Vorreiter Dubai

Smart City: Wie weit ist Deutschland?

„Für Städte wird das Thema ‚Smart City’ immer mehr zum Standortfaktor. Sie werden den Einsatz neuer Technologien stark vorantreiben, um nicht an Attraktivität zu verlieren“, ist sich Harald A. Summa, Geschäftsführer des Eco – Verband der Internetwirtschaft e.V., sicher. Deutsche Städte werden sich ein Beispiel an internationalen Vorreitern wie Dubai nehmen.

Harald A. Summa, Geschäftsführer vom Eco-Verband

„Mit dem Internet der Dinge (IoT) im Smart-City-Bereich entstehen zahlreiche neue Möglichkeiten und Geschäftskonzepte“, betont Harald A. Summa, Geschäftsführer vom Eco-Verband, im Interview.

Herr Summa, welchen Stellenwert hat das Thema „Smart City“ aktuell in Deutschland?
Harald A. Summa:
Der deutsche Smart-City-Markt steckt trotz einiger Pilotprojekte noch in den Kinderschuhen. Der erfolgbringende, ganzheitliche Ansatz einer offenen und segmentübergreifenden Plattform ist in den führenden deutschen Smart Citys wie Frankfurt, Berlin oder München kaum erkennbar – hier muss etwas getan werden. Im Gegensatz zeigen internationale Vorreiter wie Nanjing oder Barcelona, wie durch ein gesamtheitliches Konzept die Lebensqualität der Bewohner verbessert und eine effiziente urbane Infrastruktur aufgebaut werden kann.

Um in den kommenden Jahren im internationalen Vergleich zu führenden Smart Citys aufzusteigen, sollten deutsche Städte und Unternehmen eng zusammenarbeiten, um einen ganzheitlichen Ansatz zu realisieren. Das bedeutet die Integration einer Vielzahl unterschiedlicher Smart-City-Angebote – von Mobilität über Energiemanagement bis hin zu Sicherheitslösungen – in eine kohärente Strategie. Um dies zu erreichen, sollte eine offene und segmentübergreifende Smart-City-Plattform als Bindeglied aller Dienstleistungen fungieren.

Wer oder was sind die Treiber von Smart-City-Projekten, wer oder was sind die „Bremser“?
Summa:
Mit dem Internet der Dinge (IoT) im Smart-City-Bereich entstehen zahlreiche neue Möglichkeiten und Geschäftskonzepte. Wir haben in unserer Studie die Erfolgsfaktoren für Städte und Unternehmen identifiziert. Den Grundstein bildet eine klare Smart-City-Strategie – was wollen wir wirklich erreichen? Weniger Stau? Reduzierter CO2-Ausstoß? Reduktion der Kosten in der Administration?

Zentraler Treiber ist dabei die öffentliche Förderung, etwa um eine zentrale Digitalplattform in einer Kommune zu entwickeln. Hier wäre es vorteilhaft auf Open-Source-Plattformen zu setzen, um langfristige Flexibilität sicherzustellen und nicht an ein Unternehmen gebunden zu sein. Als dritten Punkt würde ich eine klare Governance nennen. Da wir im Smart-City-Bereich staatliche Institutionen, unterschiedliche Unternehmen und den Bürge haben, sind die Geschäftsmodelle komplex und die Abstimmung oft kompliziert.

Für welche (städtischen) Bereiche bzw. Handlungsfelder sind smarte Technologien überhaupt interessant? Welche Chancen und Möglichkeiten ergeben sich durch deren Einsatz?
Summa:
Voranschreitende Mobilitätsstrategien, ähnlich zu Smart Citys wie Wien oder Dubai, werden sich auch in Deutschland durchsetzen. Im Fokus steht Multimodalität als maßgeblicher Treiber, also die Verknüpfung von öffentlichen Verkehrsmitteln mit anderen Mobilitätsangeboten.

Vor allem durch verstärkte Investitionen in IT-Sicherheit und Netzinfrastruktur getrieben, zählt der Bereich „Kommunikationsdienste & Netzwerksicherheit“ mit ca. 3,5 Mrd. Euro Umsatz 2017 und einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von über 13 Prozent sowohl heute als auch in Zukunft zu den größten Segmenten. Ein weiterer wichtiger Trend sind massive Investitionen in die öffentliche sowie private Bildungs- und Gesundheitsinfrastruktur. Eine EU-Richtlinie, wonach 2020 insgesamt 80 Prozent aller Haushalte mit Smart Metern ausgestattet sein sollen, wird zu einem deutlichen Anstieg des Smart-City-Segmentes „Energie“ führen.

Wann darf sich eine Stadt als „smart“ bezeichnen? Was sind die Mindestanforderungen?
Summa:
Eine Smart City ist eine Stadt, die das Leben ihrer Bürger und Besucher sowie die Voraussetzungen für erfolgreiches wirtschaftliches Handeln stetig zu verbessern sucht. Sie wird effizienter, technologisch fortschrittlicher, grüner und sozial inklusiver. In der Smart City sind zahlreiche Systeme und Sensoren mit den entsprechenden Technologien intelligent verbunden. Dafür gilt es jedoch die Schnittstellen zu definieren, auf die entsprechende Anwendungen zugreifen können. Voraussetzung für viele neue Services ist die Freigabe der städtischen (Sensor-)Daten. Smart wird die Stadt, wenn diese Daten aggregiert und analysiert werden um dann die Dienste für die Bürger zu verbessern.

Worin bestehen die (technischen) Herausforderungen bzw. Stolpersteine bei der Umsetzung von Smart-City-Projekten?
Summa:
Im Rahmen der Studie haben die beiden Unternehmen fast 50 Kompetenzen entlang der Wertschöpfungskette identifiziert, die benötigt werden, um einen Großteil der Anwendungsfälle im Bereich Smart City abdecken zu können. Selbst große Konzerne haben es somit schwer, Ende-zu-Ende-Lösungen, von der Sensorik über Konnektivität bis hin zur Anwendungssoftware, allein zu erbringen. Erfolgskritisch wird es deshalb sein, geeignete Partner im komplexen Ökosystem zu finden. Dabei gilt es, Kooperationen über verschiedene Industrien und Wertschöpfungsschritte hinweg, aber auch auf gleicher Ebene zu schließen, um alle relevanten Kompetenzen und Fähigkeiten einer Smart-City-Lösung abzudecken. So kann es für die Bündelung der Ressourcen und den internationalen Erfolg auch erforderlich sein, Partnerschaften mit Wettbewerbern zu schließen. Dazu bedarf es jedoch neuer Denkmuster, welche derzeit in den Unternehmen nicht im Fokus stehen.

Ein Blick in die Praxis: Welche deutschen Städte sind konkrete Smart-City-Vorreiter und warum?
Summa:
München, Berlin und Frankfurt sind innerhalb Deutschlands die führenden Städte. Die Städte haben eine Vielzahl an Smart-City-Initiativen auf den Weg gebracht. Allerdings befinden sich die meisten noch in der Pilotphase. München punktet mit einer innovativen Smart-City-Datenplattform, die Informationen aufbereitet und diese Unternehmen bereitstellt – die Stadt legt somit einen Grundstein für eine Smart City. Zudem gibt es auch einen Piloten mit intelligenten Straßenlaternen. München pilotiert außerdem smarte Energienetze und eine smarte Energie-Sanierungs-Allianz für in die Jahre gekommene Bauten.

Berlin mit seinem dynamischen Start-up-Cluster ist ebenfalls mit zahlreichen Initiativen gestartet. Insbesondere das Future-Living-Projekt findet international Beachtung als Referenzprojekt für das vernetzte, nachhaltige Wohnen der Zukunft. Dieses smarte Quartier wird ab Mitte 2019 von den ersten Bewohnern bezogen werden.

In Frankfurt sind die ambitionierten Klimaschutzaktivitäten hervorzuheben. Hier sollen mit dem Masterplan „100 Prozent Klimaschutz“ bis 2050 mithilfe moderner Technologien der Energieverbrauch um 50 Prozent reduziert und zugleich die Energieversorgung zu 100 Prozent auf erneuerbare Energien umgestellt werden.

Inwieweit herrscht Konkurrenz zwischen den Städten? Ist es eher ein „Gegeneinander“ oder ein „Miteinander“?
Summa:
Für Städte wird das Thema Smart City immer mehr zum Standortfaktor. Sie werden den Einsatz neuer Technologien stark vorantreiben, um nicht an Attraktivität zu verlieren. Deutsche Städte werden sich ein Beispiel an internationalen Vorreitern wie Dubai nehmen, in denen Smart-City-Lösungen schon lange über den Status eines Pilotprojektes hinausgehen.

Wie reagieren die Bürger auf smarte Konzepte in ihren Städten? Was sind ihre Hoffnungen, was ihre Befürchtungen? Inwieweit werden die Einwohner einer Stadt in die Konzepte eingebunden?
Summa:
Die Bedürfnisse der Bürger stehen im Zentrum der Entwicklung aller Smart-Home-Lösungen. Die Menschen nehmen innovative Lösungen an, die ihr Leben sowie die Voraussetzungen für erfolgreiches wirtschaftliches Handeln stetig zu verbessern suchen. Wenn die Bürger einmal den „Nektar“ eines funktionierenden Smart-City-Services gekostet haben, wie beispielsweise in Dubai, wo die Zeit die durchschnittlich pro Jahr im Stau verbracht wird um acht Prozent gesenkt wurde – dann wollen sie mehr und es entsteht ein Pull-Effekt, der für das Smart-City-Ökosystem sehr wichtig ist.

Wer hat letztlich das Sagen in den Smart Cities? Wer ist hier Herr über die Daten?
Summa:
Das Sagen haben die Bürger, die sich für die Nutzung entsprechender Lösungen entscheiden können. Die Unternehmen hingegen sind verpflichtet, die Daten der Bürger wirksam zu schützen, ab Mai 2018 entsprechend der europäischen Regelungen der EU-Datenschutzgrundverordnung. Hier ist Transparenz entscheidend.

Und wer sind die Verlierer?
Summa:
Verlierer sind solche Städte und Kommunen, die die Entwicklung zu Smart Citys verpassen.

Wie sieht Ihre persönliche Stadt der Zukunft aus?
Summa:
Das Leben in den Städten der Zukunft wird für die Bewohner angenehmer: Die Mobilität verbessert sich, ebenso die Lebensqualität im öffentlichen Raum sowie die Luft und Umweltqualität. Möglich macht das ein intelligentes Verkehrs-, Ressourcen- und Energiemanagement, das auch Lösungen zum autonomen und emissionsfreien Fahren einschließt.

Bildquelle: Eco

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