Ulf Baltin: „Die Mitarbeiter müssen wachsam sein und die Unternehmen müssen ihre Sicherheitsvorkehrungen proaktiv und umfassend gestalten, da die Angreifer weiterhin nach innovativen und kreativen Wegen suchen, um Cybersicherheitslösungen zu umgehen.“
MOB: Herr Baltin, aktuelle Studien belegen, dass die große Mehrheit von Mitarbeitern eine Mischung aus Büroarbeit und Homeoffice favorisieren – auch noch fast drei Jahre nach Beginn der Corona-Pandemie. Inwieweit kommen Arbeitgeber diesem Wunsch aktuell nach?
Ulf Baltin: Es gibt mehrere Faktoren, die von den Arbeitgebern bei der Förderung eines flexibleren Arbeitsumfelds berücksichtigt werden. Erstens führte die Geschwindigkeit, mit der einige Arbeitgeber ihren Mitarbeitern das Arbeiten von zu Hause aus ermöglichten, zu einem Mangel an Sorgfalt in Bereichen wie der Cybersicherheit – u.a. dadurch bedingt, dass Mitarbeiter private Geräte für die Arbeit nutzen, und umgekehrt Arbeitsgeräte für private Zwecke. Dazu kommt, dass nicht genehmigte Apps von Teams für die Zusammenarbeit und Kommunikation eingesetzt werden.
Zweitens wissen wir aus Untersuchungen von Blackberry, dass 70 Prozent der Deutschen, die von zu Hause aus arbeiten, beim Kauf von intelligenten Geräten der Cybersicherheit keine Priorität einräumen, was die Sicherheit zu Hause und im Unternehmen zusätzlich gefährdet.
Arbeitgeber erkennen den Wunsch ihrer Mitarbeiter nach Heimarbeit und hybriden Arbeitsformen, müssen sich jedoch nach wie vor auf die zahlreichen Sicherheitsrisiken einstellen, die sich aus der Verwaltung (neuer) Mitarbeiter an remote Arbeitsplätzen ergeben.
MOB: Wie sieht der Trend für das kommende Jahr in diesem Bereich aus?
Baltin: Wir sehen aktuell, dass die Unternehmen die Anpassungen ihrer IT-Systeme der vergangen Jahre konsolidieren. Dies geschieht vor dem Hintergrund einer ständig präsenten Cyberbedrohung, da sowohl Nationalstaaten als auch bösartige Hacker immer aktiver und raffinierter in ihren Techniken geworden sind. Dadurch sind die Arbeitgeber sehr viel vorsichtiger, schließlich werden sie sich des gesamten Cyberrisikos immer mehr bewusst, das sich heute über ihre eigenen Wände hinaus bis in die Wohnungen und öffentlichen Räume erstreckt.
Die VPNs, die zu Zeiten der Lockdowns so beliebt waren, haben sich als unzureichender Schutz erwiesen, und – da die Heim- und Hybridarbeit weiter zunimmt – sollten Unternehmen in Lösungen wie Zero Trust investieren, um sich gegen die erweiterte Bedrohungslandschaft zu schützen. Beim Zero-Trust-Prinzip geht das System davon aus, dass es keinen traditionellen Netzwerkrand mehr gibt, und verfolgt einen strengeren, kontinuierlichen und dynamischen Ansatz für die Benutzerauthentifizierung, die jedoch nahtlos erfolgt, um das Benutzererlebnis nicht zu beeinträchtigen.
Die zunehmende Anzahl und Schwere von Cyberangriffen wird erhebliche Folgen für Unternehmen haben, die nicht darauf vorbereitet sind. Im vergangenen Jahr haben wir gesehen, dass Angriffe auf Kollaborationsanwendungen und Phishing-Taktiken der alten Schule den Akteuren Erfolg beschert haben. Der Trend zu Angriffen mit geringem Aufwand bei gleichzeitig lukrativem Outcome wird sich voraussichtlich fortsetzen und für die meisten Unternehmen, die sich noch auf den veränderten Arbeitsstil einstellen, die größte Bedrohung darstellen.
Die Mitarbeiter müssen wachsam sein und die Unternehmen müssen ihre Sicherheitsvorkehrungen proaktiv und umfassend gestalten, da die Angreifer weiterhin nach innovativen und kreativen Wegen suchen, um Cybersicherheitslösungen zu umgehen. Cyberangriffe werden sich weiterhin Mitarbeiter zunutze machen, die remote und ohne die Struktur und Disziplin von regulären Büroarbeitsplätzen arbeiten.
MOB: Die IT-Security am remoten Arbeitsplatz war lange Zeit ein Risikofaktor für Mitarbeiter und Unternehmen. Inwiefern hat sich da etwas getan?
Baltin: Was sich nicht geändert hat, ist, dass Phishing nach wie vor eine der lukrativsten Taktiken für Cyberkriminelle ist, um Zugang zu Unternehmensnetzwerken zu erhalten. Der Mensch wird oft als das schwächste Glied angesehen. Daher war ein Wandel in der Technologie erforderlich, Technologie, die Angriffe verhindern kann – wobei insbesondere die vermehrte Nutzung von Künstlicher Intelligenz (KI) unterstützt.
Mit der zunehmenden Digitalisierung in den heutigen Arbeitsumgebungen wird es immer wichtiger, den Mitarbeitern eine KI-gestützte Sicherheitslösung zur Verfügung zu stellen, die ihnen Zeit verschafft, sich auf ihre Aufgaben zu konzentrieren. Wenn beispielsweise verhindert wird, dass eine Phishing-Mail überhaupt erst zugestellt wird, werden das Risiko und die Belastung für die Mitarbeiter und den Arbeitsplatz erheblich reduziert. Die Lösung des Problems mithilfe von Technologie kann also exponentiell effektiver sein.
Dies ist ein Artikel aus unserer Online-Ausgabe 11-12/2022. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo der Print-Ausgabe.
KI und Analysen mit maschinellem Lernen (ML) können auch für das IT-Team eine menschenähnliche Note bieten – um Bedrohungen zu erkennen, die Reaktionszeit zu verkürzen und Vorfälle so schnell wie möglich zu beheben. Mit ausgefeilten Algorithmen kann KI bösartige Aktivitäten in Sekundenschnelle erkennen, was die Erkennungszeit auf ein viel kürzeres Zeitfenster reduziert und selbst bei kleinen Problemen die Alarmglocken läuten lässt.
Für die Remote-Mitarbeiter bedeutet dies, dass es keine Rolle spielt, welches Gerät verwendet wird – oder wo und von wem – es ist durch die vorausschauende und proaktive Fähigkeit der KI-Technologie jederzeit geschützt.
MOB: Auch das Thema „Vier-Tage-Woche“ ist inzwischen vermehrt im Gespräch. Welche Vor- und Nachteile birgt das Modell für Arbeitnehmer und -geber?
Baltin: Während die verkürzte Woche von vielen begrüßt wird, gilt dies nicht für diejenigen, die rund um die Uhr arbeiten müssen. Cybersicherheitsteams können es sich nicht leisten, drei Tage lang „abzuschalten“ und Organisationen ungeschützt zu lassen. Es ist nicht einfach, sich auf diese neue Arbeitsweise einzustellen und dabei immer „on“ zu sein, denn jede Verringerung der Überwachung gibt Angreifern reichlich Spielraum für einen Angriff. Unsere Forschungsteams stellen bereits jetzt fest, dass die Aktivitäten von Cyberkriminellen an Feiertagen, Wochenenden und Festtagen in die Höhe schnellen.
Die Cybersicherheit ist ein kritischer Bereich, der es sich nicht leisten kann, seine Arbeit für eine gewisse Zeit einzustellen. Die Vorteile der KI und die Vorteile des Outsourcings oder der Verstärkung des IT-Teams durch professionelle Bedrohungsmanagement-Experten verringern den ständigen Druck der Cyberüberwachung, so dass eine kürzere Arbeitswoche aber selbst für diese kritischste aller Unternehmensfunktionen machbar wäre.
Bildquelle: Blackberry