Keine Raketenwissenschaft

Roboter – nicht nur Technik für die Großen

Im Interview beleuchten Mladen Milicevic und Kevin Freise, die Gründer von Unchained Robotics, den Robotereinsatz in kleinen Betrieben und verraten, was sich hinter „Robot as a Service“ verbirgt.

Mladen Milicevic und Kevin Freise

Sie haben Unchained Robotics gegründet: Mladen Milicevic und Kevin Freise (v.l).

MOB: Herr Freise, wird Robotik bereits in kleinen deutschen Industrie- und Handwerksbetrieben eingesetzt?
Kevin Freise:
Wir sehen noch ein riesiges Potenzial in der KMU-Landschaft. Für viele Betriebe ist die Suche nach passenden Robotern zu kompliziert und undurchsichtig. Unsere Kunden sagen uns, dass sie früher einfach nicht wussten, wie teuer die Roboterlösung am Ende sein wird. Vor dieser Herausforderung stehen noch viel zu viele Betriebe in Deutschland. Das bestätigt auch eine Studie des statistischen Bundesamtes, die besagt, dass abseits der Automobilindustrie noch sehr viele Betriebe ohne einen einzigen Roboter
auskommen.

MOB: Herr Milicevic, welche Vorteile und Möglichkeiten bietet der Einsatz von Robotern?
Mladen Milicevic
: Robotik und Automatisierung bieten für kleine Betriebe viele Vorteile, z.B. geringere Produktionskosten, nie-drigere Fehlerquoten, höhere Produktionsraten und mehr Sicherheit. Bisher profitierten von der Technologie vor allem die Großbetriebe, weil der gesamte Bereich auf die Massenproduktion ausgelegt war. Die Roboter waren schwierig einzurichten, komplex in der Programmierung und für jede Anpassung wurden Experten benötigt.

Die Robotik hat sich aber in den letzten fünf Jahren extrem verbessert. Gerade die kollaborierenden Roboter (Cobots) haben die Nutzung vereinfacht, auch dank eingebauter Sicherheitsfunktionen und intuitiver Bedienung. Es braucht heute keine ausgewiesenen Programmierer mehr, man arbeitet heute mit Konfigurationen und „Plug & Play“-Komponenten statt mit tausenden Zeilen von Software-Code. Heute kann nahezu jeder in ein bis zwei Tagen alle Grundlagen erlernen.

Mit Cobots können die meisten der Probleme und Herausforderungen der kleinen Fabriken und Betriebe direkt gelöst werden. Sie profitieren von der Technologie „der Großen“ und müssen sich nicht mehr vor hohen Anschaffungs- und Folgekosten fürchten. Sie stehen nicht mehr in großer Abhängigkeit von externen Firmen, sondern bilden sich selbst zu Roboterexperten aus.

MOB: Wie sehen konkrete Einsatzszenarien aus?
Freise:
Zu den häufigsten Einsatzszenarien gehören das Palettieren bzw. Depalettieren, die Maschinenbeschickung und die Verpackung. Für den ersten und zweiten Bereich gibt es eine Vielzahl von Robotern, Greifern und Software-Lösungen, die die Automatisierung dieser Prozesse vereinfachen. Mit einem modernen Cobot und einer einfach zu bedienenden Greifereinheit kann die Palettierung vollständig über die grafische Benutzeroberfläche programmiert werden. Der Roboter kann per Hand auf bestimmte Positionen gefahren werden, um zu „zeigen“, wo und wie gewisse Bauteile gegriffen werden sollen.

Ein anderer Bereich ist das Schleifen und Polieren von Werkstücken. Hier werden benutzerfreundliche, grafische Tools wie RoboDK und End-of-Arm-Tools eingesetzt. Selbst kompliziertere und aufwändigere Prozesse, wie die Verpackung variabler Produkte, lassen sich realisieren. Hier ist allerdings eine professionelle Programmierung erforderlich.

MOB: Inwieweit lässt sich die vermeintliche Raketenwissenschaft entmystifizieren?
Milicevic:
Aus unserer Sicht sind es drei Punkte, die die Robotik so mystisch gemacht haben:
Intransparenter Markt: Wir sind es mittlerweile gewohnt – von Amazon, Ebay, Zalando und Co. –, alles mit einer einfachen Suche auf Knopfdruck zu finden: Bücher, Elektronik, Schuhe, Lebensmittel. In der Robotik war das vor 2021 nicht der Fall. Allein die Preisermittlung eines Roboters oder Greifers war schwierig. Dazu wusste man nicht, welche Teile miteinander kompatibel sind. Nicht nur die Auswahl war überwältigend, auch die entsprechenden Produktinformationen waren oft schwer zu finden – wenn sie überhaupt öffentlich zugänglich waren. Die Möglichkeit, Roboter, Greifer und Co. aus einem breiten Spek-trum von Marken zu entdecken, zu bewerten und zu vergleichen, wäre noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen. Die Kunden erwarten und fordern das heute.

Hohe Kosten: Anfangs war die Integration von Roboterlösungen kostenintensiv und komplex. Heute sind die Roboter, Greifer und Werkzeuge wesentlich einfacher zu bedienen. Die frühere Komplexität wurde ausgenutzt, um ein hohes Preisgefüge zu kreieren – das ist heute vorbei. Mit Unchained Robotics wollen wir den Weg zum ersten Roboter so einfach und leicht wie möglich gestalten – durch Schulungen, eigene Dienstleistungen und maximale Transparenz

Viel Zeit: In der Vergangenheit sind Wochen vergangen, bis das erste Angebot und die erste Simulation der potenziellen Lösung vorlagen. Diese Dauer hat gleichzeitig suggeriert, dass das Vorhaben sehr komplex und dementsprechend teuer sein muss. Vor allem hat es dann weitere Monate gedauert, bis der Roboter schlussendlich in der Fabrik stand. Heute können unsere Kunden direkt alle relevanten Hersteller miteinander vergleichen und über einen Konfigurator eine Empfehlung für eine erste Lösung erhalten.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 03-04/2022. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

MOB: Welche Bedeutung schreiben Sie Roboter-Leasing anno 2022 zu?
Milicevic:
Der Trend des Leasings wird weiter zunehmen, gerade weil auch immer mehr kleinere Betriebe mitmischen wollen. Hierbei wird es weniger um das Leasing einzelner Roboter als um gesamte Anlagen gehen. Wichtig wird der Blick auf nutzungsbasierte Modelle. Eine kontoschonende Variante ist die Zahlung des Roboters pro gelöster Aufgabe. Durch die Standardisierung von Roboterlösungen werden Fabriken künftig vermehrt Roboter leistungsorientiert bezahlen können. Deshalb sind wir gerade auf der Suche nach Fabriken, die genau ein solches Modell als „Robot as a Service“ umsetzen möchten und freuen uns auf Nachrichten hierzu.

Bildquelle: Unchained Robotics

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