Chancen und Herausforderungen

Smart Home in allen Facetten

Smart Homes versprechen ihren Bewohnern viel Bequemlichkeit und praktische Hilfe im Alltag. Gleichzeitig können sie aber auch als Einfallstore für Datendiebe und professionelle Cyberangriffe dienen. Doch was wiegt mehr – die Vor- oder Nachteile?

Viele Smart-Home-Komponenten

Smart-Home-Lösungen bestehen in der Regel aus vielen verschiedenen Komponenten, die sich hinsichtlich der Nutzerfreundlichkeit und Sicherheit stark unterscheiden können.

Ein gemeinsam von der Deutschen Medienakademie GmbH in Kooperation mit Eco – Verband der Internetwirtschaft in Köln organisierter runder Tisch ging kürzlich dieser Frage nach und durchleuchtete diverse Facetten von intelligent vernetzten Wohnung und Häusern. Entsprechend vielseitig gestaltete sich denn auch die Gästeliste der Veranstaltung – angefangen bei Vertretern aus der Netzwerksparte über Softwarehäuser bis hin zu klassischen Beratern.

Zunächst sollte die Definition von Smart Home klar sein: Allgemein versteht man darunter sämtliche elektronischen Geräte im und um das Haus, die entweder miteinander oder mit dem Internet vernetzt sind. Desweiteren können die Geräte intelligent interagieren. Die im Zuge der Interaktion erhobenen Kontext- und Nutzungsdaten werden im nächsten Schritt mittels Big-Data-Analysen oder Künstlicher Intelligenz (KI) ausgewertet, was zur Verbesserung der Funktionalität und Steigerung der Benutzerfreundlichkeit im Smart Home beitragen soll.

Hilfe für Senioren

Dabei gibt es nicht die „eine“ Smart-Home-Lösung, sondern vielmehr eine Vielzahl von Komponenten. Demgemäß tummeln sich zahlreiche Anbieter in einem recht zersplitterten, gleichzeitig aber höchst lukrativen Marktumfeld, wie zuletzt gleich mehrere Studien ermittelten. So geht eine in Kooperation mit Arthur Little durchgeführte Eco-Studie davon aus, dass allein der deutsche Smart-Home-Markt sein Volumen bis 2022 auf 4,3 Milliarden Euro verdreifachen wird. Parallel dazu soll sich die Nutzung bei aktuell zwei Millionen auf rund acht Millionen deutschen Haushalten vervierfachen. Verwendung fände dabei die gesamte Smart-Home-Palette von Fenstersensoren über digitale Sprachassistenten wie Amazon Alexa oder Google Home und Staubsaugerrobotern bis hin zu intelligenten Spiegeln.

Die Studie unterteilt den hiesigen Smart-Home-Markt in sechs Kategorien mit durchschnittlichen Wachstumsraten von bis zu 58 Prozent in den nächsten fünf Jahren. Stand heute geht man davon aus, dass die höchsten Umsätze im Energiemanagement mit 1,3 Milliarden Euro und bei der Licht- und Fenstersteuerung mit 1,2 Milliarden Euro erzielt werden. Zu den weiteren profitablen Bereichen zählen Sicherheit und Zugangskontrolle, Unterhaltung, Haushaltsgeräte sowie Gesundheit und betreutes Wohnen.

Letzteres liegt dem Internetverband besonders am Herzen, wie ein vor einiger Zeit in Dortmund aufgesetztes Internet-of-Things-Projekt (IoT) zeigt. Hierbei wurden Seniorenwohnungen mit vielerlei Sensoren ausgestattet, die die Tabletteneinnahme nachhalten und für regelmäßiges Lüften sorgen. Zudem schlagen flächendeckend in den Fußboden integrierte Sensoren Alarm, sollte eine in der Wohnung befindliche Person stürzen. Das Pilotprojekt realisierte man gemeinsam mit zwölf Partnern, darunter Ärzte, Kommunen und Pflegedienste. Wichtig war den Beteiligten dabei, dass zum Schutz der Privatsphäre keinerlei Kameras installiert wurden. Laut Verband ist eine solche IoT-Installation in einer Wohnung für 4.700 Euro möglich. Hinzu kämen laufende monatliche Kosten von rund 120 Euro.

Skeptische Blicke auf das Smart Home

Nicht nur Eco, sondern auch das Beratungshaus Deloitte widmete dem Thema „Smart Home“ kürzlich eine eigene Studie und legte den Fokus dabei bewusst auf die Sicht der Konsumenten. Gemäß der Umfrage hat sich das Smart Home „in den Köpfen“ bereits vielfach etabliert, das Interesse wachse deutlich an. Gleichzeitig steige jedoch auch die Skepsis: Wie die Untersuchung zeigt, seien insbesondere die Bedenken hinsichtlich Datenschutz und -sicherheit nicht geringer geworden.

Besonders verbreitet sind laut Studie derzeit vernetzte Lautsprecher und intelligente Schalter sowie Steckdosen. Hausnotrufsysteme genießen als einziger Zusatzdienst ebenfalls hohe Akzeptanz. Generell stünden bei den Nutzungsgründen Komfort und Sicherheit an erster Stelle. Zudem werden die entsprechenden Systeme – bei denen die Mehrheit offene Plattformen gegenüber geschlossenen eindeutig vorzieht – überwiegend per Smartphone und App gesteuert.

Rund 13 Prozent der Haushalte in Deutschland besitzen nach Deloitte bereits einen smarten Lautsprecher, sechs Prozent ein intelligentes Reinigungsgerät und 14 Prozent einen Mediaserver. Die Verbreitung anderer Devices und Systeme bewegt sich zwischen vier und fünf Prozent. Das grundsätzliche Interesse an der Anschaffung beläuft sich jedoch durchgehend auf 20 bis 30 Prozent. Insgesamt sei die Verbreitung smarter Devices für das Zuhause in den letzten drei Jahren deutlich gestiegen, bei Lautsprechern, Leuchten und Thermostaten gar um 50 bis 67 Prozent.

Skepsis existiert vor allem im Hinblick auf den Datenschutz und die Sicherheit der übermittelten Informationen. Für genau ein Drittel ist dies ein Grund, Smart-Home-Lösungen links liegen zu lassen. Übertroffen wird die Sicherheits- nur von der Kostenfrage: 38 Prozent finden die Systeme zu teuer, jedoch sank die Zahl der Nennungen um sechs Prozentpunkte gegenüber 2015. 22 Prozent finden die Technologie noch zu wenig ausgereift, für 15 Prozent ist die Installation zu kompliziert. Gestiegen ist ebenfalls die Befürchtung einer zu komplexen Bedienung.

Vor diesem Hintergrund überrascht ein weiteres Ergebnis: Trotz aller Sicherheitsbedenken nimmt die Bereitschaft der Nutzer zum Datenteilen zu. Waren 2015 noch 57 Prozent zu keinerlei Kompromissen bereit, sind es jetzt nur noch 52 Prozent. Dafür würden 14 Prozent ihre Daten in jedem Fall und 34 Prozent nur unter bestimmten Bedingungen teilen, wobei sich die Jungen erwartungsgemäß offener zeigen als die Älteren. Generell vertrauen die Befragten eher Anbietern aus der Elektronik- und Telekommunikationsbranche als großen Internetfirmen.

Weiterhin machen die Ergebnisse deutlich, dass durchaus Nachholbedarf hinsichtlich Bedienbarkeit oder Sicherheit besteht. Ralf Tschiersch, Produktmanagement Home Control bei der Devolo AG aus Aachen, betont, dass allein die Ausstattung von Wohnungen mit Sensorik und die damit einhergehende Automatisierung beim Energiemanagement nicht ausreichen werden. Vielmehr müsse stets eine nachgelagerte intelligente Datenauswertung sichergestellt werden, um entsprechende Folgeaktionen auslzulösen.

Laut Tschiersch haben sich Smart-Home-Lösungen hierzulande noch nicht in aller Breite durchgesetzt, was an verschiedenen Gründen liegt. Teilweise sei das Preisniveau für die Lösungen zu hoch. Zudem gebe es zu viele technische Details, kaum Vergleichsmöglichkeiten der verschiedenen Produkte und eine nur wenig nutzerfreundliche Bedienbarkeit. Nicht zuletzt, so Tschiersch, liegt die Zurückhaltung darin begründet, dass das Vertrauen in die Anbieter noch ausbaufähig ist.

Der rechtliche Rahmen

Neben den aufgezählten Hindernissen halten rechtliche Bedenken die Endverbraucher vom Kauf von Smart-Home-Lösungen ab. Dabei betont Marcus Sacré, Rechtsanwalt und Partner bei Osborne Clarke in Köln, dass die juristischen Leitplanken längst existieren. „Denn das Internet der Dinge ist mit den bereits etablierten Normen und Gesetzen durchaus regeln“, weiß Sacré.

Hakt man an dieser Stelle nach, verweist Sacré auf das altbekannte Kühlschrankbeispiel an: Was passiert, wenn der mit Sensoren ausgestattete Kühlschrank bei einer automatisch angestoßenen Bestellung im Supermarkt ein falsches Lebensmittel ordert, bei dessen Verzehr der Nutzer einen allergischen Schock erleidet? Wer haftet in diesem Fall – der Kühlschrankhersteller oder der Systemlieferant von Hard- und Software? Oder beide?

Laut dem Rechtsanwalt ist die Sachlage klar: Sollte der Ausfall oder das Fehlverhalten von Smart-Home-Komponenten Schäden nachsichziehen, haftet der Anbieter. Dieser wiederum kann sich – wie in anderen Branchen auch – gegen damit einhergehende Schadensersatzansprüche versichern.

Das Ganze wird allerdings deutlich komplizierter, wenn die genutzten IoT-Komponenten mit Machine Learning und damit mit selbstlernenden Algorithmen verknüpft werden. Die juristische Handhabe solcher Systeme sei noch nicht geklärt und man darf gespannt sein, wie die ersten Urteile hinsichtlich der durch Machine Learning hervorgerufenen Schäden ausfallen werden. Glaubt man Marcus Sacré, werden in Juristenkreisen alle Belange von KI und Machine Learning derzeit heißt diskutiert.

Datenschutz und Sicherheit

Herrscht hinsichtlich der Gesetzgebung noch Unsicherheit, hat sich beim Datenschutz und der Datensicherheit mit der Einführung der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) schon einiges bei Smart-Home-Anbietern getan. Laut Günter Martin, Datenschutzexperte beim TÜV Rheinland, haben praktisch alle Anbieter ihre Datenschutzerklärungen angepasst. Die neuen Nutzerrechte sind eingearbeitet und die Erklärungen verständlicher formuliert. „Hersteller wie Philips sind aufgrund ihrer besonders verständlichen Formulierungen gar branchenweit gelobt worden“, so Martin weiter.
 
Die Nutzerrechte auf Information, Auskunft, Löschung, Berichtigung, die es ähnlich schon im Bundesdatenschutzgesetz (BDSG) gab, sind jetzt auch technisch konsequenter umgesetzt. Bei Verletzungen der DSGVO können sich Verbraucher an die Datenschutzbehörden wenden. Bisher gingen einige tausend Beschwerden ein, die ein weites Feld abdecken. Von der individuellen Webcam des Nachbarn, die das eigene Grundstück mit im Blick hat, bis zu grundsätzlichen Kritikpunkten an einigen weit verbreiteten Apps.

Trotz der teils positiven Umsetzung sieht Günter Martin mehrere Monate nach dem endgültigen Inkrafttreten der DSGVO auch noch Nachholbedarf seitens der Smart-Home-Anbieter. Beispielsweise bemerkt er verschiedene Mängel etwa hinsichtlich der Passwortsicherheit. So sollten die Hersteller von WLAN-Routern ihre Geräte mit individuellen Passwörtern versehen, die sich nicht von der Seriennummer ableiten lassen. Zudem muss die HTTPS-Nutzung der Standard sein, was gerade bei Video-Streaming noch nicht der Fall ist, wie Martin betont.

Der oben für seine gut ausformulierte Datenschutzrichtlinie gelobte Hersteller kommt an einer anderen Stelle weniger gut weg. Denn Datensparsamkeit zählt nicht zu seinen Stärken. So sollen die vernetzbaren Leuchtmittel des Anbieters bis zu 1 MB an Daten pro Tag versenden. Generell sollten die Nutzer argwöhnisch werden, wenn Smart-Home-Komponenten Zugriff auf zu viele Dinge nehmen wollen. Möchten Rauchmelder gleichzeitig das Mikrofon nutzen, klingt das recht abstrus. Dies alles sei noch nichts gegenüber so manchem Smart-TV-Anbieter. Denn als Voraussetzung für die Inbetriebnahme der Geräte wird die E-Mail-Adresse der Nutzer abgefragt. Was die wenigsten wissen, ist, dass sie dem Anbieter mit der Angabe der Mail-Adresse gleichzeitig die Nutzungsrechte ihrer sozialen Medien an die Hand geben.

Vor dem Hintergrund solcher Machenschaften fordert Günter Martin ähnlich dem Fairtrade-Siegel der Nahrungsmittelindustrie einen fairen Umgang mit Daten, bei dem transparent nachvollzogen werden kann, was mit personenbezogenen Daten passiert. Hilfreich sei überdies, wenn die Hersteller die Daten in ihrem Verarbeitungsprozess so früh wie möglich anonymisieren und pseudonymisieren würden. Nicht zuletzt verweist er darauf, dass Smart-Home-Lösungen nicht zwingend rund um die Uhr Daten ins Internet schicken. Vielmehr würde es ausreichen, die Daten erst bei Nutzung der entsprechenden Smart-Home-App zu synchronisieren.

Vorsicht vor Manipulationen

Den Themen Datenschutz und Sicherheit im Smart Home hat sich auch Prof. Dr. Norbert Pohlmann, Leiter des Instituts für Internet-Sicherheit (Ifis) an der Westfälischen Hochschule, verschrieben. Er warnt davor, dass sich über Smart-Home-Komponenten Alarm- oder Audiosysteme manipulieren ließen. Zudem könnten Betrugsfälle hinsichtlich des Strom- und Wasserverbrauchs auftreten. Überdies könnten Cyberkriminelle von außen auf Smart-Home-Systeme zugreifen, um beispielsweise Ventile zu öffnen und damit für Wasserschäden zu sorgen.

Darüber hinaus treiben insbesondere digitale Sprachassistenten wie Alexa oder Google Home sonderbare Blüten. Pohlmann betont, dass man die Assistenten per Sprachsteuerung etwa durch die Fensterscheibe aktivieren könne. Ein laues „Alexa, öffne die Türe“ reiche aus, um seelenruhig ins Haus hineinspazieren zu können. Zuletzt gab es auch vermehrt Cyberattacken, in deren Rahmen Smart-Home-Produkte als Botnet genutzt wurden. Dies alles zeigt, so Pohlmann, dass es dem smarten Zuhause hierzulande noch an einer soliden Vertrauensbasis mangelt.

Vor diesem Hintergrund könnte beispielsweise eine EU-weit aufgebaute PKI vertrauensfördernd wirken. Eine durchgängige Verschlüsselung sämtlicher Kommunikation im Smart Home sei ebenfalls ratsam. Dies lässt sich jedoch nicht europaweit einfordern, da verschlüsselter Datenverkehr in EU-Staaten wie Frankreich verboten ist. Nicht zuletzt verweist Pohlmann auf den „Cyber Security Act“, der derzeit von der EU diskutiert wird und der auch mehr Sicherheit für Smart Homes bringen soll.

Bildquelle: Thinkstock/iStock

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