Deutschland 4.0

Ratgeber für alle Digitalkommissare

Nicht nur Günther Oettinger braucht Nachhilfe in Sachen Digitalisierung. Tobias Kollmann und Holger Schmidt liefern einen Crashkurs in Buchform.

Tobias Kollmann (li.) und Holger Schmidt präsentieren ihr Buch - digital auf einem iPad.

„Fehlende Risikobereitschaft, zu späte, zu unentschlossene Reaktionen und fehlender Mut, groß zu denken, haben deutsche Chancen in der digitalen Ökonomie zunichtegemacht.“ Es ist keine schmeichelhafte Bilanz, die der Digitalexperte Prof. Dr. Tobias Kollmann von der Universität Duisburg-Essen und der Netzökonom und Wirtschaftsjournalist Dr. Holger Schmidt ziehen.

Doch ihr empfehlenswertes Buch „Deutschland 4.0. Wie die Digitale Transformation gelingt“ beschränkt sich nicht auf Jammern und Klagen über den deutschen digitalen Rückstand (DDR 2.0). Das Motto ist vielmehr „Digital aufwachen“. Sie fordern: „Die deutsche Wirtschaft braucht den Mut und die konsequente Haltung, den digitalen Wandel als wesentliche Veränderung der eigenen Strukturen zu akzeptieren und aktiv zu gestalten, statt nur Getriebener zu sein.“

Dafür zeichnet das Buch zunächst die Grundlinien der digitalen Transformation nach und nennt alle wichtigen Bereiche, in denen ein mehr oder weniger radikaler Wandel zu erwarten ist. Nacheinander betrachten die Autoren die großen Problemfelder Gesellschaft, Technologie, Wirtschaft, Arbeit und Politik.

Die letzte Geige in der Digitalwirtschaft

Die ersten beiden Großkapitel zu Gesellschaft und Technologie zeigt in knappen Umrissen die digitale Transformation und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft sowie ihre Voraussetzungen in der Technologie. Der Teil zur Wirtschaft geht dann ans Eingemachte und nennt zunächst die schmerzhaften digitalen Fehler der Vergangenheit.

Hier wird deutlich, dass Deutschland Mitte bis Ende der 1990er Jahre ein kurzes Zeitfenster hatte, große, global agierende Player im neuen Spielfeld der Digitalwirtschaft aufzubauen. Leider ist dies mangels Risikofreude nicht gelungen. Ein typisches Beispiel ist die an der TU Berlin entwickelte Suchmaschine Fireball, die von Gruner + Jahr betrieben wurde und vor der Gründung von Google eine Spitzenposition im Suchmaschinenmarkt hatte. Doch dann wurde die Lösung weiterverkauft und vom neuen Besitzer Lycos Europe vernachlässigt, sodass sie rasch in der Bedeutungslosigkeit verschwand.

Eine vertane Chance, urteilen die Autoren, wie in anderen Fällen. Das typisch deutsche, risikoaverse Sicherheitsdenken hat dazu geführt, dass unser Land in der Digitalwirtschaft nicht einmal die zweite Geige spielt. Es ist bestenfalls mittelmäßig und fällt immer weiter zurück. Den Wettlauf im B2C-Markt geben die Autoren deshalb verloren. Es ist ihrer Ansicht nach unwahrscheinlich, dass es deutschen Unternehmen gelingen wird, hier die weit vorauseilende und sehr dynamische Konkurrenz zu schlagen.

Ein Problem ist das mangelnde Digitalwissen der meisten Unternehmer und Manager, machen die beiden Autoren deutlich. Das führe auch zu gefährlichen Missverständnissen wie etwa der Verengung auf Industrie 4.0. „Die Konzentration auf Effizienzvorteile in der Produktion verstellt den Blick auf die nötigen Innovationen auf der Produktseite, um die Kundenbedürfnisse besser zu befriedigen“, urteilen die Autoren. „Hier liegt das Manko der deutschen Wirtschaft.“

Die digitale Zukunft ist im B2B-Markt

Anschließend folgen die Nachhilfelektionen für Wirtschaft und Politik: „Zögern ist ein sträflicher Fehler.“ Kollmann und Schmidt sehen die Zukunft der deutschen Digitalwirtschaft im B2B-Markt, in dem es noch zahlreiche Möglichkeiten gibt - vorausgesetzt, die deutschen Unternehmen gehen Themen wie autonome Fahrzeuge, datengetriebene Geschäftsmodelle, Smart Home, FinTechs oder E-Health nicht halbherzig an. Darüber hinaus ist ein Verständnis der unterschiedlichen Paradigmen der digitalen Wirtschaft gefordert, etwa das Plattformmodell, die Konzentration auf Kundenbedürfnisse und den Primat des globalen Denkens.

Auf die Erläuterungen zur Digitalwirtschaft folgt ein Blick auf die Situation der Arbeit und der Arbeitskräfte in der Zukunft. Hier geht es den Autoren in erster Linie darum, die Arbeitnehmer auf die Digitalisierung vorzubereiten: Das Lernen von Themen wie Algorithmen, Statistik und Programmiersprachen wären für sie schon mal ein Anfang.

Alle wichtigen digitalen Themen werden in dem Buch allgemeinverständlich und im Überblick dargestellt. Skeptiker und Unentschlossene erhalten hier einen guten Einblick in die digitale Gegenwart und Zukunft. In der Massierung wirken die Erklärungen fast ein wenig einschüchternd. Doch die beiden Autoren bemühen sich, das Gegenteil zu erreichen. So gelingt ihnen ein umfassendes Kompendium zum Thema "Digitales Deutschland", das vor allem Entscheider in der Wirtschaft, aber auch in der Politik als tägliche Lektüre nutzen sollten.

Denn es mündet in einen Forderungskatalog an Brüssel, Berlin und die Landeshauptstädte. "Die Digitalisierung hat derzeit in der Politik nicht den Stellenwert, der notwendig wäre, um Deutschland wirklich ins 21. Jahrhundert zu bringen." Die Autoren wünschen sich ein eigenständiges Ministerium für Digitales in Deutschland, damit das Thema den notwendigen Rückenwind und politische Glaubwürdigkeit bekommt.

Die wichtigste Forderung jedoch richtet sich an die gesamte Gesellschaft in Deutschland, also an jeden von uns. Die digitalen Technologien haben sich durchgesetzt, der Weg führt nicht mehr zurück. Es geht jetzt darum, diese wertvoll für Gesellschaft und Wirtschaft zu nutzen. Oder etwas knapper ausgedrückt: "Lernt die Technik zu lieben, denn sie wird unser Leben immer stärker bestimmen."

Bildquelle: Netstart

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