5G-Politik in Deutschland

Paradiesische Zustände?

Elmar Grasser, Chief Technology Officer (CTO) des Telekommunikationsanbieters Sunrise, erklärt im Interview, was in der Schweiz den 5G-Ausbau behindert und warum er in Deutschland eher „paradiesische Zustände“ sieht.

Elmar Grasser, Sunrise

Elmar Grasser, Sunrise

MOB: Herr Grasser, wie bewerten Sie als Schweizer 5G-Anbieter die 5G-Politik Deutschlands?

Elmar Grasser: Die Schweiz ist 5G-Pionierin und führend in Europa. Die Politik hingegen ist bereit, diesen Spitzenplatz zu riskieren, wenn man die teilweise absurden Forderungen betrachtet. In Deutschland ist der 5G-Ausbau „Chefsache“ und wird von der Bundesregierung massiv gefördert mit Fördergeldern, Spezialbewilligungsverfahren, Standorten auf Liegenschaften, Kampagnen, usw. Dabei kennt Deutschland ohnehin nur einen Strahlengrenzwert, der zehnfach weniger streng ist im Vergleich zur Schweiz. Das sind paradiesische Zustände. Deutschland ist sich im Gegensatz zur Schweiz bewusst, was 5G für das Land bedeutet.

MOB: Wie sieht es konkret mit der Einführung in der Schweiz aus?
Grasser:
Wir sind als erster Anbieter bereits Anfang April 2019 mit 5G gestartet und haben damit der Schweiz die Pionierrolle gesichert. Aktuell deckt Sunrise über 384 Städte und Orte mit 5G ab und erreicht dabei jeweils mindestens 80 Prozent der lokalen Bevölkerung. Wir wollen so rasch wie möglich das 5G-Netz in allen Regionen vorantreiben. Dies ist unsere Verpflichtung gegenüber den Kunden. Die Schweizer Kunden gehören zur Weltspitze bei den Pro-Kopf-Ausgaben für Telekomdienste und Informationstechnologien. Die neuesten Geräte verkaufen sich immer sehr gut, die Qualitätsansprüche sind sehr hoch – und zwar nicht nur an die Geräte, sondern natürlich auch an das Netz. Wir schulden es folglich unseren Kunden, die beste Netzqualität zu bieten und das Mobilfunknetz auszubauen. Es gibt aber einige Kantone und Gemeinden, die den 5G-Ausbau gezielt verzögern. Hier liegt der Ausbau im Vergleich über 50 Prozent zurück.

MOB: Können Sie uns konkrete Anwendungsbeispiele aus Ihrem Land nennen?
Grasser:
Der neue Mobilfunkstandard hilft z.B. in der Landwirtschaft, neue Wege zu gehen. Agroscope, Sunrise und Huawei erproben hier die neuesten Technologien via 5G. So lässt sich das Tierwohl minutiös verfolgen. Fressstörungen und Krankheiten sollen frühzeitig erkannt werden, um möglichst schnell Abhilfe zu schaffen. Gesunde Tiere haben ein besseres Wohlbefinden und sind produktiver. Mit 5G können ferner Sensoren vielfältig und ohne großen Aufwand in den Landwirtschaftsbetrieb integriert werden. Drohnen und Roboter liefern in Echtzeit Daten, wie sich die Pflanzen entwickeln. Die vertieften Kenntnisse der natürlichen Verhältnisse erlauben es, die Produktion von Nahrungsmitteln ressourcen- und umweltschonender zu gestalten. Weitere 5G-Anwendungen sind Industrie-4.0-Lösungen, Videolösungen im Tourismus, Streaming von 4K Mobile Gaming, usw.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 01-02/2020. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo. 

MOB: Mit welchen Herausforderungen haben Sie in der Schweiz beim Ausbau des 5G-Netzes zu kämpfen?
Grasser:
Die unnötig strengen Strahlengrenzwerte, die zehnfach tiefer sind als im Ausland, behindern uns im 5G-Ausbau massiv. Wenn sich die Politik nicht rasch für eine Anpassung – natürlich weiterhin unter Berücksichtigung des Vorsorgeprinzips – entscheidet, müssen wir tausende neuer 5G-Standorte bauen und die Schweiz wird ihren Vorsprung und hohen Netzqualitätsstandard verlieren.

MOB: Wer gewinnt Ihrer Ansicht nach in den nächsten fünf Jahren am meisten durch 5G?
Grasser:
5G bietet eine Chance für alle und in allen Bereichen. Das Datenvolumen in den Mobilnetzen verdoppelt sich alle zwölf bis 18 Monate. Privatnutzer wollen weiterhin vom schnellen mobilen Internet profitieren können. Schon alleine dazu braucht es den 5G-Ausbau. 5G wird aber auch in den Bereichen Umwelt, Zugang zu Arbeit, Bildung, Medizin, neue Arbeitsmodelle, Industrie, Unterhaltung, Sport, usw. viele neue Möglichkeiten bieten. Viele, die wir uns heute vielleicht noch gar nicht vorstellen können. Wer konnte sich im Jahr 2005 schon vorstellen, was später das iPhone mit 3G und 4G alles verändern würde?

Bildquelle: Sunrise

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