Die Google-Religion

Schreckgespenst und Marktschreier

Wenn deutsche Unternehmen nach Gesetzen gegen Google rufen, dann läuft etwas schief. Doch der IT-Riese ist selbst schuld: Hype kann auch schnell in Gegenwind umschlagen.

  • Stößt nicht nur auf Begeisterung: Google Glass

  • Wirkt knuffig und harmlos: Google Car

Gelegentlich wirkt die öffentliche Diskussion über Google so, als gebe es lediglich zwei Positionen. Auf der einen Seite finden sich die Googlistas, die Fans des Unternehmens. Ihr einziges Hobby ist das glorifizierende Lob der genialisch-bombastischen Innovationen aus Mountain View.

Die andere Seite ist die in Deutschland besonders beliebte Rolle des Mahners und Warners, ja, des Propheten in der Wüste („Kehret um!“). Für Vertreter dieser Rolle ist Google natürlich das Reich des Bösen und selbst wer nur das Web durchsucht, verkauft Leib und Seele an den Satan.

Gigantische Fallhöhe

Google dagegen ist zurzeit dabei, sich ganz aus eigener Kraft vom Sockel zu holen. Ein Beispiel: Es fliegt mit dem zu Tode gehypten Google Glass krachend auf die Nase. Neben der mehr als unbefriedigenden Akkulaufzeit ist das größte Problem ist das soziale Umfeld der Benutzer.

Niemand will etwas mit einer Person zu tun haben, die heimlich und unmerklich Töne und Bilder aufnehmen kann. Dass die Nutzer oft als „Glassholes“ bezeichnet werden, spricht für die geringe Akzeptanz. Die Datenbrille wird wohl nur einen kleinen Markt haben, vorwiegend professionelle Nischenanwendungen wie etwa in der Notfallmedizin oder der Gerätewartung.

Doch das größte Problem ist Googles Marktschreierei. Sie hat überhaupt erst für die gigantische Fallhöhe des Projekts gesorgt. So erwarteten die oben erwähnten Fraktionen von der Datenbrille jeweils das Maximum auf ihrer persönlichen Hysterieskala - wahlweise eine jesusmäßige Techno-Offenbarung oder das datenschützerische Höllenfeuer.

Ein genauer Blick dagegen zeigt, dass Google nichts Besonderes ist. Es ist ein Unternehmen wie alle anderen. Mal hat es Erfolg, mal nicht. So ist zum Beispiel „Google Keep“ bereits der zweite Versuch, dem Marktführer Evernote und dem immer stärker werdenden OneNote von Microsoft etwas entgegen zu setzen.

Und kennen Sie Google+? Wer jetzt „Ja, aber interessiert mich nicht“ antwortet, hat den Kern des Problems verstanden. Trotz der enormen Bekanntheit von Google und der starken Verknüpfung mit der Suchfunktion ist Google+ Lichtjahre von Facebook entfernt.

Google ist lediglich in zwei Dingen deutlich erfolgreicher als andere Unternehmen, vielleicht mit Ausnahme von Apple: Im Auslösen von Hypes und von Antipathien. Beides ist eine sehr starke Identifikation mit einem Unternehmen, auf der einen Seite eine fast religiöse Verehrung und eine oft irrational wirkende Abneigung auf der anderen.

Die 1:9-Regel

Beides verstellt den Blick für die Realität: Google ist ein experimentierfreudiges Unternehmen, das sich nicht auf seinem Geschäftsmodell ausruht. Das unterscheidet es sicher von der Mehrheit der deutschen Unternehmen, aber in Silicon Valley ist das normal.

Doch Anpacker-Mentalität bedeutet nicht notwendigerweise Erfolg. Denn die Zahl der erfolglosen und eingestellten Produkte ist deutlich höher als die der erfolgreichen. Das allerdings ist ebenfalls normal, denn auch für Projekte gilt die berühmte 1:9-Regel der Startups. Bestenfalls 10% aller angestoßenen Initiativen werden tatsächlich zu einem Erfolg, häufig sogar weniger.

Doch neue, erfolgreiche Geschäftsmodelle sind für Google extrem wichtig. Denn letztlich verdient das Unternehmen immer noch auf dieselbe Weise Geld wie seit jeher: Durch die Vermittlung von personalisierten Werbeeinblendungen.

Alles andere ist mehr oder weniger Zukunftsmusik. Klar: Wenn es Google zum Beispiel gelingen würde, kostengünstige, leistungsfähige und fehlerfrei agierende Roboterautos oder Haushaltsroboter (zwei intensiv beforschte Bereiche) auf den Markt zu bringen, dann könnte das Unternehmen noch viel mehr Umsatz machen als jetzt.

Aber auch nur dann. Die Wahrscheinlichkeit, dass es keine Google-Autos oder -Robots geben wird, ist sehr groß. Denn die technosoziale Umwelt solcher Geräte (Straßenverkehr, Haushalt) ist wie bei Google Glass deutlich komplexer als die eines Betriebssystems in der Interaktion mit seinem Benutzer. Viel Spaß also beim Entwickeln und Testen.

Bildquelle: Google

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