Apps für das E-Auto

Rollender Computer mit Elektromotor

Autos sind hochgerüstete Elektronikmonster mit teils mehr als 100 Steuergeräten. Siemens will das jetzt für E-Autos ändern, mit Integration und Apps wie auf dem Smartphone.

Prof. Armin Schnettler von Siemens (links) und Prof. Achim Kampker, Geschäftsführer von StreetScooter zeigen einen elektrischen Lieferwagen

Bei Fans klassischer Autos mit Eignung für das H-Kennzeichen sind moderne Wagen nicht sehr beliebt: Zu viel Elektronik, zu viele Geräte, die vom Schrauber nicht mehr auseinandergenommen werden können. Ein modernes Auto ist ein rollender Computer mit Assistenz-, Sicherheits- und Infotainment­systemen und anderen Geräten.

Der Unterschied zwischen einem Kleinwagen und der Oberklasse ist häufig nur deren Anzahl. Das betrifft auch die Antriebstechnik, die weit von der Grundtechnologie des Verbrennungsmotors entfernt ist. Folge des Overkills: Die Wagen werden immer komplizierter, teurer und anfälliger für Fehler in Steuerelektronik oder Software, aber auch bei der Bedienung.

Rückbau zu weniger komplexen Systemen

Eine Möglichkeit, diese Schwierigkeiten zu bewältigen, ist der technologische Rückbau, um wieder zu weniger komplizierten Geräten zu kommen. E-Autos sind ein Schritt in diese Richtung, denn ein Elektromotor ist im Grunde einer der einfachsten Antriebe, den die Physik hergibt.

Eine ergänzende Möglichkeit wird derzeit von Siemens erforscht: Eine einheitliche und zentrale IT-Plattform, die alle Systeme in einem E-Auto steuert. Bisher war es so, dass die gut 70 Steuergeräte eines durchschnittlichen Mittelklassewagens jeweils autarke Systeme mit eigener Hard- und Software sind.

Die zentrale Siemens-Forschung und der Elektrofahrzeughersteller StreetScooter wollen zunächst einen elektrischen Lieferwagen entsprechend ausrüsten. Die Technologie wurde im Rahmen des RACE-Projekts entwickelt. RACE (Robust and Reliant Automotive Computing Environment for Future eCars) ist ein vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie gefördertes Forschungsprojekt, bei dem Siemens Konsortialführer ist.

Grundidee ist, die Funktionen im Fahrzeug zentral zu steuern. Für die deutsche Autoindustrie bedeutet ein solcher Umschwung eine Revolution, weg vom Dogma "Hardware first". Bislang wurden neue Funktionen als zusätzliches Gerät mit fest verdrahteter Software eingebaut.

Dabei hat jeder Hersteller seine Technologie eingekapselt und nur über wenige Schnittstellen nach außen verbunden. Ein Zentralsystem erfordert allerdings, ähnlich wie ein Desktop-Computer, die Einhaltung von Standards bei der Entwicklung der Software und damit auch der Hardware.

Funktionen mit Apps nachrüsten

Wichtigste Konsequenz: Die Verarbeitungsgeschwindigkeit steigt, was sich vor allem in komplexen Verkehrssituationen bemerkbar macht. Bei einem Ausweichmanöver zum Beispiel kommen die Daten schneller bei allen beteiligten Assistenzsystemen an. Sie müssen nicht jeweils selbst Sensordaten verarbeiten, sondern erhalten gleichzeitig alle nötigen Informationen.

Außerdem ermöglicht die Trennung zwischen Software und ausführender Technik das einfache Übertragen der Software auf andere Modellreihen und das Nachrüsten neuer Funktionen. So könnten Entwickler zukünftig auf der Basis der in jedem Wagen integrierten Standardkomponenten wie Abstandssensoren, Steuerungseinheiten oder Anzeigeelementen neue Funktionen in Form von speziellen Apps anbieten.

Ein weiterer Vorteil eines Systems wie RACE zeigt sich erst in der Werkstatt: Wartung, Austausch und Fehlersuche sind bei solch einem System deutlich einfacher. Und außerdem lassen sich über Software-Updates manche Probleme auch ganz einfach per Datenkabel beheben.

"Wir glauben, dass RACE ein erhebliches Potenzial bietet und den Aufbau künftiger Autos revolutionieren könnte", sagt Prof. Armin Schnettler, der bei Corporate Technology, der zentralen Siemens-Forschung, das Projekt verantwortet. "In Zukunft erwarten wir einen Einsatz von standardisierter Hardware und flexiblen Apps. Entwicklungszeiten werden deutlich reduziert, gleichzeitig steigt die Individualisierung – nicht nur in der Automobilbranche."

Bildquelle: Siemens

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