Fährt 2020 alles elektrisch?

Schnellladenetz für Elektroautos

Eine Million Elektroautos bis 2020 – um dieses ehrgeizige Ziel der Bundesregierung zu erreichen, müssen noch zahlreiche Hürden überwunden werden. Industrie und Politik setzen dort an, wo es derzeit am meisten Bedarf gibt, und wollen eine flächendeckende Ladeinfrastruktur gewährleisten – allerdings wird diese wohl nicht mit allen E-Modellen kompatibel sein.

  • Die Batterien von Elektrofahrzeugen müssen in der Regel alle drei bis fünf Jahre ausgetauscht werden und ein neuer Akku wird spätestens nach 150.000 Kilometern auf dem Tacho benötigt.

  • Beim Aufbau des öffentlichen E-Tankstellennetzes hakt es bisher noch an vielen Stellen.

Die Debatte um Elektromobilität wird getrieben von der Skepsis der Autofahrer und dem Wunschdenken so mancher Politiker. Dabei gibt es gleich mehrere Gründe, warum der Erfolg der Elektrofahrzeuge bisher auf sich warten lässt: Zuallererst ist der Anschaffungspreis im Verhältnis zu konventionellen Autos zu hoch – dies verschulden vor allem die Kosten der Akkus, die – so hoffen Experten – in den nächsten Jahren aber sinken werden. Zudem ist die Reichweite (noch) zu gering – zumindest für Langstreckenfahrten. Dabei ist ein Auto durchschnittlich nur 35 Kilometer am Tag unterwegs, das Argument hinkt also ein wenig. Ferner ist die Infrastruktur der Ladesäulen zu wenig ausgebaut und in Bezug auf die Abrechnungsmethoden und das Steckersystem inhomogen. Und zu guter Letzt ist das Plus für die Umwelt und das Argument der Klimafreundlichkeit aufgrund der Nutzung nicht regenerativen Stroms und indirekter Emissionen zu klein.

Da wundert es nicht, dass das ursprüng­liche Ziel von 100.000 E-Autos bis Jahresbeginn 2015 nicht erreicht wurde. Knapp 19.000 sind es gewesen, was immerhin ein Plus von 56 Prozent im Vergleich zum Vorjahr entspricht. Die Nachfrage nach Elektroautos steigt also, wenn auch langsam. Im zweiten Quartal dieses Jahres gab es in der Europäischen Union über 50 Prozent mehr Neuzulassungen, so der europäische Branchenverband Acea. Obwohl der Anteil der E-Autos am Gesamtmarkt weiterhin niedrig bleibt, haben diese die höchste Wachstumsrate unter den alternativen Antrieben.

Aber Fakt ist: Öffentliche Ladesäulen sind in Deutschland Mangelware. Laut Nationaler Plattform Elektromobilität (NPE) gibt es in Deutschland derzeit 4.800 öffentlich zugängliche Ladepunkte an 2.400 Standorten mit normaler und 100 mit schneller Ladegeschwindigkeit – zu wenige! Solange Fahrer befürchten müssen, ihren Akku nicht überall laden zu können, ist der Kaufanreiz zu Recht niedrig.

Standardisierte Ladesäulen

Ein flächendeckender Ausbau der Lade­infrastruktur gilt als wichtige Voraussetzung, um Elektrofahrzeugen zum Durchbruch zu verhelfen. Doch der Netzausbau als solches ist nicht das alleinige Problem: Derzeit herrscht ein Wirrwarr an Lade- und Steckersystemen sowie unterschiedlichen Abrechnungsmodalitäten. Mal wird per App bezahlt, mal per Rechnung am Monatsende oder per spezieller Ladekarten von regionalen Stromanbietern, die mitunter nicht überall funktionieren. Außerdem rechnen die einen die Nutzungszeit an der Ladesäule ab, die anderen den tatsächlichen Stromverbrauch.

Daher will das Bundeswirtschaftsministerium mit einer speziellen Ladesäulenverordnung den Ausbau der Infrastruktur regeln und Spezifikationen für den Betrieb der Ladesäulen festlegen. Die Verordnung orientiert sich an den Standards, auf die sich die europäischen Autobauer verständigt haben. Man wolle mit den Vorgaben den Ausbau von Ladeeinrichtungen beschleunigen und Rechtssicherheit schaffen. Beim schnellen Gleichstromladen wird das von deutschen Herstellern favorisierte „Combines Charging System“ (CCS) für neue Säulen verpflichtend. Der Bestand bleibt unberührt, niemand muss nachrüsten. Nicht mehr berücksichtigt wird das Steckersystem Chademo, das hauptsächlich japanische Autobauer verwenden, obwohl eine Vielzahl der derzeit am Markt befindlichen Elektroautos nicht aus Deutschland stammen. Das Nachsehen hat auch Tesla, denn die Schnellladestationen (Supercharger), die der kalifornische Hersteller auch entlang deutscher Autobahnen aufbaut – derzeit rund 36 –, sind bislang nicht mit dem europäischen System kompatibel. Künftig müssen neue öffentlich zugängliche (Tesla-)Ladesäulen also einen zusätzlichen CCS-Anschluss bieten.

Ein positiver Bestandteil der Verordnung sieht die Melde­pflicht von Ladesäulen bei der Bundesnetzagentur vor. Damit wäre die Voraussetzung geschaffen, eine einheitliche Kartenübersicht in Form einer Webseite oder App zu erschaffen, die wirklich alle Ladesäulen beinhaltet und nicht wie bisher nur einzelner Energieunternehmen oder eines speziellen Steckertyps.

Ladehemmungen entgegenwirken

Um auch Langstreckenfahrern oder Reisenden ausreichende Lademöglichkeit zu bieten, beschäftigen sich im Rahmen der Initiative „Schaufenster Elektromobilität“ der Bundesregierung zahlreiche Projekte mit dem Thema Energie und Ladeinfrastruktur. Darunter: „Schnellladenetz für Achsen und Metropolen“, kurz SLAM, an dem Universitäten, Autohersteller und Energieversorger beteiligt sind. Ziel des Projektes ist es u. a. bis 2017 deutschlandweit 600 Schnellladestationen mit CCS-Steckern zu errichten. Diese sollen in einem Abstand von ca. 50 Kilometern in – wie der Name der Initiative aufzeigt – Metropolregionen und Verbindungsachsen aufgestellt werden. Innerhalb von 20 Minuten sollen dann Elektrofahrzeuge um 80 Prozent aufgeladen werden.

Die elektrische Energie kann aber auch über den langsameren Wechselstrom-Standard mit dem weit verbreiteten Mennekes-Stecker (Typ 2) gezapft werden. Die Schnellladefunktion steht diesem sowie den „ausländischen“ Modellen allerdings nicht zur Verfügung. Eine 80-prozentige Ladung dauert dann bis zu sieben Stunden und ist für die Durchreise ungeeignet.

Insgesamt 8,7 Mio. Euro Fördermittel stellt das Bundeswirtschaftsministerium bis August 2017 für private Investoren zur Verfügung. 50-kW-Ladesäulen werden mit bis zu 50 Prozent bezuschusst, die 150-kW-Variante mit bis zu 75 Prozent. Die erste hochleistungsfähige Station soll laut aktueller Planung noch in diesem Monat in Betrieb gehen.

Dass eine Million Elektrofahrzeuge bis 2020 auf deutschen Straßen rollt, war von Anfang an ein eher unrealistisches Ziel. Zumal es gleich mehrere Bausstellen gibt, an denen parallel gearbeitet werden muss. Dabei schieben sich Autohersteller, Politiker und Verbände gegenseitig die Verantwortlichkeiten bzw. die Verhinderer-Rolle zu. Bürokratische Auflagen und immer neue Hürden lassen bislang nichts Gutes erwarten. So werden Tesla, BMW i3 und all die anderen vermutlich weiterhin ein seltenes Bild im Straßenverkehr bleiben.


Bildquelle: BMW

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