Die Wirtschaftsingenieurin Kerstin Höfle promovierte 2014 am Institut für Supply Chain Management der Universität St. Gallen
MOB: Frau Dr. Höfle, wer treibt Innovationen in der Logistik derzeit voran – die Endkonsumenten oder Unternehmen?
Höfle: Innovation entsteht mitunter durch wirtschaftlichen Druck. Und dieser ging bis vor einigen Jahren vor allem vom Konsumenten aus. Steigende Verbraucheransprüche nicht zuletzt im E-Commerce haben z.B. 24-Stunden-Lieferungen normalisiert. Durch die anhaltende Lieferkettenkrise, aber auch die Energiekrise sind jedoch Entwicklungen dazugekommen, die dafür sorgen, dass Unternehmen noch stärker aus sich selbst heraus nach innovativen Antworten auf die steigenden Ansprüche suchen. Denn allen ist klar: Diesen kann man im Sinne der Wettbewerbsfähigkeit nur technologisch gerecht werden. Und das spiegelt sich auch in den rasch voranschreitenden Entwicklungen in der Logistik wider, sei es in der Automatisierung, Robotik oder auf Software-Ebene, d.h. nicht zuletzt beim Warehouse-Management. Wichtiger Motivator für Innovation in all diesen Bereichen sind außerdem die wachsenden Nachhaltigkeitsbestrebungen von Unternehmen. Letztendlich treiben also sowohl Endkonsumenten als auch Unternehmen Innovationen in der Logistik voran. Der Markt-Pull, also markt- bzw. konsumentengetriebene Innovationen sind stark an der Lösung von offensichtlichen Herausforderungen oder naheliegendem Optimierungspotenzial orientiert. Disruptive Innovationen werden oftmals eher von den anbietenden Unternehmen getrieben, durch einen gezielten Technologie-Push. Auch wenn das Beispiel alt ist – wer hätte vor 15 Jahren aktiv nach einem iPhone gefragt?
MOB: Welche Rolle spielen roboterbasierte Technologien und Künstliche Intelligenz (KI) im Lagermanagement?
Höfle: Eine Große. Nicht zuletzt, da die Größe des Unternehmens keine Rolle mehr spielt. Die Technologien sind mittlerweile auch für KMU erschwinglich, vor allem aber im Zuge von Fachkräftemangel und zur Sicherung der unternehmerischen Zukunftsfähigkeit notwendig. In vielen Fällen muss automatisiert werden, weil entweder an wichtigen Stellen Mitarbeiter fehlen oder Lager aufgrund der steigenden Nachfragen optimiert oder gar vergrößert werden müssen. Da sind roboter- oder KI-basierte Lösungen oft eine wesentliche Hilfe. Dabei darf nicht vergessen werden: KI wird für viele Lagerprozesse zwar immer notwendiger, zugleich herrscht aber ein Mangel an KI-Experten, die die möglichen Anwendungsfälle im Lager beurteilen können. Das können rein budgetär jedoch eher große Unternehmen leisten. Für KMU lohnt es sich daher, mit Partnern nach passenden KI-Anwendungen zu suchen. Vielleicht nutzt ein Lieferant bereits KI-basierte Lösungen. Etablierter als KI-Anwendungen sind in Teilen der Logistik bereits Robotiklösungen. Gerade mobile Roboter (AMR) eignen sich für den „Start in die Automatisierung“, da sie sehr einfach zu skalieren sind. Die Lagerplanung gestaltet sich stärker denn je individuell nach Kundenanforderungen, KI und Robotik sind dabei, losgelöst von der Lagergröße, kaum noch wegzudenken.
MOB: Was sind häufige Stolpersteine bzw. Herausforderungen bei der Automatisierung von Lagerprozessen?
Höfle: Es ist essenziell, dass die Kundenanforderungen gemeinsam mit dem Automatisierungspartner analysiert werden. Schließlich sollen die Prozesse und Rahmenbedingungen beim Kunden die Automatisierungslösung bestimmen. Systemintegratoren kommt die tragende Rolle zu, Lösungen genauestens auf die Kundenanforderungen anzupassen. Zugleich darf nicht vergessen werden, dass Automatisierung für Unternehmen, insbesondere für „Erstautomatisierer“, eine große Veränderung darstellt und mit entsprechenden Change-Management-Prozessen begleitet werden muss. Nicht zuletzt, um unbegründete Ängste und Vorbehalte der Mitarbeiter gegenüber Automatisierung abzubauen. Denn Automatisierung bedeutet auch, Lagermitarbeiter zu unterstützen und zu entlasten, auch unter gesundheitlichen Aspekten wie z.B. verbesserter Ergonomie. Wichtig sind also eine frühe Einbindung der Mitarbeiter und eine offene sowie proaktive Kommunikation über die anstehenden Veränderungen.
MOB: Wie wird z.B. beim Einsatz von Robotern im Lager die Sicherheit gewährleistet?
Höfle: Sicherheit hat im Lager höchste Priorität. Es gibt zahlreiche Normungen und Vorschriften, die bei der Installation und Inbetriebnahme von Automatisierungslösungen eingehalten werden müssen. Nehmen wir das Beispiel „mobiler Roboter“ – hier gibt es verschiedenste Lösungen, z.B. Robotersysteme, die hinter einem Zaun agieren, sprich Roboter und Mensch bewegen sich nie gleichzeitig in einer Zone. Sollte ein Mensch die eingezäunte Zone betreten müssen, stellen entsprechende Sicherheitssysteme sicher, dass die Roboter stehen bleiben, etwa wenn die Tür zur eingezäunten Zone betätigt wird. Es gibt aber auch mobile Roboter, die sich zeitgleich in einer Zone zusammen mit Menschen bewegen. Solche Roboter sind mit zusätzlichen Sensoren ausgestattet, sodass sie Hindernisse erkennen und umfahren können oder stehen bleiben. Außerdem ist ihre Geschwindigkeit gedrosselt. Wichtig: Solche Systeme sind immer mehrfach gesichert, denn die Sicherheit des Menschen hat oberste Priorität.
Dies ist ein Artikel aus unserer Online-Ausgabe 1-2/2023. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo der Print-Ausgabe.
MOB: Inwieweit finden die Themen „Nachhaltigkeit“ und „Energiemanagement“ anno 2023 Einzug in den Logistikbereich?
Höfle: Einzug halten diese Themen schon seit Jahren, aber langsam befinden wir uns in einer Phase der Etablierung. Geräte vom Regalbediengerät bis hin zu roboterbasierten Kommissionierlösungen werden nicht nur immer stärker auf Durchsatz, sondern auch auf den Energieverbrauch hin optimiert. Die Technologien heute sind in fast allen Fällen energiesparender entwickelt und die Gesamtheit des Maschinenparks kann mittels Software auf Energieeffizienz abgestimmt werden. Ein weiter wichtiger Faktor ist die zunehmende Automatisierung von Warenlagern, die ebenfalls positiv auf Nachhaltigkeitsbestrebungen einzahlen. Vollautomatisierte Lager erreichen eine deutlich größere Lagerdichte. Körber ist z.B. im letzten Jahr bewusst eine Kooperation mit Attabotics eingegangen. Dieses kanadische Robotikunternehmen setzt vollautomatisierte Warenlager mit Roboter-Shuttles um, die sich in einer extrem platzsparenden Gitterstruktur bewegen, sodass der Lagerbedarf um bis zu 85 Prozent reduziert werden kann. Diese Minimierung der Lagerfläche zusammen mit der Möglichkeit, Warenlager immer höher zu bauen, hat zu Folge, dass die ökologisch problematische Flächenversiegelung abnimmt. Zugleich sorgt die damit einhergehende Automationstechnologie auch für energetisch optimierte Prozesse. Niedrigere Temperaturen und Tore, die sich nur für den kurzen Moment des Warenaus- oder -eingangs öffnen, sorgen für geringeren Heizaufwand. Photovoltaik auf dem Dach und Energierückspeisemodule auf den Regalbediengeräten, die Bewegungsenergie wie z.B. Wärme, die sonst beim Bremsen frei werden würde, in elektrischen Strom umwandeln und zurückspeisen, sorgen für mehr Energieautarkie. Das sind nur einige Beispiele, die zeigen, wo der Weg aktuell und künftig hingeht.
Bildquelle: Körber Geschäftsfeld Supply Chain