Venture Capital, US-Style

Risikokapital legt Startups auf einen Exit fest

Venture Capital wie im Silicon Valley hat Konsequenzen für die Startups, die sich damit finanzieren. Unter anderem müssen sie wachsen und wachsen - bis zum Exit.

Risikokapital

Risikokapital - Finanzierung mit Folgen

Für Venture Capital in den USA war das vergangene Jahr ein Rekordjahr: Mehr als 5000 einzelne Investitionen zu insgesamt fast 72 Milliarden Dollar - ein Anstieg von 17 Prozent gegenüber 2016. Ebenso rekordverdächtig ist laut CBInsights die Anzahl der Megarunden (109) mit mindestens 100 Millionen Dollar und das Entstehen von 22 neuen Einhörnern aus VC-unterstützten Unternehmen. Zum Vergleich ein paar Zahlen aus Deutschland: Laut dem EY-Startupbarometer Deutschland wuchs der Gesamtwert aller Investitionen in deutsche Startups von 2,3 auf 4,3 Milliarden Euro – ein Anstieg um 88 Prozent. Allerdings waren die Investitionen im Jahr davor um fast ein Drittel eingebrochen, mussten also verlorenes Terrain erst wieder wettmachen.

Risikokapital ist also auch in Deutschland die bevorzugte Finanzierungsform für Technologie-Startups. Für eine klassische, mittelständische Bankfinanzierung sind die enorm großen Risiken zu hoch. Doch Risikokapital hat nicht nur Vorteile, wie Luke Kanies, Gründer des Softwareanbieters Puppet, in einer sechsteiligen Serie auf Medium betont. In den USA gibt es eine recht große und recht finanzkräftige Szene aus Investoren, die sich auf digitale Startups mit hohem Risiko spezialisiert haben. Doch die Art und Weise, wie Venture Capital funktioniert, hat laut Kanies Konsequenzen - die Unternehmen werden sehr stark in eine bestimmte Richtung gedrängt.

Es ist für jeden Gründer, der ein Unternehmen in den USA starten möchte oder auf eine VC-Beteiligung aus der Bay Area hofft, sehr wichtig, die Besonderheiten von Venture Capital (in den USA) zu verstehen. Einige dieser Erkenntnisse sind sicher auch auf deutsche VCs wie Rocket Internet und andere zu übertragen.

Venture Capital bedeutet: Exit oder IPO, nichts sonst

Ein sehr wichtiger Punkt ist der Kapitalrückfluss an die Investoren. Hier gibt es üblicherweise nur zwei Möglichkeiten: Der Verkauf des Unternehmens („Exit“) oder der Börsengang (IPO, Initial Public Offer). In den meisten Fällen wird beides unter dem Oberbegriff „Exit“ zusammengefasst. Doch es gibt einen sehr wichtigen Unterschied. Bei einem Unternehmensverkauf erhalten die Investoren sofort frei verfügbare, liquide Mittel („Cash“).

Bei einem IPO dagegen erhalten sie lediglich Aktien („Shares“), die sie erst noch an der Börse verkaufen müssen. Das ist grundsätzlich ein Risiko für das Startup, denn ein zu schneller Verkauf zu vieler Aktien auf einmal kann die Kurse erheblich abstürzen lassen. Deshalb ist es unüblich, die „Shares“ zu verschleudern. Seriöse VCs verkaufen ihre Aktien über einen längeren Zeitraum von 18-24 Monaten.

Die Option, das Unternehmen weder zu verkaufen noch an die Börse zu bringen, also in US-Diktion „Private“ zu bleiben, ist normalerweise bei Risikokapital-Finanzierungen nicht vorgesehen. Das hat einen schlichten Grund: Die Investitionen sind sehr hoch, die Rendite-Erwartungen der Risikokapitalisten ebenfalls und dies lässt sich im Regelfall nur durch einen Verkauf erreichen.

Venture Capital bedeutet: Wachsen, wachsen, wachsen

Etwas vereinfacht gesagt, erwarten VCs normalerweise das 5-10fache ihrer Investition von einem erfolgreichen Unternehmen. Doch leider sind nur die wenigsten Unternehmen erfolgreich. Im Idealfall hat ein VC ein Portfolio von 20-30 Unternehmen. Einige werden sehr schnell eingestellt, ein paar andere laufen mittelprächtig und einige wenige werden zu einem Riesenerfolg.

Die wenigen wirklich erfolgreichen Startups müssen die Gesamtinvestitionen eines Risikokapitalisten tragen, also das 10fache des Fundings einbringen. Die anderen Startups sind im Ergebnis entweder Verluste oder Nullsummenspiele. Leider ist vollkommen unklar, welches Unternehmen sich zu einem Erfolg entwickeln wird - es gibt kein Patentrezept dafür. Dies bedeutet für jedes einzelne Startup: Wachsen und skalieren, groß genug werden für einen ertragreichen Börsengang oder Exit.

Entsprechend agieren auch die US-VCs. Sie behandeln in gewisser Weise alle Startups gleich: Sie sollen mit allen Mitteln, am besten im 24×7-Rhythmus an der Skalierung ihres Geschäftsmodells arbeiten. Mit den bekannten Nebenwirkungen: Gründer, vor allem aber die Mitarbeiter erhalten relativ wenig Lohn. Das Startup verbrennt viel Geld, soll damit aber vorwiegend Wachstum finanzieren.

Venture Capital bedeutet: Gründer werden Fundraiser

Eine weitere Eigenheit der VC-Szene sorgt dafür, dass Gründer nur wenig Zeit für ihre eigentliche Aufgabe haben. Normalerweise sollten sie die Firma aufbauen, sich um Kunden kümmern sowie die Produkte und Services verbessern. Doch sobald Risikokapital beteiligt ist, mutieren Founder zu Fundraisern im Hauptberuf: Sie müssen neues und mehr Risikokapital einwerben.

Startups nach dem Bay-Area-Modell benötigen für jede weitere Finanzierungsrunde neue VCs, denn Venture-Funds beteiligen sich normalerweise nur an einer Finanzierungsrunde. Der Grund: Sie müssen ihr Portfolio diversifizieren und natürlich den Kapitalstock beachten, könnten sich also ohnehin nicht an allen Startups wiederholt beteiligen.

Doch für ein Startup (und damit die ursprüngliche Investition) wäre es schädlich, wenn sich ein Investor nicht weiter beteiligt - die Gerüchteküche würde brodeln. Deshalb gilt die goldene Regel: Ein VC macht nur eine Finanzierung in ein Startup. Dies bedeutet aber, dass auch ein vom Start weg erfolgreicher Unternehmer bei jeder neuen Finanzierungsrunde wieder die Tingeltour machen muss: Bei VCs pitchen und alles andere, was so dazugehört.

Venture Capital bedeutet: Greife nach den Sternen

Aus der Art und Weise, wie Venture Capital funktioniert, lassen sich ein paar Schlüsse ziehen über Situationen, in denen entweder der Gründer darauf verzichten sollte oder er keine Finanzierung bekommen wird:

  • Gründer mit Geschäftsmodellen, die nicht das Potenzial zur globalen Skalierung haben, werden nur wenig oder gar kein Risikokapital erhalten. VCs bevorzugen Unternehmen mit einem weltweiten Fokus. Wer lediglich einen regionalen Markt bedienen will, wird sicher keine Risikofinanzierung des US-Typs erhalten. Je nach Produkt oder Service gibt es natürliche Grenzen für die Skalierung und je größer die potentielle Zielgruppe, desto besser. Deshalb greifen VCs am liebsten nach den Sternen und züchten Einhörner.
  • Gründer, deren Unternehmen nach dem Modell des deutschen Mittelstandes längere Zeit Bestand haben und regelmäßige Gewinne erbringen soll, verzichten besser auf Risikokapital. Der Gründer strebt in diesem Fall sicher keinen Exit an, der dem VC die (versilberte) Rückzahlung seiner Investitionen bringt. Unter Umständen finden sich aber kleinere Investoren für Seed/Angel-Finanzierungen, die beispielsweise eine Ratenzahlung mit Verzinsung akzeptieren. Doch das ist vermutlich nichts für die üblichen Verdächtigen aus dem Silicon Valley.

Aus diesen Erläuterungen zum System Risikokapital lässt sich auch ableiten, warum VC nach dem Silicon-Valley-Modell in Deutschland vergleichsweise schwach und unterentwickelt ist: Die meisten Gründer gehören zu den beiden oben genannten Typen. Sie können tolle Unternehmen aufbauen, passen aber oft nicht in das VC-Beuteschema.

Bildquelle: Thinkstock

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