Der mobile Einkaufswagen

Nichts für schnelle Heißhungerattacken

Dass man nicht mehr unbedingt erst in den Supermarkt fahren muss, um die passenden Zutaten für den heimischen Grillabend zu finden, zeigt der Trend des mobilen Einkaufs - eine scheinbar bequeme Alternative.

Es ist Samstagmorgen und der gut gelaunte Radio-Wettermoderator berichtet, dass der Tag wolkenfrei und sommerlich warm sein wird – die letzten Zweifel sind also vom Tisch, denn die lang geplante Grillparty am Abend kann somit ohne Bedenken wirklich steigen. Die Gäste sind längst eingeladen; jetzt wird es Zeit, Fleisch, Gemüse und Co. einzukaufen. Doch da wären noch so viele Vorbereitungen zu treffen: Rasen mähen, Sommergarnitur aus dem Gartenhaus holen, schließlich alles aufbauen und dekorieren – für den Besuch im Supermarkt ist praktisch keine Zeit da. Um eben diese Zeit sinnvoller zu nutzen und alle Zutaten dennoch pünktlich im Kühlschrank zu haben, bietet sich der Einkauf in einem mobilen Supermarkt mit dem eigenen Tablet oder Smartphone an.

Laut der kürzlich vorgestellten Studie „Mobile Commerce in Deutschland – Die Rolle des Smartphones im Kaufprozess“ des E-Commerce-Center Handel (ECC Handel) kauft bereits jeder Zehnte seine Getränke und Nahrungsmittel mit dem eigenen Smartphone ein. Karsten Schaal, einer der Gründer des Onlinesupermarkts Food.de, sieht vor allem Zeitersparnisse als einen Vorteil des mobilen Einkaufs: „Mit Food.de spart man zwei Stunden Zeit gegenüber einem Supermarktbesuch. Zudem findet die Lieferung noch am selben Tag statt.“ Kunden würden vor allem deshalb über das Portal einkaufen, weil sie den Einkauf nicht transportieren müssen. Denn geliefert werden die Produkte frei Haus und wo immer man sich momentan aufhält. „Unsere Kunden können etwa mehrere Lieferorte angeben. Auch an den Badesee haben wir schon Grillgut geliefert“, erinnert sich Christian Fickert, Geschäftsführer von Food.de.

Informativ und Interaktiv

Anders sieht es bei der Real SB-Warenhaus GmbH aus, bei der die unternehmensweiten mobilen Angebote nicht zwangsläufig mit dem mobilen Einkaufen gleichgesetzt werden. Aus gutem Grund, lebt das Unternehmen vor allem von den Kunden, die vor Ort in den einzelnen Supermarktfilialen der Warenhauskette einkaufen. Vielmehr setzt die Vertriebsmarke der Metro Group auf zwei verschiedene App-Angebote, die sowohl rein informative als auch interaktive Services bieten. Mit der Real-App können sich Kunden neben Angeboten vor allem über Rezepttipps informieren – dazu steht die Möglichkeit zur Zusammenstellung einer Einkaufsliste bereit. „Bei der mobilen Einkaufsliste handelt es sich um einen elektronischen Einkaufszettel, den die User auf dem Handy immer und überall dabei haben, so dass der auf dem Küchentisch vergessene Einkaufszettel passé ist“, sagt Jan-Philipp Blome, Hauptabteilungsleiter Marketing und Online-Marketing bei Real. Dazu stellt das Unternehmen die Drive-App zur Verfügung. „Mit dieser App haben Kunden die Möglichkeit, ihre Bestellungen von unterwegs aus zusammenzustellen und später beim Real-Drive-in Isernhagen-Altwarmbüchen bei Hannover oder Köln-Porz abzuholen.“ Dazu müssten Produkte mobil in den Warenkorb gelegt und der Wunschabholtermin angegeben werden – frühestens zwei Stunden nach Bestelleingang wäre der Einkauf abholbereit. „Grundsätzlich“, ergänzt Blome, „stellen die Real-Apps jedoch keine Alternative zum herkömmlichen Einkaufsvorgang vor Ort dar.“ Vielmehr liege der Nutzen in der Organisations- und Informationsfunktion.

Der Discounter Lidl setzt bei den mobilen Services ebenfalls auf eine informative Plattform, bestehend aus einem mobilen Filialprospekt und aktuellen Angeboten. Zudem ist der Einkauf von Non-Food-Produkten, wie etwa Wein, über die Lidl-App per Smartphone möglich. Um Produkte aus dem Lebensmittelsortiment zu erwerben, muss der Kunde jedoch den Weg in eine Filiale antreten. Als Grund für die Nichtberücksichtigung nennt das Unternehmen, dass ein Onlinewarengeschäft mit frischen Lebensmitteln kostenintensiv wäre, da die durchgängig gesicherte Einhaltung der Kühlkette einen hohen logistischen Aufwand erfordere. Das hieße, wenn Lidl (frische) Lebensmittel ausliefern würde, könnten die „günstigen“ Preise nicht mehr gewährleistet werden.

Die Kühlkette ist vor allem bei der Schnellrestaurantkette Nordsee von zentraler Bedeutung, schließlich spezialisiert sich das Unternehmen aus Bremerhaven auf frische Fisch- und Meeresfrüchte-Angebote, deren Kühlung als Grundvoraussetzung für den Verzehr gilt. Im Rahmen des mobilen Angebots setzt man neben Produktinformationen zu den verschiedenen Fischsorten, Rezept- und Zubereitungshinweisen auf die mobile Standortbestimmung. „Die integrierte Filialsuche als Location-based Services nutzt den Standort des Users und zeigt ihm die Filialen in seiner Nähe an“, erklärt Franziska Schneidewind, Leiterin Marketing der Nordsee Holding GmbH. Doch nicht nur per App sollen neue Fischfans in ein Schnellrestaurant gelockt werden – im Rahmen der diesjährigen Kampagne wurden Werbeplakate mit QR-Codes ausgestattet, wie Franziska Schneidewind berichtet: „Durch die QR-Codes wurden die Kunden auf eine spezielle Landingpage mit Probierangeboten geleitet. Somit ließen sich zahlreiche Neukunden gewinnen. Desweiteren setzen wir QR-Codes als Hinweis zu weiteren Online-Angeboten, wie etwa Facebook-Fanpage oder Newsletter, ein.“ Auch Real konnte bereits erste Erfahrungen mit ähnlichen Marketingaktivitäten sammeln: „Die Nutzerzahlen variieren zwar stark, dennoch stellen QR-Codes generell eine gute Möglichkeit dar, ‚offline’ und ‚online’ miteinander zu verbinden“, so Jan-Philipp Blome.

Auf die Ampel achten


Doch nicht nur QR-Codes geben Auskunft über Produktinformationen – wer wissen möchte, wie gesund die Zutaten für den Nudelsalat am Abend wirklich sind, kann dies mit der Barcoo-App erfahren, die Produkte in einer Lebensmittelampel einstuft. Zwar sind Hersteller laut EU-Verordnung mittlerweile dazu verpflichtet, Nährwerte auf Verpackungen anzugeben, jedoch scheint es für Verbraucher schwierig, diese als „gesund“ oder „eher ungesund“ einzuordnen. Die farbliche Kennzeichnung der Nährwerte (gemäß der drei Ampelfarben rot, gelb und grün) soll dies mit über 600.000 Nährwertangaben vereinfachen. Dazu muss der Barcode auf der Lebensmittelverpackung per Smartphone abgescannt werden – im Anschluss erhält man Mengenangaben (pro 100 Gramm/Liter) der Inhaltsstoffe Zucker, Salz, Fette und gesättigte Fettsäuren. Diese werden entsprechend einer Ampel farblich eingeteilt – bei einem hohen (ungesunden) Fettanteil etwa, wird dieser Wert rot hinterlegt. Zudem werden Produkte verglichen. Beispielsweise werden beim Scan eines Joghurts die durchschnittlichen Nährwerte aller in der App-Datenbank verfügbaren Joghurts angezeigt. So soll der Verbraucher einordnen können, ob sein Produkt zu den gesünderen oder ungesünderen gehört.

Sofort mobil bezahlen

Aus Sicht von Franziska Schneidewind von der Nordsee Holding GmbH werden solche mobilen Services Gewohnheiten und Kaufverhalten der Kunden stark verändern und prägen: „Zum einen werden Verbraucher bei der Suche nach Informationen, etwa von Zutaten, Angeboten, Preisen oder auch Bewertungen, verstärkt den mobilen Bereich nutzen.“ Der Vorteil dabei sei die Möglichkeit, verschiedene Angebote vergleichen und das jeweils persönlich beste auswählen zu können. „Zum anderen wird Mobile Payment die Kaufprozesse stark verändern, sobald sich ein einheitliches System etabliert hat.“
 
Beim Onlinesupermarkt Food.de bezahlt man auf unterschiedliche Art und Weise, jedoch (noch) nicht mobil. Neben einem Guthabenkonto besteht die Möglichkeit, per Überweisung oder Paypal zu bezahlen – aber auch die Bar- und Kartenzahlung bei Lieferung frei Haus ist möglich. Mobile Payment könnte eine mögliche Erweiterung sein, welche in Zukunft in die App integriert werden könnte. Geschäftsführer Karsten Schaal sieht darüber hinaus eine Vernetzung bestehender Angebote als Zukunftstrend: „Supermärkte als Einkaufsmöglichkeit werden von Kombiangeboten aus verschiedenen Branchen ergänzt. Sind Supermärkte mobil, können diese auch haushaltsnahe Dienstleistungen ins Angebot aufnehmen, die bisher nicht passend waren.“ Jan-Philipp Blome von Real gibt zu bedenken, dass es für alle Zukunftstrends entscheidend sei, ob die mobilen Angebote den Einkauf in so einem Maße ergänzen oder unterstützen können, dass Kunden davon auch wirklich profitieren. Zusätzlich geht der Hauptabteilungsleiter Marketing und Online-Marketing noch auf einen weiteren möglichen Service ein, der vor der tatsächlichen Kaufentscheidung nützlich sein könnte: „Bezüglich der Rückverfolgbarkeit von Lebensmitteln ist es weniger eine Frage der mobilen Nutzung als vielmehr eine Frage der Datenqualität. Sobald es zuverlässige Datenquellen gibt, ist die Integration in mobile Anwendungen nur logisch und konsequent.“ Auch Mobile Couponing wird seiner Meinung nach immer beliebter werden.

Grundsätzlich ist es schon bemerkenswert, dass sich der Einkauf für die abendliche Grillparty in relativ kurzer Zeit von der Couch aus mit dem eigenen Smartphone realisieren lassen kann. In wenigen Minuten sind Steak, Salat und Getränke bestellt, und das für pauschale Mehrkosten (pro Bestellung für Lieferung und Transport) von rund 5 Euro gegenüber dem Einkauf im Supermarkt.

Für kurzfristige Besorgungen jedoch, wenn etwa Sahne für den Nachtisch vergessen wurde, eignet sich der Onlinekauf aufgrund der Wartezeit bis zur Frei-Haus-Lieferung nicht. Wer spontan noch eine Zutat braucht, wird um die Fahrt zum nächstgelegenen Supermarkt nicht herumkommen. Zudem fehlt der persönliche Kontakt, sei es zu der netten Verkäuferin hinter der Käsetheke oder dem freundlichen Mann in der Getränkeabteilung, der einen Einkauf vor Ort mit etwas Small Talk mit Sicherheit lebhafter gestalten lässt als die Bestellung per Smartphone. Rechnet man zudem individuelle Werte wie Sprit, Zeit und Aufwand gegen, könnte durchaus die Frage auftauchen, inwiefern der mobile Lebensmitteleinkauf Sinn ergibt. Denn ob man wirklich zwei Stunden Zeit gegenüber dem Einkauf beim Discounter spart, sei einmal dahingestellt – es kommt vielleicht einfach auf die Länge der Warteschlange an der Kasse an.

Bildquelle: iStockphoto.com/mlenny

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