Mit M2M-Technologie Fahrverhalten kontrollieren

Sicher unterwegs

Interview mit Kai Brasche, Vice President M2M bei Telefónica in Deutschland, über Connected Cars und welche Rolle hier die neue Lösung Insurance Telematics spielt

Kai Brasche, Vice President M2M bei Telefónica in Deutschland

Herr Brasche, welchen Stellenwert nimmt derzeit „M2M“ in der ITK-Branche ein?
Kai Brasche:
Der deutschen M2M-Branche steht ein riesiges Wachstum bevor. Bis 2015 wird sich ein Milliarden-Markt entwickeln. Bei Hardware und Konnektivität steigen die Stückzahlen und fallen die Preise. Dazu trägt nicht nur die O2-Data-M2M-Flat bei, sondern auch neue Lösungen wie unsere Smart-M2M-Plattform und der Fleet Store. Gleichzeitig wächst das Segment der IT-Services und Integrationsdienstleistungen. Das alles wird möglich, weil die M2M-Technik in den letzten Jahren mobil geworden ist. Die Idee stammte ursprünglich aus einer Zeit, in der nur drahtgebundene Vernetzungen möglich waren. Doch erst die Möglichkeit, solche Daten an mobile Endgeräte zu übertragen, brachte die M2M-Entwicklung so richtig voran. Der Einsatz von Mobilfunk ermöglichte viele neue Anwendungen in Bereichen wie Logistik und Transport, wo Beweglichkeit und Flexibilität entscheidend sind.

Welche Rolle spielt mittlerweile das „Connected Car“?
Brasche:
Die Automobilindustrie steht vor dem größten Umbruch seit über 100 Jahren: die Vernetzung der Autos und ihre Computerisierung. Dadurch könnten sogar bald die Fahrer überflüssig werden; erste Tests mit solchen Fahrzeugen verlaufen sehr erfolgreich. Schon jetzt lässt sich absehen, dass den Connected Cars ein exponentielles Wachstum bevorsteht: Bis 2022 soll es weltweit 1,8 Mrd. M2M-Anbindungen in Autos geben, berichtet unser Innovationsbereich Telefónica Digital in seinem „Connected Car Industry 2013 Report“. Dazu gehören 700 Mio. Connected Cars und 1,1 Mrd. nachgerüstete Geräte für Dienste wie Navigation, nutzungsabhängige Versicherungen, das Auffinden gestohlener Fahrzeuge und Infotainment. Der weltweite M2M-Markt in der Automobilbranche soll dann einen Umsatz von 422 Mrd. Dollar erwirtschaften, verglichen mit 22 Mrd. im vergangenen Jahr. Das ist eine sehr steile Entwicklungskurve. Bisher entfallen 59 Prozent dieses Umsatzes auf Dienstleistungen wie Applikationen oder die Konnektivität, die von den Telekommunikationsanbietern bereitgestellt wird. Bis 2022 wird dieser Anteil auf 88 Prozent ansteigen.

Was sind die allgemeinen Herausforderungen, mit denen die Entwickler von M2M-Lösungen fürs Auto zu kämpfen haben?
Brasche:
M2M im Auto entwickelt sich zu einem Massenmarkt; schon bald dürften die meisten Autos vernetzt sein. Dafür ist es allerdings notwendig, dass die Automobilindustrie und die Mobilfunkanbieter optimal kooperieren. Bisher unterscheiden sich ihre Branchenstrukturen noch stark voneinander. Die Automobilindustrie ist globaler orientiert und hat längere Entwicklungszyklen. Sie plant für mehrere Jahre voraus, während es bei Smartphones jeden Monat neue Modelle, Funktionen oder Updates gibt. Deswegen fällt es den Herstellern schwer, immer die neueste Kommunikationstechnik in ihren Fahrzeugen anzubieten. Das gilt auch für M2M, doch es gibt einen Ausweg: Standardschnittstellen im Fahrzeug, an die man die neuesten Geräte anschließen kann.

Was sind die Bedenken der Skeptiker und Kritiker in Bezug auf M2M und das vernetzte Auto?
Brasche:
Bisher ist das Feedback sehr positiv. Telematik im Auto kann die Verkehrssicherheit erhöhen und die Versicherungsprämien für vorsichtige Fahrer senken. Telefónica Insurance Telematics ist beispielswiese seit einigen Wochen verfügbar. Damit können europäische Versicherer M2M-Informationen aus Fahrzeugen für ihre Risikokalkulation nutzen und ihren Kunden eine völlig neue Art der Autoversicherung anbieten. In Ländern, wo solche Modelle bereits angeboten werden, stieg die Sicherheit im Straßenverkehr enorm: Die Wahrscheinlichkeit, dass junge Fahrer einen Unfall verursachen, sank durch ein britisches Produkt um 35 bis 40 Prozent. In der Altersgruppe von 17 bis 21 Jahren sank sie sogar um 75 Prozent.

Welche Hürden mussten bei der Entwicklung von „Insurance Telematics“ überwunden werden und über welchen Zeitraum erstreckte sich der Entwicklungsprozess?
Brasche:
Unser Innovationsbereich entwickelte Insurance Telematics in Zusammenarbeit mit führenden Technologiepartnern. Der gesamte Prozess dauerte vom Konzept über die Prototypen bis zum kommerziellen Launch gerade einmal neun Monate. Die größte Herausforderung war dabei das System für die Berechnung der Punkte, die das Fahrverhalten für die Versicherer bewerten. Das ist uns gut gelungen und die Entwicklung geht noch weiter: Wir erweitern Insurance Telematics ständig um neue nützliche Zusatzdienste. In Spanien wurde beispielsweise im Juni eine automatische Unfallbenachrichtigung integriert. Das ist ein wertvoller Dienst, der viele Leben retten kann.

Die Lösung analysiert das Fahrverhalten, um so die Preise von Autoversicherungen genauer berechnen zu können. Wie ist es um die Sicherheit der Daten bestellt, die  an den Versicherer übertragen werden?
Brasche:
Das Hauptaugenmerk wird dabei immer auf die sichere Übertragung und Speicherung der Daten gelegt. Fahrinformationen werden getrennt von den Systemen des Versicherers verarbeitet. Der Versicherer bekommt die Gesamtwerte in Form eines Punktestands übertragen, in den Faktoren wie Geschwindigkeitsüberschreitungen, Bremsverhalten oder Nachtfahrten eingehen. Dieser Punktestand wird dann dazu genutzt, die monatliche Versicherungsprämie zu ermitteln, ohne die einzelnen Fahr- oder Ortsdaten einzusehen.

Ist es nicht bedenklich, dass die Autofahrer und ihr Fahrverhalten stets „unter Kontrolle“ sind bzw. auch geortet werden können? Was halten die Fahrer selbst davon?
Brasche:
Der Versicherer kann nicht auf Bewegungsdaten oder ähnliche Informationen zugreifen. Er bekommt lediglich seinen Punktestand bereitgestellt. Die Daten, aus denen die Punkte berechnet werden, sind auch nicht für andere einsehbar. Sie werden zuerst von der Telematik-Box erfasst, dann sicher in einem proprietären Format über M2M-Mobilfunk in ein Rechenzentrum (RZ) von uns übertragen und dort schließlich zu einem Punktestand verarbeitet. Der Versicherer kennt also nur seine Kunden und ihren Punktestand. Und auch wir bekommen nur die notwendigsten Informationen. So ist in unserem Netz lediglich erkennbar, dass es sich um die SIM-Karte einer bestimmten Versicherung handelt. Wir können aber niemals sehen, welcher Person sie zugeordnet ist. Die detaillierten Informationen über das Fahrverhalten kann nur der Versicherungskunde selbst mit einer Smartphone-App oder über ein Webportal von zuhause oder unterwegs einsehen. Selbst die Polizei bekommt nur in den seltensten Ausnahmefällen einen Zugriff auf solche Daten. Er wird ausschließlich nach einer richterlichen Verfügung erteilt, falls der Verdacht auf eine der Straftaten vorliegt, die das Strafgesetzbuch definiert. Geschwindigkeitsüberschreitungen gehören nicht dazu.

Welchen Nutzen können die versicherten Autofahrer konkret aus der Lösung ziehen?
Brasche:
Das Prinzip der Autoversicherung dürfte damit gerechter werden: Viele Studien haben bereits bewiesen, dass Daten über das Fahrverhalten mehr Rückschlüsse auf das individuelle Schadensrisiko bei Autoversicherungen ermöglichen als die bisher genutzten Faktoren wie Alter, Jahresfahrleistung und Region. Genau dort setzt Insurance Telematics an und ermöglicht Versicherern eine attraktivere und gerechtere Gestaltung ihrer Tarife, mit welchen sie sich von anderen Anbietern abheben können. Nach dem Motto „sichere Fahrer verdienen günstigere Prämien“ können die Versicherer den Kunden, die verantwortungsvoller fahren, kräftige Preisnachlässe bieten und damit auch neue Kunden auf sich aufmerksam machen. Dies lohnt sich besonders für junge Fahrer mit einem rücksichtsvollen Fahrverhalten. Britische und amerikanische Versicherungsunternehmen stellten bereits fest, dass mit solchen Telematiksystemen der Schadenaufwand um bis zu 30 Prozent sinken kann. Diese Einsparungen können die Versicherungen an ihre Kunden weitergeben. Zusätzlich profitieren die Versicherten von weiteren Features wie Fahrzeugortung, Pannenruf und statistischen Auswertungen ihrer Fahrten. Das Auto wird so ein Teil des digitalen Lebensstils.

In Spanien wird die Telematiklösung bereits von Generali Seguros eingesetzt. Wie gestaltet sich das Interesse der deutschen Versicherer? Können Sie uns erste Anwenderbeispiele nennen?
Brasche:
Wir arbeiten auch in Deutschland mit großen Versicherungen zusammen. Sie prüfen den Einsatz der Insurance Telematics, um damit neuartige Versicherungsprodukte für ihre Kunden zu erstellen. Wir gehen davon aus, dass es bald die ersten Angebote für den deutschen Markt gibt.

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