Nutzung von Mobiltelefondaten

Öffentliche Gesundheit vs. Datenschutz zu Corona-Zeiten

Zahlreiche Länder nutzen aktuell Mobiltelefondaten, um mittels Bewegungsdaten zur Verhinderung der Corona-Pandemie beizutragen. Dieser Ansatz hat zwar großes Potenzial, dem öffentlichen Wohl zu dienen, die Implementierung und Anwendung einer solchen Technologie wirft jedoch wichtige Fragen zum Datenschutz auf.

Frau mit Mundschutz kauft ein

Die Implementierung mobiler Tracking-Anwendungen stellt manchmal einen unerwünschten Eingriff in die Privatsphäre dar.

Da es sich bei Covid-19 um eine Virusinfektion handelt, bei der Infizierte oftmals keinerlei Symptome zeigen, stoßen traditionelle Methoden schnell an ihre Grenzen. Das Big Data Institute an der Universität Oxford entwickelte daher ein mathematisches Modell, das es ermöglichen soll, die Epidemie zu stoppen, wenn es von einem beträchtlichen Teil der Bevölkerung in Form einer mobilen Anwendung auf mobilen Geräten implementiert wird. Es sorge dafür, dass die manuelle Kontaktverfolgung von 72 Stunden auf vier Stunden reduziert wird. Im Gegensatz zur nötigen wochenlangen manuellen Arbeit bei der Kontaktverfolgung könne die mobile Anwendung die Ausbreitung viel schneller verlangsamen als herkömmliche Methoden.

Ein Beispiel dafür, dass ein technischer Ansatz in der Praxis zur Bekämpfung des Virus funktionieren kann, ist Taiwan. Wie ein kürzlich veröffentlichter Stanford-Bericht zeigt, trugen dazu lediglich fünf Faktoren bei: eine Pandemievorsorge, eine nationale elektronische Gesundheitsdatenbank, groß angelegte Tests, umfangreiche Datenanalysen und der Einsatz mobiler Technologie zur Verfolgung der Bewegungen von Personen, die positiv auf Covid-19 getestet wurden. Taiwan könnte somit als Beispiel für die Eindämmung künftiger Pandemien dienen.

Ethisch vertretbare Anwendungen

Derzeit forschen große Technologieunternehmen wie Google, Apple und Facebook fieberhaft an innovativen Lösungen, um die Ausbreitung des Virus zu verfolgen, zu analysieren und die Wirksamkeit von Maßnahmen zur sozialen Distanzierung zu beurteilen. Das „Data for Good“-Projekt von Facebook sei beispielsweise darauf ausgerichtet, die Bewegungen der Benutzer zu verfolgen, um potenzielle Ausbrüche zu messen und vorherzusehen. Jedoch sorgen solche Initiativen auch für Bedenken hinsichtlich der Transparenz und Datenschutzrechte.

Die Implementierung mobiler Tracking-Anwendungen stellen manchmal einen unerwünschten Eingriff in die Privatsphäre dar: Viele Bürger sind entweder nicht willens oder auch technisch nicht versiert genug, z.B. das von Apple und Google geschaffene Infektionswarnsystem zu nutzen. In bestimmten Kontexten gibt es jedoch rechtliche Gründe für diese Art der mobilen Rückverfolgung. So erlaubt die EU-DSGVO beispielsweise die rechtmäßige Verarbeitung sogenannter „persönlich identifizierender Informationen“, wenn es aus Gründen des öffentlichen Interesses erforderlich ist. Dann kann diese auch ohne die Einwilligung der betroffenen Person erfolgen.

Es liegt zudem in der Verantwortung von führenden Technologieunternehmen und politischen Entscheidungsträgern, ethisch vertretbare, transparente und faire Anwendungen im Zusammenhang mit dem Einsatz von KI-gesteuerten Profiling-Technologien und der Übermittlung hochsensibler Gesundheitsinformationen zu implementieren. Die Grundprinzipien der Fairness und Transparenz im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz (KI) werden von der EU-Kommission mit den Ethikleitlinien für eine vertrauenswürdige KI bekräftigt. Zu diesem Zweck müssen Organisationen über die verwendeten algorithmischen Systeme und deren Zweck, Anwendungen und den potenziellen öffentlichen Einfluss transparent sein.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 09-10/2020. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Auch wenn der Einsatz von Technologien zur Eindämmung der Auswirkungen von Covid-19 für den Schutz der öffentlichen Gesundheit und Sicherheit von wesentlicher Bedeutung sein mag, sollten sie, wie von der Electronic Frontier Foundation vorgeschlagen, die folgenden Kriterien erfüllen:

  • Der Einsatz solcher Technologien muss medizinisch notwendig sein und von den entsprechenden Experten für öffentliche Gesundheit festgestellt werden.
  • Die neue Verarbeitung personenbezogener Daten sollte in einem angemessenen Verhältnis zum tatsächlichen Bedarf stehen.
  • Der Einsatz solcher Technologie muss diskriminierungsfrei erfolgen; Personen dürfen nicht aufgrund ihrer Nationalität oder anderer demografischer Merkmale überprüft werden.
  • Alle neuen Regierungsbefugnisse, die aufgrund neuer Maßnahmen entstanden sind, müssen erlöschen, sobald die Krankheit eingedämmt ist.

Damit diese Lösungen ihr angestrebtes Ziel erreichen und ihre positive Wirkung entfalten können, sind Transparenz und Fairness erforderlich. Bevor die Öffentlichkeit neue Technologien in großem Maßstab einsetzt, muss sie diesen neu aufkommenden Innovationen zunächst vertrauen. Die ethische Nutzung der Künstlichen Intelligenz sollte nicht nur auf einer rechtlichen, sondern auch auf einer moralischen Grundlage bewertet werden. Nur so können neue Lösungen das Vertrauen der Bevölkerung gewinnen, eine breite Akzeptanz finden und die größte Wirkung erzielen – in Krisenzeiten und in einer Welt nach Covid-19.

Bildquelle: Getty Images / iStock

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