Interview mit Nadine Schimroszik

Silicon Valley in Berlin

Nadine Schimroszik stellt in ihrem neuen Buch „Silicon Valley in Berlin“ die Start-up-Szene der Hauptstadt vor. Wir sprachen mit der Autorin über Gründertypen, woher das Geld kommt und über die Besonderheiten der Szene an der Spree.

  • Nadine Schimroszik ist Redakteurin bei Reuters und berichtet, was Start-ups in Berlin erfolgreich macht, wo die Stolpersteine liegen und warum weder Berlin noch eine andere Stadt in Deutschland Silicon Valley ist.

Frau Schimroszik, Sie zitieren viele Gesprächspartner aus der Berliner Start-up-Szene. Was haben diese Menschen gemeinsam?
Nadine Schimroszik:
Ich fand meine Gesprächspartner alle sehr lebendig, spannend und zielstrebig. Meist dauerten die Unterhaltungen länger als geplant, weil es einfach Spaß machte zu hören, was sie zu sagen hatten. Alle waren bereit, viel Arbeit in die Verwirklichung ihres Traums zu stecken. Viele wussten bereits früh in ihrem Leben, dass sie irgendwann einmal das Abenteuer „Gründen“ eingehen wollten.

Die Berliner Attraktivität speise sich aus Faktoren, die nicht leicht zu beeinflussen seien, heißt es im Buch: Ist der Start-up-Boom also Zufall?
Schimroszik:
Die Frage würde ich eher mit Ja als mit Nein beantworten. Viele Faktoren, die nicht direkt beeinflusst wurden, waren und sind günstig für das Entstehen von Start-ups. Dazu gehören die lebendige Kunst-, Kultur- und Klubszene. Die Kreativen aus aller Welt, die in Berlin heimisch sind, ziehen junge Leute und damit Talente für Start-ups an.

Es gibt in der Hauptstadt mehrere Universitäten und Fachhochschulen und somit potentielle Mitarbeiter. Den Grundstein legte 1999 Alando, das bald an Ebay verkauft wurde. Der erfolgreiche Exit lockte Nachahmer und Gleichgesinnte an. Hinzu kommt, dass man in Berlin lange Zeit vergleichsweise günstig Büroräume mieten konnte. Zuletzt erzeugte die Bekanntheit von Zalando und Rocket Internet eine Art Sogwirkung. Die Politik versucht nun, den Schub zu nutzen, und zeigt seit einiger Zeit mehr Präsenz.

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Wie macht sich die Professionalisierung der Szene bemerkbar?
Schimroszik:
Da muss man eigentlich nur auf Zalando und Rocket Internet blicken. Beide Start-ups sind an der Börse in Frankfurt notiert. Ein solches Marktdebüt erfordert deutlich mehr Transparenz bezüglich der Bilanzierung und bringt deutlich mehr Veröffentlichungspflichten mit sich. Vor fünf Jahren hätte wahrscheinlich niemand gedacht, dass zwei Jungfirmen aus der Hauptstadt den Sprung aufs Börsenparkett wagen.

Darüber hinaus gab es Schlagzeilen erzeugende Exits wie den Verkauf von 6Wunderkinder an Microsoft. Dass der US-Software-Konzern sich überhaupt in Berlin nach Übernahmemöglichkeiten umschaut, ist ein Zeichen für die Weiterentwicklung und Professionalisierung. Es ist ein umfassendes Netzwerk aus Start-ups, Mitarbeitern, Coaches und vor allem Investoren in Berlin entstanden. Große VCs haben genauso einen Ansprechpartner für Start-ups in Berlin wie diverse Banken, Sparkassen, Inkubatoren und Crowdsourcing-Anbieter.

Stiefkind Hardware: Inwieweit hat die Start-up-Landschaft Schlagseite?
Schimroszik:
Bisher sind Hardware-Start-ups unterrepräsentiert. Es gibt Studien, wonach rund 95 Prozent der Finanzierungsgelder im ersten Quartal 2014 in die Bereiche E-Commerce, Internet und Software für Dienstleistungen und mobile Geräte flossen. Für den Eindruck einer Monokultur gibt es mehrere Gründe. Für den Aufbau eines Start-ups, das ein neues physisches Produkt auf den Markt bringen will, wird in der Regel mehr Kapital benötigt als für eine weitere Online-Plattform. Hinzu kommt, dass man sich gern an Vorbildern orientiert und die gibt es in Berlin eher im E-Commerce-Bereich. Der Linkedin-Mitgründer Konstantin Guericke ist der Meinung, dass auch die noch recht junge Szene in Berlin für die Monokultur verantwortlich ist. Durch die geringe Erfahrung der Gründer können sie sich demnach kaum in Geschäftskunden und deren Bedürfnisse hineinversetzen und kennen sich besser mit dem Konsumverhalten von Privatpersonen aus.

Darüber hinaus ist Berlin eben auch kein Industriezentrum. Allerdings tut sich etwas. So machte jüngst das Kamera-Start-up Panono von sich reden, dem auch half, dass Komponenten wie Chips und Sensoren günstiger werden. Und im Betahaus ist ein richtiges Hardware-Labor zum Testen und Tüfteln entstanden.

Werden in Berlin bezahlbare Flächen knapp?
Schimroszik:
Es war für ganz junge Start-ups nie einfach, Büroflächen zu mieten. Sie können Vermietern kaum Sicherheiten bieten, wollen und können in der Regel keine Ein- oder Zweijahres-verträge unterschreiben. Nun werden vor allem unsanierte und damit günstige Immobilien in Zentrumsnähe – die Baukräne zeigen es – immer rarer. Das muss allerdings nicht sofort bedeuten, dass es gar keinen Platz mehr für Start-ups gibt. Schließlich sind immer mehr Inkubatoren und Co-Working-Spaces entstanden, die vor allem in der Anfangsphase der Firmengründung ausreichend Raum zum Arbeiten bieten. Doch wird das Unternehmen dann größer, droht schnell der Umzug.

Die steigende Nachfrage von Firmen nach Immobilien hat die Preise steigen lassen. Wer größere Flächen wie Rocket, Zalando und Mister Spex benötigt, ist meist lange auf der Suche. Zalando hat deswegen beispielsweise derzeit für seine rund 7.000 Mitarbeiter mehrere Standorte und Rocket lässt aus dem GSW-Hochhaus den „Rocket Tower“ entstehen, weil das alte Hauptquartier aus allen Nähten platzt.

Woher beziehen die meisten Start-ups ihre Finanzierung?
Schimroszik:
Da berufe ich mich auf die Zahlen vom DSM 2014, also des Deutschen Start-up Monitors. Demnach nutzt der überwiegende Teil der Gründer eigene Ersparnisse, um die Firma aufzubauen. Weit dahinter mit knapp 33 Prozent kommt Beteiligungskapital zum Einsatz. Dazu zählen Unterstützungen von Business Angels, Crowdsourcing, Inkubatoren und Venture-Capital-Gebern. Ähnlich häufig – nämlich im Schnitt von 30 Prozent der Gründer – werden die Gelder von Freunden und der Familie verwendet wie auch staatliche Fördermittel. Neuesten Studien zufolge sieht es in Berlin vor allem beim Wagniskapital nicht schlecht aus. Nach einer Analyse des Branchendienstes DowJones Venture Source für „Die Welt“ haben Wagniskapitalgeber Start-ups in Berlin im vergangenen Jahr mit knapp 2 Mrd. Euro ausgestattet. London kam nur auf 1,35 Mrd. Euro.

Große Konzerne und die Start-up-Welt: Wie hat sich dieses Verhältnis in Berlin entwickelt? Was raten Sie einem größeren Unternehmen, das aktiv werden will?
Schimroszik:
Professor Tobias Kollmann, der die Bundesregierung in Fragen der digitalen Wirtschaft berät, ist der Meinung, dass es in Deutschland noch an den drei K fehlt: Köpfen, Kapital und Kooperationen. Bei Letzterem kommen die Großkonzerne ins Spiel. Bisher wissen beide Seiten zu wenig voneinander. Zwar zeugen Inkubatoren und Acceleratoren, wie sie jüngst die meisten Dax- und Mdax-Konzerne aufmachten, von dem Wunsch, näher an die Start-up-Szene heranzurücken und von deren Kreativität zu profitieren.

Auch kaufen immer wieder Großfirmen kleinere Start-ups auf und holen sich damit deren Expertise und „Drive“ ins Haus. Doch es mangelt an einem wirklichen Austausch und anderen Möglichkeiten des Kennenlernens. Vielleicht würde es helfen, eine Online-Plattform aufzubauen, die die Kommunikation zwischen der realen Wirtschaft und dem Nachwuchs erleichtert. Und sicherlich macht es Sinn, in jedem Großkonzern einen Ansprechpartner für Digitales und Start-ups zu ernennen. Dieser könnte Netz-werktreffen besuchen und Kontakte herstellen. Start-ups sind fast immer auf der Suche nach Mentoren, die aus erster Hand berichten können, wie man einen Markteintritt vorbereitet und welche bürokratischen Hürden es zu überwinden gilt.

Nadine Schimroszik: Silicon Valley in Berlin. Erfolge und Stolpersteine für Start-ups, 2015, 207 Seiten, ISBN 978-3-86764-589-8, 24,99 € (D)
UVK Verlagsgesellschaft mbH, Dieser Titel ist auch als E-Book erhältlich.

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