Entlastung des Gesundheitswesens

Self-Tracking im Trend

Mobile Gesundheitschecks wie die Pulsmessung per Smartwatch werden bereits seit einiger Zeit genutzt – inzwischen ist ein regelrechter Boom rund um das Thema „Self-Tracking“ entstanden. Christian Seidl, CEO von Ambiotex, erklärt im Interview, warum Wearables vermehrt auf Health-Features setzen und wie die Zukunft der mobilen Gesundheit aussehen könnte.

Christian Seidl

„In den kommenden Jahren werden die Sensoren deutlich kleiner, stromsparender und mit Künstlicher Intelligenz ausgestattet sein“, vermutet Christian Seidl von Ambiotex.

MOB: Herr Seidl, Wearables erleben seit geraumer Zeit einen regelrechten Boom. Warum setzen Smartwatches und Co. weltweit mehr und mehr auf Gesundheits-Features?
Christian Seidl:
Das Self-Tracking ist durch Smartphones, Fitnessarmbänder oder Smartwatches schon seit Jahren zu einem Zeitgeistthema geworden, um uns zu einem gesünderen Leben zu verhelfen. Apps können Schritte zählen, Daten über das Gewicht oder den Pulsschlag sammeln sowie den Schlafrhythmus erforschen. Studien zeigen, dass solche Features vor allem von der Altersgruppe der bis 39-Jährigen genutzt werden. Wenn wir das Einsatzfeld auf medizinisch-relevante Anwendungen erweitern – beispielsweise das Tracking von Herzrisikopatienten – und zugleich auch die älteren Zielgruppen im Blick behalten, zeigt sich ein enormes Potenzial.

Die Technologien entwickeln sich weiter. Schon heute gibt es mobile, KI-gestützte Wearable-Gesundheitslösungen, damit man für die Vitaldatenmessung und -kontrolle nicht sofort zum Arzt laufen muss. Digitalisierungsprozesse wie diese sind im Interesse der Entlastung unseres Gesundheitswesens. Und der Bedarf ist groß: Allein in der DACH-Region zählen wir über vier Millionen Herzpatienten, davon zwei Millionen mit Vorhofflimmern. Noch gibt es allerdings kein bezahlbares und nicht-invasives System, das langfristig und in Echtzeit medizinisch akkurate EKG-Daten ermittelt. Entsprechend sind wir sehr stolz, dass unsere Wearable-Lösung jetzt ein wissenschaftliches Testat für Daten auf EKG-Niveau erhalten hat und damit eine Brückentechnologie zwischen Gadgets einerseits und als Medizinprodukt zertifizierten Geräten andererseits darstellt.

MOB: Stress ist die Volkskrankheit Nummer 1 in Deutschland – welche Chancen sehen Sie in mobilen Analysemöglichkeiten für Stresserkennung, gerade auch was den Gesundheitsschutz von Mitarbeitern angeht?
Seidl:
Hier hat ein mobiles, niederschwelliges und letztendlich erschwingliches Produkt gute Chancen – auch im Arbeitsschutz oder in Berufen mit hohem Stresslevel. Stress kann Herz-Kreislauf-Erkrankungen auslösen, Dauerstress zu Arrhythmien, Herzinfarkt oder Herzschwäche führen. Bei Berufen in gefährdetem Umfeld – etwa bei Starkstromtechnikern – kann Überlastung zu Fehlbedienungen und in der Folge zu schweren Unfällen führen. Statt eines stationären EKGs oder einer invasiven Sensormessung unter der Haut ermöglichen Wearables eine mobile Vitaldatenmessung ohne die bei anderen Produkten sonst üblichen Störsignale. Patient und Arzt können die Daten natürlich vertraulich auswerten, Unternehmen zugleich ihre Mitarbeiter zuverlässig schützen, ohne dass sie dabei auf die Daten der Mitarbeiter zugreifen können.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 11-12/2021. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

MOB: Was ist diesbezüglich heute möglich, was kommt in den nächsten fünf Jahren?
Seidl:
Aktuell sind textilintegrierte Sensoren die erste Wahl. Allerdings macht intelligente Software zur nahezu fehlerfreien Erkennung der Herzschläge den Unterschied. Nur dann kann verlässlich ein Stresslevel bestimmt werden.
In den kommenden Jahren werden die Sensoren deutlich kleiner, stromsparender und mit Künstlicher Intelligenz ausgestattet sein. Dadurch ergeben sich auch ganz neue Möglichkeiten für neue Formfaktoren, abseits von Shirt, Brustgurt oder Armband. Wir werden gedruckte Sensoren sehen und vielleicht in einigen Jahren kleine Implantate unter der Haut.

Bildquelle: Ambiotex

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