Gründerszene

Scheitern widerspricht der Ingenieursmentalität

Gründen ist ein hohes Risiko und kann auch schiefgehen. Das ist hierzulande nicht gern gesehen, die meisten erwarten vom Gründer sofortige Perfektion.

Der Vorzeigeunternehmer, der preußische Türke, der Pionier - so klingt es, wenn Medien über die Erfolge von Reiseveranstalter Vural Öger schreiben. Und so klingt der Misserfolg: Bruchlandung, Tschö mit Ö, gezähmter Löwe, am Ende.

Der leicht hämische Tonfall ist typisch für solche Situationen. Wenn ein Unternehmer wie Vural Öger scheitert, haben viele eine „Ich-habe-es-ja-schon-immer-gewusst“-Haltung. Fehlschläge in der Wirtschaft treffen nur auf wenig Verständnis, ergab auch eine Untersuchung der Universität Hohenheim.

Die Idee, ein Unternehmen zu gründen, ist in Deutschland sehr stark durch die klassische Ingenieursmentalität bestimmt: Ohne perfektes Konzept geht es nicht. Denn mehr als 40 Prozent der Deutschen finden, man darf kein Unternehmen gründen, wenn auch nur ansatzweise das Risiko eines Scheiterns besteht.

In der Praxis perfektionieren

„Wir leben eine Kultur, die uns weit unter unserem Potenzial hält“, kommentiert Prof. Dr. Andreas Kuckertz, einer der Autoren der Studie. Es fehle ein Verständnis für die positiven Folgen von Fehlschlägen. „Wir müssen verstehen, dass Unternehmertum gerade zu Beginn aus Ausprobieren, Versuchen, Wagen, Lernen und Testen besteht.“

Die berühmte US-Unternehmerkultur, vor allen Dingen im Silicon Valley, hat das begriffen. Natürlich prüfen Investoren dort jedes Geschäftsmodell auf Herz und Nieren. Aber sie sind eher bereit, ein hohes Risiko einzugehen. Denn sie wissen: Eine Geschäftsidee kann häufig erst durch die Praxis schrittweise perfektioniert werden.

Der Unternehmer Martin Klässner weist darauf hin, das bereits einmal Gescheiterte oft die besseren Gründer sind: „Nach einem erfolglosen Versuch ändert sich schnell die Sichtweise, mit der das eigene Unternehmen und das eigene Produkt betrachtet wird.“

Grundlage für einen erfolgreichen Unternehmer ist für ihn die Bereitschaft, Teile der eigenen Idee ständig infrage zu stellen, schnell eine andere Richtung einzuschlagen und doch vom eigentlichen Weg nicht abzuweichen. Dies fehle vor allem bei jungen Gründern.

Sein Tipp: Stellt den Kundennutzen und die subjektive Wahrnehmung des Produkts durch die Anwender in den Vordergrund. Das schafft Marktakzeptanz, Vertriebsstärke und nachhaltiges Wachstum durch zufriedene Kunden.

Der größte Fehler, den ein Gründer aus dieser Sicht machen kann: Sich von der Freude an einer guten Idee blenden zu lassen. So hat zum Beispiel Philipp Gloeckler die Praxisprobleme der „Sharing Economy“ unterschätzt. Seine Verleih-App „WHY own it“ hat nicht funktioniert, weil kaum jemand etwas verleihen, aber alle etwas leihen wollten.

Das Team entscheidet über den Erfolg

Doch die Berücksichtigung der Kundenperspektive allein reicht auch nicht. Der Weg zum Aufbau eines Unternehmens ist nicht einfach, es gibt auch noch andere Fallen. Arkadius Jonczek musste sein Finntech-Startup Gelondo nach acht Monaten einstellen. Seine Erkenntnis: „Das Team ist gescheitert, nicht die Idee.“

Das stimmt mit den Erfahrungen von zahlreichen Business Angels überein, die bei der Auswahl von Startups auf die Persönlichkeit der Gründer und die Zusammensetzung des Gründerteams achten. Beides entscheidet stärker über den Erfolg als die eigentliche Geschäftsidee.

Doch viele Dinge haben weder Gründerteams noch Angels in der Hand. So gibt es viele rechtliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die zum Scheitern führen können. Manchmal bringt eine Kombination aus schlechter Beratung und Pech auch erfolgreiche Unternehmen in Schieflage.

So geschah es dem Brillengeschäft von Eva Trummer, das ausgeraubt wurde. Konsequenz: Mehr als 100.000 Euro Schaden. Natürlich war sie versichert, aber leider nicht gegen jede Art von Einbruch. Die Versicherungslücke war vermutlich die Folge einer Fehlberatung.

Gerettet werden konnte das Unternehmen nur, weil Walter Trummer, Vater der Unternehmerin und selbst Inhaber einer Firmengruppe, eigenes Geld zuschoss. Die meisten anderen Gründer wären in dieser Situation vermutlich sofort insolvent gewesen und anschließend überschuldet.

Dies zeigt deutlich das hohe Risiko einer Gründung. Denn vor allem Unternehmer mit großen Mitteleinsatz stehen bei einem Misserfolg oft vor dem Nichts. Und das heißt in Deutschland: Hartz IV ohne leichten Weg zur Rückkehr ins Arbeitsleben als Angestellter, von der Finanzierung einer Neugründung ganz zu schweigen.

Bildquelle: Thinkstock

Links:

  • Die Studie der Universität Hohenheim über Scheitern
  • Eine interessante Diskussion auf Xing über Gründen und Scheitern
  • Die zornige Wortmeldung eines frustrierten Unternehmers

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