Longreads für das Wochenende

Neues vom Prekariat des Silicon Valley

Die Schattenseite des Silicon Valley wird erkennbar, wenn ihre Bewohner einmal kurz in die Helligkeit treten.

San Francisco - Der unbezahlbare Sehnsuchtsort der Digitalära.

17.000 Dollar. Wir wissen nicht, wie viel Zeit Yelp-CEO Jeremy Stoppelman braucht, um so viel Geld zu verdienen. Seine Mitarbeiterin Talia Jane braucht dafür ein Jahr. Nach eigener Auskunft entspricht das ungefähr 8,30 Dollar pro Stunde, nach Steuern. Ein Mindestlohnjob im Support. Oder in Yelp-Terminologie: Entry Level Position.

In einem offenen Brief an ihren CEO berichtet sie, wie es sich damit lebt. Die Kurzversion: Nicht gut, denn 80 Prozent ihres Lohns sind Miete, obwohl sie 30 Meilen von SF entfernt lebt. Der Rest geht fast vollständig für Nebenkosten und Fahrtkosten ab. Laut ihrem Blogpost ist sie sogar darauf angewiesen, sich an den kostenlosen Snacks bei Yelp satt zu essen.

Aber es wird nicht gern gesehen, wenn solche wenig glamourösen Details bekannt werden. Zwei Stunden nach Absetzen des Posts auf Medium wurde sie entlassen. Re/Code schildert die Geschichte etwas ausführlicher, Quartz lässt Talia Jane in einem Interview die Hintergründe erklären und TechCrunch ruft die Unternehmen des Silicon Valley dazu auf, endlich die Wohnungsmarktkrise zu beheben - Geld und Land gebe es schließlich genug.

Der offene Brief der Yelp-Mitarbeiterin wird intensiv diskutiert. Ein Teil der Leute sieht es natürlich ganz anders: Sie solle nicht zu viel jammern und ihre Probleme lieber anpacken, meint stellvertretend für viele eine erfolgreichere junge Frau. Doch auch diese Meinung bleibt nicht unwidersprochen.

Yelp hat übrigens die Patentlösung gefunden: Die fraglichen Jobs, von denen man in Kalifornien nicht leben kann, werden dorthin verlagert, wo das noch geht, nämlich nach Arizona.

Obdachlose Busfahrer und der Fortschritt

Auch andere Kalifornier kämpfen in mäßig bezahlten Jobs mit hohen Lebenshaltungskosten. Dies führt zu interessanten Konstellationen: Die Fahrer der von zahlreichen Tech-Firmen angebotenen Mitarbeiter-Busslinien können sich keine eigene Wohnung leisten, sondern müssen in den Bussen übernachten.

Ein weiterer Aspekt des prekären Silicon Valley ist die sogenannte Gig Economy. Quartz betrachtet diese Spielart des modernen Freelancer-Lifystyles etwas näher und Salon fürchtet angesichts dieser Entwicklungen um die Mittelklasse.

Talia Jane zahlt übrigens ein erkleckliches Sümmchen Steuern, sie werden direkt vom Bruttolohn einbehalten. Auch die Fahrer der Tech-Busse und von Uber werden wohl in Mehrheit zu den Steuerzahlern gehören. Das kann man laut Salon von vielen der IT-Riesen wie Apple, Amazon oder Microsoft nicht behaupten.

Doch auch Unternehmer machen sich über die nicht in jeder Hinsicht tolle Entwicklung des Valley Gedanken, etwa Andrew Young von Venture for America. Der Entwickler, Unternehmer und Investor Paul Graham begründet den Anstieg der ökonomischen Ungleichheit unter anderem mit dem irrsinnigen Wachstum der Hightech-Unternehmen.

Der Verleger Tim O'Reilly ergänzt, dass manche Startups ihre Besitzer zwar ultrareich machen, aber nicht immer besonders viele Werte produzieren. Und Steven Johnson fragt, ob technologischer Fortschritt wirklich von extremer Ungleichheit abhängig ist.

Apropos Fortschritt: Hier ein kurzer Ausblick auf den genügsamen Mitarbeiter der Zukunft.

Bildquelle: Thinkstock

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