Auf dem Weg zur intelligenten Stadt: digitale Services, neue Mobilitätsmodelle und eine zunehmende Vernetzung sollen den Bürgern das Leben in der Stadt erleichtern.
ie Stadt gilt seit jeher als kulturelles Zentrum der Gesellschaft. Schon im Altertum kamen Menschen hier zusammen, um Handel zu treiben, Tempel oder Theater zu besuchen. Eng verbunden ist damit der Gedanke des Gemeinwesens und der Teilhabe, doch auch Aspekte wie der Wunsch nach wirtschaftlichem Wohlstand und technologischem Fortschritt zählen zu den Gründen, weshalb Menschen die Nähe zur Stadt suchen. Von der griechischen Polis über die Hochburgen des Mittelalters bis hin zu den düsteren Molochen des frühen Industriezeitalters hat sich dabei einiges getan. Und heute, im Jahr 2020, steht man an einer neuen Schwelle: dem Weg zur digitalen und vernetzten Smart City. Doch was zeichnet eigentlich eine „intelligente“ Stadt aus und wem dient diese Entwicklung?
„Die Stadt ist zuallererst eines: ein Lebensraum“, hält Dr. Bernhard Kirchmair, CDO von Vinci Energies Europe East / DACH, fest. „Smart“ sind aus seiner Perspektive Lösungen, durch die sich die Lebensqualität dort steigern lasse. Die damit verbundene Fragestellung sei, wie sich die Stadt effizienter, technologisch fortschrittlicher, umweltfreundlicher und sozial inklusiver gestalten lasse. Die Technologie, die dabei oft in den Vordergrund gestellt werde, diene letztlich nur als Enabler, um den Bürgern das Leben, der Gemeinde die Arbeit und allen das Miteinander zu erleichtern, führt er weiter aus.
Gerade weil Smart-City-Vorhaben immer auch in den Lebensraum der Bewohner eingreifen, ist für den Vinci-CDO die Partizipation eben dieser ein essenzieller Erfolgsfaktor: „Ohne adäquate Bürgerbeteiligung gibt es keine Smart City“, stellt er klar. Diese könne z.B. durch analoge und digitale Beteiligungsplattformen ermöglicht werden. „Eine Smart City wird nur gelingen, wenn ein ganzheitlicher Ansatz verfolgt wird, der die Interessen aller Akteure einer Stadt berücksichtigt. Dafür sind ein dauerhafter Dialog und Interessensabgleich zwischen allen Beteiligten nötig“, erklärt Kirchmair weiter. Bürger sollten, so sagt er, von Anfang an bei der Definition der Anforderungen und der Strategieentwicklung beteiligt werden, denn so entstünden praxisrelevante Ansätze, die dann auch nach der Umsetzung eine entsprechende Akzeptanz finden.
Zugegeben, das Himalaya-Gebirge ist nicht die erste Assoziation, die sich beim Thema „Smart City“ aufdrängt – und dennoch besteht eine direkte Verbindung. Im Zuge des internationalen Corona-Shutdowns ist nämlich in der Region die Luftverschmutzung derartig gesunken, dass Anwohner erstmals seit über 30 Jahren wieder freie Sicht auf das Bergmassiv hatten. Und aus Venedig gingen Bilder von kleinen Fischen in kristallklarem Wasser um die Welt – in den sonst arg verschmutzten Kanälen. Diese Bilder haben eine hohe Signalkraft, denn sie belegen, dass bei einer stetig wachsenden Weltbevölkerung und sich ausbreitenden urbanen Räumen dringend nachhaltige und umweltfreundliche Lösungen gefragt sind. Diese zu finden, ist eines der Ziele von Smart-City-Initiativen. „Drei wichtige Ziele im Rahmen der Nachhaltigkeit sind die Reduzierung von CO2-Ausstoß, Feinstaubbelastung und Lärmemission“, konstatiert Bernhard Kirchmair. Im Bereich der Mobilität, erklärt er, würden dazu bereits in einigen Städten die Hebel in Bewegung gesetzt. So entstünden auf Basis einer intelligenten Vernetzung etwa intermodale Mobilitätskonzepte oder neue Lösungen zur Parkraumbewirtschaftung mit Mehrwertdiensten, E-Payment und deutlicher Reduzierung des Verkehrsaufkommens für die Parkplatzsuche. „Davon profitieren Bürger, Verwaltung und Umwelt“, fasst er zusammen.
Für Alexander Gmelin von Invers, einem Anbieter von Shared-Mobility-Technologie, spielt eine moderne Art der Fortbewegung eine gewichtige Rolle bei der Bekämpfung von Umweltproblemen. Geteilte Mobilität, so ist sich der Experte sicher, bringt eine höhere Auslastung und bedient das Thema „Nachhaltigkeit“ – und zwar auf mehreren Ebenen: „Dabei geht es auch um den Verkehr: wenn ich das passende Fahrzeug für meine Bedürfnisse nutze, fahre ich nicht mit dem Zwei-Tonnen-PKW, der viel Platz braucht und die Straßen verstopft, sondern mit einem bedarfsgerechten Fahrzeug, das weniger Verkehr verursacht.“ Außerdem seien Studien zufolge über 30 Prozent des innerstädtischen Verkehrs „Parkraum-Suchverkehr“. Würden also kleinere Fahrzeuge genutzt, brauche es weniger Parkraum. Auf diese Weise, so Gmelin, ließen sich auch Teile des Verkehrskollapsproblems lösen. „Darauf zahlt auch die ergänzende Funktion ein, die Shared Mobility zusammen mit dem ÖPNV übernehmen kann, weil sie eine gute Lösung für die letzte Meile von der Haltestelle bis zum individuellen Ziel bietet“, ergänzt er.
Um jedoch die Akzeptanz von Shared Mobility zu steigern und so auf Umweltziele einzuzahlen, müssen das Modell und die Technologie die Nutzer überzeugen, den eigenen PKW stehen zu lassen. „Die Abkehr vom eigenen Auto findet in vielen Aspekten statt, in besonderem Maße dann, wenn das Alternativangebot attraktiv ist“, weiß Alexander Gmelin. Die technischen Lösungen seines Unternehmens ermöglichten es Carsharing-Betreibern, aus der Ferne mit dem Fahrzeug zu kommunizieren und so z.B. das Öffnen der Türen oder das Lösen der Wegfahrsperre via App zu steuern sowie alle möglichen Fahrzeugdaten zu prüfen. Hinzu kommen Fahrzeugtelematik, eine zuverlässige Mobilfunkkonnektivität über eine flexible Schnittstelle und eine Flottenmanagement-Software, so dass der Betreiber sein Angebot flexibel gestalten und kosteneffizient betreiben könne. Ziel sei es, durch ein hohes Maß an Skalierbarkeit kosteneffiziente Lösungen bereitzustellen, durch die die Betreiber ein vielfältiges Mobilitätsangebot profitabel betreiben können – von Bike-Sharing zu Ride-Pooling, von Moped-Sharing bis zu Car-Sharing. „Erst diese Vielfalt macht Shared Mobility als Alternative zum Privatwagen attraktiv: Wenn Betreiber diese Angebote mit verschiedenen Fahrzeugtypen schaffen und einfach per ,Knopfdruck‘ zur Verfügung stellen, werden Vorteile gegenüber einem eigenem Fahrzeug schnell deutlich“, betont der Invers-Experte. Eine weitere wichtige Rolle spiele die Customer Experience. Hier, sagt Gmelin, sei die Zuverlässigkeit der Services ein Erfolgsfaktor: „Nutzer erwarten heute, dass Technik einwandfrei funktioniert. Ist das ein- oder zweimal nicht der Fall, ist die Gefahr groß, dass man den Kunden verliert“, mahnt er.
Noch vor wenigen Jahren diente das eigene Auto als Statussymbol und Inbegriff individueller Freiheit. Ist dies heute auch noch so? Das sei sicher auch eine Generationsfrage, glaubt Alexander Gmelin: „Als Statussymbol einer älteren Generation transportiert das Auto Wohlstand und wird in dieser Rolle weiter erhalten bleiben.“ Diese Rolle löse sich allerdings inzwischen auf, denn heute seien das Smartphone oder andere technische Gadgets wichtiger. „Das lässt sich auch daran erkennen, dass weniger junge Menschen heutzutage einen Führerschein machen“, sagt der Mobility-Fachmann. Die Nutzer machten sich, so seine Beobachtung, zunehmend Gedanken darum, ob es aus Nachhaltigkeitsgründen überhaupt noch angebracht ist, „zwei Tonnen Blech für eine Person“ zu bewegen, oder ob nicht andere Verkehrsmittel ebenso in Frage kommen. Die Pandemie beschleunige diese Entwicklung zusätzlich, etwa wenn in Köln und anderen Großstädten Auto- in Fahrradspuren umgewandelt werden. „Hier kann man förmlich zuschauen, wie der Stellenwert des Autos auch in der Stadtplanung zurückgeht“, konstatiert Alexander Gmelin.
„Du bist ganz schön dumm, dass du hier so kümmerlich lebst, während du es in der Stadt so gut haben könntest wie ich“ – das sagt die Stadtmaus zu ihrer Freundin, als sie diese in ihrem Dorf besucht. Die Äsop-Fabel spielt auf einen Konflikt an, der so alt ist wie die Stadt selbst: Zentrum versus Peripherie. Bleibt also das Land „dumm“, während die City immer intelligenter wird? „Es besteht zwar die Gefahr, dass der ländliche Raum an Attraktivität verliert, er muss aber nicht ‚dumm‘ bleiben“, antwortet Bernhard Kirchmair. Ein erster sinnvoller Schritt sei der zügige Aufbau der Breitbandverfügbarkeit. „Die Verfügbarkeit muss hier nicht ‚flächendeckend‘ sein – sie muss Lebensräume abdecken“, stellt der Experte klar. Dabei stehe dann tatsächlich die Technologie im Vordergrund, eben weil sie an vielen Stellen noch fehle. Sei die technische Infrastruktur gegeben, funktionieren Smart-Village-Szenarien nicht anders als Smart Cities, ergänzt er. Auch hier sei die Verbesserung der Lebensqualität das entscheidende Ziel. In ländlichen Gebieten kommt Kirchmair zufolge gegebenenfalls noch eine weitere Frage hinzu: „Wie können wir durch smarte Lösungen, unseren Lebensraum für neue Gemeindemitglieder öffnen und attraktiv gestalten?“ Als Beispiel für kreative Lösungen nennt er Finnland, ein flächenmäßig großes Land mit geringer Populationsdichte und nur wenig urbanen Ballungsräumen. Derzeit laufe dort ein Pilotprojekt mit autonomen Bussen, die im Umland von Helsinki die letzte Meile erschließen sollen. Diese sollen nun parallel als rollende Supermärkte genutzt werden. „Die Fahrzeuge touren mit Lebensmitteln und Dingen des täglichen Bedarfs durch den ländlichen Raum und können gezielt abseits gelegene Stationen oder Häuser anfahren“, wie Kirchmair erklärt.
„Grundsätzlich ist Shared Mobility auch im ländlichen Raum möglich, aber es ist deutlich herausfordernder, sie profitabel zu gestalten“, sagt auch Invers-Mann Gmelin, denn die dahinterstehende Grundidee sei in dicht besiedeltem Gebiet einfacher durchführbar als in Gebieten, wo alle weiter auseinanderleben. Hier könnten z.B. On-Demand-Shuttles als moderne Form des Ruf-Busses oder auch Peer-to-Peer-Carsharing, bei dem sich Nachbarn zu kleinen Teilgemeinschaften zusammenschließen, funktionieren. „Im ländlichen Raum ist eine enge Zusammenarbeit zwischen Sharing-Anbietern, dem ÖPNV und den Kommunen wichtig, um effiziente Angebot zu entwickeln und profitabel zu betreiben. Denn gerade hier steckt in der Ergänzung des öffentlichen Nahverkehrs durch Shared Mobility viel Synergiepotenzial“, führt Gmelin den Gedanken aus.
„Die eine“ Smart-City-Technologie gibt es nicht. Vernetzung und Digitalisierung spielen natürlich eine immense Rolle, doch geht es vielmehr darum, auf dieser Basis tragfähige Konzepte zu entwickeln, um Mehrwerte für die Bewohner zu schaffen. Wer sind also die Innovationstreiber und was braucht es, um Smart-City-Konzepte auf den Weg zu bringen?
„Als Technologie nicht neu, aber für künftige Innovationen entscheidend, ist generell die Digitalisierung. Die Möglichkeiten, mit den Daten innovative Lösungen zu entwickeln, sind noch lange nicht erschöpft“, benennt Alexander Gmelin einen der Haupttreiber. Darüber hinaus werde, so ist er sich sicher, Künstliche Intelligenz die Branche verändern. „Vielleicht bringen Computer neue Formfaktoren, neue Antriebsformen oder neue Prozesse hervor. Oder sie bringen die entscheidenden Optimierungen der gerade beschriebenen Flottenauslastung“, fügt er hinzu. Außerdem glaubt er, dass Microcomputer in Kombination mit wachsender Rechnerleistung und leistungsfähigen Sensoren der Shared-Mobility-Branche neue Möglichkeiten eröffnen werden.
Generell sind laut Gmelin vor allem die bestehenden Anbieter von Shared Mobility, aber auch Mietwagenanbieter und Fahrzeughersteller wichtige Akteure. Aufgrund des Wettbewerbs und der Dynamik im Markt entstünden zurzeit viele Innovationen. Darüber hinaus geht es für ihn auch um eine digitale Infrastruktur: Gute Regularien seien im Sinne der „Good Governance“ für Shared-Mobility-Betreiber nötig. „Hier sollte geregelt sein, wie Daten genutzt werden, auch um Mobilität in der Stadt weiter zu verbessern“, mahnt er an. Wichtig sei dabei, dass Standards für den Datenaustausch definiert werden. Initiativen wie die Mobility Data Specification (MDS) oder auch gemeinsame Datenplattformen wie die Bundesregierung sie unlängst forderte, spielen eine entscheidende Rolle, erklärt Gmelin.
Bernhard Kirchmair von Vinci sieht einen großen Handlungsdruck, der sich auch in verschiedenen neu aufgelegten Förderprogrammen des Bundes widerspiegelt. Allerdings würden, so seine Einschätzung, nicht alle Aspekte, die zu einer „echten“ Smart City gehören, überall mit der gleichen Dringlichkeit angegangen. Städte seien unterschiedlich weit, oftmals müsse dort erst noch an der grundlegenden Infrastruktur nachgebessert werden. Für die Umsetzung von Smart-City-Konzepten sei die Kooperation der unterschiedlichen politischen Ebenen – Kommune, Land, Bund –, aber auch von Wissenschaft und Wirtschaft erforderlich, um sich gegenseitig zu unterstützen.
Auf dem Weg zur Smart City gibt es noch einige Herausforderungen. Die Experten sind sich sicher, dass der Weg bereitet ist und die nötigen digitalen Tools weiter reifen. Im Fokus von Smart-City-Projekten, soviel steht fest, sollten jedoch immer zuerst die Bewohner stehen. Schließlich gilt: „Nicht die Häuser, sondern die Menschen machen die Stadt.“
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