Digitale Supply Chain

Stärkere Diversifizierung von Lieferquellen

Ellen Förster, Senior Vice President, SAP Intelligent Spend & Business Network for Middle & Eastern Europe, ist der Ansicht, dass Unternehmen mit einer digitalen Supply Chain resilient und flexibel sind und sich in Krisenzeiten schneller umstellen können.

Ellen Förster, SAP

„Mit KI und Data Analytics heben Unternehmen in ihrer Supply Chain einen Datenschatz“, so Ellen Förster.

MOB: Frau Förster, welchen Einfluss haben die Corona-Pandemie und der Krieg in der Ukraine in den letzten Wochen und Monaten auf die hiesigen Lieferketten von Unternehmen ausgeübt?
Ellen Förster: Die jüngsten Ereignisse haben gezeigt, wie anfällig auch hierzulande die Lieferketten sind. Es wurde sehr deutlich, dass der internationale Handel mit einer traditionellen, fragmentierten Supply Chain nicht länger funktioniert. Vielerorts ergibt sich ein ähnliches Bild: Händler erhalten nicht die vereinbarten Waren von ihren Lieferanten. Bei Herstellern bleiben wichtige Rohstoffe oder Vorprodukte aus, die sie für die Fertigung ihrer Produkte benötigen.

Weil Halbleiter fehlen, können deutsche Autobauer teilweise Neuwagen nicht wie vom Endkunden bestellt ausliefern. Die pandemiebedingte Schließung von Häfen vor allem in Asien – z.B. eines Terminals in Chinas zweitgrößtem Hafen Ningbo im August 2021 – löste einen Rückstau von Waren und Materialien aus. Nicht zuletzt wirken sich die enorm steigenden Energiepreise auf den Transportbereich aus. In der Folge bündeln die Fuhrunternehmen verstärkt ihre Transporte, sodass sich Lieferungen verspäten oder sogar ausfallen.

MOB: Was sind die derzeit größten Probleme bzw. Stolpersteine im Supply Chain Management (SCM)?
Förster: Die Prozesse entlang der Lieferkette werden nicht einfacher, sondern immer umfassender und komplexer. Um Risiken in der Supply Chain zu minimieren und ihre Widerstandsfähigkeit zu erhöhen, müssen Unternehmen nicht nur ihre eigenen Abläufe transparenter machen, sondern auch die ihrer Handelspartner. Die aktuell zunehmenden Unsicherheiten auf Angebots- und Nachfrageseite veranlassen Unternehmen dazu, in flexiblen, digitalen Wertschöpfungsnetzwerken zu agieren. Dadurch können sie sich untereinander effektiver abstimmen, um Angebot und Nachfrage auszubalancieren. Das SAP Business Network unterstützt dabei die prozessübergreifende Kollaboration zwischen den Wertschöpfungspartnern.

Digitale Plattformen wie das Business Network vereinfachen den Austausch von Informationen und machen Abläufe transparent. Unternehmen erhalten einen umfassenden Einblick in die miteinander verknüpften Prozesse von Käufern, Lieferanten und Partnern, z.B. in den Bereichen „Beschaffung“, „Logistik“, „Finanzen“ oder „Personaleinsatz“. Knappe Bestände oder Lieferengpässe lassen sich dadurch schnell erkennen, sodass Unternehmen und Lieferanten gemeinsam Lösungen für Verzögerungen oder Rohstoffmangel finden können.

MOB: Eine Herausforderung stellt sicherlich das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) dar, das ab dem 1. Januar 2023 in Kraft treten soll. Was kommt damit auf die Unternehmen zu?
Förster: Das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz regelt die unternehmerische Verantwortung für die Wahrung von Menschen- und Umweltrechten in globalen Lieferketten. Dabei enden die Sorgfaltspflichten der Unternehmen nicht vor der eigenen Haustür, sondern beziehen auch das Handeln von Vertragspartnern und Zulieferern ein. Im Kern geht es um ein angemessenes Risikomanagement, um Menschenrechtsverletzungen zu identifizieren und zu vermeiden. Bei Verstößen sieht das Gesetz Strafzahlungen von bis zu zwei Prozent des Umsatzes vor. Bei der sich anbahnenden EU-Verordnung werden Verstöße voraussichtlich noch strenger geahndet. Ein weitere Folge: Halten Unternehmen Menschen- und Umweltrechte nicht ein, kommt das bei den Verbrauchern nicht gut an. Die Unternehmen schädigen ihre Marke und kämpfen gegen einen Imageverlust.

Bisher war Risikomanagement entlang der Lieferkette ein „Nice to have“, jetzt wird es zur Pflicht. Dabei sind insbesondere die Beschaffungs- und Einkaufsabteilungen gefordert. Viele von ihnen hatten bis dato vor allem die geschäftskritischen Lieferanten im Blick. Jetzt gilt es, die gesamte Lieferantenbasis einzubeziehen. National oder international, unmittelbar oder teilweise mittelbar, klein und groß: Das LkSG erfordert eine systematische und pragmatische Risikoanalyse über die gesamte Lieferkette hinweg.

Darüber hinaus übernehmen Unternehmen im Sinne des LkSG nicht nur Verantwortung für ihre Lieferanten, sondern auch für die eigenen Mitarbeiter, z.B. wenn es um die Arbeitsbedingungen in weltweiten Produktionsstätten, um Arbeitssicherheit oder Mindestlöhne geht.

MOB: Welche Chancen soll das Gesetz bieten?
Förster: Es bietet Unternehmen die Chance, sich über die Lieferkette hinaus auch in anderen Geschäftsbereichen nachhaltiger aufzustellen. Denn Unternehmen, die nachhaltiger, sozialer und ressourcenschonender wirtschaften, differenzieren sich von ihren Wettbewerbern und gewinnen Marktanteile.

Außerdem verbessern Unternehmen durch Nachhaltigkeit ihr Image sowohl bei den Mitarbeitern als auch den Kunden. Laut einer Studie von McKinsey achten drei Viertel der deutschen Konsumenten beim Einkaufen auf die Nachhaltigkeit von Produkten. Auch gibt knapp die Hälfte der Befragten dafür seit der Pandemie mehr Geld aus.

MOB: Inwieweit eröffnet das Gesetz neue Spielfelder und Kooperationsmöglichkeiten?
Förster: Um Risiken in der Lieferkette zu vermeiden, bietet sich die Nutzung von internationalen Business-to-Business-Netzwerken an. Auf dem SAP Business Network können sich Einkäufer und Lieferanten virtuell treffen und ihre Geschäfte digital abwickeln. Das erleichtert die Zusammenarbeit und stärkt die Partnerschaft gleichermaßen. Ein Beispiel: Die Lieferanten werden zukünftig rund um das LkSG die wesentlichen Punkte in einem standardisierten Selbstauskunftsfragebogen beantworten und über das B2B-Netzwerk mit beliebig vielen Kunden teilen können.

Die einheitlichen, zentral verfügbaren Daten eines Business-Netzwerks können Unternehmen nutzen, um gemeinsam Produkte zu entwickeln, Arbeitsabläufe zu bündeln oder flexible Lösungen für das Personalmanagement zu finden. Desweiteren können sich die Partner hinsichtlich der Logistik abstimmen, um Transportmittel besser auszunutzen und Leerfahrten zu vermeiden. Nicht zuletzt tragen netzwerkweite, transparente Informationen dazu bei, ökologische und soziale Ziele gemeinsam schneller zu erreichen.

MOB: Wie machen Unternehmen ihre Beschaffungs- und Einkaufsorganisation fit für das Lieferkettengesetz 2023?
Förster: Digitale Lösungen helfen den Unternehmen dabei, ihre Lieferantenbasis zu konsolidieren. So können sie Dubletten finden und löschen sowie ihre Lieferantenbasis professionell entwickeln. Harmonisierte Lieferantendaten sind eine wichtige Ausgangsbasis, um Risiken entlang der Supply Chain besser einschätzen zu können.

Derzeit kontaktieren viele vom LkSG betroffenen Unternehmen ihre Lieferanten, die kaum dazu kommen, die Flut der Anfragen zu beantworten. Um die Lieferanten nicht direkt anschreiben zu müssen, lassen sich interne Daten aus dem Enterprise-Resource-Planning-System (ERP) sowie externe Informationsquellen für eine erste Risikosegmentierung der Lieferantenbasis nutzen. Bei der Lösung Ariba Supplier Risk etwa fließen Daten aus mehr als 500.000 Quellen, darunter Nachrichten-Websites, Behördendaten, Katastropheninformationssysteme und andere Quellen in die Risikoanalyse ein. Diese Informationen reichen häufig für eine erste Risikoeinschätzung aus. Im nächsten Schritt wird dann für die Lieferanten mit grundsätzlichem Risikopotenzial ein umfassendes Risikoprofil erstellt. Dieses umfasst neben internen und externen Risikoinformationen auch Informationen, die der Lieferant zu diesem Zweck teilen möchte. Durch diese Analyse werden für die Lieferanten mit erhöhtem Risikopotenzial präventive oder abhelfende Maßnahmen abgeleitet und in enger Kollaboration mit ihnen umgesetzt.

MOB: Welche mobilen Technologien und Lösungen können bei der Digitalisierung der Lieferketten helfen und damit für effizientere und transparentere Prozesse sorgen?
Förster: Mit unserem Portfolio können Unternehmen sämtliche Prozesse entlang der Lieferkette digitalisieren und die Anforderungen des LkSG umsetzen. Über die Cloud-Plattformen Ariba Supplier Risk, Business Network oder Fieldglass können Unternehmen ihre Dienstleister oder ihre Personalbeschaffung effektiv steuern und verwalten. Die Lösungen können mit mobilen Endgeräten genutzt werden, um Informationen sicher von unterwegs einzusehen und zu nutzen.

MOB: Welche Rolle spielen Künstliche Intelligenz (KI) und Robotik bei der Automatisierung von Lieferkettenprozessen?
Förster: Mit KI und Data Analytics heben Unternehmen in ihrer Supply Chain einen Datenschatz. Mit Predictive Analytics erkennen sie z.B. weit im Voraus wichtige Markttrends. Die auf Algorithmen basierenden Vorhersagen speisen sich aus Informationen der Supply-Chain-Partner und weiteren externen Quellen. So werden Unternehmen nicht mehr von Lieferengpässen oder Verzögerungen überrascht und können zeitnah auf kritische Entwicklungen reagieren.

MOB: Welche Herausforderungen gilt es hierbei noch zu bewältigen?
Förster: Viele Unternehmen besitzen heute sehr heterogene IT-Landschaften, in denen relevante Daten in unterschiedlichen Systemen versteckt sind. Es gilt, solche Silos aufzubrechen und für eine einheitliche Datenbasis zu sorgen. So wissen die Mitarbeiter, wo sich welche Art von Information befindet und wie man auf sie zugreifen kann, was die Transparenz in der Lieferkette deutlich erhöht.

MOB: Welche Trends sehen Sie in der Logistikbranche 2022?
Förster: Neben der Umsetzung des LkSG ist es für Unternehmen wichtig, ihre Liefer- und Logistikkette transparenter und widerstandsfähiger aufzustellen. Herausforderungen wie Material- und Ressourcenmangel z.B. in der Bau- und Automobilindustrie bleiben auch 2022 Unsicherheitsfaktoren.

Lieferengpässe stellen die Unternehmen auf absehbare Zeit vor erhebliche Probleme. Daher justieren viele Unternehmen ihre Einkaufsstrategie neu: Sie fokussieren eine stärkere Diversifizierung von Lieferquellen oder den verstärkten Rückgriff auf regionale und lokale Lieferquellen. Der Fokus rückt auf ein holistisches Lieferkettenrisikomanagement. Es geht konkret um die Beantwortung von Fragen wie den folgenden: Wie groß ist das Geschäfts(ausfall)potenzial in Bezug auf meine beschafften Materialen und Dienstleistungen? Welche abhelfenden Maßnahmen kann ich frühzeitig einleiten? Welche Kunden sind von einem Lieferengpass betroffen und wie reagiere ich frühzeitig?

Grundsätzlich gilt: Unternehmen, die ihre Liefer- und Logistikketten bereits digitalisiert haben, können viel schneller auf neue Herausforderungen wie Lieferengpässe, gesetzliche Anforderungen wie das LkSG oder eine sich kurzfristig verändernde Angebots- und Nachfragesituation reagieren als Betriebe, die dies noch nicht getan haben. Unternehmen mit einer digitalen Supply Chain sind deutlich resilienter und flexibler und können sich in Krisenzeiten schneller umstellen.

Bildquelle: SAP

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