauen und möglicherweise, wie bei Tizen, auch noch auf alternative Plattformen setzen. Wir freuen uns über diese Diversifizierung und haben uns zum Ziel gesetzt, unsere Apps in die Stores aller Hersteller zu bringen: in die klassischen Stores für Smartphones, aber auch in die für TVs, Autos und die Dinge, die noch kommen.

Ihr Unternehmen vertritt den Standpunkt, dass man heute kein klassischer Nerd mehr sein muss, um erstklassige Software zu programmieren. Wie ist das möglich? Werden dann zukünftig keine IT- und Softwarefirmen mehr gebraucht?
Groten:
„Bastelei“ hat nirgends eine Zukunft, auch nicht, wenn man sie liebevoll als „Manufaktur“ bezeichnet. Wie auch bei Fahrrädern, Autos, Flugzeugen: Was Bastler begonnen haben, lebt heute nur in Form von Serienprodukten. Sie sind nicht nur preiswerter, sondern vor allem robuster, zuverlässiger, universeller und weitsichtiger geplant. Mehr noch: Sie eröffnen ganz andere Möglichkeiten, da sie Dinge bieten, auf die man selbst gar nicht gekommen wäre. Wie es mit den tausenden von App-Herstellern ausgehen wird, ist heute schon klar: Entweder, sie machen den Laden dicht, oder sie erkennen, wo ihre speziellen Leistungen liegen, die kein Hersteller bringen kann.

Inwieweit werden Apps Ihrer Ansicht noch die Welt verändern?
Groten:
Wir haben keine Ahnung, aber wir sind sehr gespannt, wie sich die Dinge in den nächsten Monaten und Jahren entwickeln. Schaut man sich den Drang der Hersteller an, ihre Geräte gleich mit Software auszustatten, die alles kann, so spricht einiges dafür, dass auf den mobilen Geräten gar keine eigene Software mehr gebraucht wird: Es gäbe Schnittstellen zu Datenzentren und eine zentrale, plattformübergreifende Seitenbeschreibungssprache. Wearables machen jetzt schon deutlich, dass auch Apps nicht mehr das sein werden, was sie in den vergangenen Jahren wurden. Andererseits sorgt das gesunde Misstrauen der Menschen, speziell hier in Europa, auch für eine Entwicklung in eine ganz andere Richtung. Das, was aus Smartphones „Life Companions“ gemacht hat, waren Apps. Für viele steht das iPhone für den Beginn einer Revolution. Die neue Zeitrechnung aber begann erst ein Jahr später: im März 2008 mit der Öffnung des App Stores. Die Vielfalt und Diversifizierung hat die Welt verändert und sie wird es auch weiterhin tun – in aller angemessenen Bescheidenheit. 

 

Tobias Groten ...
… ist Gründer und Vorstandsvorsitzender von
Tobit.Software. Ins Leben gerufen hat er die Firma 1986 in Ahaus. Erste Entwicklungen des damals 18-jährigen Jungunternehmers steuerten landwirtschaftliche Fütterungscomputer und Auftragsbearbeitungssysteme.
Mit dem ersten Telex-Adapter für Computernetze begann Tobias Groten seinen konsequenten Weg in den Bereich „Kommunikationssoftware“. Dabei bestand schon damals seine Vision darin, eine Standardsoftware zu entwickeln, die in Büroumgebungen für eine Vereinfachung und Rationalisierung der Arbeitsabläufe sorgt.

Tobit.Software ...
… beschäftigt sich mit der Entwicklung und Vermarktung von Standardsoftware und zählt über 200 Mitarbeiter am Stammsitz in Ahaus, Deutschland. Bekannt wurde das Unternehmen bereits in den 90er Jahren mit der Vorstellung der Faxware, einer netzwerkbasierten Faxlösung auf Client-/Server-Basis. 1997 stellte das Unternehmen mit dem Information Server David ein Unified-Messaging-System vor und definierte damit eine ganz neue Softwaregattung. Im Jahr 2000 öffnete sich das Unternehmen erstmalig für private Anwender und fokussierte sich konsequent auf multimediales Entertainment, gewissermaßen einem Abfallprodukt von David. Die im Jahre 2003 vorgestellte Software Clipinc (heute: Radio.fx), mit der Radiosender permanent aufgezeichnet werden, hat bis heute mehr als 360 Mrd. Titel mitgeschnitten. Früh schon erkannte das deutsche Unternehmen die Bedeutung des Smartphones als permanenten digitalen Lebensbegleiter. Mit der Software Chayns stellte das Unternehmen im Jahr 2012 schließlich ein Produkt für die Entwicklung nativer Apps vor.

©2019Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH

Unsere Website verwendet Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung zu. Weitere Infos finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

ok