Reform des DVG nötig

„Spahn spielt mit der Gesundheit der Patienten“

Im Interview mit MOBILE BUSINESS wettert Wieland Dietrich, Bundesvorsitzender Freie Ärzteschaft und Dermatologe in Essen, gegen das Digitale-Versorgungs-Gesetz, das ein Geschenk für die IT-Wirtschaft darstelle, aber keine wirklichen Vorteile für Patienten biete.

Wieland Dietrich, Bundesvorsitzender Freie Ärzteschaft und Dermatologe in Essen

„Herr Spahn spielt mit der Gesundheit der gesetzlich versicherten Patienten, wenn er ungeprüfte Apps über ein Jahr auf die Leute loslassen will“, kritisiert Dermatologe Wieland Dietrich.

MOB: Herr Dietrich, am 7. November 2019 wurde im Bundestag das Digitale-Versorgungs-Gesetz (DVG) beschlossen, das den Patienten zugute kommen soll. Die Meinungen dazu sind zwiegespalten. Wer profitiert Ihrer Ansicht nach tatsächlich von diesem Gesetz und warum?
Wieland Dietrich:
Dieses Gesetz ist ein Geschenk für die IT-Wirtschaft. Diese ist der eigentliche Profiteur. Darüber hinaus werden die gesetzlichen Krankenkassen als Player munitioniert, weil sie mehr und detailliertere Daten für die Pflichtversicherten bekommen. Und sie sollen zu Playern bei IT-Projekten werden – durch die Möglichkeit von Beteiligungen.

MOB: Wer sind auf der anderen Seite die „Verlierer“ und warum?
Dietrich:
Verlierer sind vor allem die Patienten, deren Datenschutz ausgehöhlt wird und die auf die Dauer zu Objekten ökonomisch orientierter „Versorgungssteuerung“, darüber hinaus womöglich zu Opfern der interessierten Gesundheitswirtschaft werden, wenn die Daten immer weiter verbreitet werden. Aber auch die Vertragsärzte und Ärzte an den Kliniken sind die Verlierer, wenn sie entgegen den hippokratischen Eid Behandlungsdaten immer detaillierter zentral verfügbar machen sollen.

MOB: Wie steht die deutsche Bevölkerung digitalen Anwendungen im Gesundheitswesen anno 2019 überhaupt gegenüber?
Dietrich:
Sie ist völlig unzureichend über die Risiken informiert. Und in der Praxis ist das Interesse der Bevölkerung an Digitalisierung viel geringer, als es von den Protagonisten wie Herrn Spahn oder der übrigen IT-Lobby im Gesundheitswesen gebetsmühlenartig vorgetragen wird.

MOB: Welche Vorteile und Möglichkeiten ergeben sich durch das DVG dennoch für die Patienten?
Dietrich:
Ich sehe nicht wirklich Vorteile. Die Versorgungsforschung wird von der zu erwartenden Flut schlechter Daten – manche sprechen von Datenmüll – kaum profitieren. Wenn eine elektronische Patientenakte im Einzelfall sinnvoll ist, dann sollte sie jedenfalls nicht den Kassen und vielen anderen Institutionen präsentiert werden.

MOB: Inwieweit können Gesundheits-Apps Ihrer Ansicht nach die Versorgung der Patienten verbessern?
Dietrich:
Konkret gibt es bisher nur ganz vereinzelt sinnvolle Apps. Das Meiste ist gar nicht geprüft oder gar streng wie Medikamente vor der Zulassung strengsten Kriterien unterworfen. Herr Spahn spielt mit der Gesundheit der gesetzlich versicherten Patienten, wenn er ungeprüfte Apps über ein Jahr auf die Leute loslassen will. Hinzu kommt oft der absolut mangelhafte Datenschutz.

MOB: Welches Potenzial besitzt Künstliche Intelligenz (KI) im medizinischen Bereich? KI als automatisierte Zweitmeinung – wäre das denkbar?
Dietrich:
Denkbar ist, dass KI durch Algorithmen ärztliches Handeln unterstützt. Alleine wird KI nicht absehbar in der Lage sein, medizinische Entscheidungen zu treffen.

MOB: Inwieweit halten Sie Videosprechstunden für sinnvoll?
Dietrich:
Sie sind ein Service für den Patienten, was die Vermeidung von Wegen angeht, aber Videosprechstunden werden wesentlich mehr Arztzeit im Vergleich zur echten Behandlung erfordern, weil ärztliche Diagnostik, Beratung und Therapieempfehlungen wesentlich länger dauern. Im Vergleich zur echten Behandlung bedingen Videosprechstunden grundsätzlich ein Qualitätsdefizit, das man gar nicht wegdiskutieren kann. In meiner Praxis – ich behandle etwa 4.000 Patienten jährlich – gibt es praktisch keine Nachfrage.

MOB: Stichwort „Elektronische Patientenakte“: Inwieweit werden Versicherte hier zukünftig überhaupt noch über ihre Daten bestimmen können?
Dietrich:
Das können sie überhaupt nicht, weil sie später überhaupt keinen Einfluss auf ihre Akte haben. Der gesetzlich Versicherte wird vollends um sein Selbstbestimmungsrecht betrogen.

MOB: Wo sehen Sie konkrete Lücken im DVG, die zeitnah geschlossen werden sollten?
Dietrich:
Es ist gesellschaftlich und unter Umständen auch juristisch darauf hinzuwirken, dass das Selbstbestimmungsrecht der Bürger über ihre Gesundheitsdaten durch eine grundlegende Reform des DVG und der weiteren Gesundheitsgesetzgebung wiederhergestellt wird.

Bildquelle: Freie Ärzteschaft

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