Instant Payment

Revolution der Zahlungswelt?

Online-Bezahldienste machen den Banken schon länger zu schaffen – nun will die Branche mit der Möglichkeit der Echtzeitüberweisung dagegenhalten. Allerdings geht die Einführung von „Instant Payment“ in Deutschland nur schleppend voran.

  • „Instant Payment“ in Deutschland

    Wann wird sich „Instant Payment“ in Deutschland durchsetzen?

  • Ercan Kilic, GS1 Germany

    „Sepa Instant Payment allein hat eine überschaubare Auswirkung auf die Zusammenarbeit und den Wettbewerb der Unternehmen untereinander. Einen größeren Einfluss hat die PSD2, die Dienstleistern den ungehinderten Zugriff auf das Girokonto des Verbrauchers erlaubt – natürlich nur mit dessen Zustimmung“, erklärt Ercan Kilic von GS1 Germany.

  • Steffen Gutjahr, Targens

    „Auf Anbieter wie Paypal wird sich der Druck merklich erhöhen und die Konkurrenzsituation wird sich verschärfen. Dies könnte zu verbesserten Angeboten und Leistungen für die Anwender führen", so Dr. Steffen Gutjahr von Targens.

Was sich in anderen Ländern teils schon flächendeckend durchgesetzt hat, hält jetzt erst langsam in Deutschland Einzug – das Thema „Instant Payment“. Mit dieser Methode sind Überweisungen (quasi) in Echtzeit möglich – und zwar zu jeder Tages- und Nachtzeit an 365 Tagen im Jahr. Das betrifft Transaktionen von einer Person zur anderen, aber soll vor allem auch Potential für den Handel bieten.

Theoretisch sind seit November 2017 Überweisungen in Echtzeit in Europa möglich. Da für die Banken die Teilnahme an jenem Zahlungsverkehrssystem generell freiwillig ist, läuft die Einführung entsprechend uneinheitlich ab. Laut Dr. Steffen Gutjahr, Head of Compliance Solutions bei der Targens GmbH, nimmt bisher praktisch nur eine deutsche Bank – nämlich die Hypovereinsbank (HVB) – an dieser freiwilligen Initiative teil. Die HVB folgt damit ihrer Muttergesellschaft, der Unicredit aus Italien.

Stefan Roßbach, Gründungspartner der TME AG, fügt noch die VZ-Depotbank hinzu – sie biete seit dem 5. Februar 2018 Instant Payment an. „Desweiteren haben sich die Sparkassen für die Umsetzung im Juli dieses Jahres verpflichtet. Ebenso ist zu hören, dass sowohl die Volksbanken als auch die Deutsche Bank und die Commerzbank noch in diesem Jahr nachziehen wollen.“

Bislang testen die Banken den Transfer via Instant Payment im Vergleich zu klassischen Überweisungen wohl eher untereinander. Doch „eine via Instant Payment abgewickelte Zahlung beispielsweise am Point of Sale (POS) oder im E-Commerce werden wir frühestens ab dem vierten Quartal 2018 sehen“, meint Ercan Kilic, Abteilungsleiter Mobile Commerce & Financial Services bei GS1 Germany.

Deutschland liebt Bargeld

Warum Deutschland hier im Vergleich zu anderen europäischen Ländern hinterherhinkt, dafür sieht Robin Crewe von Finastra zwei zentrale Gründe: Zum einen werde Bargeld immer noch für rund 80 Prozent der Bezahlvorgänge am POS verwendet. Dieser Anteil sei doppelt so hoch wie in einigen anderen europäischen Ländern. Daher sei der generelle Bedarf an Echtzeitzahlungen geringer. „Zum anderen müssen Banken ihre Zahlungsinfrastruktur modernisieren, um die Anforderungen an die Verarbeitung von Instant Payment zu erfüllen“, erklärt der CTO. Viele Banken würden hier noch abwarten und die Entwicklungen beobachten, ehe sie die nötigen Investitionen tätigen.

So sieht es auch Steffen Gutjahr, schließlich seien die entsprechenden Investitionen nicht gerade gering. „Die Banken können den möglichen Return On Investment (ROI) nur schwer abschätzen. Zudem lieben die Deutschen ihr Bargeld.“ Man bedenke, dass selbst bei einer heute gängigen Innovation im Zahlungsverkehr, der Kreditkarte, Deutschland damals nur Nachzügler war.

Standards müssen her

Um der Einführung von Instant Payment in Deutschland ein wenig Schwung zu verleihen, wären die Beschreibung einheitlicher Prozesse, die Einführung entsprechender technischer Schnittstellen sowie die Umsetzung von konkreten Pilotprojekten sinnvoll. Die Kommunikation zwischen Banken sei hier schon weitgehend standardisiert, meint Gutjahr, „z.B. durch das Target Instant Payment Settlement der Europäischen Zentralbank und die pan-europäische Echtzeitzahlungsplattform EBA Clearing“. In der Kommunikation zwischen Kunde, Händler und Bank gebe es bisher keine entsprechenden Standards. Eine der offenen Fragen sei hier: Wie wird der Händler informiert, dass die Zahlung des Kunden tatsächlich auf seinem Konto eingegangen ist? GS1 nimmt sich dem Thema bereits seit 2016 mit einer eigens hierfür gebildeten Arbeitsgruppe an. In dieser seien wichtige Banken, Händler, Zahlungsnetzbetreiber, Terminalhersteller, Software-Anbieter und Wallet-Betreiber vertreten – und sie beschäftigen sich mit der Standardisierung von Zahlungen per Sepa Instant Payment am POS, im E-Commerce sowie Peer-to-Peer (P2P).

Dank Sepa sind Überweisungen innerhalb Europas schon länger problemlos möglich. Man benötigt lediglich den Namen sowie die Iban-Nummer des Empfängers – gegebenenfalls auch den BIC-Code. Im Normalfall dauern solche Transaktionen dann aber mindestens einen Bankarbeitstag – übers Wochenende oft sogar mehrere Tage. Beim Instant Payment ist nun entscheidend, dass das Auftragsgeberkonto sofort belastet wird, während das Empfängerkonto umgehend die entsprechende Gutschrift erhält. So kann „im wahrsten Sinne des Wortes direkt ‚Ware gegen Cash’ getauscht werden“, hebt Steffen Gutjahr den Vorteil für den Handel hervor. Das Geld sei nicht erst nach drei Tagen auf dem Konto des Händlers, sondern innerhalb von Sekunden. So beschleunige sich der komplette Bestell- und Versandprozess, was dann letztlich auch dem Kunden zugute kommt, der seine georderte Ware zügiger erhält.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 3-4/2018. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Auch soll der Business-to-Business-Bereich (B2B) von Instant Payment profitieren, denn „Rechnungen brauchen nicht mehr schon zwei bis drei Tage vor dem Fälligkeitstag veranlasst werden, damit sie rechtzeitig beim Empfänger ankommen“, erklärt Robert Hesse, Digital-Banking-Berater bei TME. „Es reicht dafür der letzte Tag der Zahlungsfrist.“ Dies führe dazu, dass die Unternehmen – Finanzinstitute eingeschlossen – diese Cashflows zwei bis drei Tage länger selber effektiv nutzen können, wie z.B. für Geldanlagen.

In der Praxis kann eine Überweisung per Instant Payment übrigens mehrere Sekunden dauern – sie läuft also „nur fast“ in Echtzeit ab. Das Service-Level-Agreement unterscheidet sich hier von Region zu Region. „Der Europäische Zahlungsausschuss (European Payments Council, EPC) gibt eine komplette Durchführung innerhalb von 15 Sekunden vor, angefangen bei der Verfügbarkeitsmitteilung des Betrags beim Begünstigten bis zur Zahlungsbestätigung beim Belasteten“, erklärt Dagan Osovlansky, Produktmanager von Finastra. Einige regionale Systeme könnten dies sogar schon innerhalb von fünf Sekunden leisten.

Sicherheit auf allen Kanälen

Die Schnelligkeit von Instant Payment bringt zugleich einen Nachteil mit sich, weiß Robin Crewe: „Wenn eine Zahlung versehentlich getätigt wurde, kann der Betrag beim Versuch, ihn zurückzufordern, schon nicht mehr verfügbar sein.“ Eine Stornierung ist also nicht so ohne weiteres möglich wie bei „normalen“ Überweisungen. Ferner könnte die bisherige Betragsgrenze von nur 15.000 Euro für das Forderungs- bzw. Treasury-Management in Unternehmen zum Knackpunkt werden, ergänzt Steffen Gutjahr. Nicht zuletzt werden mit der Einführung neuer internationaler und grenzübergreifender Mechanismen für Echtzeitzahlungen auch Hacker verstärkt versuchen, in die Systeme einzudringen. „Daher brauchen Banken zuverlässige Abwehr- und Compliance-Mechanismen, die rund um die Uhr Zahlungen überprüfen und die Verarbeitung und Ausführung von betrügerischen Zahlungen verhindern“, betont Crewe.

Diese Mechanismen sollten dabei für sämtliche Kanäle greifen, denn Instant-Payment-Aufträge können theoretisch nicht nur über Online-Banking-Portale, sondern auch über die Mobile-Banking-Apps der Finanzinstitute, über die Mobile-Payment-Applikationen von Zahlungsdienstleistern oder per Mobilgerät direkt am Point of Sale ausgelöst werden. Das Stichwort lautet also „Multi-Channel-Fähigkeit“ – und gerade die mobilen Endgeräte sollen hier eine sehr wichtige Rolle spielen. „Wenn erst einmal standardisierte und sichere Mechanismen zur Übermittlung von Kundentransaktionsdaten an dritte Parteien etabliert sind, werden sich mobile Endgeräte und Mobile-Banking-Apps zu zentralen Lösungen für die Verwaltung von allen finanziellen Belangen entwickeln“, ist sich Dagan Osovlansky sicher. Sie werden nicht nur Zahlungen und Auftragserteilungen ermöglichen, sondern auch Mittel der Wahl werden, um Versorgungsleistungen zu managen, Autorisierungen zu erteilen oder entgegenzunehmen und um Benachrichtigungen und Empfehlungen zu erhalten.

Die neue PSD2-Richtlinie soll hierbei viele Sicherheits- und Datenschutzbelange abdecken, meinen die Experten. „Wird beispielsweise ein Zahlungsauftrag mobil ausgelöst, etwa per Smartphone oder Tablet, werden verschiedene Attribute in der Anfrage protokolliert, z.B. die IP-Adresse oder Geolokalisierung und das Betriebssystem“, erklärt Osovlansky. Software von Drittanbietern könne dann auf Basis der Geräteidentifizierung und mithilfe von ergänzenden Attributen dafür eingesetzt werden, das jeweilige Endgerät in Echtzeit wiederzuerkennen, auf seine Integrität hin zu überprüfen und eine Risikoabschätzung durchzuführen. Wenn auf dieser Grundlage ein Endgerät dann als kompromittiert eingestuft wird, können die Dienste abgelehnt werden.

Ein Leben in der Echtzeitwelt

Auf längere Sicht gesehen, könnte Instant Payment die Zahlungswelt revolutionieren – da sind sich die Experten einig. So werden früher oder später alle wichtigen Bezahlverfahren über Instant Payment erfolgen, „weil es allen Playern Effizienzgewinne ermöglicht“, bekräftigt Ercan Kilic. „Wir leben mittlerweile in einer Echtzeitwelt. Wir wollen alles schnell, jederzeit und überall – kommunizieren, Waren bestellen, bezahlen und so weiter. Der Verbraucher erwartet, er verlangt geradezu Echtzeitlösungen, weil er in Echtzeit lebt.“ Sepa Instant Payment werde somit das „New Normal“. So sieht es auch Dagan Osovlansky: Schnelle Zahlungen könnten die Branche „entscheidend verändern“. Die Kombination aus schnell bestätigten Ausführungen sowie geringeren Transaktionsgebühren findet er „sehr reizvoll“. Seiner Ansicht nach könnte Instant Payment so zur großen Bedrohung für Kartenzahlungen werden. „Aufgrund der geringeren Gebühren könnten Händler anfangen, für Echtzeitzahlungen aktiv zu werben und dadurch Kartenzahlungen zurückdrängen“, erklärt er.

Instant Payment wird also letztlich einen großen Einfluss auf die Mobile-Payment-Branche ausüben. Nicht zu vernachlässigen sind aber auch Trends wie die Near Field Communication (NFC), die anno 2018 weiter in den Fokus rücken soll. „NFC wird sich weiterhin an den Kassen und Terminals am physischen POS durchsetzen und sicherlich auch von den Mobile-Payment-Verfahren unterstützt werden“, meint jedenfalls Ercan Kilic. Außerdem werden es P2P-Anbieter über die Interoperabilität ermöglichen, dass Nutzer untereinander Geld transferieren können, auch wenn sie unterschiedliche P2P-Lösungen verwenden. Eine weitere Entwicklung sieht Kilic im Rahmen von Mehrwertdiensten wie Coupons. Diese werden entsprechend in Mobile-Payment-Lösungen integriert, wodurch die Attraktivität der reinen Bezahllösungen steige.

„Wir werden ein Jahr der Umsetzung erleben“, vermutet Steffen Gutjahr. Im Fokus stehe die Implementierung der Payment Service Directive 2 (PSD2), und auch die Blockchain als Grundlage für Payments werde weiterentwickelt werden. „Und zu guter Letzt wird spätestens mit dem Start von Apple Pay, welchen wir im Laufe des Jahres erwarten, Mobile Payment noch einmal eine ganz neue Strahlkraft entwickeln“, so Robert Hesse abschließend. Spätestens wenn diese Möglichkeit von Apple angeboten werde, nehme die Berichterstattung stark zu und sei damit die Aufmerksamkeit beim Kunden hinsichtlich Mobile Payment um ein Vielfaches höher.

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