Interview mit Steffen Fries, Victor

Privatjet-Vermittlung per App

Steffen Fries, COO von Privatjet-Vermittler Victor, spricht über Trends bei Geschäftsreisen, den europäischen und amerikanischen Markt sowie Erfahrungen beim Markteintritt in den USA.

  • Steffen Fries ist seit 2013 für Victor tätig und seit 2015 Chief Operating Officer. Seine Karriere begann er 1990 bei der Lufthansa. 2002 wechselte er zu Net Jets Europe und war dort Senior Vice President für Deutschland, die Schweiz und Österreich. Ab 2008 arbeitete Steffen Fries bei DC Aviation (ehemals Daimler Chrysler Aviation), wo er 2009 zum CEO ernannt wurde. Gleichzeitig war er Managing Director für das Aircraft Asset Management. Gemeinsam mit einem ehemaligen Mitgesellschafter der DC Aviation gründete er 2011 das Luftfahrtunternehmen MHS Aviation. Er ist studierter Wirtschaftsingenieur der TU Karlsruhe.

Der Privatjet-Vermittler Victor hat im Frühjahr eine neue App gelauncht und ist kürzlich in die USA expandiert, dort hat das Unternehmen so eben den Wettbewerber Young Jets übernommen und in einer weiteren Investitionsrunde Kapital aus dem eigenen Kundenstamm erhalten. MOBILE BUSINESS sprach mit Steffen Fries, COO von Victor.

Herr Fries, wie kann Ihre App Geschäftsreisenden helfen?
Steffen Fries:
Die App vereinfacht sowohl den Buchungsprozess als auch die Flugverwaltung. Sie ist letztlich wie ein persönlicher Broker oder Travel Manager, den Sie immer in der Hosentasche mit sich herumtragen. Der größte Vorteil für mich ist dabei die Live-Auskunft, die über den Status des gebuchten Flugs informiert. Früher hatte man einen Ausdruck mit seiner Reisebestätigung dabei. Wenn sich etwas geändert hat, dann konnte höchstens noch die Sekretärin versuchen, Sie im Meeting zu erreichen, um zu sagen, dass Sie 10 Minuten früher fliegen müssen, um überhaupt in Genf landen zu dürfen.

Die App informiert über jede Änderung in Echtzeit, auch wenn sich wegen schlechten Wetters der Abflug um eine halbe Stunde nach hinten schiebt – dann darf das Meeting eben länger dauern. Genauso schnell geht es übrigens bei der Buchung. Stellen Sie sich vor, Ihr Kunde aus Asien ruft an und fragt, ob Sie ihn in drei Tagen dort treffen können. Mit der App wissen Sie innerhalb von 20 Sekunden, welche Flüge an dem Tag verfügbar sind und können den Termin sofort zusagen.

Welche aktuellen Entwicklungen beobachten Sie im Bereich Geschäftsreisen?
Fries:
Die Verfügbarkeit von Privatjets ist heute höher als es noch vor der Krise 2008 der Fall war. Es gibt wesentlich mehr Flugzeuge am Markt und damit für die Kunden auch mehr Optionen. Das bedeutet aber auch, dass man einen Marktplatz braucht, der das Vergleichen dieser Optionen vereinfacht.

Die gleiche Entwicklung haben wir zum Beispiel bei Gebrauchtwagen oder auch Linienflügen gesehen. Ich kann heute mit jeder Airline überall hinfliegen, es gibt unterschiedliche Verbindungen in allen Preiskategorien. Dafür brauchen wir Anbieter wie Expedia, die beim Filtern und Vergleichen helfen.

Es ist ganz einfach: Je größer die Verfügbarkeit im Markt ist, desto attraktiver sind diese Vermittler oder Marktplätze und genau diese Entwicklung erleben wir jetzt auch auf dem Privatjetmarkt. Victor ist so ein Marktplatz, der Kunden dabei hilft, das Preis-Leistungs-Verhältnis unterschiedlicher Angebote zu vergleichen. Noch vor zehn Jahren gab es nur klassische Broker und als Kunde hatten Sie dann eine oder vielleicht zwei Optionen zur Auswahl. Bei Victor haben Kunden heute sechs, sieben oder acht unterschiedliche Möglichkeiten. Reisen wird so spontaner und flexibler.

Inwiefern unterscheiden sich der deutsche/europäische und der US-Geschäftsreise-Markt?

Fries: In den USA sind Privatjets schon wesentlich länger ein anerkanntes Transportmittel. Das liegt daran, dass es auf vielen Strecken nur Umsteigeverbindungen über die großen Hubs wie Chicago und New York gibt, dementsprechend gibt es einen Bedarf für private Nonstop-Verbindungen. Der Markt in Amerika für Privatreisen insgesamt ist circa doppelt so groß wie der gesamte europäische Privatjetmarkt, auch der Geschäftsreiseanteil ist deutlich höher.

In Europa beobachten wir erst in den letzten 15 bis 20 Jahren eine Zunahme. Wichtigster Markt für Geschäftsreisen in Europa ist übrigens Deutschland. Wir vermitteln aktuell etwa 80 innerdeutsche Privatflüge am Tag - davon sind mindestens zwei Drittel Geschäftsreisen, außerdem gibt es viele Flüge von Deutschland nach Großbritannien und in die Schweiz.

In den letzten Jahren ist aber auch der transatlantische Verkehr stark gestiegen. Das liegt unter anderem daran, dass die Flugzeuge, die neu auf den Markt kommen, tendentiell größer sind als noch vor 10 oder 20 Jahren. Um das Jahr 2000 gab es wenige Privatjets, die überhaupt diese Strecke fliegen konnten, heute sind es hunderte.

„Wichtigster Markt für Geschäftsreisen in Europa ist übrigens Deutschland."


Wie verändern digitale Angebote diese Nische, aber auch die gesamte Reisebranche?
Fries:
Digitale Angebote führen zu einer Flexibilisierung des Markts. Der Kunde hat über sein Smartphone heute rund um die Uhr Zugriff auf Angebote, die Möglichkeit zur Sofortbuchung und erhält Live-Daten über seinen Flug. Durch diese Verfügbarkeit verändert sich auch das Konsumverhalten. Buchungen über Victor finden heute wesentlich kurzfristiger statt, als noch vor ein oder zwei Jahren.

So ist das doch in allen Bereichen, nehmen Sie das Beispiel Online-Shopping: Wenn ich weiß, dass meine Bestellung am nächsten Tag geliefert wird, kaufe ich das Geschenk auch nur ein oder zwei Tage, bevor ich es brauche. Wenn ich weiß, ich kann am Mittwoch meinen Privatjet für Freitag buchen, kann ich meine Zeit viel flexibler einteilen. Gestern haben wir um 15:30 Uhr eine Anfrage von einem Kunden erhalten, der dringend von Malaga nach New York musste. Um 21 Uhr ging sein Privatjet, gut acht Stunden später war er in New York. Das wäre vor ein paar Jahren kaum denkbar gewesen.

Sie sind in die USA expandiert und haben dort einen Wettbewerber übernommen. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht? Wo liegen für europäische Gründer im digitalen Umfeld die Chancen aber auch die Hürden und Risiken in den USA?
Fries:
Wir haben bisher durchweg positive Erfahrungen gemacht. Die Akquisition von Young Jets war natürlich eher eine „freundliche“ Übernahme. Bei Young Jets war man sehr überzeugt von unserem Konzept und wollte „dabei sein“, wenn diese neue Technologie auf den Markt kommt. Das Feedback ist auch auf Kundenseite sehr gut. Wir bieten den gewohnten individuellen, hochwertigen Kundenservice durch ehemalige YoungJets Mitarbeiter in Kombination mit allen Vorteilen, die Victor mitbringt, sei es der transparente Buchungsprozess, der sichere Zahlungsverkehr oder die schnelle Abwicklung.

Was die Hürden und Risiken angeht, sollte man auf jeden Fall bedenken, dass die „digital economy“ in den USA wesentlich fortgeschrittener ist als in Deutschland. Hierzulande ist man mit einem digitalen Produkt nicht sofort auf jedermanns Radar. In den USA wirst du auch von der „old economy“ sofort als Wettbewerber wahrgenommen und bekommst entsprechend Aufmerksamkeit. Nach unserem Markteintritt wurden sofort hier und da unser Wording oder unsere USPs kopiert.

„Wenn du nach Amerika gehst, muss dein Produkt perfekt sein, du bekommst keine zweite Chance."

Daher kann ich nur jedem ans Herz legen sich zu überlegen, ob das eigene Produkt schon gut genug ist. Wenn du nach Amerika gehst, muss dein Produkt perfekt sein, du bekommst keine zweite Chance. In Europa ist die Toleranz viel höher, wenn etwas nicht funktioniert und der Wettbewerb ist anders. Meiner Meinung nach ist in den USA ist sowohl die Erwartungshaltung der Industrie als auch der Kunden sehr hoch und dem muss das Produkt standhalten können.

www.flyvictor.com/mk/de/

 

 

 

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