Mobiles Bezahlen

Nur ein leeres Versprechen?

Das mobile Bezahlen wird seit Jahren propagiert, kommt aber nicht in die Gänge. Es fehlt immer noch an einem einheitlichen System, das von allen Käufern und im gesamten Handel akzeptiert wird.

Wo kann ich bezahlen? Habe ich das richtige Gerät? Muss ich eine App installieren? Welche? Was ist eine Wallet? Muss ich ein Verrechnungskonto eröffnen? Warum geht das nur mit einer Kreditkarte? Wer einfach in einen Laden gehen will, um mit dem Smartphone eine Gemüsepizza und ein Sixpack zu bezahlen, der hat Pech. Die mobile Geldbörse ist leer.

Mobile Payment ist als Markt noch kaum zu erkennen, höchstens an den Dollarzeichen in den Augen der Consultants und Marketeers. In vier Jahren sollen allein in den USA 62 Mrd. Dollar umgesetzt werden, glauben die Forscher von ABI Research. Nein, es werden sogar 100 Mrd. Dollar, wissen die Analysten des E-Marketer. Juniper Research hält mit 1,3 Billionen Dollar dagegen – allerdings weltweit und erst 2017.

Das mobile, bargeldlose Bezahlen ist bisher in erster Linie ein Versprechen. Nur wenige Smartphones besitzen NFC, kaum eine Kasse im Handel ist dafür ausgerüstet und alternative Systeme wie QR-Codes sind ebenfalls nur vereinzelt im Einsatz. Echtes Geld und die in Girokarte umgetaufte EC-Karte sind immer noch die liquiden Mittel der Wahl. So ist die Landkarte des Mobile Payment derzeit ein Flickenteppich aus Pilotprojekten und Insellösungen. Hinzu kommen ein paar Sonderwirtschaftszonen – die mobilen Gutscheinsysteme, die auch eine Art Zahlverfahren sind.

Keine kritische Masse

„Zurzeit wird sehr viel ausprobiert. Welches Verfahren sich durchsetzt, ist noch nicht erkennbar“, meint Ercan Kilic, der Leiter des Strategieprojekts Mobilecom bei GS1 Germany. „Doch das Henne-Ei-Problem scheint sich jetzt langsam aufzulösen. Wenigstens die NFC-Handys nehmen Fahrt auf.“ Aber der Handel, vor allem die großen Einzelhandelsketten seien noch lange nicht so weit, warnt Kilic vor zu viel Euphorie. „Es gibt zurzeit noch keine kritische Masse und kein allgemein akzeptiertes Verfahren.“ Er ist überzeugt: „Mobile Payment kommt nicht von heute auf morgen, ich erwarte eine Durchsetzungsphase von vier bis sieben Jahren.“

Noch ist alles offen und die Unternehmen basteln deshalb an Lösungen, die sich rasant vermehren. Seit einiger Zeit vergeht kaum eine Woche ohne neue Meldung zum Thema. Was die Akteure der Payment-Szene in Deutschland besonders aufgescheucht hat, ist das starke Engagement der Samwer-Brüder für den Square-Klon Payleven. Der Ansatz von Square, Payleven und einigen anderen ist bestechend. Er umgeht das Problem der doppelten Vernetzung. Denn eines der Wachstumshindernisse bei der Mobilzahlung ist der Zusammenhang „Ohne NFC-Handys sind NFC-Kassen überflüssig und ohne NFC-Kassen wiederum NFC-Handys“.

Square & Co. umgehen dies mit zwei Tricks: Sie verzichten auf NFC, so dass alle Smartphones eingesetzt werden können. Und sie rüsten sowohl Händler als auch Kunden auf. Die Händler erhalten eine kostengünstige Scanner-Lösung für Kredit- und Girokarten (mehr dazu ab Seite 38). Die Kunden bekommen eine App, die das unkomplizierte Zahlen ohne Funk oder Codes erlaubt. Die Investoren erwarten viel von der NFC-Konkurrenz: Square macht eine Finanzierungsrunde nach der anderen, Rocket Internet hat erst kürzlich bei Payleven nachgelegt, Paypal wirft einen eigenen Square-Klon auf den US-Markt, Tengelmann unterstützt SumUp, Mastercard engagiert sich bei iZettle und Payment-Provider Masterpayment startet Streetpay.

Die mobile Welle ist also auch bei den Zahlungsdienstleistern angekommen. „Wir haben ein enormes Wachstum beim Bezahlen via Smartphone und Tablet“, meint Holger Spielberg, Head of Mobile Payments & Innovation bei Paypal. „Dieser Bereich macht bereits zehn Prozent unseres Umsatzes aus.“ Damit ist jedoch in erster Linie klassischer E-Commerce gemeint, nur diesmal über Mobilgeräte. Denn eines ist mit jedem Smartphone oder Tablet möglich: der Einkauf im Onlineshop und die Bezahlung mit Anbietern wie Paypal oder Click & Buy. Selbst beim Einsatz einer speziellen Bezahl-App ersetzt das Mobilgerät meist nur den Desktop-PC. Das weiß auch Holger Spielberg: „Gut zwei Drittel des Mobilumsatzes sind Verdrängung des traditionellen PC.“ Das heißt aber auch: Etwa ein Drittel ist Wachstum, womöglich durch Spontankäufe unterwegs.

Handel hält sich zurück

Doch echtes Mobile Payment – also bargeldloses Bezahlen mit dem Handy – ist das nicht. Auch Square und seine Nachahmer bieten im Grunde lediglich eine Vereinfachung der Kreditkarte. Es ist dadurch ein sinnvolles System für kleinere Händler, die keine modernen Kassensysteme einsetzen. Die Handelsketten dagegen halten sich zurück – unter anderem auch am Unwillen zu bemerken, Interviews zum Thema zu führen. Vermutlich wollen die Großen der Branche nicht frühzeitig auf das falsche Pferd setzen, denn es geht um Millioneninvestitionen. Und um Zehntelsekunden: Die Kassiervorgänge mit Girokarte sind standardisiert und kalkulierbar schnell. Eine Verlangsamung durch Handygefummel würde bei den Kunden und im Controlling der Handelsketten für schlechte Stimmung sorgen.

Das schnelle und mobile Bezahlen an IT-gestützten Kassen hat zurzeit zwei Kandidaten: NFC und QR-Codes. Die beiden Verfahren unterscheiden sich in der Art der Datenübertragung. Bei NFC wird ein verschlüsselter Funkkanal mit Minireichweite genutzt, bei QR-Codes wird der Rechnungsbetrag am Kassendisplay kodiert und mit dem Smartphone eingescannt.

Vertrauen und Sicherheit entscheiden

In beiden Fällen gibt es diverse Anbieter der entsprechenden Software, die eine Geldbörse digital nachbilden. Vorreiter war Google mit seinem Wallet, das allerdings in Deutschland kaum genutzt wird. Eine brandneue Lösung kommt von Giesecke & Dev­rient, den Experten für Kartensysteme: Smart Trust Portigo. Erst für das nächste Jahr ist ein Wallet von Wirecard und der Telekom angekündigt. Es trifft dann auf das Wallet des dänischen Unternehmens Unwire, das nach Deutschland expandieren will. „Die vielen verschiedenen Aktionen torpedieren sich gegenseitig“, sagt Jens Fromm, NFC-Experte am Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme (Fokus). „Zurzeit suchen die zahlreichen Akteure nach funktionierenden Geschäftsmodellen. Es geht dabei nicht nur um Technologie, es geht auch um Märkte.“ Für ihn wird sich die NFC-Zahlung erst dann durchsetzen, wenn es eine attraktive Anwendung mit Mehrwert für den Anwender gibt. „Wichtig ist auch die einfache Bedienung. Die wird von den Anwendern immer mit der etablierten Girokarte verglichen.“ Ein NFC-Wallet dürfe nicht komplizierter wirken.

Dr. Marc-Oliver Reeh vom „Center for Near Field Communication Management“ der Leibniz-Universität Hannover ergänzt: „Wichtiger als technische Maßnahmen sind das Vertrauen der Anwender und die gefühlte Sicherheit der Bezahlvorgänge.“ Und beides ist sehr leicht zu erschüttern. Schon einmal hat ein mobiles Bezahlverfahren den Todesstoß durch ein schlechtes Image erhalten: das SMS-Payment, das in Rekordzeit für Abzocke und Abofallen verrufen war. Bis zur endgültigen Etablierung von Mobile Payment sind also noch viele Hürden zu bewältigen. Eine Schlüsselrolle bei NFC-Verfahren kommt dabei den Mobilfunkprovidern zu: Mit ihrer Marktmacht und der bei Smartphones üblichen „Subventionierung“ der Endgeräte können sie für eine stärkere Verbreitung des NFC-Standards sorgen.

Marketing mit Payment

Und mit einer vorinstallierten Wallet-App gibt es dann zumindest für die Kunden eines Anbieters eine einheitliche digitale Brieftasche – sobald entsprechende Systeme auf den Markt kommen. Doch auch das ist eher ein Ausblick in die nähere Zukunft. Gegenwart dagegen ist die eigentlich bereits mobile Girokarte.

Auch hier ist Bewegung ins Spiel gekommen: Die von fast jedem genutzte Karte soll mit einem NFC-Chip aufgerüstet werden. Die entsprechende Technik wird zurzeit von den Sparkassen in einem Feldversuch im Raum Hannover getestet. Angedacht ist das kontaktlose Bezahlen von Kleinbeträgen.

Das Konzept hört sich verdächtig nach der wenig geliebten Geldkarte an, die in Chipform auf jeder Girokarte ein verborgenes Leben führt. Gescheitert ist sie an der umständlichen Ladeprozedur und zu wenigen Einsatzmöglichkeiten. Bei NFC-Karten ist durch eine Verknüpfung der NFC-Aufladefunktion mit Onlinebanking und Prepaid-Guthaben ein größerer Erfolg denkbar. Entsteht hier eine Konkurrenz für Handyzahlungen? Zu allem Überfluss gibt es noch eine dritte NFC-Umsetzung: mPass von Telefonica bei einigen Ketten wie Douglas, Conrad und Aral. Das System nutzt am Handy aufgeklebte NFC-Sticker, die Zahlung geschieht per Bankeinzug oder mit Prepaid-Funktion. Für die Kostenkontrolle gibt es eine App, die jede Zahlung sofort meldet. Die nächsten Jahre werden zeigen, welches System sich durchsetzt. Prognosen wären unseriös, doch eines lässt sich bereits jetzt sagen: Im Moment ist Mobile Payment eher ein Marketing-Vehikel. So hat Starbucks seine App mit einer Bezahlfunktion aufgebohrt. Das Ergebnis: ein paar Dutzend Millionen Dollar Umsatz und die unvermeidliche Erwähnung in jedem Artikel über das mobile Bezahlen.

Trotz solcher Erfolge durch einzelne Vorreiter stecken alle aktuellen Verfahren noch in den Kinderschuhen. Wirtschaftsinformatiker der Forschungsgruppe „wi-mobile“ an der Universität Augsburg kommen bei einem Vergleich der zahlreichen mobilen Bezahlverfahren zu dem Schluss: Keines erfüllt die Voraussetzungen für eine hohe Akzeptanz bei Nutzern und Händlern.

Bildquelle: iStockphoto.com/mipan

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