Smarte Städte: Interview mit Ina Schieferdecker, Fraunhofer Fokus

Smart Cities als Prozess

Interview mit Prof. Dr. Ina Schieferdecker, Koordinatorin IKT für Smarte Städte beim Fraunhofer Fokus,

Prof. Dr. Ina Schieferdecker, Fraunhofer Fokus

Prof. Dr. Ina Schieferdecker, Koordinatorin IKT für Smarte Städte beim Fraunhofer Fokus

Frau Schieferdecker, wie könnte hierzulande eine idealtypische „Smart City“ aussehen? Welche Charakteristika sind am prägnantesten?
Ina Schieferdecker:
Wir verstehen „Smart Cities“ als Prozess, nicht als Zustand, sodass eine idealtypische „Smart City“ nicht speziell „aussehen“, sondern sich speziell „verhalten“ würde. In einer smarten Stadt geht es um die Erhöhung der Lebens- und Arbeitsqualität sowie eine effektive Nutzung der Ressourcen durch die kontinuierliche Beobachtung, Analyse und Optimierung der Abläufe. Viele Städte wie Aarhus, Amsterdam, Berlin, Dubai, Kochi, London, Lyon, Málaga, Malta, Santander, Songdo, Southampton oder Yokohama bezeichnen sich als smarte Stadt und meinen damit einerseits besondere Entwicklungen in der Stadt, wie ökologische Bauprojekte, aber ebenso, dass sie als Stadt Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) anwenden, um Prozesse stetig zu verbessern.

Welche Rolle spielen mobile Endgeräte im Rahmen einer Smart City? Und welchen Part übernehmen M2M-Technologien sowie das Internet der Dinge?
Schieferdecker:
Smartphones und Smart Pads sind bevorzugte Endgeräte für die mobile Kommunikation und Information und so prädestiniert für die Interaktion mit den Bürgern und anderen Endanwender. Gleichsam werden aber Autos, Straßenlaternen, Verkehrsleitanlagen und andere urbane Infrastrukturen Teil des Kommunikationsnetzes. Dies ist wesentlich für die IKT-Durchdringung in einer Stadt der Zukunft. Sensorik, Kommunikation und Anwendungen setzen dabei auf M2M-Technologien und Konzepte des Internets der Dinge und Dienste sowie der Datenanalyse.

Ohne flächendeckende Vernetzung werden Smart Cities künftig wohl kaum funktionieren. An welchen Stellen lauern dabei die größten Gefahren für die Sicherheit?
Schieferdecker:
Einerseits muss IKT als öffentliche Infrastruktur verstanden werden, die nicht nur für die Kommunikation, sondern ebenso für die Information in einer Stadt der Zukunft nötig ist. Der Breitbandausbau muss durch einen Ausbau der Informationsdienste und -applikationen im städtischen Raum komplettiert werden. Viel zu oft fehlen heute grundlegende Daten und Informationen, wie Umwelt- und Mobilitätsdaten in Echtzeit, bzw. können durch diverse Medienbrüche nicht angemessen verarbeitet werden.

Selbstverständlich gilt ebenso, dass mit der zunehmenden Rolle der IKT gleichsam die Verwundbarkeit der IKT-Infrastrukturen und der IKT-basierten Systeme steigt. Schon heute bedingt IKT beispielsweise die Energieversorgung, die Mobilitätsangebote oder die Notfallversorgung in einer Stadt. Ihr korrektes und zuverlässiges Funktionieren wird so immer wesentlicher.

Was sollte man tun, um solche Sicherheitslücken auf jeden Fall schließen zu können?
Schieferdecker:
Die zunehmende Bedeutung der IKT muss durch eine nachhaltige Absicherung der IKT-Infrastrukturen flankiert werden und zwar mittels organisatorischer, ressourcenmäßiger und technischer Maßnahmen. Jede technische Lösung birgt Chancen und Risiken. Ein Risiko manifestiert sich erst dann in Sicherheitslücken, wenn die Systeme und Prozesse nicht verstanden bzw. nicht adäquat aufgesetzt, genutzt und gewartet werden. Dazu muss weitere Forschung zur Resilienz einer Stadt, zur funktionalen Sicherheit als auch IT-Sicherheit die steigende Kritikalität der IKT adressieren.

Welche Herausforderungen müssen noch – über das Thema „Sicherheit“ hinaus – bis zur zügigen Realisierung von Smarter Cities in Deutschland gemeistert werden – z.B. hinsichtlich allgemeingültiger Standards, Kosten & Aufwand, fehlende Bandbreiten bzw. adäquate Infrastrukturen etc.?
Schieferdecker:
Dies alles in Kombination. Dazu wird derzeit von der „Nationalen Plattform Zukunftsstadt" eine Forschungs- und Innovationsagenda für Deutschland erarbeitet, die Ende September vorgestellt wird. Gerade für die in einer smarten Stadt notwendigen IKT sind Referenzarchitekturen, -technologien und -standards nötig, um Lösungen für die Stadt der Zukunft effizient und großflächig umsetzen zu können. So machen beispielsweise mobilitätsoptimierende multimodale Angebote für Berlin nur Sinn im Verbund mit Brandenburg und darüber hinaus. Zudem müssen Datenschutz und IT-Sicherheit von Anbeginn bedacht und umgesetzt werden.

Können Sie uns ein Beispiel für ein bereits erfolgreiches Smart-City-Projekt nennen?
Schieferdecker:
Es gibt vielfältige Beispiele in Deutschland, Europa und weltweit. Um bei dieser Vielzahl keines beliebig herauszugreifen, lassen Sie mich lieber auf die Studie der Technologiestiftung Berlin (TSB) zu Smart-Cities-Projekten in Berlin oder aber auf die Stadtanalysen von Fraunhofer im Rahmen der Morgenstadt verweisen. Dort sind Projekte mit den Zielen, Akteuren und Ergebnissen benannt. Lassen Sie mich zudem darauf verweisen, dass wir uns in Deutschland bei den Smart-Cities-Projekten insbesondere auf die Weiterentwicklung und Modernisierung des Bestands konzentrieren müssen, als Reißbrettstädte auf dem grünen Feld zu entwickeln: 80 Prozent der urbanen Infrastrukturen für 2050 sind bereits gebaut. Wie wir den Bestand dynamisieren und modernisieren können, diskutiert u.a. die neueste Acatech-Veröffentlichung zu „Integrierende(n) Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) für die Stadt der Zukunft“.

Bildquelle: Matthias Heyde/Fraunhofer Fokus

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