Bernd Bönte, Managing Director bei Seven Principles
Herr Bönte, der Markt für Mobile Device Management (MDM) ist recht groß. Die Anwender stehen vor einer Vielzahl vermeintlich gleicher Angebote. Wie lässt sich da eine Entscheidung bzw. Unterscheidung treffen?
Bernd Bönte: Zunächst einmal gibt es durch das jeweilige Betriebssystem technologische Beschränkungen. Samsung schreibt beispielsweise vor, was auf den Software Development Kits (SDK) passiert. HTC und Blackberry haben sich dem angeschlossen, und auch im Microsoft-Umfeld gibt es Einschränkungen. Diese sind für alle MDM-Anbieter gleich vorgegeben. Die User Experience ist somit ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal: Was wird beim Benutzer implementiert und wie wird die Lösung in bestehende IT-Prozesse integriert und administriert? Das größte Unterscheidungskriterium ist der Umgang mit den speziellen Anforderungen der betroffenen Unternehmen und die Überlegung, wie Systeme sicher implementiert werden. Hier unterscheiden sich die Hersteller, inwieweit sie auf Anforderungen in Projekten flexibel reagieren können und wollen.
Wie lässt sich denn die Qualität eines Anbieters feststellen?
Bönte: Wir haben bereits im letzten Jahr unsere Lösung einem Sicherheitstest durch die SEC Consult unterzogen und sind jetzt noch einen Schritt weiter gegangen, indem wir unseren kompletten Prozess – nicht nur den Code, sondern den gesamten Development-, QA- und Delivery-Prozess – von der TÜV Trust IT testen und zertifizieren ließen. Solche Zertifizierungen werden häufig vom Kunden nachgefragt und bieten eine Orientierungshilfe. Ferner stellen sie im Zuge aller aktuellen Datenüberwachungsdiskussionen ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal für unsere Lösung dar.
Macht sich der deutsche Mittelstand Ihrer Meinung nach ausreichend Gedanken über MDM?
Bönte: Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Unternehmen langjährige Partner haben, bei denen sie Soft- und Hardwareprodukte kaufen. Diese Vertrauenspersonen kümmern sich in der Regel auch darum, dass regelmäßig die notwendigen Softwarelösungen eingeführt oder Release-Updates durchgeführt werden – auch unter Security-Gesichtspunkten.
Dies bedeutet zweierlei: Zum einen wird das Thema MDM und mobile Sicherheit durch Systemhäuser in den Fokus der Unternehmensverantwortlichen gebracht, weil diese den Nutzen – hinsichtlich Management der mobilen Geräte und Applikationen sowie der Sicherheitsaspekte – klar verstanden haben. Zum anderen entwickeln Unternehmen allmählich auch ein Verständnis dafür, das MDM eine basisinfrastrukturelle Serviceleistung ist, die als Tool in die Infrastruktur integriert werden sollte.
Wo kommt Ihr Unternehmen ins Spiel?
Bönte: Wir haben entschieden, uns bei dem Vertrieb unserer 7P-MDM-Lösung klar auf den Vertriebskanal über Distributoren und Partner zu fokussieren. Partner sind häufig auch beratend tätig und verfolgen eine ganzheitliche IT-Strategie mit dem Kunden. Dabei ist es wichtig, zusammen mit dem Kunden zu erörtern, was prozesstechnisch erreicht werden soll. Es ist ein verbreiteter Irrglaube, MDM komme einfach so von der Stange. Nach dem Motto: kaufen, installieren und alles ist gut. In vielen Kundenprojekten finden wir komplexe Herausforderungen, die mit gängigen Standardimplementierungen nicht zu optimalen Ergebnissen führen würden.
Wo stehen deutsche Unternehmen mit Blick auf mobile Strategien?
Bönte: Es gibt viele Unternehmen, hauptsächlich die Großen, die genau wis-
sen, was sie wollen, und die ausformulierte Strategien besitzen. Dabei ist das Zusammenspiel von IT und Fachabteilungen wichtig, um gemeinsame Ziele zu formulieren. Denn aufgrund der veränderten Prozesswelt werden die Entscheidungen immer häufiger von den Fachabteilungen angestoßen. Verantwortungsbewusste IT-Manager verstehen sich in diesem Zusammenhang als interne Dienstleister und setzen die Strategien zusammen mit den entsprechenden Abteilungen um. Am Markt ist derzeit alles anzutreffen: von durchdachten Konzepten in Zusammenarbeit von IT und Fachabteilung bis hin zu: „Ich habe hier gerade zufällig ein Tablet gefunden“.
Das ist also keine Anekdote? Devices werden bestellt, ohne zu wissen, wofür sie eingesetzt werden sollen?
Bönte: Man verfolgt oftmals schon erklärte Ziele, wie zum Beispiel E-Mail- und Kalenderzugriff, aber es liegt längst nicht immer ein klarer Business Case oder Prozessnutzen zugrunde. Im besten Fall sind sich die Unternehmensverantwortlichen darüber bewusst, dass es durchgängiger Mobility-Strategien bedarf, um langfristige Ziele im Sinne der Unternehmensprozesse erreichen zu können. Dann müssen „nur noch“ entsprechende technische Projekte und Security Policies aufgesetzt werden. Es passiert allerdings auch, dass Nutzer irgendwo einmal irgendwas gesehen haben und diese Komponenten ohne Prozessabstimmung zu übernehmen versuchen. Diese Projekte sind fast immer zum Scheitern verurteilt.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Bönte: Beispielsweise wurde in einem Unternehmen offensichtlich ohne Klärung aller Rahmenparameter ein MDM-System ausgerollt. Erstaunt war ein Betriebsratsmitglied, als auf seinem Device eine neue Anwendung von einem Anbieter, der unter anderem mit Track- und Trace-Lösungen wirbt, hochgeladen wurde. Innerhalb kurzer Zeit wurde das System fürs erste wieder abgeschaltet, da eine derartige Funktion natürlich einer Abstimmung mit dem Betriebsrat und weiterer Gremien bedarf.
MDM ist auch dann ein Thema, wenn „Bring your own Device“ (BYOD) praktiziert werden soll. Wie verbreitet ist dieses Konzept?
Bönte: Es gibt durchaus Bereiche, in denen BYOD zweckmäßig sein kann. Überall dort, wo beispielsweise freie Mitarbeiter keinen stationären Arbeitsplatz haben. In diesen Fällen steht die IT vor der Herausforderung, sämtliche Fremdgeräte in die vorhandene Struktur zu integrieren.
Worin genau liegt denn die Problematik
bei BYOD?
Bönte: Sowohl Unternehmen als auch Mitarbeiter stehen vor einer aufwendigen juristischen Diskussion, beginnend bei der App-Auswahl. Whatsapp sei hier als Beispiel genannt. Die meisten Nutzer sind sich im Klaren darüber, dass sämtliche Inhalte ausgelesen werden können, dennoch wird dies im privaten Umfeld in Kauf genommen. Bei gleichzeitiger privater und beruflicher Nutzung eines Gerätes wäre dies komplexer und die eigenständige Auswahl der Anwendungen wäre nur eingeschränkt möglich.
Aber es lässt sich doch mit zwei Containern bzw. zwei Personen auf einem Gerät arbeiten?
Bönte: Technisch ist es möglich, Daten logisch zu trennen – die Containeridee ist im Grunde auch nicht schlecht. Meiner Einschätzung nach, ist die praktische Umsetzung jedoch noch nicht ausgereift. Zudem verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit immer mehr, so dass nicht immer klar ist, wann Person 1 und wann Person 2 benötigt ist. Zusätzlich ist die Sicherheit nicht länger gewährleistet, wenn ein Umschalten entfallen sollte.
Die Alternative ist dann das Zweitgerät?
Bönte: Zwei Geräte mitzuführen ist zwar umständlicher, aber auf diese Weise lässt sich die Arbeitswelt und privates Umfeld einfacher trennen. Es lassen sich desweiteren Diskussionen um juristische Aspekte der Gerätenutzung vermeiden.
Bei der Vorstellung neuer Geräteklassen scheint es derzeit, als stünde der Endverbraucher mehr im Fokus. Woran sollten sich Unternehmen bei der Geräteauswahl orientieren?
Bönte: Leider wird der Mitarbeiter als End User nicht immer ausreichend berücksichtigt. Große Projekte sind in der Vergangenheit daran gescheitert, dass der Bedarf der Nutzer bei der Projektierung nicht einbezogen wurde. Ein unglückliches Beispiel kann der Einsatz von mobilen Geräten in Service und Wartung sein. Da werden dann „normale“ Tablets oder sogar Smartphones für Tätigkeiten angeschafft, für die eigentlich spezielle Toughpads gebraucht würden.
Einige CRM-Apps sind ebenfalls etwas unglücklich umgesetzt, denn im Mobility-Bereich muss der Umgang mit dem Device auf Effizienz ausgelegt sein. Eine App muss längst nicht alle, sondern sollte nur die notwendigen Infos bieten und abfragen. Und auch dies muss für den Nutzer als Arbeitserleichterung wahrgenommen werden. Lassen sich beispielsweise Visitenkarten einfach abfotografieren, in die CRM-Kontakte einfügen und mit Zusatzinfos versehen, ist das für den Nutzer einfach. Müssen aber zahlreiche Pflichtfelder in einer unübersichtlichen Maske ausgefüllt werden, verweigert sich der eine oder andere Mitarbeiter.
Android hat Apple als führendes mobiles Betriebssystem im Consumer-Umfeld längst abgelöst. Würden Sie diese Geräte inzwischen auch im Unternehmensumfeld zur Wahl stellen?
Bönte: Durchaus. Maßgeblich ist es vom Einsatzzweck und von „weichen Faktoren“ wie Mitarbeitermotivation abhängig. Daher haben viele Unternehmen auch einen Warenkorb definiert, aus welchen die Mitarbeiter nach gewissen Regeln wählen können (Choose your own device). Bei Massen-Rollouts wird oftmals auf günstige Geräte zurückgegriffen. Es gibt aber auch häufig Abstufungen hinsichtlich der Geräteklassen – in gewissen Rollen und Funktionen werden dann die teureren Geräte verwendet, wohin gegen in den Situationen, in denen es um Massen-Rollouts geht, eher die Einstiegsgeräte zum Einsatz kommen. Inzwischen gibt es durchaus auch Android-Geräte, die preislich gleichauf mit iOS-Geräten liegen.
Welche Rolle spielt dabei der Lifecycle der Geräte und die gefühlte Halbwertszeit von sechs Monaten?
Bönte: Viele Unternehmen fürchten die recht kurze Halbwertszeit der Geräte. Der Mobility-Bereich für die Entwicklung von Anwendungen und die Auswahl von Geräten ist recht schnelllebig. Für Unternehmen stellt dies eine große Herausforderung dar. Bis ein mobiles Projekt aufgesetzt, umgesetzt, getestet, zugelassen, akzeptiert und integriert ist, ist es im schlimmsten Fall nur noch museal. Darauf müssen sich die Kunden einstellen. Vor allem aus Kostengesichtspunkten können und wollen Unternehmen nicht in kurzen Abständen ständig Gerätewechsel vornehmen.
Windows Phone ist in den USA das am schnellsten wachsende mobile Betriebssystem. Wie schätzen Sie die Chancen für den deutschen Markt ein?
Bönte: Windows Phone ist, wie zu erwarten, derzeit das am Besten in die bestehende Microsoft-Infrastruktur zu integrierende mobile Betriebssystem. Sämtliche Kommunikationsmedien – Sharepoint, Exchange, One Note – lassen sich gut integrieren und sauber kontrollieren. Was es noch nicht gibt, ist ein vergleichbar zu den Wettbewerbern gut sortiertes Angebot an Apps. Aus MDM-Sicht bietet Windows Phone allerdings heute noch nicht die gleichen Möglichkeiten wie die anderen mobilen Betriebssysteme.
Stichwort „Soziale Medien“: Inwieweit werden diese für Unternehmen wichtig und welche Probleme entstehen?
Bönte: Die Art und Weise der Kommunikation hat sich stark verändert: E-Mail gilt inzwischen bei einigen jungen Menschen als altmodisch, stattdessen werden viele andere Medienkanäle wie Facebook bevorzugt. Der Umgang mit diesen Medien unter Datenschutzgesichtspunkten für das Unternehmen und auch unter Gesichtspunkten der Privatsphäre und die saubere Trennung der beiden Themen ist eine große Aufgabe. Allerdings ist es wichtiger, sich im Unternehmen auf die Chancen dieser Medien zu fokussieren und nicht mit den Problemen zu hadern. Denn die Chancen sind enorm.
Wie jetzt der Fall der NSA und anderer Geheimdienste zeigt, stellen neben den sozialen Medien auch technische Entwicklungen ein Risiko dar...
Bönte: Die technischen Möglichkeiten haben sich in den letzten Jahren dramatisch verändert. Schnelle IT ermöglicht es heute, Unmengen an Daten auszuwerten. Und wie wir gelernt haben, wird dies auch getan. Dass dies technisch bei unverschlüsselter Kommunikation schon immer möglich war, ist jedem bekannt, der sich mit Sicherheit auseinandersetzt.
In welchen Geschäftsfeldern wird sich die Kommunikation über mobile Geräte in Zukunft durchsetzen?
Bönte: Es gibt einige Bereiche, in denen die Mobilität schon weit vorgedrungen ist. Die App „myTaxi“ lässt das Geschäftsmodell einer Taxizentrale veraltet erscheinen. Auch Bestellsysteme für Restaurants werden immer häufiger mobil genutzt. Und wir werden in den nächsten Jahren unglaublich viele dieser Anwendungen mobiler Technologien sehen.
Bernd Bönte,
Jahrgang 1970, kann auf eine langjährige Tätigkeit als Manager in verschiedenen leitenden Positionen zurück-blicken und ist bei Seven Principles nun als Managing Director tätig. Seine Aufgaben liegen dabei in der Betreuung der Enterprise-Mobility-Sparte und dem Aufbau der Vertriebskanäle.
Den Abschluss als Diplom-Ingenieur (BA) Fachrichtung Elektrotechnik /Nachrichtentechnik erwarb er an der Berufsakademie Stuttgart. Seine Freizeit verbringt der Vater dreier Kinder gerne mit seiner Familie sowie beim Golfen und Wandern.
Die Seven Priciples AG ist der strategische Partner für die Vernetzung von Prozessen, Informationen und Technologien sowie Spezialist für Enterprise Mobility. Das Leistungsspektrum der börsennotierten Gruppe umfasst IT-Consulting, Prozess- und Informationsmanagement, Cloud-Services, mobile Lösungen, SAP, Softwarelösungen sowie Quality Management und Enterprise-IT.