Neue Wege in der App-Entwicklung

Schnittstelle zwischen Mensch und Technologie

Die Mobile App hat ihre großen Zeiten als Publikumsliebling und Innovationstreiber im Rampenlicht der Digitalisierung hinter sich. Der alltägliche und inzwischen oft nur noch rein pragmatische Umgang mit mobilen Endgeräten und ihren Anwendungen stellt viele Entwickler und Publisher vor neue Herausforderungen – bietet zugleich aber auch Chancen für alle Beteiligten.

  • Junge Menschen sitzen am PC

    Einst war die mobile App der unumstrittene Publikumsliebling – nun suchen Entwickler und Publisher nach neuen Einsatzgebieten für sie. ((Getty Images/ iStock))

  • Ben Jeger, Appsflyer

    „Ich bin der Überzeugung, dass nicht in der App selbst, sondern in den Geschäftsmodellen dahinter das disruptive Potential steckt”, sagt Ben Jeger von Appsflyer. ((Bildquelle: Appsyflyer))

Entwickler sind es gewohnt, mit Einschränkungen zu arbeiten. Budget, Zeit, Kapazitäten – all diese Ressourcen sind der Regel nicht im Überfluss vorhanden und müssen vom Projektmanagement entsprechend kalkuliert werden. Wer Software für mobile Endgeräte gestaltet, muss dabei in einem noch viel enger gesteckten Rahmen kreative Lösungen finden. Aspekte wie Eingabe-optionen, Bildschirmgrößen oder schlechte Mobilfunkverbindungen sind nur einige der Hürden, die bei der Realisierung von mobilen Anwendungen berücksichtigt werden müssen. Das hat die Branche und ihre Produkte geprägt. So wird etwa die anfallende Datenlast vieler Apps im Hinblick auf die eingeschränkten Bandbreiten zunehmend optimiert. Die Weiterentwicklung von mobilen Anwendungen spielt sich also immer mehr im Detail ab.

Das Streben nach Optimierung kommt nicht von ungefähr. Der Druck durch die Konkurrenz ist hoch – laut der „Mobile Marketing Studie 2019“ von Adobe haben die meisten Deutschen weniger als zehn Apps auf ihrem Smartphone oder Tablet installiert. Wer dort zu den Auserwählten gehören möchte, muss sich also etwas einfallen lassen. Hinzu kommt, dass neue Apps der Erhebung nach nicht nur untereinander, sondern auch nach wie vor mit Anwendungen auf anderen Endgeräten wie dem Desktop-PC konkurrieren. Der Löwenanteil der Machtverhältnisse scheint auf dem App-Markt darüber hinaus ohnehin schon längst verteilt zu sein – die großen Innovationen wurden sukzessive erkannt, umgesetzt und an ein Millionenpublikum verteilt.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 9-10/2019. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

Abschied vom Innovationszwang?

Holger Meyer, Geschäftsführer der Agentur Appsolute, schätzt das disruptive Potential der Branche trotzdem noch als enorm ein. Die mobile Anwendung nimmt seiner Meinung nach aber eine neue Rolle ein und bildet in Zukunft vielmehr die Schnittstelle zwischen dem Menschen und gefragten Zukunftstechnologien wie Machine Learning oder Augmented Reality (AR). Dem Entwickler käme dementsprechend die Aufgabe zu, diese Mittel zugänglich zu machen. Zu einem ähnlichen Schluss kommt auch Ben Jeger, Managing Director Central Europe bei Appsflyer: „Ich bin der Überzeugung, dass nicht in der App selbst, sondern in den Geschäftsmodellen dahinter das disruptive Potential steckt”, so sein Fazit. Die App könne lediglich ein interessantes Medium sein, vor allem für Direct-to-Consumer-Produkte. Dabei ginge es vor allem darum, herauszufinden, was dem Kunden wirklich einen Mehrwert bringt und welche Rolle eine App und die Funktionen eines Mobiltelefons, z. B. Kamera, Standort, Push-Benachrichtigungen etc., dabei spielen können. Das Potential von mobilen Apps, unser Konsumverhalten zu verändern, bestehende Geschäftsmodelle zu durchbrechen und neue entstehen zu lassen, ist laut Jeger noch längst nicht ausgereizt.

Galt lange der Einfallsreichtum hinter einer neuen App als wesentlicher Erfolgsfaktor, ist ein Durchbruch heute von deutlich subtileren Aspekten abhängig. „Apps sind erwachsen geworden und mit ihnen ihre Nutzer”, stellt Holger Meyer dementsprechend fest. Die Zeiten, in denen mobile Anwendungen mit immer neuen Nutzerkonzepten und außergewöhnlichem UI- und UX-Design auffallen wollten, sei im Großen und Ganzen vorbei. Heute gehe es primär darum, dem Anwender ein schlüssiges und einfach zu erfassendes Nutzererlebnis zu bieten. Entwickler müssen sich dementsprechend verstärkt mit UX-Design auseinandersetzen. Dabei ginge es laut Meyer nicht nur um das Verständnis von einem guten Interface, sondern auch um ein Gefühl dafür, welche Aktionen schnell geladen oder ausgeführt werden müssen. Programmierer würden zudem massiv davon profitieren, wenn sie Kompetenzen im Backend-Bereich aufbauen, da kaum noch eine App ohne entsprechende Anbindung auskomme.

Solide Kompetenzen im UX-Bereich sind vor allem im Hinblick auf den direkten Zusammenhang mit der Retention Rate ein Muss. Mit dieser Kennzahl wird die regelmäßige Nutzung einer App, also die Treue der User, abgebildet. Nur, wer seiner Zielgruppe eine zugängliche und gewinnbringende Nutzererfahrung bietet, kann mit einer regelmäßigen Rückkehr zur App rechnen – ein Faktor, der wesentlich aussagekräftiger ist, als die reinen DownloadZahlen aus den App-Stores. Der „Mobile Benchmarks 2018”-Studie von Adjust zufolge liegt die Retention Rate einer App auf dem deutschen Markt zu Beginn des Lebenszyklus bei rund 29 Prozent und fällt dann im Laufe der Zeit auf neun bis zehn Prozent ab. Die Treue der Nutzer muss sich also hart erarbeitet werden.

Laut Ben Jeger spielt dementsprechend auch der Weg vom Nutzer zur Anwendung eine wichtige Rolle: „Ohne User keine App. Ohne einen konkreten Plan, wie User die App später finden sollen, ist die App-Entwicklung zu kurz gedacht. Die Wahl der Distributionskanäle und der Monetarisierung haben massiven Einfluss auf die Produktentwicklung, etwa ob eine App über Werbung monetarisiert werden soll oder über bezahlte Inhalte wie Abos und In-App-Käufe.” Die Marketing-Strategie beeinflusse demnach sehr früh auch die technische Seite der Entwicklung, z.B. welche KPIs mit welchen Tools gemessen werden sollen. Um das Marktpotential einer App richtig zu nutzen, müsse man sich schon zu Beginn der Entwicklung damit beschäftigen, wie das Profil der Nutzer im Detail aussieht.

Ungleiche Marktverhältnisse

Wenn vom Weg des Nutzers zur App gesprochen wird, darf ein ganz wesentlicher Faktor nicht ausgeblendet werden, so unumstößlich er inzwischen auch scheint: das vorherrschende Duopol für den Vertrieb von Apps. Wer eine gewisse Verbreitung für seine Anwendung anstrebt, kommt um Google und Apple nach wie vor nicht herum. Die damit einhergehende Problematik hängt für Holger Meyer von der eigenen Perspektive ab. Aus Sicht der Publisher sei die Situation schon alleine deshalb schwierig, weil die Software nicht über einen eigenen Kanal vertrieben werden kann: „Letztendlich ist man auf den Google Play Store und Apples App Store angewiesen, beide Kanäle bringen hohe Kosten für Provisionen mit sich”, so seine Einschätzung. Zudem müsse man sich den Regeln der beiden Konzerne unterwerfen, was manchmal nicht ohne Bauchschmerzen funktioniere. Als Dienstleister sehe die Sache allerdings ganz anders aus, da man in dieser Rolle von der gegebenen Situation profitiere: „Mehr Zielplattformen zu adressieren bedeutet fast zwangsläufig mehr Aufwand, mehr Expertise und daher auch mehr Personal.”

Ben Jeger sieht vor allem ein Problem in den Abhängigkeiten durch die gegebene Marktsituation: „Nachteile werden spürbar, sobald eine Plattform die Spielregeln ändert und den Traffic-Hahn zudreht”, warnt er. Dementsprechend sei es wichtig, sich frühzeitig Gedanken zu machen, über welche Kanäle die App außerhalb der Stores bekannt werden soll und den eigenen Marketing-Mix zu finden, um die Abhängigkeit von einzelnen großen Playern möglichst gering zu halten. Darüber hinaus sieht er aber auch klare Vorteile durch die etablierten Stores: „Die Entwicklung von Apps wurde durch einheitliche Stores und ihre Regeln vereinfacht, was auch am phänomenalen Erfolg der App Stores erkennbar ist. User und App-Entwickler gleichermaßen profitieren von der Nutzer-Experience durch die zwei großen Stores”, stellt er fest.

Ähnlich den Marktverhältnissen scheinen sich inzwischen also auch die Möglichkeiten von mobilen Anwendungen in einem abgesteckten und durchdefinierten Rahmen zu bewegen. Als Plattform für neue Geschäftsideen und Bindeglied zu innovativen Zukunftstechnologien legt das Medium dafür aber ein umso größeres Potential an den Tag. Davon haben sowohl Entwickler als ach Nutzer etwas: Neue Monetarisierungswege ermöglichen den Publishern mehr Investitionen in die Qualität ihrer Produkte. Und die kommt im Bestfall eben auch dem Nutzer zugute.

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