Sehr grün, sauber und frei von Lärm

So sehen Smart Cities aus

„Meine Wunschstadt ist sehr grün, sauber, frei von Dauerlärm, sehr individuell und sicher. Sie ist infrastrukturell optimal ausgelegt. Sie arbeitet nahezu dekarbonisiert, effizient und verfügt über ein funktionierendes Kreislaufwirtschaftssystem“, beschreibt Prof. h.c. Dr. Chirine Etezadzadeh, Institutsleitung / President des Smartcity.Institute, wie eine Smart City ihrer Ansicht nach aussehen sollte.

Dr. Chirine Etezadzadeh, Institutsleitung / President des Smartcity.Institute

„Wir brauchen Lösungen, die es Städten erlauben, selbst über die Datenhoheit zu entscheiden“, fordert Dr. Chirine Etezadzadeh, Institutsleitung / President des Smartcity.Institute.

Frau Etezadzadeh, welchen Stellenwert hat das Thema „Smart City“ aktuell in Deutschland?
Prof. Dr. Chirine Etezadzadeh:
Smart Cities erfahren aktuell viel Aufmerksamkeit, während das Konzept an vielen Stellen sehr schemenhaft bleibt und oft rein technisch besprochen wird. Vielleicht wird Smart Cities auch deshalb sehr viel Skepsis entgegengebracht. Hinsichtlich der Entwicklung von Städten in diese Richtung drängt sich mir aktuell das Gefühl der Stagnation auf. Ich denke aber, dass dies die Ruhe vor dem Durchbruch ist, der dann kommt, wenn die ersten Städte herausgefunden haben, was getan werden kann und wie dabei vorzugehen ist. Dabei sollte es immer um individuelle Lösungen gehen, die aber ggf. gemeinsame Applikationen nutzen können.

Wer oder was sind die Treiber von Smart-City-Projekten, wer oder was sind die „Bremser“?
Etezadzadeh:
Es gibt in allen Akteursgruppen sowohl Begeisterte als auch Bedenkenträger. Viele Bürgermeister setzen das Thema auf die Agenda, haben dann aber viel Überzeugungsarbeit zu leisten und insbesondere im Hinblick auf die Finanzierung mit der Umsetzung zu kämpfen. Naturgemäß sind Lösungsanbieter eher Treiber des Prozesses, scheitern aber in der Regel an den sektoral strukturierten Stadtverwaltungen und den städtischen Budgets. Aufseiten der Stadtbewohner wird eine zeitgemäße Umsetzung der Digitalisierung teilweise erwartet, beispielsweise hinsichtlich der Bereitstellung von schnellen Netzen, öffentlichem WLAN, modernen Verkehrssystemen oder der behördlichen Arbeit. Dennoch bleiben deutsche Bürger skeptisch, was die Nutzung ihrer Daten angeht. Solche Spannungsfelder können einerseits fruchtbar sein, um zu sinnvollen und durchdachten Lösungen zu gelangen, andererseits sollte man an der Auflösung solcher Situationen arbeiten.

Für welche (städtischen) Bereiche bzw. Handlungsfelder sind smarte Technologien überhaupt interessant? Welche Chancen und Möglichkeiten ergeben sich durch deren Einsatz?
Etezadzadeh:
Die einfache Antwort lautet: für alle. Es wird keine Lebensbereiche geben, die nicht von der Digitalisierung penetriert werden. Die Infrastrukturen unserer Städte, die Industrie und unsere Lebens- und Arbeitswelt werden modernisiert, technisch aufgewertet und zunehmend mehr vermessen. Dieser Prozess wird mehr Nachhaltigkeit durch Effizienz ermöglichen und könnte zudem zu mehr Umsicht im Umgang mit unserer natürlichen Umwelt führen. Nachhaltigkeit funktioniert aber nur mit Resilienz. Das heißt, wir müssen die Prozesse und Systeme so gestalten, dass sie widerstandsfähig sind und nicht anfälliger werden, als sie es heute bereits sind. Gleichzeitig muss die Nachhaltigkeit auch auf den Geist und das Seelenleben der Menschen ausgerichtet sein. Ständige Überwachung und Kontrolle machen Menschen krank und ineffektiv. Wir brauchen Räume, in denen wir frei sind, uns ausprobieren können, interagieren und kreativ sein dürfen. Andernfalls wäre das das Ende des Fortschritts und der Gesundheit vieler Betroffenen. Zudem würde an vielen Stellen aufrichtige soziale Interaktion verloren gehen.

Wann darf sich eine Stadt als „smart“ bezeichnen? Was sind die Mindestanforderungen?
Etezadzadeh:
Gemäß unserer Beschreibung einer Smart City kann Smartness nicht in Form eines Mindest- oder Endzustands erreicht werden. Vielmehr steht die Verwendung des Begriffs, entsprechend der stetigen Entwicklung einer Stadt, für ein kontinuierliches Streben nach Verbesserung im Sinne der vielfältigen städtischen Ziele. Dennoch wage ich jetzt mal zu sagen, dass eine deutsche Stadt im Jahr 2017 ohne schnelles Internet, ohne eine einsetzende urbane Energiewende, ohne Bemühungen um Dekarbonisierung, ohne das gelebte Ziel, nachhaltig zu sein, die Lebensqualität und den Erhalt der natürlichen Umwelt zu sichern, ohne das Streben nach gesellschaftlichem Zusammenhalt, „good governance“ und einer modernen Stadtverwaltung, sowie ohne eine beginnende technische Vernetzung und Integration ihrer Prozesse und Systeme es schwer haben wird, als smart erkannt zu werden.

Worin bestehen die (technischen) Herausforderungen bzw. Stolpersteine bei der Umsetzung von Smart-City-Projekten?
Etezadzadeh:
Meines Erachtens liegt die größte Herausforderung darin, sinnvolle Anwendungsfelder für technische Lösungen zu finden, diese resilient zu gestalten und dabei Menschen und deren Privatsphäre nicht zu dominieren. Lassen sie mich das verdeutlichen: Neulich saß ich in einem Gebäude, in dem sich die Fenster nur elektrisch schließen ließen, so nahm der kurzfristig erwünschte Vorgang einige Zeit in Anspruch. In einer Krisensituation wäre das unvorteilhaft. Deshalb sollte man, wo erforderlich, redundante Systeme nutzen, die Mechanik und Digitalisierung kombinieren. Vergangene Woche fiel in einem Büro wegen eines Server-Problems die Türklingel aus. Es stellte sich heraus, dass die Klingelanlage des gesamten Quartiers betroffen war. An den Türen hingen Zettel mit Telefonnummern. Durch solche alltäglichen Beispiele, die man angesichts unserer Erfahrungen mit aktuellen Soft-und Hardware-Lösungen fortführen könnte, gerät die Argumentation zugunsten der Digitalisierung manchmal ins Wanken. Daher müssen wir sinnvolle Systeme durchdacht und resilient gestalten. In der Entwicklung solcher Systeme liegt eine große Chance für die deutsche Wirtschaft. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern können wir so etwas gestalten.

Wie reagieren die Bürger auf smarte Konzepte in ihren Städten? Was sind ihre Hoffnungen, was ihre Befürchtungen?
Etezadzadeh:
Ich sehe, dass sinnvolle Innovationen von den Menschen dankend angenommen werden. Vereinfachte Bürgerdienste, ein moderner ÖPNV, Nachbarschaftsplattformen oder soziale Initiativen, die mit ganz wenig Technik auskommen, erfreuen sich großer Beliebtheit. Es gibt eine deutlich zu erkennende Entwicklung, die darauf fußt, dass immer mehr Menschen unsere Umwelt nicht verbrauchen, sondern nachhaltig nutzen wollen. Das heißt, gesamtgesellschaftlich streben wir zunehmend nach Ressourceneffizienz und nachhaltigem Wirtschaften. Wir hoffen darauf, diese Ziele durch die Digitalisierung und die Smartness unserer Städte mit möglichst wenig Verzicht erreichen zu können. Allerdings gibt es, wie bereits thematisiert, auch eine Kehrseite der Medaille. Viele Science-Fiction-Filme zeigen uns ja verschiedene mögliche Ausgänge der Digitalisierung. Gut ist, dass man sich für eine positive Entwicklung einsetzen kann. Zum Beispiel als Mitglied in unserem Bundesverband Smart City e.V.

Wer hat letztlich das Sagen in den Smart Cities? Wer ist hier Herr über die Daten?
Etezadzadeh:
Diesen Kampf gilt es zu fechten. Wir brauchen Lösungen, die es Städten erlauben, selbst über die Datenhoheit zu entscheiden und diese nicht, mangels Kompetenz, Dritten zu überlassen. Der Bundesverband unterstützt derartige Lösungen.

Und wer sind die Verlierer?
Etezadzadeh:
Diejenigen, die sich und ihre Bedürfnisse nicht frühzeitig in das Thema einbringen. Wie sagte Gandhi? „Sei Teil der Veränderung, die du in der Welt sehen willst.“ Zumindest diejenigen, die dazu in der Lage sind – und das sind fast alle –, sollten es tun und achtsam für alle anderen mitdenken.

Wie sieht Ihre persönliche Stadt der Zukunft aus?
Etezadzadeh:
Meine Wunschstadt ist sehr grün, sauber, frei von Dauerlärm, sehr individuell und sicher. Sie ist infrastrukturell optimal ausgelegt. Sie arbeitet nahezu dekarbonisiert, effizient und verfügt über ein funktionierendes Kreislaufwirtschaftssystem. Sie pflegt Smallness, hat Platz für Gemeinschaft und Rückzugsmöglichkeiten. In dieser Stadt herrscht ein gutes Klima, sie ist vielfältig, alt und neu, gemütlich und schön gestaltet und mit großzügigen öffentlichen Parks und Gärten ausgestattet. Sie hat Raum für urbane Landwirtschaft und die Tiere der Stadt. Es gibt Raum für Gestaltung, Raum für Gründer und urbane Produktion. Das schafft Beschäftigung und genügend Arbeitsplätze. Ältere Menschen und Menschen ohne Aufgaben werden aktiv in die Gesellschaft eingebunden. Die Stadt sollte darüber hinaus gemeinschaftlich und sehr bewusst ihre Resilienz pflegen, für vielfältige Bildungsmöglichkeiten sorgen, Kunst und Kultur fördern und damit eine tiefe Verbundenheit zur Stadt begünstigen. Ich denke, das wäre ein ganz guter Ausgangspunkt für ein schönes Leben.

Bildquelle: Smartcity.Institute

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