Autonomes Fahren

„Sicherheit hat höchste Priorität“

Intelligent vernetzte und autonome Fahrzeuge werden die Automobilindustrie grundlegend verändern. Im Interview spricht Dr. Florian Baumann, CTO Automotive & Artificial Intelligence bei Dell Technologies, über Chancen und Risiken bei der Umsetzung digitaler Mobilitätskonzepte.

Dr. Florian Baumann, Dell

Dr. Florian Baumann, Dell Technologies

MOB: Herr Dr. Baumann, selbstfahrende Fahrzeuge sind schon lange keine futuristische Vision mehr. Welche Entwicklungen sind ihrer Meinung die wesentlichen Treiber auf dem Weg zum Autonomen Fahren?
Dr. Florian Baumann: Die wesentlichen Technologien für Autonomes Fahren sind Künstliche Intelligenz (KI), Maschinelles Lernen (ML) und Deep Learning (DL). Alle drei werden bereits erfolgreich bei der Umfeld-Erkennung, der Signalverarbeitung oder beim automatischen Abgleich hinsichtlich Gefahren und Regeln im Straßenverkehr eingesetzt. Doch die Entwicklung geht rasant weiter. Fast täglich werden neue Erfolge aus Wissenschaft und Industrie veröffentlicht. In Kombination mit zunehmend leistungsstärkeren und effizienteren Rechen-, Speicher- und Daten-Management-Lösungen führt das bei den Automobilherstellern und Zulieferern zu immer kürzeren Entwicklungszyklen. Rein technisch gesehen könnten autonome Fahrzeuge also früher vom Band rollen als erwartet.

 

MOB: Welches sind die Bremsklötze und wo ist unter Umständen auch der Gesetzgeber gefragt?
Baumann:
Autonomes Fahren ist ohne die Erzeugung und Verarbeitung einer Vielzahl von Daten nicht möglich. Daraus ergeben sich viele Fragen: Wie gehen wir mit diesen Daten um? In welchem Maße beeinflussen sie die Privatsphäre des Fahrers, zum Beispiel wenn Bewegungs- und Verhaltensprofile erstellt werden? Welche gesetzlichen Regelungen gelten für Diagnose- und Servicedaten, die von der Werkstatt ausgelesen und an die Herstellerfirmen weitergeleitet werden? Da gibt es noch einiges zu klären.
Darüber hinaus müssen auch grundlegende rechtliche Rahmenbedingungen geklärt werden. Haftet der Fahrer oder der Hersteller im Falle eines Unfalls? Wessen Versicherung kommt für die Schäden auf? Auf welchen Grundlagen erfolgt die finale Zertifizierung autonomer Fahrzeuge, zum Beispiel bei der Zulassung durch den TÜV oder der Vergabe des Dekra-Siegels? Zudem fehlen immer noch Standards für die Entwicklung und Produktion dieser Fahrzeuge.

MOB: Vernetztes und Autonomes Fahren generieren bereits jetzt sehr große Datenmengen, die in den kommenden Jahren weiter anwachsen werden. Wie können Stakeholder diese Daten sinnvoll speichern, prozessieren und nutzbar machen?
Baumann:
Meiner Meinung nach eignen sich hier vor allem zentrale Rechen- und Speicherlösungen, die über Web-Frontends und APIs mit einem Daten-Management-System oder einer öffentlichen Cloud verbunden werden. Entwickler und Datenwissenschaftler können so von überall auf die Daten und Metadaten zugreifen –  unabhängig davon, in welchem Land oder Kontinent sie gerade arbeiten, ob sie im Home Office sitzen oder die Daten von der Firma aus abrufen. Hilfreich wäre auch, wenn KI-Dienstleistungen und andere Services aus der öffentlichen Cloud nahtlos in die eigenen Produkte integrierbar wären.

MOB: Wie könnte eine herstellerunabhängige Mobility-Plattform die Entwicklungen rund um das Thema Connected Car unterstützen und welche Bedingungen müsste sie dafür erfüllen?
Baumann:
Die Einführung von Standards ist zwingend erforderlich, damit Fahrzeuge herstellerunabhängig mit der Cloud des Fahrzeugherstellers und des Zulieferers kommunizieren und Daten austauschen können. Dafür wird ein Grundgerüst einer Mobilitäts- und Kollaborationsplattform benötigt, damit Entwickler von Funktionen auf diese Daten zugreifen können. Zwingend erforderlich sind robuste Konzepte zur Einhaltung der Datenschutzgrundverordnung sowie der Sicherheitsrichtlinien.

MOB: Viele Menschen sorgen sich, dass vernetztes Fahren einer Art „Überwachung“ Vorschub leistet, dass zum Beispiel Daten zum Fahrverhalten etc. an Behörden oder Drittanbieter wie Versicherungen gelangen. Wie realistisch ist diese Befürchtung?
Baumann:
Um die Verkehrssicherheit zu garantieren und Unfälle zu vermeiden, müssen vernetzte Fahrzeuge mit anderen Verkehrsteilnehmern, der Infrastruktur und der Cloud des Herstellers kommunizieren. Wir werden deshalb um eine Art von Überwachung nicht herumkommen. Viele Autohersteller sammeln seit Jahrzehnten Daten zum Fahrverhalten der Fahrzeuge. Die Verkehrsüberwachung setzt ebenfalls vermehrt intelligente Technologien ein, die den Verkehrsfluss beobachten oder Kennzeichen erkennen und speichern, und auch in anderen Bereichen wie der mobilen Telefonie oder des bargeldlosen Zahlungsverkehrs werden Daten erfasst und gesammelt. Wenn ich heute zum Beispiel meine Gesundheitsdaten mit meiner Krankenversicherung teile, bekomme ich dafür einen Bonus. Ein ähnliches Modell wäre auch bei den Fahrzeugen vorstellbar.

MOB: Sicherheit spielt beim vernetzten und autonomen Fahren eine große Rolle – wie kann sichergestellt werden, dass die IT-Systeme nicht von Dritten kompromittiert oder gehackt werden?
Baumann:
Sicherheit muss beim vernetzten und autonomen Fahren immer oberste Priorität haben. Sämtliche Systeme im Fahrzeug müssen deshalb redundant und unabhängig voneinander agieren und gegen Angriffe von außen abgeschottet sein. Die Industrie bietet mittlerweile sehr komplexe und ausgereifte Sicherheitsmaßnahmen an, wobei jedoch auch die Methoden der Cyberkriminellen immer perfekter und ausgefeilter werden. Bei der Objekterkennung werden zum Beispiel Methoden des maschinellen Lernens verwendet, um Unterscheidungskriterien eigenständig zu ermitteln. Es reichen jedoch schon einige Pixelveränderungen auf einem Bild aus, um eine KI durcheinanderzubringen. Potentielle Angreifer könnten dies ausnutzen und zum Beispiel ein Stopp-Zeichen so modifizieren, dass ein Auto auf dem Schild 100 km/h erkennt und beschleunigt statt zu stoppen. Eine hundertprozentige Sicherheitsgarantie wird es also für das autonome Fahren nicht geben. Es ist deshalb sehr wichtig, dass die Hersteller die Sicherheit ihrer Fahrzeuge laufend weiterentwickeln.

MOB: Die aktuelle Corona-Krise trifft die Autobauer hart. Welche Auswirkungen wird dies Ihrer Ansicht nach auf das (datengetriebene) Innovationsniveau der Branche haben?
Baumann:
Ich glaube, die Corona-Krise wird keine allzu großen Auswirkungen auf strategische Themen wie Fahrerassistenzsysteme und selbstfahrende Autos haben. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass sich die Branche konsolidieren wird. Bereits vor der Krise haben einige Startups wie der Hersteller von autonomen Lkw Starsky Robotics erkannt, dass die Entwicklung von autonomen Fahrzeugen zu komplex für kleinere Firmen ist. Vielen Kapitalgebern fehlt einfach das Vertrauen in kleine Betriebe. Sie glauben nicht, dass sie das autonome Fahren zur Marktreife führen können. So musste dann auch Starsky Robotics den Betrieb einstellen.

Aktuell steht der Automobilmarkt vor der größten Veränderung seit Erfindung des Automobils. Viele Firmen wissen das und nutzen diese Krise erfolgreich, um ihre innovativen Themen voranzutreiben. Das merke ich auch extrem stark an meinem eigenen Workload. Zurzeit habe ich mehr zu tun als vor der Krise.

(Bildquelle: Dell Technologies)

 

 

 

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