Schlechte Arbeitsbedingungen und Niedriglöhne

Produktionsbedingungen in der IT-Industrie

Ein Blick hinter die Kulissen zeigt, dass die Produktion von Smartphones, Tablets, Notebooks und Co. an vielen Stellen nicht so harmonisch verläuft, wie die meisten Hersteller dem Kunden glauben machen wollen.

  • Auswaschen von Kupfererz: Viele Metalle, die für die Produktion mobiler Endgeräte benötigt werden, stammen aus Schwellenländern.

  • Blick in das Fujitsu-Werk in Augsburg: Hier werden diverse IT-Systeme produziert sowie Notebooks für den europäischen Markt assembliert.

  • Das Mobiltelefon „Fairphone" des gleichnamigen niederländischen Unternehmens soll unter möglichst fairen Arbeitsbedingungen hergestellt werden.

Allein im vierten Quartal 2014 wurden laut Gartner weltweit 367,5 Millionen Smartphones verkauft – Tendenz steigend. Doch kaum ein Nutzer macht sich Gedanken darüber, wo und auf welche Art und Weise die Geräte hergestellt oder welche Rohstoffe dafür benötigt werden. Ein Blick hinter die Kulissen zeigt, dass die Produktion von Smartphones, Tablets, Notebooks und Co. an vielen Stellen nicht ganz so umwelt- und arbeitnehmerverträglich abläuft, wie die meisten Hersteller ihren Kunden glauben machen wollen.

Der eine oder andere wird sich sicherlich noch an die Selbstmordserie unter den Mitarbeitern des Apple-Zulieferers Foxconn im Jahr 2010 erinnern. Damals sorgten Medienberichte mit verstörenden Bildern aus der Produktion von mobilen Endgeräten für einen weltweiten Aufschrei. In der Folge nahmen unter dem Druck der Öffentlichkeit nicht nur Apple, sondern auch weitere Anbieter von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) ihre Fertigungs- und Produktionsprozessen unter die Lupe und mühten sich um gerechtere, sozialere Arbeitsbedingungen.

Aufgrund der damaligen Ereignisse haben sich viele Anbieter – allen voran Apple – einen eigenen Verhaltenskodex (Supplier Code of Conduct) auferlegt, der die Beziehungen zu Auftragsfertigern und Zulieferern regeln soll. Apple selbst will damit „einen Beitrag für sicherere und ethischere Arbeitsbedingungen leisten“, heißt es auf der Webseite des Unternehmens. Dabei muss jeder Zulieferer, der mit dem Anbieter eine Geschäftsbeziehung unterhält, die Rechte der Arbeiter mit „höchstem Engagement“ schützen. Eigenen Angaben zufolge gehört dazu u.a. die Einhaltung einer Wochenarbeitszeit von maximal 60 Stunden, die die Zulieferer im letzten Jahr zu 92 Prozent erfüllt hätten. Desweiteren verfolgt man hehre ethische Ziele: So konnte man 2014 mehr als 4.500 ausländischen Vertragsarbeitern helfen, Rückzahlungen in Höhe von 3,96 Mio. US-Dollar für überhöhte Gebühren zu erhalten, die sie Arbeitsvermittlern gezahlt hatten.

Im Jahr 2013 adaptierte die japanische Sony Corporation ebenfalls einen Verhaltenskodex für ihre Zulieferer. Dieser sieht etwa das Verbot von Kinderarbeit, die Beschränkung der Maximalarbeitszeit pro Woche sowie einen generell sozialen Umgang mit den Mitarbeitern vor. Bereits seit längerem unterliegen die Produktionsstätten des chinesischen Anbieters Lenovo globalen Vorgaben zu Arbeitszeit, Entlohnung und Arbeitsschutz. „Die Anforderungen entsprechen den lokalen gesetzlichen Rahmenbedingungen sowie den Anforderungen des Code of Conduct der Electronic Industry Citizenship Coalition (EICC)“, berichtet Magnus Piotrowski, Environmental Affairs Manager bei Lenovo. Hinter EICC verbirgt sich ein Zusammenschluss von Herstellern mit einem gemeinsamen Verhaltenskodex für die Elektronikfertigung (siehe Infokasten). Zu den über 100 Mitgliedsfirmen zählt auch Samsung Electronics. Der südkoreanische Konzern hat sich den EICC-Richtlinien verschrieben und besitzt darüber hinaus den Vorteil, dass er – anders als so mancher Mitbewerber – den Großteil seiner Produkte in eigenen Werken herstellt. „Dank einer Fertigungstiefe von etwa 90 Prozent haben wir somit direkten Einfluss auf das weltweite Netz von Fertigungsstätten, wobei wir an allen Standorten die jeweiligen arbeitsrechtlichen Vorgaben erfüllen“, heißt es in einer offiziellen Stellungnahme des Konzerns.

Nicht zuletzt sei ein hiesiges Unternehmen ins Feld geführt: Wie seine internationalen Mitbewerber nimmt auch der in Paderborn ansässige Anbieter von Tablet-PCs, Ionik GmbH, das Produktionsumfeld der eigenen Produkte unter die Lupe: „Wir arbeiten nahezu ausschließlich mit Firmen zusammen, deren Standorte wir vorher besichtigt haben. Zudem prüfen wir, ob sie unseren Normen, beispielsweise bei der Einhaltung angemessener Arbeitszeiten, gerecht werden“, erläutert Alexander Laske, Leiter Produktmanagement bei den Ostwestfalen.

Vertragsverstöße ahnden

Überprüfung ist ein gutes Stichwort, denn das bloße Ausformulieren sozial gerechter Verhaltenskodizes reicht bei weitem nicht aus. Von daher setzen die meisten IKT-Anbieter auf regelmäßige Kontrollen bzw. Audits bei ihren Auftragsfertigern und Zulieferern vor Ort. Dabei haben etwa Apple-eigene Prüfer im Jahr 2014 insgesamt 633 Überprüfungen durchgeführt, was eigenen Angaben zufolge 40 Prozent mehr Kontrollen als im Vorjahr waren.

Weitere Details zu diesem Thema gibt Sony: „Um sicherzustellen, dass sich die Zulieferer an unseren Verhaltenskodex halten, führen wir regelmäßig Überprüfungen durch. Je nachdem, welche Risiken mit dem Land, in welchem der Zulieferer sitzt, verbunden sind sowie welche Größe, welche Art des Betriebs und welchen Status dieser derzeit besitzt, wird die Überprüfung auf das Risikoniveau der jeweiligen Produktionsstätte zugeschnitten“, erklärt Gernot Teufel, Country Manager Germany bei Sony Mobile Communications. Desweiteren fordert man von direkten Zulieferern regelmäßige Selbstbewertungen ein. „Bei Betrieben, deren Selbsteinschätzung ein hohes Risiko der Verletzung unserer Standards anzeigt, werden Kontrollen von Dritten nach EICC-Standards in den Bereichen Arbeitsbedingungen, Moral, Sicherheit und Gesundheit, Umwelt sowie Managementsystem durchgeführt“, so Teufel.

Auf „neutrale“ Dritte setzt man auch bei Lenovo. Der Anbieter ersucht seine Zulieferer, sich von unabhängigen Auditoren nach EICC-Vorgaben überprüfen zu lassen. „Daneben führen die Zulieferer eine Selbstevaluation durch und wir führen Planungs- und Review-Gespräche mit den Zulieferern, in denen diese entsprechende Unterlagen, Nachweise und Auditberichte vorlegen müssen. Anhand dieser Informationen bewerten wir die Firmen und stellen gegebenenfalls gemeinsam Verbesserungspläne auf. Diese Gespräche werden mindestens alle 24 Monate durchgeführt“, berichtet Magnus Piotrowski.

Auf kürzere Inspektionszyklen verweist Ionik: „Transparenz in der Produktion ist für uns eine zentrale Angelegenheit. Damit es nicht beim bloßen Anspruch bleibt, führen wir regelmäßige Kontrollen vor Ort durch. So sind wir mindestens vier bis fünf Mal im Jahr in den Produktionsstätten zugegen, um die gesetzten Standards zu überprüfen“, berichtet Alexander Laske. Damit nicht genug, besitzt das mit der Qualitätssicherung beauftragte Unternehmen die Freigabe, die Produktionspartner jederzeit kurzfristig und vor allem unangekündigt zu inspizieren.

Daneben hat Samsung Electronics eigene Überwachungssysteme etabliert, um arbeitsrechtliche Verstöße bei Zulieferern zu vermeiden. Dazu führt man sowohl Audits durch Dritte als auch durch interne Prüfstellen durch. Generell werden die Lieferanten der Südkoreaner regelmäßig bzw. auf Basis von Stichproben gemäß arbeitsrechtlicher Normen, Menschenrechten, ethischer Kriterien und Umweltnormen bewertet. Sollten dabei Missstände zutage treten, verhängt der Konzern Sanktionen gegen den jeweiligen Lieferanten.

Ähnlich wie Samsung werden andere IKT-Anbieter bei Verstößen ebenfalls aktiv: „Stellen wir fest, dass Standards nicht eingehalten werden, was bei jeder Überprüfung vorkommt, setzen wir uns mit den betreffenden Zulieferern zusammen und arbeiten vor Ort daran, Veränderungen durchzusetzen. Und versuchen dann, noch höhere Maßstäbe anzulegen“, heißt es auf der Apple-Webseite.

Doch nicht eitel Sonnenschein?

Glaubt man dem aufgezeichneten Bild der IKT-Anbieter, herrscht in den meisten Fertigungs- wie Produktionsstätten eitel Sonnenschein. Doch wie so oft trügt dieser Schein. So verweisen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) regelmäßig auf noch immer katastrophale Bedingungen insbesondere in asiatischen Fabriken. Andrea Ben Lassoued, Projektleiterin Clean-IT bei Südwind, einer entwicklungspolitischen Nichtregierungsorganisation in Wien, betont, „dass Arbeiter in der IT-Produktion oft für einen Hungerlohn schuften, mit dem sie ihre Grundbedürfnisse nicht decken können“. Hinzu kämen lange Arbeitszeiten von bis zu zwölf Stunden am Tag – und dies an sechs bis sieben Tagen die Woche. Deutliche Worte findet Sebastian Jekutsch, Sprecher „Faire Computer“ beim Forum Informatiker für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung (Fiff e.V.) und Betreiber von blog.faire-computer.de: „Das größte Problem ist der Arbeitsdruck, der sich in Pflichtüberstunden, Beschimpfungen durch Vorgesetzte, extrem arbeitsteilige und damit stupide Fließbandarbeit, Unterdrückung von Streiks, fehlendem Training beim Einsatz von Chemikalien oder in kurzfristiger ­Rekrutierung von Leiharbeitern mit noch weniger Rechten äußert. Der Druck wird letztlich von den bekannten Markenherstellern erzeugt, damit sie wie geplant ihre Produktpräsentationen hinbekommen.“

Glaubt man Branchenkennern, fallen Unterschiede hinsichtlich einzelner Standorte kaum ins Gewicht. „Exzessive Überstunden, Niedriglöhne und fehlender Einfluss von Gewerkschaften sind in fast allen asiatischen Produktionsländern – von China bis Indien – vorhanden. Besonders niedrig sind die Löhne derzeit in Vietnam, wo es überdies keine unabhängigen Gewerkschaften oder Arbeitsrechtsorganisationen gibt“, so Ben Lassoued. Zwar gebe es in den meisten Staaten Arbeitnehmervertretungen, doch diese hätten kaum die Macht, mit den Arbeitgebern zu verhandeln. „So sind die Gewerkschaften in China abhängig von der Staatspartei. In Ländern wie Malaysia, den Philippinen, Thailand, Indonesien, Vietnam und Kambodscha haben die meisten Arbeiter zu viel Angst vor einer Entlassung, um sich einer solchen Vereinigung anzuschließen“, so die Südwind-Mitarbeiterin weiter.

Angesprochen auf die eingangs erwähnten Zustände beim Auftragsfertiger Foxconn, gibt es laut Andrea Ben Lassoued keine überzeugenden Beweise dafür, dass sich die Arbeitsbedingungen seit dem Selbstmordskandal vor fünf Jahren verbessert haben. „Im Gegenteil wurden diese erst kürzlich vom chinesischen Gewerkschaftsverbund All China Federation of Trade Unions (ACFTU) kritisiert“, so Ben Lassoued. In diesem Zusammenhang hat auch die iLabour Action Group, ein Forschungsteam aus sechs chinesischen Universitäten, auf den stagnierenden Grundlohn der Foxconn-Arbeiter seit 2010 verwiesen. Ähnlich schätzt Peter Pawlicki, Projektmanager bei der IG Metall, die Lage ein: „Die dramatischen Ereignisse bei Foxconn haben zwar zu einer kurzfristigen Aufmerksamkeit in Bezug auf die Arbeitsbedingungen in der ITK-Industrie geführt. Leider haben sich die Markenhersteller bisher nicht zu den notwendigen strukturellen Änderungen durchringen können. So können ihre vollmundig angekündigten Programme nichts an den miserablen Arbeitsbedingungen ändern.“

Niedriglöhne erfordern Überstunden

Generell können sich die Mitarbeiter großer Betriebe noch glücklich schätzen. „Denn je weiter unten in der Lieferkette, desto geringer sind die Löhne“, glaubt Andrea Ben Lassoued. Zwar ist über die Arbeitsbedingungen bei Sublieferanten derzeit noch zu wenig bekannt, um allgemeine Aussagen treffen zu können. Es sei jedoch kaum anzunehmen, dass   diese besser sind als bei großen Firmen, die mehr im Licht der Öffentlichkeit stehen und dadurch auch mehr Druck erhalten, Verbesserungen durchzuführen.

Wie erwähnt reichen die vielerorts gezahlten Niedriglöhne für die Betroffenen kaum zum Leben aus. In der Folge führt dies dazu, dass viele Arbeiter eine exorbitante Anzahl an Überstunden leisten müssen, um sich und ihre Familien über die Runden bringen zu können. Zudem treten beim Thema Entlohnung immer wieder neue Probleme auf. So verweist Andrea Ben Lassoued auf die in den meisten IT-Produktionsländern vorkommenden Zwangspraktika für Studenten sowie den hohen Anteil an Leiharbeitern und Migranten, deren Position in der Regel noch schlechter ist als jene der regulären Arbeiter.

Dabei sei vor allem die IKT-Industrie in Singapur, Malaysia, Südkorea und Thailand bekannt für ihren hohen Anteil an Arbeitskräften mit Migrationshintergrund. „Meist verdienen Leih- und Wanderarbeiter deutlich weniger als reguläre Arbeiter, sind Diskriminierungen ausgesetzt und werden von keinen Gewerkschaften vertreten“, berichtet die Südwind-Mitarbeiterin. Sehr häufig müssten sie ihre Pässe in den Fabriken abgeben und Vermittlungsgebühren bezahlen, um überhaupt Arbeit zu finden. Missstände, die Sebastian Jekutsch mit einem Beispiel belegt: Um einen Job in Malaysias Elektroindustrie zu bekommen, zahlen Gastarbeiter – etwa aus Nepal – hohe Vermittlungsgebühren, wodurch sie sich verschulden und in Form einer „Schuldknechtschaft“ während der ersten Arbeitsmonate vorrangig diese Schulden abbezahlen. „Verlieren sie den Job früher, können sie in aller Regel nicht wieder nach Hause, weil das Geld für den Flug fehlt“, berichtet Jekutsch.

Giftstoffe in der Produktion

Neben Niedriglöhnen und Überstunden droht Arbeitern in der ITK-Produktion zudem von weiterer Seite Ungemach. So verweist Peter Pawlicki darauf, dass auf fast allen Ebenen der Wertschöpfungskette von Elektronikgeräten zahlreiche extrem gesundheitsschädliche Stoffe eingesetzt werden. „Dies stellt insbesondere für die Beschäftigten in den Fertigungsbetrieben ein großes Problem dar. Denn die existierenden Schutzmaßnahmen zielen nur auf den Schutz der produzierten Geräte ab und setzen die Beschäftigten den gesundheitsschädlichen Stoffen zum Teil direkt aus.“ Wie paradox dieses Vorgehen sein kann, zeigt ein Beispiel aus der Prozessorindustrie: Die Chipherstellung selbst muss in einem sogenannten „Clean Room“ stattfinden, in dem sich keinerlei Materie in der Luft befinden darf. „Hierbei tragen die Mitarbeiter zwar Schutzanzüge und -masken, diese sind jedoch so ausgelegt, dass vom Menschen nichts auf die Geräte übertragen wird. Demgegenüber schützen sie die Mitarbeiter jedoch oft nur unzureichend vor entstehenden ätzenden Dämpfen oder Gasen“, erklärt Andreas von Angerer, Analyst bei Oekom Research in München. „Desweiteren werden in der Produktion von Smartphones und Tablets oft gesundheitsgefährdende Stoffe wie beispielsweise Benzen oder N-Hexan verwendet, ohne die Arbeiter hinreichend zu informieren und zu schützen“, ergänzt Annelie Evermann, Referentin bei WEED – World Economy, Ecology & Development e.V. Sie verweist auch darauf, dass verschiedene NGOs von Hunderten von Fällen berichten, in denen Arbeiter in China, Südkorea, Indonesien, den Philippinen, Thailand sowie weiteren Produktionsstandorten an Krebs und anderen Krankheiten erkrankt sind.

Will man als Nutzer hinsichtlich etwaiger gefährlicher Stoffe in seinem mobilen Endgerät auf Nummer sicher gehen, sollte man beispielsweise auf die Bezeichnung „TCO Certified“ achten. Das dahintersteckende TCO-Gütesiegel will den Käufern dabei helfen, entsprechende Qualitäts- und Umweltschutzstandards bei IT- sowie Mobilgeräten zu erkennen. Seit 2012 fokussiert die in Stockholm ansässige Gesellschaft auch Nachhaltigkeitszertifizierungen sowie Kriterien für die sozial verantwortliche IKT-Produktion. Diese fordern von den Herstellern die Einhaltung der acht Kernübereinkommen der International Labour Organisation (ILO) sowie weiterer Bestimmungen zum Schutz der Arbeiterrechte. Hinsichtlich der Verwendung kritischer Substanzen in den Geräten erläutert Niclas Rydell, Director of Certification bei TCO ­Development: „Giftige und gesundheitsschädliche Stoffe findet man nach wie vor sowohl im Produktionsprozess als auch in den Produkten selbst. Daher haben wir bei unseren Kriterien einen Schwerpunkt auf diesen Bereich gelegt.“ Dieser reiche vom Verbot bestimmter Substanzen bis hin zu Auflagen für eine drastisch verringerte Verwendung – sollte es keine Alternativen geben.

Rohstoffe aus Blutminen

Befasst man sich näher mit der Produktion von Smartphone, Tablets und Co., darf ein Blick auf die dazu benötigten Rohstoffe nicht fehlen. Über einen großen Kunststoffanteil hinaus beinhalten die Devices zig weitere Materialien, darunter Edelmetalle wie Kupfer, Silber und Gold oder sogenannte Seltene Erden (siehe Infokasten S. 045). Hinsichtlich des Abbaus solcher Rohstoffe stellt Sebastian Jekutsch generell infrage, inwieweit dieser überhaupt ökologisch korrekt ablaufen kann, wenn infolgedessen riesige Gebirgsflächen samt Wäldern unwiederbringlich zerstört werden. „Darüber hinaus wird die Sozialverträglichkeit oft schon allein durch die Vertreibung der Bevölkerung in den betroffenen Gebieten in Abrede gestellt“, so Jekutsch weiter. Auf ein konkretes Beispiel verweist in diesem Zusammenhang Andreas von Angerer: „In den Zinnminen auf Bangka Island in Indonesien werden Ressourcen unter katastrophalen Arbeits- sowie Umweltbedingungen ausgebeutet. Hier hört man von Kinderarbeit über fast wöchentliche Todesfälle durch Schlammlawinen bis hin zur Zerstörung einzigartiger Korallenriffe.“

Doch damit nicht genug, sind bestimmte Rohstoffe weltweit so knapp, dass in der Vergangenheit oftmals „Konfliktmineralien“ insbesondere aus Blutminen in afrikanischen Bürgerkriegsgebieten in die Produktion mobiler Endgeräte eingeflossen sind. Im Jahr 2010 konnte die US-Regierung mit dem „Dodd-Frank Act“ diesen Missständen zumindest teilweise einen Riegel vorschieben. Denn das Gesetz besagt, dass alle an der US-Börse gelisteten Unternehmen offenlegen müssen, woher die in ihren Geräten genutzten Rohstoffe stammen. „Aufgrund dessen listen große Anbieter mittlerweile genau auf, von wem sie ihre Stoffe beziehen. Zumeist handelt es sich hierbei um Schmelzstätten, die genau wissen, woher die zu verarbeitenden Rohstoffe und Metalle stammen. Diese kommen ausschließlich aus Minen, die nicht von Rebellen kontrolliert werden und damit in keiner Weise in die Finanzierung von Bürgerkriegen verwickelt sind“, berichtet Andreas von Angerer. Nichtsdestotrotz beschränkt sich das US-Gesetz allein auf die vier als Konfliktmineralien anerkannten Stoffe, nämlich Zinn, Wolfram, Gold und Tantal. Hier könnte man laut von Angerer durchaus weitere Rohstoffe sowie Länder aufnehmen – etwa über afrikanische Staaten wie den Kongo hinaus auch Indonesien oder Peru.

Nicht zuletzt sollte ein solches Gesetz auch in Europa Schule machen. In diesem Zusammenhang berichtet Annelie Evermann, dass die EU-Kommission zwar bereits einen entsprechenden Verordnungsentwurf eingebracht hat. Bei diesem würden jedoch zum einen verbindliche Vorgaben fehlen und zum anderen würde er allein die direkten Importeure adressieren. Demgegenüber sollte die EU vielmehr ein Gesetz anstreben, welches sämtliche Rohstoffquellen transparent macht – und zwar nicht nur hinsichtlich der Konfliktfinanzierung, sondern auch was die Arbeitsbedingungen sowie den Schutz der Natur beim Abbau der Rohstoffe angelangt.

Notebooks aus Augsburg

Trotz der von vielen NGOs vorgebrachten Kritik würde wohl kaum ein IKT-Anbieter die Missstände bei seinen Auftragsfertigern oder Zulieferern selbst in die Öffentlichkeit bringen. Denn viel zu hoch wären die Risiken eines Imageschadens und Reputationsverlusts. Dennoch kann man nicht alle Anbieter über einen Kamm scheren. Neben den eingangs ­erwähnten Firmen Apple, Ionik, Lenovo, Samsung und Sony, die die Arbeitsweisen der Auftragsfertiger und Lieferanten auf den Prüfstand stellen, gibt es Anbieter wie BQ aus Spanien oder das japanische Unternehmen Fujitsu, die einen Großteil der Fertigung bzw. Produktion ihrer Geräte in Europa realisieren.

Dabei lassen sich in europäischen Gefilden die Bedingungen in Fertigung und Produktion durchaus fair gestalten. Während sich so mancher IKT-Anbieter rühmt, auf eine 60-Stunden-Woche Wert zu legen, betont der Multimedia-Spezialist BQ: „Zunächst klären wir überall dort, wo wir Arbeitsplätze oder eine Produktionsstätte einrichten, welche Gesetze vor Ort gelten. Auf dieser Grundlage entwickeln wir unsere Richtlinien und Prozesse zum Arbeitsschutz, aber auch für Leistungsbewertung, Fördermaßnahmen, Schulungen und Gehälter. Beispielsweise liegt unsere  wöchentliche Arbeitszeit wie in Spanien bei 40 Stunden“, betont Xavier Gastaminza, General Manager Europe bei BQ. Darüber hinaus überprüfe man laufend, ob die Richtlinien eingehalten werden: „Unter anderem erheben wir die Anzahl von Überstunden auf freiwilliger Basis, die maximale wöchentliche Arbeitszeit oder die Bezahlung von Überstunden. Zudem achten wir auf Schutzmaßnahmen bei Maschinen mit Gefahrenpotential und Mitarbeiterschulungen bezüglich Arbeitsrisiken, zu Notfallmaßnahmen und zu Evakuierungen“, zählt Gastaminza auf. Ähnlich Positives berichtet Vera Schneevoigt, Senior Vice President bei Fujitsu: „An unserem Standort im bayrischen Augsburg beschäftigen wir aktuell rund 1.600 festangestellte Mitarbeiter. Wir leben hier ein sehr flexibles Arbeitszeitmodell, das kurzfristige Anpassungen der täglichen Arbeitszeit ermöglicht, was wir auch durch den Einsatz von Leihkräften abdecken.“ Im Werk Augsburg betreibt der Anbieter eigenen Angaben zufolge die einzige in Europa verbliebene vollständige Entwicklung und Produktion von Hauptplatinen für PCs und Workstations, Server, Speichersysteme und industrielle Fabriksysteme. Hier findet überdies die Endmontage dieser Systeme sowie von Notebooks für den Hauptzielmarkt Europa statt. „Darüber hinaus befinden sich Teile unserer Entwicklungsabteilung in München und Paderborn, wo wir auch ein Recyclingcenter betreiben“, ergänzt Schneevoigt.

Das Werk in Augsburg besitzt mittlerweile Vorzeigecharakter: „So haben wir für die Koordination der zahlreichen Aktivitäten zur Gesundheitsförderung und Prävention ein zentrales Gesundheitsgremium eingerichtet. Dieses setzt sich aus einem Querschnitt von Unternehmensvertretern zusammen: aus Betriebsleiter, Human Resources, dem Gesamtbetriebsrat, einer Fachkraft für Arbeitssicherheit und der Krankenkasse als strategischer Partner“, berichtet Vera Schneevoigt. Den Erfolg in Bezug auf den Arbeitsschutz könne man u.a. an der Anzahl von lediglich vier Arbeitsunfällen im Jahr 2013 festmachen. Zum Vergleich: Der Branchendurchschnitt ist 20 Mal höher.

Fairphone und eine faire Maus

Neben diesen Herstellern treiben zwei Neulinge den fairen Gedanken in der IKT-Produktion voran. So gründete sich in Amsterdam 2013 mit Fairphone eine Initiative, die zunächst auf unterster Ebene – nämlich bei der Beschaffung der benötigten Rohstoffe bzw. Konfliktmaterialien – nach Minen sucht, die sich nicht in der Hand von Rebellen befinden. „Darüber hinaus versucht die Initiative, in China mit Firmen zusammenzuarbeiten, die sich an die dortige Gesetzgebung halten und demgemäß über relativ gute Arbeitsbedingungen verfügen“, erklärt Andreas von Angerer.

Doch trotz dieser Bemühungen existieren laut von Angerer auch bei Fairphone noch viele intransparente Zwischenschritte. „Bislang versuchen die Niederländer, sowohl die Rohstoffgewinnung als auch das Zusammensetzen aller benötigten Teile des Mobilgeräts – d.h. Endfertigung bzw. Assemblierung – auf eine ‚fairere‘ Weise zu gestalten. Die Nachhaltigkeit aller benötigten Komponenten zu gewährleisten, ist jedoch bei weitem noch nicht möglich“, betont der Analyst.

Darüber hinaus rückte in der Vergangenheit eine „faire Maus“ in den Fokus der Branche. Dahinter verbirgt sich das Projekt „Nager IT“ aus Bayern und dessen Versuch, eine faire Computermaus zu produzieren. Der Hintergrund: Generell handelt es sich bei PC-Mäusen um relativ einfache IT-Produkte, die weitaus weniger komplex sind als beispielsweise Mobiltelefone. „Dennoch ist es bereits hier enorm schwierig offenzulegen, woher einzelne Komponenten genau stammen“, berichtet Andreas von Angerer. Trotz aller Widerstände hat Nager IT eine Übersicht über ihre Zulieferkette veröffentlicht, die zeigt, welche Teile von welchem Betrieb stammen und welche Arbeitsbedingungen dort herrschen.


Bildquelle: Fairphone, Fujitsu

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