Im direkten Dialog

Sprachen lernen über das Smartphone

Das Unternehmen Tandem hat ein Konzept entwickelt, bei dem über die Smartphone-Kamera das Erlernen von Sprachen praxisnah gestaltet wird. Per Video-Chat, mit Muttersprachlern der Zielsprache oder mit Sprachlehrern. Wir sprachen mit Firmengründer Arnd Aschentrup.

Arnd Aschentrup, Tandem

„Berlin hat gerade im letzten Jahr London, den traditionell größten europäischen Markt für Venture Capital (VC), überholt und wird mittlerweile als der Nummer-eins-Standort für Gründungen im digitalen und Mobile-Bereich gesehen“, sagt Arnd Aschentrup, Gründer des Start-ups Tandem.

Herr Aschentrup, wie entstand die Idee zu der Sprach-Lern-App im Chat-Modus?
Arnd Aschentrup:
Mit dem Erscheinen des iPhone 4 mit Frontkamera wurde Video-Chat plötzlich auch für Endkonsumenten interessant. Die Möglichkeit, mit Sprachlehrern per Video-Chat eine Fremdsprache zu erlernen, gab es noch nicht. Noch spannender fanden wir jedoch Möglichkeit, zum ersten Mal die Tandem-Methode über Video-Chat auf das Smartphone zu bringen – also mit Muttersprachlern zu sprechen. Denn Sprache lernt man nur, wenn man sich unterhält.

Mit unserer App gehen wir den zweiten, entscheidenden Schritt des Sprachenlernens an, nachdem der Lernende bereits ein wenig Grammatik und Vokabeln gebüffelt hat. Über unser Angebot machen die User schnell Fortschritte in Richtung des flüssigen Fremdsprachengebrauchs. Der Nutzer kann gratis üben, und wenn er besondere Anforderungen hat, kann er sich an Sprachlehrer wenden.

Seit wann ist die App im App-Store und wie oft ist sie bereits heruntergeladen worden?
Aschentrup:
Der Launch fand am 20. Februar 2015 statt; gerade kürzlich haben wir die Grenze von einer Million Downloads erreicht.

Aus welchen Ländern kommen die Nutzer? Wenn alle aus Deutschland kämen, wäre das ja eher suboptimal ...
Aschentrup:
Das stimmt, deshalb sind wir froh, dass die User global sehr ausgeglichen verteilt sind. Unser größter Markt sind die USA mit elf Prozent, der zweitgrößte ist Brasilien, gefolgt von China, Mexiko und Italien. Etwa fünf Prozent der App-Downloads erfolgten in Deutschland. Die Nutzer kommen aus 130 Ländern, die insgesamt über 100 Sprachen sprechen und üben.

Wie lange dauerte denn die Entwicklung der App?
Aschentrup:
Etwa ein halbes Jahr. Wir starteten mit der Entwicklung im August 2014. Die Entwicklung setzt sich natürlich fort, es kommen immer neue Funktionalitäten hinzu.

Inwieweit hat Apple die App-Entwicklung unterstützt?
Aschentrup:
Apple ist sehr um eine enge Zusammenarbeit mit Entwicklern bemüht, deren Produkte sie gut finden. Wie wir ist Apple sehr interessiert daran, den Nutzern die bestmöglichen Apps zu liefern. Sie haben uns sowohl inhaltlich als auch bei der Positionierung im App-Store dabei unterstützt, schnell eine kritische Masse zu erreichen, so dass man in jeder Sprachkombination problemlos und sofort Menschen zum gemeinsamen Üben finden konnte.

Gibt es schon Zahlen zur Nutzung? Wie lange dauern die Konversationen durchschnittlich?
Aschentrup:
Eine Session dauert im Durchschnitt eine halbe Stunde; die längste, die es bis jetzt gab, waren neuneinhalb Stunden, was ich mir ziemlich ermüdend vorstelle. Sprachlehrerlektionen sind üblicherweise 40 Minuten lang.

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Sprachlehrerlektionen sind kostenpflichtig?
Aschentrup:
Es gibt grundsätzlich zwei Möglichkeiten. In der Community kann der Nutzer Tandem-Partner finden, die die Sprache, die er schon kann, üben möchte und deren Muttersprache wiederum er üben möchte, so dass man sich gegenseitig weiterhelfen kann – das ist gratis. Darüber hinaus gibt es professionelle und zertifizierte Sprachlehrer, die Einzelunterricht in der App anbieten und die man stundenweise buchen kann. Mit denen kann man über Video-, Audio- oder Text-Chat kommunizieren. Üblicherweise üben die Schüler dann über mehrere Wochen mit dem gleichen Lehrer, der in der Regel individuell zugeschnittenes Kursmaterial erstellt. Damit bieten wir mit Abstand die günstigste Möglichkeit, Einzelunterricht mit einem Profi zu machen.

Was heißt in dem Fall günstig?
Aschentrup:
15 Euro für 60 Minuten, das ist ein fairer Preis.

Wie läuft die Bezahlung? Über die App?
Aschentrup:
Ja, man kann derzeit mit Kreditkarte bezahlen oder dort, wo es verfügbar ist, mit Apple Pay. Gerade arbeiten wir an einer Paypal-Integration. Es besteht keine Abobindung; alle Termine sind flexibel, so häufig oder selten man möchte.

Das macht es ja auch für Geschäftskunden interessant, oder?
Aschentrup:
Es gibt mittlerweile viele Geschäftskunden, die das Sprachlehrerprodukt nutzen, z.B. um sich auf Bewerbungssituationen oder Auslandseinsätze vorzubereiten. Es ist möglich, die jeweiligen Ziele mit dem Sprachlehrer abzustimmen. Interessant ist auch die Möglichkeit, zunächst einmal 15 Minuten Testunterricht zu vereinbaren, um zu schauen, ob die Chemie passt. Wer passt mit welchem Angebot am besten zu mir und meinen Interessen?

Gibt es denn spezielle Suchfunktionen für bestimmte Anliegen wie Business English?
Aschentrup:
Man würde sich in seiner Zielsprache die Sprachlehrer mit den entsprechenden Schwerpunkten heraussuchen. Manche geben ganz explizit an, dass sie auf Business English spezialisiert sind. Andere sind eher auf TOEFL-Vorbereitungen (Test of English as a Foreign Language) spezialisiert. Die Bandbreite ist groß, sodass im Grunde jedes Anliegen erfüllt werden kann.

In welcher Weise müssen die bezahlten Lehrer ihre Qualifikation nachweisen?
Aschentrup:
Zertifizierte Sprachlehrer bewerben sich mit ihren Zeugnissen auf unserer Plattform. Danach führen wir Testinterviews und einen Testunterricht mit ihnen durch, so dass alle Lehrer persönlich auserlesen sind. Außerdem schauen wir uns sehr genau die Bewertungen der Nutzer an. Dauerhaft bleiben bei uns nur solche Lehrer auf der Plattform, die im Durchschnitt mehr als 4,5 Sterne erhalten.

Jeden Lehrer persönlich zu testen, hört sich sehr aufwendig an.
Aschentrup:
Zum Glück können wir diesbezüglich bereits auf eine große Anzahl von Sprachlehrern zurückgreifen, die uns dabei unterstützen. Wir selbst können in unserem Lehrerauswahlteam acht Sprachen abdecken. Für die anderen verpflichten wir die Sprachlehrer, die bereits auf unserer Plattform sind, also im Prinzip ein Schneeballsystem.

Wie bewerten Sie generell die Situation für Start-ups im App-Umfeld in Deutschland gegenüber dem großen Vorbild USA?
Aschentrup:
Wir sehen zwar noch einen großen Unterschied zwischen dem Silicon-Valley- und dem Ostküsten-Start-up-System und dem europäischen. Aber als jemand, der seit 15 Jahren als Unternehmer im Internetbereich aktiv ist, bin ich sehr beeindruckt davon, wie schnell sich Berlin weiterentwickelt und wie wir in den letzten zehn Jahren vorangekommen sind. Berlin hat gerade im letzten Jahr London, den traditionell größten europäischen Markt für Venture Capital (VC), überholt und wird mittlerweile von vielen Kennern als der Nummer-eins-Standort für Gründungen im digitalen und Mobile-Bereich gesehen. Entsprechend steht auch in frühen Phasen im sogenannten Seed- und Business-Angel-Markt mehr Kapital zur Verfügung. Es gibt mittlerweile auch eine gute Bandbreite an gut vernetzten und hochklassigen VCs, die gerade im letzten Jahr noch einmal zusätzliche Fonds aufgelegt haben. Die Zeit für Internetgründungen war noch nie so günstig wie heute, wir haben dafür jetzt einen hervorragenden Standort in Deutschland. Wir hinken zwar noch ein wenig hinterher, holen aber zügig auf.

Was wäre denn Ihre Forderung oder Ihr Wunsch an die Politik und Investoren bezüglich der weiteren Entwicklung? Größere finanzielle Unterstützung?
Aschentrup:
Ich glaube nicht, dass momentan viele Start-up-Projekte daran scheitern, dass zu wenig Geld im Markt ist. Im Vergleich zu früher ist es gerade in den frühen Phasen und in Sachen Seed-Kapital deutlich besser geworden. Natürlich wünscht man sich, dass wir noch mehr an die großen amerikanischen Regionen herankommen. Ich glaube jedoch nicht, dass in Deutschland, besonders in Berlin, fehlendes Geld noch ein so großes Problem ist, wie vor zehn bis 20 Jahren. Mein Eindruck ist vielmehr, dass die Durchlässigkeit und Zugänglichkeit zu Gründer-, Unternehmens- und Investorennetzwerken in den USA möglicherweise noch größer ist. Es ist vielleicht auch kulturell bedingt, dass man sich gegenseitig Kontakte vermittelt und weiterhilft.

In Deutschland sollte man auch nicht direkt die Geduld verlieren, wenn es einmal prominente Fehlschläge oder bei börsennotierten Internetfirmen schlechtere Zahlen gibt. In der Breite der Bevölkerung besteht beim Thema „Digital Entrepreneurship“ vielleicht noch Erklärungsbedarf, weswegen ich mir wünschen würde, dass wir noch mehr Menschen mitreißen mit unserem Angebot.

Es gibt viele Beispiele für gute Ideen, die in Europa scheitern, von den Branchengrößen aus Silicon Valley kopiert und dann abgefeiert werden...
Aschentrup:
Vielleicht ist dies ein gutes Beispiel für die angesprochene Durchlässigkeit der Netze. Wenn man als Unbekannter ohne große Lobby und ohne großes Netzwerk startet, ist es hier vielleicht schwieriger als in anderen Regionen, die entsprechende Wahrnehmung zu erreichen, die man verdient hätte. Hier müssen wir stärker aufholen. Ansonsten ist es relativ normal, dass größere Unternehmen Ideen aufgreifen oder die gleiche Idee haben, sie weiterentwickeln und in ihre Systeme integrieren. Mit diesem Risiko muss man leben.

Ich finde eher bemerkenswert, dass Start-ups neue Ideen auf den Markt bringen, gegen die selbst etablierte Unternehmen mit ihrer Marktmacht unterliegen. Dafür gibt es immer Beispiele wie Snapchat, das schon mehrfach von Facebook aufgekauft werden sollte, was aber nicht klappte. Facebook hatte mit dem Aufbau einer ähnlichen Plattform keinen Erfolg, obwohl es die Marktmacht und Reichweite besitzt. Zuckerberg entgeht damit ein Teil des Geschäftes, das er selbst gern gehabt hätte. Es gibt auch Beispiele aus Deutschland wie Onefootball, die sich gegenüber etablierten Verlagen behaupten können. Es ist nicht mehr sicher, dass der Platzhirsch gewinnt, da Geschwindigkeit, Reichweite und Netzwerke auch Start-ups die Möglichkeit geben, sich in umkämpften Märkten durchzusetzen.

Wie ist denn die Entwicklung bei Tandem?
Aschentrup:
Wir sind jetzt 15 Mitarbeiter, ca. 100 Sprachlehrer und auf starkem Wachstumskurs. Wir werden im Sommer eine Android-Version launchen. Das nächste große Ziel ist die Integration eines software-basierten Coachs, der beiden Lernenden die für ihr Niveau jeweils passenden Übungen, Aufgaben und Spiele vorschlägt, so dass beide spielerisch, aber sehr zielgerichtet die jeweilige Sprache lernen.

Wie bewerten Sie Microsofts Mobility-Plattform? Das Unternehmen ist auch in Berlin sehr umtriebig bei der Start-up-Förderung.
Aschentrup:
Als Entwickler von Smartphone-Apps betrachten wir die Microsoft-Plattform derzeit noch sehr abwartend. Da muss sich noch zeigen, wie Windows 10 auf den mobilen Devices Fuß fasst.

Was ist eigentlich Ihr digitaler Hintergrund?
Aschentrup:
Das Gründerteam, drei Leute, die sich während des Studiums 1999 kennenlernten, kommen aus dem Mobile-Bereich. Seitdem gründeten wir im digitalen Umfeld verschiedene Firmen, zunächst eine TV-Produktionsfirma, die heute noch Animationen macht. Danach waren wir mit Cyoshi Mobile eines der ersten Unternehmen in Europa, die Videostreaming für Mobilgeräte boten.

Von der Sprachlern-Idee waren wir deshalb so begeistert, weil wir alle leidenschaftlich reisen und in der Schule feststellen mussten, wie unzureichend die herkömmliche Sprachvermittlung ist. Wir wollen zeigen, dass Sprachenlernen viel effektiver funktioniert durch Praxis in einem möglichst frühen Stadium. Für die Nutzer geht es darum, sich durch praktisches Üben möglichst viel Sicherheit in der Sprache anzueignen und trotzdem Fehler machen zu dürfen.

www.tandem.net

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