Blick in den Westen

Smart Services Campus entwickelt neue Geschäftsmodelle

In den weniger technikfixierten Niederlanden arbeiten Wirtschaft und Wissenschaft an innovativen Gründungsideen.

Wer die deutsche Diskussion über die digitale Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft verfolgt, erhält schnell den Eindruck, es gehe eigentlich nur noch um Industrie 4.0 und die Umrüstung der Industrieproduktion. Doch es gibt noch mehr Themen, die aber ein wenig in den Hintergrund gerückt sind. In anderen europäischen Ländern sieht das anders aus, beispielsweise in den Niederlanden.

Manchmal ist ein Blick über den Gartenzaun lehrreich, in diesem Fall in die Region Limburg im südlichsten Zipfel unseres Nachbarlandes. Die Stadt Heerlen liegt nur einen Steinwurf von der deutschen Grenze entfernt. Sie hat zusammen mit dem niederländischen Pensionsfonds APG, der Bezirksregierung von Limburg und der Universität ihrer Nachbarstadt Maastricht den Brightlands Smart Service Campus gegründet.

Innovative Produkte und Dienstleistungen

Betreiber ist das Unternehmen Brightlands, eine Dachgesellschaft für insgesamt vier Netzwerkstandorte aus Unternehmen und Universitäten. Dort arbeiten Technologieunternehmen, Startups aus allen Bereichen der Digitalwirtschaft, Universitätsinstitute und Forschungseinrichtungen gemeinsam an ihren jeweiligen Themen: Werkstoffkunde, Medizintechnik, Nahrungsmittel und digitale Smart-Service-Konzepte.

Die Zusammenarbeit der verschiedenen Unternehmen und Organisationen soll in erster Linie innovative Produkte und Dienstleistungen erbringen. Ein Beispiel dafür ist das niederländische Zentralamt für Statistik, dass in Kürze ein Big-Data-Zentrum in Heerlen eröffnen wird. Durch die Partnerschaft mit dem Smart Service Campus erhoffen sich die Statistiker Anregungen und Ideen für ihre Arbeit.

Weitere gerade gestartete Projekte in Heerlen widmen sich den Themen Blockchain, Künstliche Intelligenz und Klimawandel. Hier wollen acht große niederländische Unternehmen und Organisationen sowie mehr als 40 Startups mitarbeiten. Einer der wichtigsten Partner ist die Maastricht University, die für ihre international ausgerichteten, englischsprachigen Studiengänge und ihr Konzept des problemorientierten Lernens bekannt ist.

„Wir sehen diesen Campus als einzigartige Möglichkeit zum Ausbau von Data Science, Smart Services und Wissenstechnologien,“ sagt Martin Paul, Vorsitzender des Verwaltungsrats der Uni. „Wir bieten Wissenschaftlern und Studenten einen Platz inmitten eines einzigartigen Ökosystems, in dem auf Daten bezogene Grundlagenforschung und angewandte Forschung in relevantes Wissen für Unternehmen und Startups umgesetzt werden kann.“

Vor allem die Zusammenarbeit von Experten aus den Bereichen Finanzen, KI und Big Data dürfte die Suche nach neuen Ideen für Smart Services erleichtern. Die Niederländer schaffen damit etwas, was im notorisch technikfixierten Deutschland schwierig umzusetzen scheint. Wie zahlreiche Kritiker der Industrie 4.0 anmerken, fehlt hierzulande eine breite Diskussion über digitale Geschäftsmodelle.

Umtriebige Startup-Szene beim Nachbarn

Denn die Erfindung einer neuen Technologie reicht nicht, sie muss auch zu einem wirtschaftlich tragfähigen Konzept ausgebaut werden. Das fällt allerdings in den Niederlanden leichter, denn die Regierung pflegt ihre Startup-Szene deutlich stärker als das in Deutschland der Fall ist. Es gibt in dem kleinen Land 13 Startup-Hubs und vielfältige Finanzierungsmöglichkeiten, Unternehmergeist wird hier großgeschrieben.

Im Jahr 2015 erhielten 143 niederländische Startups rund 430 Millionen Euro, davon etwa 60 Prozent von Investoren, den Rest durch Crowdfunding und staatliche Fördermittel. Jährlich werden etwa 200 Startups gegründet, die im europäischen Vergleich sehr gute Überlebenschancen haben: Nach etwa fünf Jahren ist die Hälfte noch aktiv. Anderswo sind die Zahlen deutlich niedriger.

Größter Startup-Hotspot ist (natürlich) Amsterdam, doch auch Städte wie Eindhoven oder Maastricht sind attraktiv für Gründer. Die Provinz Limburg ist darüber hinaus durch ihre Lage interessant: Sie liegt in der Mitte der Euregio Maas-Rhein, in der sich verschiedene belgische und deutsche Hochschulen und Forschungseinrichtungen befinden, unter anderem die RWTH Aachen.

Ein für Gründer wichtiger Aspekt: Die bürokratischen Hürden in den Niederlanden sind nicht so hoch aufgetürmt wie in Deutschland. Der Gründungsprozess ist unkompliziert und es gibt keine rechtlichen Barrieren für Deutsche. Der neue Smart Service Campus dürfte damit auch für deutsche Gründer interessant sein.

Bildquelle: Thinkstock

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