„Extreme Digitalisierungslücken“

Rad-Enthusiasten im Internet der Dinge

Im Interview erläutert Walter Melcher, E-Mobility Business Consultant bei Doubleslash, wie Fahrräder, Händler und Radfahrer per zentraler Internet-Of-Things-Plattform (IoT) vernetzt werden können und inwieweit dies zur Sicherheit beiträgt.

  • E-Bike

    Über die IoT-Plattform werden Funktionen bereitegestellt, die die Freude am Fahrrad(-fahren) steigern sollen.

  • Walter Melcher, E-Mobility Business Consultant bei Doubleslash

    „Die größte Herausforderung ist zu verstehen, wie die Fahrradbranche funktioniert”, meint Walter Melcher, E-Mobility Business Consultant bei Doubleslash.

Herr Melcher, inwieweit ist die Fahrradbranche bereits digitalisiert?
WALTER MELCHER:
Man kann nicht davon sprechen, dass die Branche nicht digitalisiert ist. Es gibt bereits Herstellerportale für die Händler, um gewisse Service-Prozesse abzubilden, und es gibt natürlich Warenwirtschaftssysteme bei den Händlern, die bereits unterschiedlich stark in die Herstellersysteme integriert sind. Das Problem ist jedoch, dass die Portallandschaft der Hersteller extrem heterogen ist – von gut integriert bis gar nicht vorhanden.

Extreme „Digitalisierungslücken“ bestehen jedoch bei der ganzen Kommunikation in Richtung Endkunde, also zum Fahrradfahrer selber. Das betrifft sowohl Service-Prozesse, wie z.B. Service-Termine vereinbaren, als auch die generelle Kommunikation. Dazu gehört ebenso der Rückfluss von Nutzungs- und Telemetriedaten an den Hersteller. Die Folge ist, dass Hersteller Trends erst sehr spät oder gar nicht erkennen und nicht wissen, wer eigentlich ihre Kunden sind. Somit können sie diese auch nicht erreichen – das ist insbesondere bei Rückrufen ein sehr großes Problem. Hier setzt die Bikecrowd an und bietet den Fahrradfahrern eine kostenlose App, die sowohl für die Kommunikation als auch zum Datenaustausch dient.

Was wird durch das Vernetzen von Fahrrad, Händler, Hersteller und Radfahrer per zentraler Internet-of-Things-Plattform (IoT) generell ermöglicht?
MELCHER: Über die IoT-Plattform wird eine datengestützte Produktentwicklung ermöglicht. Das heißt, dass auf Basis von Telemetrie- und Nutzungsdaten aus dem Verhalten im Feld unter bestimmten Rahmenbedingungen gelernt wird und dieses Wissen in neue Produktgenerationen einfließen kann. Beispielsweise kann man so verstehen, welche Nutzergruppen welches Fahrradmodell auf bestimmten Straßentypen benutzen oder unter welchen Bedingungen bestimmte Fehler vermehrt auftreten.

Darüber hinaus ermöglicht die Bikecrowd eine datengestützte Kollaboration von Händlern und Herstellern. Dem Händler werden zentral Informationen zu den Bikes zur Verfügung gestellt. Ebenso kann über ein Ticketsystem ein effizienter Service-Prozess geleistet werden. Im Zentrum des Ganzen steht immer der Fahrradfahrer. Er profitiert von besseren Produkten durch datenbasierte Produktentwicklung und von effizienteren Service-Prozessen. Darüber hinaus werden ihm über die IoT-Plattform Funktionen bereitgestellt, die die Freude an seinem Fahrrad steigern, z.B. durch die Möglichkeit, sein Rad individuell per Appzu konfigurieren.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 07-08/2018. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Inwieweit kann die Vernetzung von Fahrrädern zur Sicherheit beitragen?
MELCHER:
Durch Ortung und Beschleunigungssensoren kann das Fahrrad nach einem Diebstahl oder Sturz nachverfolgt werden. Dazu arbeiten wir mit ausgewählten Hardware-Herstellern zusammen. Eine weitere Form der Sicherheit ist auch der Werterhalt. Durch ein digitales Service-Buch entsteht eine Wartungshistorie, die im Falle eines Verkaufs, ähnlich wie beim PKW, ein Beleg für eine ordnungsgemäße Handhabung ist. In diesem Kontext bietet die Bikecrowd für registriere Nutzer einen vergünstigten Wartungsvertag an, damit Kosten für den Nutzer kalkulierbar werden und die Hemmschwelle, einen Service in Anspruch zu nehmen, sinkt.

Mit welchen Heraus-forderungen ist solch eine Vernetzung zugleich verbunden?
MELCHER:
Die größte Herausforderung ist zu verstehen, wie die Fahrradbranche funktioniert, obwohl ich selber als passionierter Radfahrer einen gewissen Einblick mitbringe. Eine weitere Herausforderung ist es zu verstehen, welche Funktionen und Lösungen in einer digitalen Welt wirkliche Mehrwerte mit sich bringen. Hier hilft uns unsere langjährige Erfahrung aus der Automobilwelt, die diesen Prozess vor einigen Jahren bereits durchlebt hat. All die Dinge zusammen genommen bedeuten, dass man einen „langen Atem“ braucht, um so ein Produkt zu entwickeln. Das ist ein jahrelanger Prozess, der auch durch eine entsprechende Investitions- und Finanzplanung abgesichert werden muss.

Wie ist es bei der „Bikecrowd“ um die Sicherheit der Fahrradfahrer-Daten bestellt?
MELCHER: Für uns gilt die DSGVO. Auch davor haben wir das Thema „Datenschutz“ immer ernst genommen – deswegen sind wir als Unternehmen zertifiziert. In unseren Geschäftsmodellen bestimmt der Nutzer selbst, ob und welche personenbezogenen Daten an Dritte, also Hersteller oder Händler, weitergegeben werden. Um den Nutzer in Service-Prozesse mit dem Händler zu integrieren, ermöglichen wir ihm im Registrierungsprozess die Weitergabe seiner Daten an den Händler. Dieser Service ist aber optional, sodass man als Kunde die meisten Bikecrowd-Funktionen auch ohne diese Weitergabe nutzen kann. 

Bildquelle: Thinkstock/iStock

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